Nicaragua

Das Gesetz wird gemacht, aber nicht eingehalten.
(Sprichwort aus Nicaragua)

Reisejahr 2026 | Lesezeit 17 Minuten

Panama (San-Blas-Archipel

León (Vulkan El Hoyo) – Matagalpa (Peñas-Blancas-Massiv) – El Castillo – Granada

Die Einreise am Flughafen von Managua geht so schnell, dass wir kaum dazu kommen, unsere Pässe hervorzukramen. Auch der Mietwagen ist im Handumdrehen übernommen, und so brechen wir keine 30 Minuten nach der Landung zu unserer Tour durch Nicaragua auf.

Für die Erkundung des Landes haben wir uns drei Schwerpunkte gesetzt: die kolonial geprägten Städte León und Granada, das Hochland im Norden sowie den Dschungel an der Grenze zu Costa Rica.

Doch zunächst heißt es, sich durch den dichten Hauptstadtverkehr zu kämpfen. Auf einer verstopften, von Schlaglöchern übersäten Straße kommen wir nur im Schritttempo voran. Immer wieder bremsen entgegenkommende Pferdefuhrwerke den ohnehin zähen Verkehrsfluss. Dabei fallen uns die auffälligen Stahlkonstruktionen ins Auge, die in zahlreichen Kreisverkehren stehen und an überdimensionale Bäume erinnern.

Die bis zu 20 Meter hohen Gebilde sollen eine Anlehnung an Gustav Klimts Gemälde „Der Lebensbaum“ darstellen. Die Idee dazu stammt von Rosario Murillo, der Frau von Präsident Daniel Ortega und eigentliche Herrscherin über das Land, die auf diese Art den Machtanspruch der Regierungspartei FSLN (Sandinistische Nationale Befreiungsfront) symbolisieren will.

Das aufwendige Projekt steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur wirtschaftlichen Situation des Landes: Nicaragua zählt zu den ärmsten Staaten Lateinamerikas. Dennoch soll jedes dieser Stahlgebilde schätzungsweise bis zu 25.000 US-Dollar kosten. Inzwischen stehen mehr als 200 dieser gewaltigen Konstruktionen landesweit an Hauptstraßen und in Kreisverkehren. Jedes einzelne ist mit rund 15.000 Leuchten bestückt, die nachts weithin leuchten und gleichzeitig durch ihren hohen Stromverbrauch immense Zusatzkosten verursachen.

Im gesamten Land gilt ein Tempolimit von 50 Stundenkilometern. Da wir die in Zentralamerika weit verbreitete Blitzerwarner-App Waze noch nicht auf unseren Handys installiert haben, halten wir uns brav an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Doch schon nach wenigen Kilometern werden wir von der Polizei herausgewunken.

„Ihr seid 62 Stundenkilometer gefahren“, behauptet der Polizist und verlangt 100 US-Dollar. Wir bestreiten den Vorwurf. Es beginnt ein längerer Disput, bei dem ein Übersetzungsprogramm auf dem Handy zur Verständigung beitragen muss.

Auf unsere Aufforderung hin zeigt uns der Beamte das vermeintliche Beweisstück: einen Zettel mit dem Datum 8. Januar 2020, auf dem eine ganz andere Geschwindigkeitsüberschreitung vermerkt ist. Wir weisen ihn darauf hin und verlangen seinen Vorgesetzten zu sprechen. Er überlegt einen Moment, reicht uns schließlich die Hand und lässt uns weiterfahren.

Ankunft in León in Nicaragua

Endlich erreichen wir León. Die Stadt breitet sich weit in die Ebene aus. An den zahlreichen Einfamilienhäusern ist praktisch alles vergittert, was sich öffnen lässt. Auch wir haben ein Häuschen gemietet. Dessen ungewöhnliche Aufteilung bringt uns zunächst zum Schmunzeln: Das Auto parkt direkt im Wohnzimmer. Dahinter liegt die Küche, deren Dach nach oben offen ist sowie die durch Wände und Türen abgetrennten Schlafräume und Bäder.

