Jemen mit Sokotra

Allah helfe dir den Berg hinauf, herunter rollt man von selbst
(Aus dem Jemen)

Januar 2020

Salala (Oman) – Sheheen – Seiyun  (Schibam – Wadi Doan) – Sokotra – Ägypten

„Der Südjemen ist sicher. In jedem Haus gibt es mindestens zehn Waffen. Es wird aber kein Gebrauch davon gemacht. Jemeniten sind friedlich und gastfreundlich“, versichert uns Azam, der uns von Salalah im Oman zur jemenitischen Grenze bringt.

Betonblockaden auf der Straße, Soldaten kontrollieren an mehreren Checkpoints schon viele Kilometer vor der Grenze die Pässe. Zwischen steilen Bergen und der unterhalb verlaufenden Küstenstraße liegt die in Nebel gehüllte Grenzstation. Die Abfertigung auf omanischer Seite verläuft zügig. Vor der Einreise in den Jemen liegen jedoch umständliche Pass- und Gepäckkontrollen. Am heruntergekommenen, nur mit einem alten Bürostuhl ausgestatteten Kontrollhäuschen klebt ein verblichenes Werbeplakat einer Autovermietung.

Kurz hinter der Grenze wechseln wir das Auto. Wajid, der Guide, übernimmt und schickt uns in eine Straßenküche frühstücken. Zu unserer Überraschung gibt es nicht das übliche arabische Essen, sondern ein vorzügliches Pfannengericht plus Dessert. Die jemenitische Küche wird uns bis zur Abreise mit Köstlichkeiten überraschen.

Von der Küste in die Wüste

In Sichtweite stehen die Dörfer zu einander. Überall werden neue Häuser gebaut. „Viele Omanis haben eine Zweitfrau im Jemen und bauen für sie ein Haus. Aber auch Jemeniten bauen in der Grenzregion. Es ist dort sicher, der Krieg hat diesen Landstrich nie erreicht“, erklärt Wajid.

Zeltähnliche Gebilde aus Lumpen stehen hier und da am Ufer des Golfs von Aden. „Das sind keine Jemeniten. Das sind Somalis auf Durchreise. Sie wollen in den Oman, manche auch nach Saudi-Arabien. Im Jemen ist es ihnen zu unruhig“, werden wir aufgeklärt.

Wir verlassen die Küste und biegen ab in die Wüste. Die Straße ist asphaltiert, auch hier wird in den Dörfern gebaut. Checkpoints, bestehend aus zerbrochenem Drehstuhl, zerschlissenem Sonnensegel und einer klapprigen Schranke, befinden sich allenthalben auf der Strecke, knöchelhohe runde Mauern im groben Wüstensand geben Reisenden die Möglichkeit gen Mekka zu beten.

Ali, der Fahrer, schaut in den Rückspiegel und nickt Wajid zu. Ich drehe mich um. Hinter uns braust ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern heran. Ali und Wajid versuchen sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. Staub aufwirbelnd braust das Auto vorbei und entschwindet in der Ferne. Erleichtert sehen sich beide an.

Mit Einbruch der Nacht erreichen wir Sheheen, ein weiterer Grenzort zum Oman, der vor allem von Trucks genutzt wird. Sie stehen überall in dem lang gestreckten Ort, in dem so gut wie jedes Gebäude ein Hotel beherbergt. Für uns ist ein Zimmer im Naheen Hilton Hotel reserviert. Es hat zwar mit der Hilton-Hotelkette nichts gemein, das Zimmer ist jedoch sauber und es gibt warmes Wasser.

Wajid besorgt neben einem Snack zum Abend muslimisch korrekte Kleidung für Marc und mich. Marc könnte auch in seinen europäischen Sachen reisen, für mich ist es ohne langes schwarzes Gewand und schwarzen Schal undenkbar. Der Jemen ist eine zutiefst traditionelle Gesellschaft. Frauen sind nur sehr selten in der Öffentlichkeit zu sehen und natürlich nur in Begleitung eines männlichen Behüters. Wer sich nicht daran hält, begibt sich in Gefahr.

