Spitzbergen

Einsamkeit heißt nicht, allein zu sein, sondern sich nach niemandem sehnen zu können.
Aus Norwegen

Februar 2009

 spitzbergen (1)

Rau, karg, unwirtlich, eisig schön: Spitzbergen. Nach einem eindrucksvollen Flug über das ewige Eis setzt der Flieger in Longyearbyen, dem nördlichsten Verkehrsflughafen der Welt auf.

Unsere Gastgeber (Anton und Brita) holen uns fünf Gäste am Flughafen ab. Auf der Insel leben mehr Eisbären als Menschen. Überall warnen Schilder vor dem weißen Raubtier. Um sich gegen Angriffe von Eisbären zu schützen, ist durch den Sysselmann – direkter Vertreter der norwegischen Regierung auf Spitzbergen – jedermann verpflichtet, außerhalb von Ortschaften großkalibrige Büchsen zu tragen, zumindest muss ein bewaffneter Führer dabei sein.

Das Wohnhaus liegt 10 Kilometer von der Stadt entfernt. Warmes Licht schimmert durch die kalte Polarnacht, als wir uns dem Holzhaus nähern. Der Ofen im Wohnzimmer strahlt mollige Wärme ab. In drei kleinen Zimmern stehen Doppelbetten oder Stockbetten. 

50 Huskys gehören zur Familie, zierliche Hunde voller Tatendrang. Anton und Brita suchen die „passenden“ Partner fürs Hundeschlitten-Fahrtraining aus. Fünf sollen meinen Schlitten ziehen. Gelassen lassen die Fünf die Prozedur des Geschirranlegens durch meine ungeübte Hand über sich ergehen. Kaum sind sie jedoch eingespannt, fangen sie an zu jaulen und am Schlitten zu zerren.

Die Fahrt geht zu einer Eishöhle im Scott-Turner-Gletscher. Vor dem verschlossenen Eingang zur Höhle sichern wir die Schlitten, rüsten uns mit Helm und Stirnlampe aus, rutschen auf dem Hintern in die Höhle hinein und schlittern auf unseren Füßen durch eine faszinierende Welt aus Eis. Umgeben vom Frost wärmen wir uns mit einem heißen Tee.

filmstreifen Hoehle

Am nächsten Tag habe ich bereits sechs Hunde vor dem Schlitten. Und das bei dem Muskelkater in den Oberarmen. Der Streifzug durch Täler und über Hügel verläuft ruhig. In der Ferne sind Spitzbergen Rentiere zu sehen, Eisbären lassen sich keine blicken.

Ich bin gerüstet für die lange Tour, die am nächsten Tag starten soll, wegen des stürmischen Wetters jedoch um einen Tag verschoben wird. Stattdessen bummeln wir durch Longyearbyen: Kirche, Universität, Museum, hoch umzäunte Kinderspielplätze, teilweise vom Kohlebergbau schwarz gefärbter Untergrund, die Überreste alter Grubenbahnen.

filmstreifen Longyearbyen

Mit Lita, Jagor, Bruno, Ursus, Tuna und Hilmar vor dem Schlitten, beginnt der dreitägige Ausflug durch die raue, weitläufige, von Plateaubergen und Hochebenen geprägte Landschaft. An einem Fjord bauen wir für die Nacht kleine Zelte auf.

Zuerst wird jedoch ein Loch in den gefrorenen Boden gegraben, eine kleine Mauer aus Schnee als Sichtschutz drumherum gebaut, fertig ist die Toilette.

Ein Stück entfernt wird für jedes Zelt ein kleiner Graben ausgehoben, die Schlafkabine des Zeltes an diese Vertiefung gestellt, das Vordach darüber. So lässt es sich bequem im Zelt sitzen und die Kleidung wechseln– Komfort im Eis.

Derweil entfacht Anton in einem großen Zelt ein kleines Lagerfeuer, kocht das Abendessen und taut Wasser für die Hunde auf. Mit dem Satellitentelefon nimmt er Kontakt mit Brita auf: „Alles in bester Ordnung.“

Satt und müde gehen wir zu den Zelten. Mit Skiunterwäsche, den Innenstiefeln an den Füßen, Balaklava auf dem Kopf, eingerollt in einen dicken Schlafsack, schlafen wir wohlig-warm und entspannt.

Am nächsten Tag geht es weiter über Eisfelder und Bergsättel. Eine ruhige Fahrt durch die mittlerweile blau schimmernde Arktis. Abends schlagen wir die Zelte an einem der Berge auf.

filmstreifen Landschaft

In der Nacht kommt Wind auf, der immer heftiger wird. Am Morgen ist der Reißverschluss des Zeltes gefroren, lässt sich nur schwer öffnen. Die Hunde liegen verschneit in ihren selbst gegrabenen Kuhlen.

Frühstück, Thermoskannen mit Tee befüllen, Zelte abbauen: Im Sturm werden die Zelte zu Gleitschirmen. Es braucht alle Hände um sie einzupacken.

Alles ist auf den Schlitten verstaut. Die Hunde werden unruhig. Sowie sie das Geschirr anhaben, fangen sie an zu jaulen und zu zerren. Sie wollen rennen. Das Kommando GO, zum Loslaufen, brauchen sie nicht.

Die Fahrt geht durch unberührten Schnee. Gletscher und Berge ziehen vorbei. Ein Fuchs taucht kurz auf.

Pause im  Eis: Die Krallen der Bremse fest in den Boden drücken, Schneeanker setzen. Im Gepäck sind ein Travellunch und als Höhepunkt etwas Süßes. Der Tee wärmt wohltuend von innen.

Die Hunde sind ungeduldig. Trotz gesetzter Schneeanker schafft es mein Gespann, sich loszureißen. Wir können sie gerade noch aufhalten. Dabei gerät einer der Anker unter die Kufen des Schlittens. Das Losfahren wird zur Zitterpartie – Schlitten festhalten, Schneeanker unter den Kufen hervorholen, aufspringen. Geschafft.

Meine Skibrille ist liegen geblieben. Um etwas sehen zu können, halte ich meine Haare vom Kopf weg in den eisigen Wind. Sie sind sofort gefroren. Meine Augen haben wieder einen Schutz.

Der Sturm wird stärker. Das Gespann, das vor meinem fährt, taucht ab und an aus dem Weiß auf. Erleichterung. Verschwindet es, macht sich Beklemmung breit.

Vertrauen.

Vertrauen in mein Gespann, in Ausdauer und Navigationssinn der Huskies.

Es geht bergauf. Auffordernd blicken mich die Hunde an. Sie wollen Hilfe. Das Gespann zieht, ich schiebe und laufe dabei neben dem Schlitten. Die Hunde sind natürlich vor mir auf dem Berg und rennen sofort los. Nur nicht loslassen. Mit Mühe springe ich auf den Schlitten auf.

Der Sturm lässt nach. Die Sicht wird klar. Am Himmel über Spitzbergen zeichnen sich helle Streifen ab.

Am nächsten Morgen weht wieder ein starker Wind, der den Schnee herumwirbelt und allen die Sicht nimmt. Erst Minuten vor der Ankunft in unserem Quartier hört der Sturm auf. Erste kurze Sonnenstrahlen tauchen den Himmel in rot und orange leuchtendes Licht. Die Polarnacht neigt sich dem Ende.

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