Wanderung zum Vulkan El Hoyo

Am nächsten Morgen steht bereits unser erster Ausflug auf dem Programm. Unser Ziel ist der Vulkan El Hoyo, der seinen Namen einem markanten Einbruchsloch an seiner Flanke verdankt. Steil windet sich der Pfad zunächst bergauf und führt durch lichten Wald. Reiter mit Gewehren kommen uns entgegen. Sie sind unterwegs, um die im dichten Gestrüpp nach Futter suchenden Rinder vor hungrigen Koyoten zu schützen.

Während wir weiter aufsteigen, begleitet uns ein stetig wehender Wind. Je höher wir kommen, desto kräftiger wird er. Als der El Hoyo schließlich in Sichtweite gerät, verwandelt sich die Brise unvermittelt in einen kräftigen Sturm.

Das namensgebende Loch liegt unterhalb des Gipfelbereichs. Obwohl wir inzwischen alle Mühe haben, uns gegen die Böen auf den Beinen zu halten, wagen wir uns noch bis an den schüsselartigen Trichter heran. Der Blick hinab in die Tiefe ist beeindruckend. Doch fast noch spektakulärer ist das Panorama ringsum. In der Ferne erhebt sich der aktive Vulkan Momotombo, daneben erstreckt sich der Managuasee.

Während die Temperaturen bei der Wanderung angenehm waren, erwartet uns nach der Rückkehr in León brütende Hitze. Die Stadt gilt als die heißeste Nicaraguas und setzt alles daran, diesen Ruf zu bestätigen. Unser Plan, am Nachmittag noch durch die Stadt zu bummeln, fällt den hohen Temperaturen zum Opfer. Ebenso unsere Vorräte an Bananen und Baguette, die wir auf einem Tisch in der Sonne hatten liegenlassen: Die Banane ist rabenschwarz, das Baguette hat die Konsistenz eines alten Zwiebacks.

León – koloniales Flair und revolutionäres Erbe

Bevor wir am nächsten Tag nach Matagalpa weiterfahren, erkunden wir in den kühleren Morgenstunden noch León.

Die Stadt gilt als „Stadt der Revolution“ und war eine Keimzelle der Sandinistischen Befreiungsfront. Diese Vergangenheit ist bis heute allgegenwärtig. An zahlreichen Häuserwänden prangen großflächige Wandgemälde, sogenannte Murals. Sie zeigen historische Persönlichkeiten, im Kampf gefallene „Märtyrer“ und immer wieder Symbole der Revolution.

Das größte Mural befindet sich am Parque Central. Es erzählt die Geschichte Leóns von der präkolumbianischen Epoche bis zum Sieg der Sandinisten im Jahr 1979. Gleichzeitig umgibt das halbrunde Gemälde eine sternförmige Konstruktion: das Mausoleum der Helden und Märtyrer.

Direkt am Platz liegt außerdem das Revolutionsmuseum und auch in den angrenzenden Straßen begegnen uns immer wieder Porträts von gefallenen Sandinisten.

Da es noch früh am Morgen ist, können wir allerdings nur die ebenfalls am Parque Central gelegene Kathedrale besichtigen. Das weiß getünchte Gotteshaus wirkt im Inneren eher nüchtern. Hier befindet sich auch das Grab des berühmten nicaraguanischen Nationaldichters Rubén Darío.

Die eigentliche Überraschung wartet jedoch oben: Das Dach der Kathedrale lässt sich besichtigen, allerdings nur barfuß. Obwohl die Sonne bereits kräftig scheint und wir keine Socken tragen, ist der Boden erstaunlicherweise gut auszuhalten. Der Aufstieg lohnt sich. Von den weißen Dachflächen bietet sich ein großartiger Blick über die Stadt und die umliegenden Vulkane.

Matagalpa in Nicaragua

Nach dem Stadtbummel fahren wir auf einer mit Schlaglöchern übersäten Straße in die nördlich gelegene Stadt Matagalpa. Die Region ist bekannt für ihr kühles Klima, die lange Tradition des Kaffeeanbaus, grüne Berge und pittoreske Wasserfälle.

