Usbekistan

Vor dem Tee fehlt die Kraft zu arbeiten, nach dem Tee die Lust.
(Aus Usbekistan)

März/ April 2010

Taschkent – Fergana-Tal – Chiwa – Buchara – Wüste Kisilkum – Samarkand – Taschkent

UsbekistanEine Zusammenfassung:

Der Flug nach Taschkent ist mit einem stundenlangen Aufenthalt in Riga verbunden. Mein letzter Besuch der Stadt ist Jahre her und so schlage ich meiner Freundin vor, erst am nächsten Tag weiter zu fliegen.

Unser erster Anlaufpunkt in Riga ist der Zentralmarkt, der größte Lebensmittelmarkt Lettlands, auf dem sämtliche Produkte zu niedrigeren Preisen angeboten werden, als in den entsprechenden Läden. Wir frühstücken und ziehen weiter in die Altstadt.

Die Hansestadt hat einen gut erhaltenen alten Stadtkern. Wir bummeln vom Marktplatz mit Rathaus sowie Schwarzhäupterhaus – welches Kaufleuten für Zusammenkünfte diente, zum – angenehm schlicht gestalteten – Rigaer Dom, zum Pulverturm, der ein Überrest der ehemaligen Stadtbefestigung ist, und weiter zu den Drei Brüdern – ein zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert errichtetes Gebäudeensemble.

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Die Neustadt mit ihren zahlreichen Jugendstilbauten lässt sich bequem vom Flughafen-Zubringerbus aus besichtigen.   

Zwischen der Landung in Taschkent am sehr frühen Morgen und dem Erwachen der Stadt liegen genügend Stunden für eine Runde Schlaf.

Wir sind verabredet mit Kachramon, einem deutsch sprechenden Usbeken. Bis zum Treffen ist noch Zeit und wir machen uns auf die Suche, nach einer Möglichkeit, zum Geld wechseln. Vergeblich. Erst mit Hilfe von Kachramon finden wir ein Hotel mit Wechselstube. Dort können wir Euro in Dollar wechseln, um diese bei Straßenhändlern in usbekische Soʻm zu tauschen.

Mit dicken Geldbündeln im Rucksack fahren wir zum Fernsehturm, auf dessen Plattform wir es nach Pass- und Sicherheitskontrollen tatsächlich schaffen. Der Blick bis zum Tienchan-Gebirge ist den Aufwand jedoch wert.

Unweit vom Fernsehturm ist eine Metrostation, die wir gleich nutzen, um die sehenswertesten drei Bahnhöfe abzufahren: Alisher Navoiy, Oz’bekiston sowie Kosmonavtlar. Die Bahnhöfe sind thematisch gestaltet – Medrese, Baumwolle, Raumfahrt – haben keine Abfallbehälter und sind sehr sauber. So räumlich großzügig wie die Metrostationen sind auch die Straßen. Viele Parkanlagen sorgen für frische Luft, Putzfrauen polieren die Marmorstufen und die Marmoreinfassungen der Grünanlage eines pompösen Konferenzzentrums, großzügig ist auch die Polizeipräsenz.

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Der einzige Ort in Taschkent mit einem Hauch orientalischen Flairs ist Alt-Taschkent. Umgeben von kleinen Holzhäusern befinden sich dort Barak-Khan-Medrese, Moscheen, Mausoleum und der älteste Marktplatz, der Chorsu Basar. Wir sind erstaunt über die Ruhe auf dem Markt – niemand preist seine Waren lautstark an, alle wirken entspannt. Der Duft nach frischem Brot lockt uns zu einem Bäcker, der das verzierte Taschkenter Brot anbietet. Wir können nicht widerstehen und essen jeder eines.

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Das meist geschlossene Amir-Temur-Museum hat geöffnet. Das runde Museum ist dem mongolischen Krieger und Politiker Amir Temur (Tamerlan) gewidmet, in dessen Tradition sich Präsident Islam Karimov sieht.

Im Unabhängigkeitspark, in dem sich weißes Schloss, Parlament und Finanzministerium, in protzigen Glas-Marmor-Gebäuden befinden, versuchen wir erfolglos ein kleines Fleckchen zu finden, das nicht unter Polizeibeobachtung steht. Immerhin werden wir als Ausländerinnen nicht ständig taschenkontrolliert. Das bleibt den Usbeken vorbehalten.