650 Wüstenkilometer liegen am nächsten Morgen vor uns. Rötlich schimmert der Wüstensand in der Morgendämmerung. Gefrühstückt wird im Auto, nur ein paar Kamele schauen zu. Tee und Kaffee gibt es in Rumah.

Das Restaurant in Rumah dürfen wir nur durch den Seiteneingang betreten. Der Haupteingang ist Männern vorbehalten. Als ich mich ohne Begleitung von den mit dicken Fäden zusammengeflickten Plastestühlen erhebe, um ein wenig vor dem Lokal herumzulaufen, wird Wajid unruhig. Wir sind im Nomadengebiet und hier dürfen selbst ausländische Männer nur in Begleitung eines Jemeniten die Straße betreten.

Am nächsten Checkpoint verlassen wir die Region al-Mahra und sind nun in der Region Hadramaut. Während die Nomaden in al-Mahra von der omanischen Regierung eine Zuwendung von 100 Rial für jedes Kamel und ein „Gehalt“ empfangen, damit sie die Grenzregion nicht verlassen und als „Grenzschutz“ gegen die Saudis fungieren, erhalten die Nomaden in Hadramaut ein „Gehalt“ von den Saudis. Je nachdem in welcher Region sie leben haben sie zwei Staatsbürgerschaften – Jemen/Oman bzw. Jemen/Saudi Arabien und damit auch kostenfreie Gesundheitsversorgung im jeweiligen Land.

Die Region Hadramaut

Der Abstand zwischen den Checkpoints wird immer kürzer. Militärfahrzeuge mit aufmontiertem Maschinengewehr stehen bereit. Tafelberge haben die Wüstenebene abgelöst. Steil fallen die Wände der tischebenen Gipfel auf tieferliegende Plateaus. In steilen Serpentinen führt die Straße ins Tal und wieder hinauf. Vor uns hat sich ein kilometerlanger Stau aus Trucks gebildet. Ali lenkt das Auto geschickt durch die parkenden Brummis. Wajid ist sich sicher, dass ein Fahrer die Kurve nicht bekommen hat. „Das passiert mehrmals täglich auf dieser Strecke.“ Tatsächlich hängt in einer Serpentine das Führerhaus eines Trucks über dem Berghang. „Da hatte der Fahrer aber viel Glück, das er in den Felsen hängen geblieben ist“, meint Ali. 

Grün und fruchtbar zieht sich das Wadi Hadramaut zwischen den hohen Tafelbergen entlang. Ab jetzt heißt es für mich das Kopftuch tief ins Gesicht zu ziehen. Während die Jugend lacht und grüßt, tragen die Alten ihre tiefe Verachtung im Blick.

Im Ort Einat haben wir die Erlaubnis, gut verpackt in muslimische Kleidung, einen Sufi-Friedhof am Rand des Dorfes zu besuchen. Einat mit den wunderschönen alten Lehmbauten dürfen wir indes nicht besichtigen. Auch für die Besichtigung des Friedhofes ist aus Sicherheitsgründen nicht viel Zeit. Ehe es sich herumspricht, dass Fremde vor Ort sind, müssen wir wieder verschwunden sein. Jeder Schritt, den wir auf unserer Reise machen, wird vorher von offizieller Seite genehmigt. Alle sechs Stunden gibt es ein Update zur Sicherheitslage an den Reiseveranstalter, das dazu führen kann, dass Teile des Reiseplans kurzerhand gestrichen werden.

Im historischen Tarim können wir etwas länger verweilen und streifen an einigen der unzähligen Paläste vorbei zum Wahrzeichen der Stadt, dem weithin sichtbaren Minarett der al-Mihdhar-Moschee. Letztendlich ist auch hier die Besichtigungszeit begrenzt und wir fahren weiter nach Seiyun.

Seiyun ist die größte Stadt im Wadi Hadramaut. Ihre Verkehrsadern zieren auf dem Mittelstreifen in Formen geschnittene Pflanzen: Herzen, Tiere, eine Teekanne. Auf einem Hügel steht der alte Sultans-Palast. Hierher flieht der Präsident des Landes, wenn es ihm in Aden zu heiß wird.