Im Hinterland von Matagalpa

Am nächsten Tag erkunden wir die Umgebung der Stadt und brechen zu einer Wanderung im Peñas-Blancas-Massiv auf. Zuvor heißt es jedoch: tanken. Als der Tankwart uns den Zahlungsbeleg reicht, schauen wir genauer hin. Tatsächlich hat er alle Zahlen des Zapfsäulenpreises darauf vermerkt, allerdings in einer für ihn finanziell vorteilhaftere Reihenfolge. Wir machen ihn darauf aufmerksam. Mit einem schelmischen Lächeln entschuldigt er sich vielmals und zahlt uns den zu viel berechneten Betrag in bar zurück. Lachend verabschieden wir uns.

Cascada Santa Emilia

Unser Ziel sind mehrere Wasserfälle in den Bergen, die in der Regenzeit besonders eindrucksvoll über Felsen in die Tiefe rauschen. Erster Halt ist die Cascada Santa Emilia. Ein mit Stufen befestigter Pfad, der durch die hohe Luftfeuchtigkeit sehr rutschig ist, windet sich den Berg hinab. Unten angekommen führt der Weg hinter die rund 15 Meter hohe Kaskade. Dort laden Schaukeln und Bänke zum Verweilen ein und den herrlichen Blick durch den herabstürzenden Wasservorhang zu genießen.

Cascada de la Luna

Nicht weniger beeindruckend ist die 40 Meter hohe Cascada de la Luna, die in drei Strömen ins Tal stürzt. Um zu ihrem Fuß zu gelangen, müssen wir zunächst den Fluss durchqueren, der den Wasserfall speist. Anschließend geht es auf einem matschigen Pfad durch ein kleines Wäldchen den Hang hinunter. Am Wasserbecken trübt jedoch der viele Müll, der dort schwimmt, den Anblick.

Wandern im Peñas-Blancas-Massiv

Zum Abschluss fahren wir zur Cascada Arcoíris, dem Regenbogenwasserfall im Peñas-Blancas-Massiv.

Seine Besichtigung verlangt uns allerdings deutlich mehr ab als die beiden vorherigen Wasserfälle. Eine schweißtreibende Stunde lang führt die Route durch dichten Nebelwald stetig bergauf.

Der Pfad hat es in sich: Schmierige Wurzeln und glitschige Felsen machen jeden Schritt zur Herausforderung, Rinnsale verwandeln den Boden in tiefen Matsch. Über Steine balancieren wir durch die Abflüsse kleiner Kaskaden und zwängen uns zwischen den gewaltigen Wurzeln meterhoher Fikusbäume hindurch. Besonders steile Passagen sind stufenartig befestigt. Ringsum rauscht das Wasser ins Tal, während im Blätterdach die Vögel lärmen.

Dann ist es geschafft: Vor uns liegt die Cascada Arcoíris. 45 Meter stürzt das Wasser über die Felsen in die Tiefe, und sein feiner Sprühnebel zaubert schimmernde Regenbögen in die Luft. Für einen Moment sind die Anstrengungen des Aufstiegs vergessen.

Vom Norden in den Süden von Nicaragua

Aus den Bergen fahren wir am nächsten Tag hinunter ins Tiefland und weiter in den Regenwald an der Grenze zu Costa Rica. Der Weg dorthin ist allerdings zeitaufwendig: Zunächst liegt eine lange Autofahrt nach San Carlos vor uns, anschließend geht es mit einem Fährboot nach El Castillo und von dort mit einem weiteren Boot zu unserer Lodge mitten im Urwald.

Da die Fähre pünktlich ablegt und wir nicht wissen, welche Überraschungen der Straßenverkehr für uns bereithält, starten wir früh am Morgen.

Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker verändert sich die Landschaft. Die Gegend ist vor allem von Rinderfarmen geprägt. Direkt an der Straße liegen Rodeo-Arenen, Milchkannen warten auf die Abholung und statt Autos begegnen uns immer wieder Reiter. Kinder werden auf dem Pferderücken zur Schule gebracht. Und gelegentlich steht ein Farmer am Straßenrand und schwenkt eine rote Fahne. Das bedeutet: Vorsicht, Rinder auf der Fahrbahn.