Ein Usbeke, der in der DDR als Soldat gedient hat, spricht uns an: „Ich will unbedingt eine von euch heiraten.“ Von uns beiden hat aber gerade keine Lust auf Hochzeit und ich antworte, dass wir verheiratet seien und nur die Ringe zu Hause vergessen hätten.

Von Taschkent wollen wir ins Fergana-Tal reisen. Da es erst Anfang April ist, ist bei unserer Ankunft noch unklar, ob eine Fahrt über den Pass Kamtschik (2520 m) überhaupt möglich sein wird. Zudem verteilt sich das Fergana-Tal auf die Staatsgebiete von Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan mit kompliziertem Grenzverlauf und gilt wegen des traditionell starken Islam in der Region als Unruheherd. Aktuell ist die Grenze zu Kirgistan, wegen eines ein halbes Jahr zurückliegenden Überfalls auf einen usbekischen Grenzposten, geschlossen.

Wir haben Glück. Die Passstraße ist befahrbar, an der „Grenze“ ins Fergana-Tal werden wir von Soldaten durchgewunken. In Kokand, der Hauptstadt des ehemaligen Reiches von Kokand, halten wir. In der Stadt wird wiederaufgebaut und rekonstruiert. Wir durchstreifen die Ruinen der Freitagsmoschee, besichtigen den Khanpalast und schlendern auf dem Friedhof vorbei an den Gräbern der Khane von Kokand.

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Während wir uns Kokand ansehen, beschließt Kachramon zum Beten in eine Moschee zu gehen. Nach Jahren als Sowjetbürger will er Muslim werden. Einen Koran hat er sich bereits zugelegt. Da er jedoch erst mal Geld verdienen will, hat er keine Zeit in ihm zu lesen. Um seinem Vorhaben dennoch eine gewisse Ernsthaftigkeit zu verleihen, geht er im muslimischen Ferganatal in die Moschee.

An der Grenze zu Kirgistan, liegt Rishton, eine für ihre Keramik bekannte Stadt. Einem der tausend Töpfer schauen wir eine Weile über die Schulter, ehe es weiter nach Fergana geht.

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Die Industriestadt Fergana besticht durch ihre Vielfalt an dekorativen Bäumen und Sträuchern und erinnert beim Bummel durch die Stadt an einen großzügig angelegten botanischen Garten.

Am nächsten Morgen brechen wir auf nach Margilon, eine Hochburg des konservativen Islam und der traditionellen Seidenfabrikation.

In der Seidenfabrik „Jodgorlik“, in der edle Seide, die zu den gefragtesten Seidenarten der Welt gehört, produziert wird, ist vieles Handarbeit. Männer sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, vor sich ein Gestell, auf dem die Fäden für einen Teppich gespannt sind. Mädchen stellen an Webstühlen Stoffe her, in der Färberei sitzen Männer vor den Farbbottichen, die in unterschiedlichen Farben leuchten. Vor den Werkstätten sind Hunderte Meter lange Seidenfäden gespannt.

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Farbenfroh leuchten auch die vielen orientalischen Früchte auf dem Markt von Margilon. Ein Händler, der unbedingt fotografiert werden möchte, schenkt mir vor Freude über das Foto eine Handvoll Erdnüsse. Derart gestärkt besichtigen wir zum Schluss noch die Chonachan-Moschee.

Lange hält das Sättigungsgefühl nicht an. Hunger. Im richtigen Augenblick stehen „4 Füße“ am Straßenrand, in einem kleinen Wasserbecken schwimmt frischer Fisch aus dem Syrdarja. Die Wahl fällt auf einen besonders großen Fisch. Dieser wandert in die Küche und wir auf die „4 Füße“ – ein aus Holz gefertigtes Gestell mit einer quadratischen Grundfläche, bequemen Kissen und kleinem Tischchen.

Die „Grenz“ Kontrolle am Pass Kamtschik können wir diesmal nicht ungehindert passieren. Der Blick in die Pässe reicht nicht und wir müssen in das winzige „Grenz“ Häuschen. Eine halbe Stunde lang übe ich mit einem der Soldaten die richtige Aussprache meines Namens. Die mittlerweile auf fünf Soldaten angewachsene Gruppe amüsiert sich prächtig. Irgendwann ist die Tatsache, dass hier nur selten Ausländer vorbeikommen, ausgekostet und wir fahren weiter nach Taschkent.

