Pälzer isch’s heegschde was en Mensch werre kann.
(Aus Rheinland-Pfalz)
Sieben-Burgen-Weg
Dahner Felsenland
Teufelstisch
Teufelspfad
Eifel – Trier
Maria Laach
Koblenz
Sieben Burgen auf einen Streich
„Sieben auf einen Streich!“ Mit diesem kühnen Wahlspruch des tapferen Schneiderleins machten auch wir uns auf den Weg. Freilich sollten es keine sieben Fliegen sein, sondern sieben Burgen auf einer 22 Kilometer langen Wanderung durch den Pfälzerwald. Und wer meint, das sei leichter, der möge es selbst versuchen.
„Ach, was, die weite Welt ist doch viel zu klein für dich!“ So lockte einst das Schicksal das Schneiderlein hinaus. Auch wir verließen frohen Mutes die heimische Stube und zogen in die weite Welt – oder wenigstens in den Wasgau. Tapfer nahmen wir den Weg zwischen die Beine, und weil wir leicht und behend waren, merkten wir lange nichts von müden Füßen oder schweren Waden.
Der Weg führte uns hinauf zur Wegelnburg (572 m), der höchstgelegenen Burgruine der Pfalz. Dort hielten wir Ausschau nach einem Riesen. Allein – keiner ließ sich blicken. Also zogen wir weiter zur Hohenburg (553 m). Statt mit Riesen rangen wir mit Windböen und Regenschauern, und die machten ihre Sache durchaus gründlich. Doch wer sich vom Wetter einschüchtern lässt, kommt niemals bis zur Löwenstein (550 m), wo uns statt Löwen nur großartige Ausblicke und mächtige Sandsteinfelsen erwarteten.



Immer weiter führte uns der Pfad durch den märchenhaften Wald, den Blick immer wieder auf die bizarren Sandsteinfelsen gerichtet, die wie verwunschene Gestalten aus den Tiefen des Waldes emporragten.
Nachdem wir lange gewandert waren, kamen wir zur Burg Fleckenstein (370 m) im Elsass. Inzwischen hatte sich der Hunger bemerkbar gemacht und wie das Schneiderlein am Hof des Königs ließen wir uns nieder und stärkten uns für die nächsten Abenteuer. Als wir uns jedoch über den Rand des Schlossbrunnens beugten, schien uns das höhnische Lachen des Teufels entgegenzuklingen, der der Sage nach den Brunnen erbaut haben soll.
Gestärkt führte unser Weg weiter zur Froensburg (305 m). Über steile Leitertreppen erklommen wir den Burgfelsen und wanderten weiter hinauf zum Wasigenstein (340 m), dessen zweigeteilte Felsenburg aussieht, als hätten zwei Riesen beim Streit den Berg entzweigebrochen. Von dort war es nur noch ein letzter Anstieg hinauf zur Burg Blumenstein (361 m), unserer siebten und letzten Eroberung.



Mittlerweile war es Abend geworden. Der Wald wurde still, die Schatten länger und schließlich verschluckte uns die Dunkelheit. Doch Märchen enden bekanntlich gut. Und so begleiteten uns am Wegesrand unzählige Glühwürmchen durch die Nacht und leuchteten uns den Heimweg. So kehrten wir wohlbehalten zurück – ohne Krone, ohne Königstochter und ohne halbes Königreich, dafür aber mit sieben Burgen auf einen Streich.
Dahner Felsenland in Rheinland-Pfalz
Ein spätsommerliches November-Wochenende verleitete am 14. November, dem Geburtstag von Gunter Sachs und Prinz Charles, zu einer ausgedehnten Wanderung durch die Höhenzüge des Dahner Felsenlandes (Jungfernsprung – Römerfels – Dicke Eiche – Queichquelle – Winterkirchel – Erfweiler – Altdahn, ca. 30 Kilometer und 1000 Höhenmeter).