Am Stadtrand beziehen wir in einem traditionell in Lehmbauweise errichteten Familienhaus im Bungalowstil ein Zimmer, ausgestattet mit zwei Betten, einem zusammenbrechenden Schrank und einem blinden Spiegel. Im Bad gibt es warmes Wasser, in der Küche stehen ein uralter Gasherd und ein mit ein paar zerbeulten Blechtöpfen bestücktes, wackliges Regal. Treffpunkt der Familie ist der große Vorraum mit zwei Sofas und einem Kühlschrank in der Ecke.

Seiyun ist das Tor für Touren in die Umgebung und mit einem funktionierenden Flughafen unser Ausgangspunkt für die Weiterreise auf die Insel Sokotra.

Vorbei an teilweise mit flutlichtähnlichen Solarlichtern ausgestatteten Fußballplätzen aus staubigem Sand fahren wir tiefer ins Wadi. Auf einer Anhöhe steht, umgeben von einer hohen Stadtmauer, das Weltkulturerbe Schibam. Auf engstem Raum ragen über 400 Häuser aus Lehm, sieben bis neun Stockwerke hoch, in den Himmel und geben der Stadt den Beinamen „Manhattan der Wüste“.

Schibam ist knapp 2000 Jahre alt, liegt am Beginn der alten Weihrauchstraße und war seinerzeit von reichen Kaufmannsfamilien bewohnt. Wir streifen durch leere Gassen, die vielen Läden, die es bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges gab, sind nur noch an ihren traurig herabhängenden Ladenschildern zu erkennen. Beeindruckend ist die Stadt jedoch nach wie vor. Die Fassaden einiger Lehmbauten sind verziert, schmale Fenster lassen etwas Tageslicht in die Räume, die Höhe der Häuser spendet angenehmen Schatten in den verwinkelten Gassen. Hier und da liegt ein Haufen aus Lehm und Holz, der einst ein stattliches Haus war, weiß schimmert die Moschee in der Sonne.

Unsere Fahrt geht weiter ins Wadi Doan. Frauen mit kegelartigen Hüten auf dem Kopf arbeiten auf den Feldern und gehen ohne männliche Begleitung durch die Orte.

Durch die fehlende Besichtigungserlaubnis unerreichbar für uns, klebt Al Hajjaryn, eine der aus Lehmziegeln erbauten Felsenstädte des Wadis, an einem Berg.

In Seif, ebenfalls aus Lehm erbaut, verläuft die Straße direkt am Dorf entlang. Vor der braunen Bergkulisse thront weiß ein Palast über dem Ort. Wir bitten Wajid uns doch den kurzen Weg zum Palast laufen zu lassen. Ali kurvt durch die engen Gassen, ohne näher an den Palast heranzukommen. Nur kurz währt die Suche, dann fahren wir weiter. „Wir müssen schnell wieder weg. Al Qaida ist hier aktiv. Vor zwei Jahren wurde die örtliche Polizeistation in die Luft gesprengt. Sie liegt jetzt am Dorfrand“, meint Wajid. „Auf dem Rückweg werden wir dort halten und versuchen dem Palast zu Fuß etwas näher zu kommen. Mehr als zehn Minuten Zeit haben wir aber nicht. Dann wird es zu gefährlich.“ Dass die Gegend überhaupt bereist werden kann, ist den vielen Checkpoints zu verdanken, die mit jemenitischen, zuverlässigen Leuten besetzt sind.

Jhilaha Bokhsan, ein kleiner Ort mit großen Palästen, ist der Endpunkt der Fahrt im Wadi. Das Dorf wird von der reichen Familie Bokhsan bewohnt, in ihrem größten Palast mit über 50 Zimmern dürfen wir auf die Dachterrasse. Der weite Blick über das grüne Tal und den gegenüberliegenden Ort am Felshang ist fantastisch.  

Auf einem Felsenplateau oberhalb von Bokhsan essen wir in einem Ressort zu Mittag. Von hier schweift der Blick über das Tal und die Felsen der Nebentäler. Auf einer 150 Meter hohen Klippe, geschützt vor den saisonalen Wassermassen des Flusses, liegt der Ort Haid Al-Jazil.