Der Flieger nach Urgentsch am Amurdarja soll sehr früh am Morgen starten. Allerdings will auch Islam Karimov, der usbekische Staatspräsident, im Laufe des Tages fliegen und so sitzen wir auf dem Flughafen fest. Bis zum ungewissen Abflug des Präsidenten dürfen keine Flugzeuge abheben.

Glück gehabt – nur zwei Stunden Wartezeit.

Von Urgentsch fahren wir ohne Aufenthalt weiter nach Chiwa, die Stadt in der Oase Choresm, die umgeben ist von den Wüsten Karakum (schwarzer Sand) im Westen und Kizilkum (Roter Sand) im Osten.

In der Altstadt von Chiwa ist das traditionelle Bild einer Oasenstadt sehr anschaulich erhalten geblieben. Mehrere Stunden bummeln wir durch 2500 Jahre Geschichte – Moscheen, Mausoleen, Medresen und Paläste. Begrenzt wird die Altstadt von einer 2,2 Kilometer langen, 10 Meter hohen und 8 Meter breiten mächtigen Stadtmauer, an der sich die Festung Kunja-Ark erhebt.

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Quer durch die Wüste Kisilkum, mit Zwangspausen an diversen Passkontrollen, reisen wir weiter nach Buchara.

Buchara war einst ein Zentrum der islamischen Lehre und galt als das Mekka Mittelasiens. Unzählige Moscheen, Medressen und Mausoleen gibt es nach wie vor in der Stadt und wir verbringen viel Zeit mit dem Erkunden einiger der Bauten.

Etwas außerhalb Bucharas befindet sich das große Gelände Sitorai Mochi-Hosa – „der Ort, wo Mond und Sterne einander begegnen“ – erbaut als Sommerresidenz für den letzten Emir von Buchara: prunkvolle, unterschiedlich dekoriert und eingerichtete Räume sowie ein gepflegter Garten, in dem sich Pfaue von ihrer schönsten Seite zeigen.

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Von der im 19. Jahrhundert erbauten Sommerresidenz zieht es uns in das, im 14. Jahrhundert entstandene, Zentrum der Nakschibandi-Bruderschaft, eines Sufi-Ordens. Der Komplex ist einer der wichtigsten Pilgerstätten der Muslime Zentralasiens.

Das letzte Pilgerziel für uns ist die Nekropole Tschor Bakr. Die Gräber von vier Saiden – Nachkommen des Propheten – befinden sich auf dem Gelände mit mehr als dreißig Bauten.

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Durch die Wüste Kisilkum ziehen wir weiter in das Wüstendorf Jangigasgan, in dessen Umgebung ein paar Jurtencamps stehen. Unterwegs legen wir eine Pause, im von Alexander dem Großen gegründeten, Nurata ein. Über Nurata thronen noch heute die Ruinen der Festung Alexanders. Unterhalb der Festung befindet sich eine Quelle, die samt ihrer darin schwimmenden, wohlgenährten Fische als heilig gilt.

Für uns gibt es in Nurata jedoch Palov/Osh (Reis, Brühe, fettes Fleisch). Unsere Gastgeberin glaubt, sie mache uns eine große Freude. Aber wir bekommen das fette Essen kaum noch runter. Wenigstens bestätigt sich unsere Sorge, das Jurtencamp könnte ein überfüllter Ort sein, nicht. Außer uns gibt es vier weitere Gäste und jede Menge Schildkröten, die gemächlich durch die Wüste ziehen.

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Der Morgen beginnt abrupt für alle im Camp um 6 Uhr – Kachramon hat das Autoradio laut gestellt. Er findet, das wäre origineller als an die Jurte zu klopfen. Das Wetter ist nicht besser als der Weckruf – dicker Nebel umgibt uns. Der in der Nähe des Camps gelegene Aydakulsee, der seine Existenz einer gebrochenen Staumauer verdankt und an dessen Ufer wir eigentlich entlang spazieren wollen, liegt im tiefsten Nebel und wir stehen im dicksten Schlamm.