Die Fahrt verläuft allerdings so reibungslos, dass wir bereits drei Stunden vor der Abfahrt unseres Bootes in San Carlos eintreffen. Die Stadt selbst wirkt auf uns wenig einladend. Also verbringen wir die Wartezeit im Hafen und beobachten das geschäftige Treiben auf dem San Juan. Der Fluss entspringt dem Nicaraguasee und windet sich auf knapp 200 Kilometern bis zur Mündung ins Karibische Meer. Damit ist er eine der wichtigsten Wasserstraßen des Landes.

Mit dem Boot in den Dschungel von Nicaragua

Die Fähre ist ein einfaches, motorisiertes Boot für rund 30 Passagiere. Zwei Stunden geht es flussabwärts. Wenn unterwegs jemand aussteigen möchte, legt der Bootsführer kurzerhand am Ufer an. In El Castillo endet die Fahrt. Wir wechseln das Boot und steigen in das kleinere Gefährt unserer Lodge um. Von hier aus sind es nur noch 20 Minuten bis zu unserem Ziel.

Unsere Hütte liegt am Hang und bietet einen herrlichen Blick über den Fluss und den dahinterliegenden Regenwald. Der herrliche Ausblick hat seinen Preis: Wer zur Hütte will, muss zahlreiche Stufen bewältigen. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit reicht schon der Aufstieg, damit uns der Schweiß in Strömen läuft. Und noch einen Rat bekommen wir mit auf den Weg: festes Schuhwerk tragen. Schließlich sind die Schlangen gerade in der Paarungszeit.

Wandern im Regenwald von Nicaragua

Den nächsten Vormittag verbringen wir mit unserem Guide Orlando im Regenwald. Mit klobigen Gummistiefeln an den Füßen stapfen wir durch Matsch und feuchtes Unterholz.

Unsere tierische Ausbeute fällt allerdings überschaubar aus. Wir entdecken den Nationalvogel Nicaraguas, den Motmot, schwarz-grüne Pfeilgiftfrösche und eine Gewehrkugelameise, deren Biss angeblich bis zu 24 Stunden lang heftige Schmerzen verursacht.

El Castillo

Am Nachmittag fahren wir mit dem Boot ins sechs Kilometer von der Grenze zu Costa Rica entfernte El Castillo. Seinen Namen verdankt der Ort der weithin sichtbaren Festung, die auf einem Hügel über dem San Juan thront.

Die Zitadelle wurde im 17. Jahrhundert direkt an den gefährlichen Stromschnellen des Flusses errichtet. Sie sollte die reiche Stadt Granada vor Überfällen schützen. Selbst eine kleine Krankenstation gehörte zur Anlage, wobei der Schuhmacher des Ortes gleichzeitig der Chirurg war.

Trotz ihrer strategisch günstigen Lage blieb die Festung nicht uneinnehmbar. Unter den Angreifern war auch der britische Vizeadmiral Horatio Nelson (1758–1805). Der Schriftsteller Mark Twain hingegen, besuchte auf seiner Reise von San Francisco nach New York lediglich ein Café am Hafen.

Bis heute sind die 2000 Dorfbewohner nur per Boot zu erreichen. Entlang der kleinen Einkaufsstraße finden sich Unterkünfte für Reisende, eine Bank sowie Schmuck- und Bekleidungsgeschäfte.

Am Ortsrand werden Kakaobohnen für den Export weiterverarbeitet. Orlando zeigt uns den Werdegang von der Bohne bis zum fertigen Produkt. Ein wichtiger Abnehmer ist Deutschland, insbesondere eine Firma aus Baden-Württemberg, dessen Schokoladentafeln in die Tasche eines Sportjacketts passen. Hier kennt jeder Kakaofarmer die Marke.

Plötzlich ertönt Musik. Ein Fanfarenzug spielt irgendwo in der Nähe. Die Klänge kommen von der örtlichen Highschool, wo für den 15. September geprobt wird, den Unabhängigkeitstag, den fünf mittelamerikanische Staaten gemeinsam begehen.

Gespielt wird rhythmisch auf Metallophonen, Trommeln und ein paar Güiros (Schabinstrumente). Während sich die Schüler im Rhythmus der Klänge bewegen, fegt der Schuldirektor das Laub auf dem Schulhof zusammen.