Am Abend werden die Vorbereitungen für unseren morgigen Flug nach Sokotra getroffen. Aus dem Oman wurden Zelt und Schlafsäcke besorgt, eine Kiste Obst vom hiesigen Markt vervollständigt die Mitbringsel.

Der Flughafen in Seiyun ist fest in der Hand von saudischem und jemenitischem Militär. Immer mittwochs startet eine Maschine der Fluglinie Yemenia nach Sokotra.

Sokotra – Insel am Horn von Afrika

Im sehr in die Jahre gekommenen A-320-Flieger gibt es, trotz Bordkarten mit Sitzplatzzuweisung, freie Platzwahl. Neben mir sitzt ein junger Mann, der uns mit Gesten erklärt, wie man den Tisch herunterklappt, den angebotenen Tee ordert und mit Gesten den Landeanflug auf Sokotra darstellt.

Sokotra, „Arabisches Galapagos“ genannt, liegt 350 Kilometer vom jemenitischen Festland und 233 Kilometer von Somalia entfernt im Indischen Ozean. Hausherr über den Flughafen ist unübersehbar das saudische Militär. Am winzigen Gepäckband wird lauthals das Gepäck verteilt; Mikrowellen, Radiatoren und mehr werden so gestapelt, dass es schwer ist, sich zum Ausgang durchzukämpfen. Dazwischen begrüßen sich Männer, indem sie die Nasen aneinander reiben.

Auch wir werden bereits erwartet. Achmed, unser Guide, und Hussein, unser Fahrer, stehen im dichten Gedränge am Band. Da die Anzahl der Touristen äußerst überschaubar ist, halten sie kein Schild in der Hand, sondern kommen gezielt auf uns zu. Sokotra ist für Touristen ohnehin nur von Oktober bis April ein Reiseziel. Von Mai bis September wehen so starke Winde, dass nur Sokotri ihnen standhalten. Oft gelangen in dieser Zeit weder Schiffe noch Flugzeuge auf die Insel, sodass die Preise für Lebenshaltungskosten um das Dreifache steigen.

Ungewöhnlich heftiger Regen hat die Küstenstraße stellenweise durch Erdrutsche fast unpassierbar gemacht. Langsam drängen sich Lkw und Pkw an den Erdmassen vorbei. Aus einem entgegenkommenden Tankwagen läuft Diesel.

Land unter heißt es auch in den lehmigen Straßen des Hauptortes Hadibu. Kinder baden in den riesigen Wasserlachen, Männer waschen ihre Autos, Frauen versuchen trockenen Fußes um das Nass herumzulaufen. Unfertig wirkt der Ort, der zwischen dem Indischen Ozean und gezackten Bergen klemmt. Ein Eisverkäufer kurvt in seinem bunt bemalten Auto durch die mit Plastik vermüllten Straßen. Neben privaten Neubauten stehen die Schilder der Länder der arabischen Halbinsel, auf denen großartig Hilfsprojekte angekündigt sind. „Alles nur Schein für das Fernsehen. Nichts passiert“, erfahren wir später von Achmed.

Eine Stunde haben wir Zeit, das Gepäck abzulegen und tief Luft zu holen, dann finden wir uns schon in einem Straßenrestaurant wieder. Köstlich zubereiteter, frisch gefangener Fisch landet vor uns auf dem Tisch. Dazu wird ein selbst gebackener, überdimensionaler Brotfladen gereicht. Hussein schaufelt uns ein Stück Fisch nach dem anderen aufs Brot. „Drei Kilo werdet ihr auf Sokotra zunehmen“, lacht er. Dabei dachten wir, der Weihnachtsspeck würde im Jemenurlaub schmelzen.

Achmed und Hussein stehen auf. Kaum haben sie sich von ihren Plätzen fortbewegt, sitzen uns zwei Ziegen gegenüber und fressen die Reste vom Tisch.