August Becker schrieb in seinem Meisterwerk „Die Pfalz und die Pfälzer“ bereits im Jahre 1857 über diese Region: „In gar mancher Hinsicht steht diese Umgebung einzig da; nirgends sind die Formen und Gestaltungen des Sandsteins kühner, phantastischer und abenteuerlicher, nirgends diese seltsamen Felsenbildungen so dicht beisammen, und nirgends der Kontrast schauerlicher Felsenpartien zu den lieblichsten und anmutigsten Fluß- und Wiesentälern, die diesen Bereich des hier so recht in seiner charakteristischen Wildheit sich zeigenden Vogesus durchziehen und seine Rauheit mildern, größer als bei Dahn. Freilich schauert’s den Pfälzer Bauern, wenn er nur an diese Gegend denkt; er hält sie für eine öde, unfruchtbare und arme Felsenwüste; nirgends finden wir die Milde, Freundlichkeit und Fruchtbarkeit der vorderen Pfalz; statt der Weinreben nur wilde Brombeersträucher, statt der Kastanienwälder nur Tannen, Föhren und Buchenhaine; statt des üppigen Fruchtfeldes nur kahle Felsenhänge, denen man mit äußerster Mühe im Sand die genügsame Kartoffel abgewinnt. Da blüht keine Mandel, kein Pfirsich mehr auf den Höhen, nur noch der Holunderbaum und der Schlehdorn nicken mit weißen Blüten von den Felsen im Frühlingswind. Und doch ist es schön, prächtig bei Dahn; es ist die wildromantische, schauerliche, furchterregende Schönheit der Natur, die hier ihren vollen Zauberbecher ausgegossen hat. So recht charakteristisch für dieses Gebirgs- und Felsenland ist besonders die Zucht von Eseln und Ziegen. An trefflichen Wirts- und Gasthäusern fehlt’s hier nicht. Ringsum ist der Flecken eingeschlossen von mächtigen Felskuppen und Türmen; zahllos sind die seltsamen Felsbildungen in nächster Nähe.“
Einen Höhepunkt der Wanderung bildete neben der grandiosen Aussicht des Römerfelsens, dem Besuch des idyllischen Winterkirchels, des obligatorischen Umweges aufgrund fehlender Markierungen und einem belegten Brötchen mit Schinken der Abstieg zur Quelle der Queich. Aus dem winzigen Rinnsal am Ostfuße des Winterberges im Pfälzerwald südlich von Hauenstein wird im weiteren Verlauf ein reißender Strom, der sich nach 51,6 Kilometern in den Rhein ergießt und maßgeblich für dessen Wassermassen verantwortlich zeichnet. August Becker schrieb über den pfälzischen Amazonas: „Die Queichlinien und die beiden Festungen ersten Ranges mögen schon die militärische und strategische Wichtigkeit des Flüßchens andeuten. In seinem oberen Lauf durchströmt es eines der großartigsten Gebirgstäler der Pfalz, in seinem unteren Lauf eine der schönsten und bevölkertsten Niederungen.






Teufelstisch in Rheinland-Pfalz
Der Teufelstisch bei Hinterweidenthal ist zweifelsohne eine der beeindruckendsten Felsformationen des Pfälzerwaldes. Auf dem etwa sieben mal sieben Meter umfassenden Felsenplateau wäre rein rechnerisch Platz für etwa 817 Saumägen oder 8167 Bratwürste oder 8711 Schoppengläser (jeweils einfache Fläche, ungestapelt). Der Heimatdichter Fritz Claus hat die Entstehungsgeschichte der Felsformation nach akribischer Recherche wahrheitsgetreu wiedergegeben:

Im Kaltenbacher Thale/ein Tisch von Felsen steht/dort saß der Teufel beim Mahle;/hört wie die Sage geht.
Einst schritt in jenem Walde/durch nächtiges Dunkel schnell,/hinauf die Bergeshalde/ein finsterer Gesell.
Hell lodert in seinen Blicken/unheimlich wilde Hast./Nun wil er sich erquicken,/er schaut nach guter Rast.
Umsonst! Kein Stein zum Sitzen,/kein Tisch zum nächtigen Mahl./Vor Zorn seine Augen blitzen/hin über Berg und Thal.
Da, – wie mit Blitzesschnelle/packt jetzt zwei Felsen frisch/der grimmige Geselle,/und stellt sie auf als Tisch.
Nachdem er d’ran gegessen/ging durch die Nacht er fort./Den Tisch, wo er gegessen,/den ließ er stehen dort.
Das war ein ängstlich Schauen/des Morgens drunten im Thal!/Ein Jeder sprach mit Grauen:/“Dort hielt der Teufel Mahl!
Teufelspfad bei Pirmasens
Aber der Fürst der Finsternis hinterließ der Gegend nicht nur einen steinernen Tisch, sondern gleich einen ganzen Wanderweg. Besonders im Winter zeigt sich der Teufelspfad von seiner spektakulärsten Seite. Mächtige Eiszapfen hängen wie gläserne Vorhänge von den Sandsteinfelsen, unter den Überhängen wachsen filigrane Eisnadeln empor, die der Frost über Nacht modelliert zu haben scheint.
Selbst die gefrorenen Bachläufe sind von einer stillen Schönheit, sodass man beinahe vergisst, weshalb der Weg seinen Namen trägt.
Beinahe.