Etwas anderes fällt uns ebenfalls auf. Anders als sonst im Land sehen wir hier nirgendwo die allgegenwärtigen schwarz-roten Fahnen der FSLN. Stattdessen weht die blau-weiße Nationalflagge.

Lange können wir jedoch nicht bleiben. Der Nachmittag neigt sich bereits dem Ende zu, und wegen der Grenznähe zu Costa Rica gelten in El Castillo besondere Einschränkungen für den nächtlichen Aufenthalt und den Bootsverkehr. Für uns heißt das: zurück zum Boot und zur Lodge.

Bootsfahrt auf dem San Juan

Obwohl es die ganze Nacht über kräftige Niederschläge gegeben hat, verabschiedet sich der Regen pünktlich zur morgendlichen Bootsfahrt mit einem letzten Donnergrollen.

Mit einem Kanu fahren wir den San Juan flussabwärts bis zur Mündung des Río Bartola. Dort gehen wir an Land und wandern ein Stück durch den Regenwald. Wieder entdecken wir grün-schwarze Pfeilgiftfrösche sowie einen Roten Pfeilgiftfrosch.

Anschließend steigen wir wieder ins Kanu und fahren den Bartola hinab in Richtung des Naturreservats Indio Maíz. Wir genießen die Ruhe und die Abgeschiedenheit. Tief ins streng geschützte Gebiet dürfen wir allerdings nicht vordringen und kehren daher nach kurzer Zeit wieder um. Damit wir nicht den gesamten Weg gegen die Strömung paddeln müssen, wartet an der Mündung des Bartola bereits ein motorisiertes Boot auf uns.

Bei Einbruch der Dunkelheit brechen wir ein letztes Mal zu einer Bootsfahrt auf. Da wir uns im Grenzgebiet befinden, benötigen wir dafür eine Sondergenehmigung. Nach 17 Uhr ist der Bootsverkehr normalerweise verboten, weshalb unsere nächtliche Tour nur kurz ausfällt.

Doch die wenige Zeit reicht für einige besondere Begegnungen: Wir leuchten einem Waschbären in seine verschlafenen Augen, entdecken Basilisken – Echsen aus der Familie der Leguanartigen –, die reglos auf einem Ast schlafen, und lassen uns beim Anblick tausender Glühwürmchen verzaubern. Ihr Leuchten begleitet uns auf dem Rückweg und lässt die kurze Fahrt zu einem stimmungsvollen Abschluss unseres Tages werden.

Vom Urwald in die Stadt

In aller Frühe klingelt der Wecker. Wirklich begeistert sind wir nicht, doch das Boot von El Castillo nach San Carlos legt äußerst pünktlich ab, sodass wir wohl oder übel aus den Federn müssen.

In San Carlos steigen wir wieder ins Auto und machen uns auf den Weg nach Granada. Die Fahrt verläuft erstaunlich reibungslos: Keine Kontrollen, kein Stau und keine nennenswerten Unterbrechungen.

Granada oder „La Gran Sultana“

Der nächste Tag gehört ganz der Stadt. Granada, wegen ihrer farbenprächtigen Kolonialarchitektur auch „La Gran Sultana“ genannt, erkunden wir zu Fuß.

Unser Rundgang beginnt an der Kirche von Xalteva, die für uns zu den schönsten Gotteshäusern der Stadt zählt. Decke, Säulen und Bänke sind aus dunklem Holz gefertigt, farbenfrohe Deckenmalereien setzen dazu lebendige Akzente.

In Sichtweite liegt die Kirche La Merced. Auf dem Weg dorthin stoßen wir allerdings zunächst auf etwas weniger Beschauliches: Bierbuden und eine große Bühne, die – ähnlich wie vor der Kirche von Xalteva – direkt vor dem Gotteshaus aufgebaut ist. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik.

Die La Merced selbst kann innen mit der Kirche von Xalteva nicht ganz mithalten. Dafür bietet ihre Turmplattform einen grandiosen Blick über Granada. Während wir noch nach dem Turmwächter Ausschau halten, stürmt plötzlich eine Frau in die Kirche und beschwert sich lautstark über den Lärm von der Bühne.