Also fahren wir weiter nach Samarkand. Dort erwartet uns bereits Kachramons Bruder Djahangir mit einem Freund. Djahangir hat an der Uni mit einem Deutschstudium angefangen und möchte die Sprache üben. Sein Freund entscheidet sich vorerst fürs Zuhören, um später zu entscheiden, ob Deutsch der richtige Studiengang für ihn sei.

Gemeinsam streifen wir durch die Parks und das märchenhafte Samarkand: die Nekropole Shah-i-Sinda mit über 20 Mausoleen, die wunderschöne Bibi-Khanum-Moschee, die Timur (Tamerlan) von (verschleppten) Baumeistern aus aller Welt errichten ließ, der Registan-Platz – das Zentrum des antiken Samarkands mit dem Ensemble der drei Medressen – sowie das Gur-Emir-Mausoleum, die Grabstätte Tamerlans und einiger Mitglieder seiner Familie.

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Für den Abend laden uns die Drei zum Besuch einer Disco ein. So ganz nach unserem Geschmack ist die Disco nicht und die Art zu tanzen – modern mit folkloristischen Elementen – beherrschen wir nicht wirklich.

Am Morgen brechen wir auf in die Heimat Tamerlans, nach Schachrisabs, wo er seine Ruhestätte ursprünglich geplant hatte.

Die Piste geht durch das Zarafshan-Gebirge. Zwischen den Felsen stehen hier und da Leute mit frischem Fleisch, wer Hunger hat, lässt es sich in einem Lehmofen zubereiten. Hunger haben wir keinen, probieren wollen wir jedoch und bereuen es nicht.  

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Außer dem Timur-Denkmal, der Kuk Gumbas-Moschee und dem Palast Aksaray gibt es nicht viel zu sehen in Schachrisabs. Zum Abschluss des Dorfrundganges gehen wir in die Gruft, die Timur zu seinen Lebzeiten als seine Grabstätte hatte anlegen lassen. Da er im Winter starb, konnte sein Leichnam wetterbedingt nicht nach Schachrisabs gebracht werden und er wurde in Samarkand beigesetzt.

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Auf dem Rückweg nach Samarkand rasten wir im Dorf Tersak. Schaf- und Ziegenherden weiden an den Berghängen, die Umgebung lädt zum Wandern ein. Kachramon, der immer neue Geschäftsideen entwickelt, schlägt uns ein Joint Venture vor – wir sollen eine Herde kaufen, die er gewinnbringend betreuen würde. Er versucht auszurechnen, wie viele Soʻm wir als anteiligen Gewinn erhalten könnten.

Ein paar Kilometer von Samarkand entfernt befindet sich in Urgut der größte Basar Usbekistans. Bis zur Mittagsstunde trödeln wir über den sehr lebhaften Markt. Zum Mittag sind wir in Samarkand zum Essen bei der Tante von Kachramons Frau eingeladen – erzählt er uns jedenfalls. Schnell finden wir heraus, dass der Mann der Tante Dozent an der Uni und Kachramons Lehrer ist. Den Mitgliedern der Großfamilie, die uns empfängt, ist Kachramon offensichtlich unbekannt.

Nach einer Art „Deutsche Literatur Test“ durch den Dozenten verbringen wir dort einen schönen Nachmittag mit Tischreden, Tanz und viel Lachen.

Der letzte Tag in Usbekistan. Unser Flieger geht zwar erst um 2 Uhr, aber unsere Visa sind nur bis Mitternacht gültig. Gerade als wir nach Taschkent aufbrechen wollen, steht Kachramon vor der Tür und bittet uns, mit in die Uni zu kommen. Wir sollen ein wenig Deutschunterricht geben und bei der Gelegenheit den Studenten Rede und Antwort stehen. Unsere Lust darauf hält sich in Grenzen.

Der Hörsaal ist voll, der Dozent fehlt. Er hat wohl verschlafen und braucht noch eine Weile. Wir atmen auf und drängen darauf nach Taschkent aufzubrechen. Widerwillig lässt Kachramon uns ziehen.

In Taschkent haben sich zwischenzeitlich Fahrpreise und Polizeipräsenz erhöht: In Kirgistan ist Präsident Kurmanbek Bakijew nach einem blutigen Volksaufstand gestürzt worden und hat sich im Süden seines Landes verschanzt. Unsere abgelaufenen Visa interessieren niemanden mehr.

 

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