Denn der Teufelspfad macht seinem Namen durchaus Ehre. Einige Abschnitte steigen kräftig an, andere glänzen im Winter wie frisch poliertes Glas. Wer dort ins Rutschen gerät, gewinnt unfreiwillig eine sehr direkte Bekanntschaft mit dem Waldboden. Und wer in seiner Verzweiflung nach einer Brombeerhecke greift, stellt schnell fest, dass die Natur durchaus Sinn für schwarzen Humor besitzt. „Teufel auch!“, entfährt es dann nicht wenigen.
Der pfälzische Mundartdichter Paul Münch wusste: „Die Palz is e Stück Paradies.“ Wer sich auf ihre Wälder, Felsen und stillen Winkel einlässt, wird reich belohnt. Auch der Teufelspfad folgt diesem Rhythmus der Natur. Er beschenkt seine Wanderer mit Eindrücken, die weit länger im Gedächtnis bleiben als ein paar Dornen in der Wanderhose.
Eifel – Trier
Wer die südliche Eifel entlang der Grenze des Saarlandes bereist, muss die Einschätzung, wonach sich Fuchs und Hase dort gute Nacht sagen, recht bald revidieren. Vielmehr stellt sich bei der spätabendlichen Fahrt über die verlassenen Straßen des Enterbachtals zwischen den Metropolen Holzerath und Pluwigerhammer die Frage, wie Fuchs und Hase hier überhaupt zusammenfinden wollen ohne sich beim Versuch des spätabendlichen Grußes in den unendlichen Weiten preußisch Sibiriens zu verlaufen. Und auch das Navigationsgerät, das uns mit der Zielsicherheit eines ausgemusterten G36-Gewehrs durch die Landstraßen lotst, lag selten bei der Berechnung der Ankunftszeit so weit daneben, wie auf der Fahrt durch eine Region, in der fünf Kilometer Luftlinie schon auch einmal eine halbe Stunde Fahrzeit nach sich ziehen und Sehnsüchte nach eifelgemäßen Fortbewegungsmitteln wie Pferden oder Postkutschen nach sich ziehen können. Immerhin: Das Mesozoikum hat die Eifel bereits übersprungen, so dass uns auf der Fahrt wenigstens keine prähistorischen Riesenechsen in den Wäldern mehr auflauern – von ein paar Hinweisschildern auf einen nahegelegenen Dinosaurierpark zwischen Ernzen und Irrel einmal abgesehen.
Und dennoch oder gerade wegen des unweigerlich aufkommenden Eindrucks einer Zeitreise versprüht die Eifel ein bemerkenswertes Flair und einen über die Jahre hindurch bewahrten Charme, der den Touristen frohlocken lässt (außer bei der Anreise) und nicht zuletzt auch die Bezirkshauptstadt Trier mit ihren antiken Baudenkmälern als idealtypisches Aushängeschild der Region erscheinen lässt. Gewiss zählt die Porta Nigra zu den beeindruckendsten römischen Bauwerken nördlich der Alpen, so dass selbst die sich durch ein paar zurechtgeschnittene Kartoffelsäcke und einen Plastikhelm aus dem Requisitenfundus der Antikenfestspiele als römische Gladiatoren ausgebenden studentischen Hilfskräfte während ihrer Führungen der Erhabenheit des Bauwerkes nichts anhaben können. Nicht minder beeindruckt die Monumentalität des Trierer Domes als ältester Bischofskirche Deutschlands, wohingegen das Amphitheater außerhalb der Stadtmauern allenfalls mit sehr viel Phantasie einen anderen Eindruck hinterlässt, als den eines Grashügels mit einem überdimensionierten Sandkasten in der Mitte für 4 Euro Eintritt.



Maria Laach in Rheinland-Pfalz
Als „einer der schönsten Wanderwege im Laacher-See-Gebiet“ wird der Höhenrundweg um den Laacher See in der Nordeifel von ein paar findigen Werbestrategen im Internet angepriesen. Nun hätte die Einschränkung „im Laacher-See-Gebiet“ gewiss stutzig machen können, denn der schönste Wanderweg auf einem Gebiet von ein paar Quadratkilometern ist nun einmal so vielsagend wie „die größte Rinderroulade zwischen Bad Belzig und Treuenbrietzen“ oder „der höchste Aussichtspunkt zwischen Altentreptow und Trollenhagen“. Auch dass der Superlativ des „schönsten Wanderweges“ weniger mit den landschaftlichen Reizen als vielmehr mit seiner guten Beschilderung (auf die wir noch zu sprechen kommen werden) und der Ausstattung mit ausreichenden Liegebänken begründet wird, verhindert zumindest den Vorwurf an den Werbetexter zu einer bewussten Irreführung des gemeinen Wanderers.