Auf dem Turm ist es etwas ruhiger. Der Blick ist tatsächlich beeindruckend. In die eine Richtung sehen wir auf die Kirche von Xalteva, in die andere auf die Kathedrale und die unzähligen Ziegeldächer Granadas. Dahinter erhebt sich der wolkenverhangene Vulkan Mombacho.

Bevor wir zur Kathedrale weitergehen, biegen wir in die Marktgasse ab. Zwischen Händlern, Geldwechslern und Autos quetschen wir uns durch das dichte Gedränge bis zur Markthalle. Doch irgendwann wird uns das Gewusel zu viel und wir kehren zur Hauptmagistrale zurück.

Dort herrscht zwar nicht so ein Gewimmel, dafür beschallen unzählige Musikboxen lautstark die Gegend. Ruhiger wird es erst in der Kathedrale und später auf der Fußgängerzone Calzada, die bis hinunter zum Nicaraguasee führt.

Volksfeststimmung in der Stadt

Als wir in einem Café eine Pause einlegen, erfahren wir auch den Grund für das ungewöhnliche Treiben in der Stadt. Granada feiert die Schutzheiligenfeste zu Ehren Mariä Himmelfahrt. Heute steht die große Pferdeparade, der Desfile Hípico de Granada, auf dem Programm.

Rund 4000 Reiter aus dem ganzen Land nehmen daran teil. Viele tragen traditionelle Kleidung, manche haben die Schweife ihrer Pferde aufwendig geflochten und verziert. Zwischen den zahlreichen Pferden tauchen sogar Esel und Rinder als ungewöhnliche Reittiere auf.

Dazwischen rollen Festwagen durch die Straßen, von denen viele von einer lokalen Biermarke gesponsert werden. Aus ihren Lautsprechern dröhnt ohrenbetäubend lauter Latin-Pop. Getränkehändler schieben ihre Karren zwischen den tänzelnden Pferden hindurch, Bläsergruppen begleiten den Umzug, aus weiteren Boxen schallt Livemusik. Am Straßenrand reihen sich Stände mit Essen und Getränken aneinander.

Es ist ein einziges buntes Durcheinander aus Musik, Pferden, Menschen und Gerüchen. Der Jubel der Zuschauer geht in dem gewaltigen Lärm beinahe unter.

Vulkan Masaya

Nachdem wir gestern den ganzen Tag auf den Beinen waren, beschließen wir die geplante Wanderung auf den Hausvulkan Mombacho ausfallen zu lassen. Stattdessen fahren wir am Nachmittag zum Sonnenuntergang in den Nationalpark Vulkan Masaya.

Wegen der Regenzeit sind nur wenige Besucher unterwegs. Warteschlangen gibt es keine. Bis zum Einbruch der Dunkelheit nutzen wir die Zeit für eine kurze Wanderung auf dem Comalito-Pfad. Vorbei an dampfenden Fumarolen führt der Weg auf den Cerro Comalito, der als besonders guter Aussichtspunkt für den Sonnenuntergang gilt.

Nur: Von der Sonne ist heute nichts zu sehen. Statt eines spektakulären Abendrots blicken wir auf eine geschlossene Wand aus grauen Wolken.

Mit Einbruch der Dunkelheit fahren wir weiter zum Santiago-Krater des Vulkans Masaya. Vom Parkplatz sind es nur wenige Schritte bis zum Kraterrand. Doch dort ist zunächst kaum etwas zu sehen. Der Lavasee, der den Besuch einst zum spektakulären Erlebnis machte, ist seit 2024 Geschichte: Ein Erdrutsch hat ihn verschüttet. Immerhin steigt aus der Tiefe noch Dampf auf, der sich im Kraterlicht schwach rötlich färbt. Für uns ist klar: Die 20 US-Dollar Eintrittsgeld haben sich buchstäblich in Rauch aufgelöst.

Abschied von Nicaragua

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Hinter uns liegen Tage voller Kontraste: Wir sind durch die farbenprächtigen kolonialen Städte des Landes geschlendert, haben uns bei schweißtreibenden Wanderungen durch dichten Nebelwald gekämpft und sind auf dem Fluss San Juan per Boot durch eine beeindruckende, ursprüngliche Landschaft geschippert. Nun führt uns die Reise weiter Richtung Norden, nach El Salvador. (Bericht folgt)