Anders sieht es dagegen schon mit der Formulierung aus, wonach „wunderschöne Aussichtspunkte entlang der Strecke“ als Lohn für die Strapazen winken. Gewiss, blickt man in die Provianttüte des mitgebrachten Rucksackes, so vermag man auch „wunderschöne Aussichtspunkte entlang der Strecke“ entdecken zu können. Ansonsten jedoch beschränkt sich der Ausblick während der gesamten Strecke auf ein paar Hunderttausend Baumstämme, derweil der idyllische Laacher See dem Wanderer auch nach 14 Kilometern so verborgen bleibt wie der Blick in die Tresorräume von Fort Knox, in das Schlafzimmer von Megan Fox oder in das geheime Rezeptbuch von Alfred Biolek.
Stattdessen locken die letzten Kilometer der La(a)chnummer mit einem idyllischen Panoramablick über die Autobahn 61 zwischen den Ausfahrten Kruft und Niederzissen – allerdings auch nur, wenn man nach etwa 10 Kilometern Umweg beim Passieren des Ortsschildes der Gemeinde Glees festgestellt hat, dass sich der Laacher Höhenrundweg und der Gleeser Rundwanderweg originellerweise auf dasselbe Markierungszeichen – eine schwarze Eins auf weißem Grund – verständigt haben. Zwar mag die Beschränkung auf eine Ziffer in Zeiten der Integrierten Gesamtschulen für das Mathe-Abitur neuerdings ausreichen, aber vielleicht hätte man es den Wanderern zuliebe zumindest mit einer anderen Farbe oder einem Symbol aus dem Malunterricht der Waldorf-Schule versuchen können.
Wie auch immer, wenngleich der Weg unfreiwillig von 14 auf 24 Kilometer ausgedehnt wird, die Wegmarkierung allenfalls mit einem Trampelpfad im Kongo konkurrieren kann und der Werbetexter noch effizienter arbeitet als der fröhlich grinsende Chinese von der Shanghai Yiqian Trading Company beim Verkaufsgespräch mit der rheinland-pfälzischen Landesregierung, so hat die Region mit der beeindruckenden Abteikirche der über 800 Jahre alten Benedikterabtei Maria Laach doch auch ihre wunderschönen Seiten – zumindest, sofern man dort nicht als Mönch morgens um 5 Uhr zum Frühgebet gerufen wird. Der hervorragend erhaltene Prachtbau im romanischen Stil mit einem vorgelagerten Löwenbrunnen und einem prächtigen Innenraum begrüßt den Besucher am Eingang übrigens mit zwei sich gegenseitig in wenig klösterlicher Eintracht an den Haaren ziehenden Steinfiguren – vermutlich war in der Klosterbrauerei das Bier zur Neige gegangen.



Koblenz
Erfüllt von mönchischem Geist geht es am Tag darauf in der Morgenstunde zur Erkundung von Koblenz und Umgebung. Wenige Kilometer südlich von Koblenz findet sich mit der Marksburg bei Braubach die einzige erhaltene Höhenburg des Oberen Mittelrheintals (wieder so ein konditioneller Superlativ), die mit einem grandiosen Ausblick und einer äußerst lohnenswerten Führung durch die sehenswerten Räumlichkeiten aufwartet.
Für die Stadt Koblenz scheint ein sonniger Sonntag dagegen nicht unbedingt den geeigneten Zeitpunkt zur Erkundung darzustellen, denn die Parkplatzsituation steht jener in Peking-Mitte kaum in etwas nach. Ein Liquiditätsnachweis für die Shanghai Yiqian Trading Company oder ein Ausblick auf dem Laacher Höhenrundwanderweg dürften in jedem Fall einfacher zu finden sein, als ein Parkplatz irgendwo zwischen Deutschem Eck und Koblenzer Altstadt.
Nach dem Bezwingen dieser Hürde lockt jedoch am Zusammenfluss von Rhein und Mosel das Deutsche Eck mit Kaiser Wilhelm hoch zu Ross. Hinter dem monumentalen und den Bilderstürmen der Geschichtsklitterer trotzenden Denkmal führt eine Seilbahn zu der auf der anderen Rheinseite gelegenen und mit einem halben Dutzend verwinkelter Museen versehenen Feste Ehrenbreitstein. Bei der Rückfahrt von der Festung über den Rhein fallen die Aufschriften der 18 Seilbahngondeln ins Auge, die von großen regionalen Dichterfürsten mit wohlgesetzten jambischen Versen wie „Auch Vater Rhein liebt Moselwein“ oder „Die Eifel bebt – Koblenz schwebt“ versehen wurden – man merkt eben bis heute, dass Clemens Brentano hier geboren wurde und Goethe die Stadt im Juli 1774 besucht hat.