Nach einer gebührenden Mittagsruhe starten wir zum ersten Strandgang. Auf dem Weg liegt der kleine Hafen der Insel. Neben einem Containerschiff liegen aus der Zeit gefallene Holzboote vor Anker. Von einem jemenitischen Kahn wird gerade die Ladung an Zwiebeln gelöscht, vor dem Pier liegt ein bereits entladenes Holzboot aus dem Oman.

Unweit des Hafens steht aufrecht im flachen Wasser ein auf Grund gelaufenes Containerschiff; in einer Lagune fischen Jungen mit einem Wurfnetz. Schwungvoll fliegt es ins Wasser. Der Ertrag ist allerdings sehr gering.

Ein weitläufig ummauertes Grundstück am Ufer in bester Lage fällt uns ins Auge. Die VAE haben dieses Filetstück erworben, um für ihre Leute zu bauen.

Abends sind wir zu einer Hochzeit eingeladen. Während Marc mit ein paar Männern im Wohnzimmer der Brauteltern zusammensitzt und Reis mit Ziegenfleisch isst, sitze ich bei den Frauen im Innenhof. In der Dunkelheit leuchten die mit Pailletten verzierten, bunten Festtagskleider. Es wird getanzt, gelacht; alle warten auf die Braut. Kissen und Matratzen werden gebracht. Auf der entstandenen Sitzgelegenheit nimmt die Braut Platz. Ganz in Weiß, mit engem, sehr figurbetonendem Oberteil, an welches ein weit ausgestelltes Unterteil angesetzt ist, sitzt sie kerzengerade und fast unbeweglich auf dem „Thron“ und nimmt Glückwünsche entgegen. Zwei Frauen drängen mich sanft dazu, neben der Braut Platz zu nehmen. Trotz der erstarrten Haltung wirkt sie aufgewühlt. Heute Abend wird sie das erste Mal ihren Ehemann sehen.

Es ist Zeit, zum Haus des zukünftigen Gatten aufzubrechen. Die Frauen werfen sich ihre schwarzen Gewänder über die farbenfrohen Kleider und ziehen die Schleier vor das Gesicht. Der Mann wohnt etliche Kilometer entfernt. Zu weit für uns. Wir kehren ins Hotel zurück.

Da alle Erkundungsfahrten sternförmig von Hadibu aus durchgeführt werden, werden wir bei unserem einwöchigen Aufenthalt abwechselnd im Zelt und im Hotel übernachten. Wir besprechen kurz den nächsten Tag. Eine Wanderung auf ein Felsplateau ist vorgesehen. Mit abwägenden Worten tastet sich Achmed vor: „Wegen des Regens der vergangenen Tage ist die Wanderung keine gute Idee.“ Das sehen wir anders. Hussein klatscht lachend in seine Hände: „Ich wusste es, Deutsche wollen immer wandern.“

In der Hotellobby lungern saudische Soldaten auf den Sofas herum, ihre Waffen liegen in Griffweite. In misstrauischem Ton werden wir auf Arabisch angesprochen und zucken die Schultern. Die saudischen Entwicklungshelfer im Frühstücksraum dagegen grüßen freundlich. Von den Speisen auf dem Büfett ist der Honig aus dem Schwarzwald die begehrteste Kost.

Bevor wir an das nordöstliche Ende der Insel aufbrechen, streife ich noch durch Hadibu. Auf der mit Stacheldraht bewehrten Mauer des Stadions hocken Jugendliche und sehen einem Fußballspiel zu. Anders als auf dem Festland sind viele Frauen unterwegs. Sie winken und lachen, Männer wollen Fotos von sich und ihren Handwerkskünsten. Als ich in einer Lackiererei fotografiere, erschallen Rufe von der gegenüberliegenden Lackiererei. „Komm fotografieren!“ Nachdem ich auch dort Bilder geschossen habe, ruft der Werkstattbesitzer zur anderen Werkstatt hinüber: „Von uns gibt es mehr Fotos als von euch.“

Hochplateau und Drachenblutbäume

Die Wanderung auf das Hochplateau ist nicht so kompliziert wie von Achmed heraufbeschworen. Die Ziegenpfade sind trocken, unangenehm kann nur eine Begegnung mit den in Kopfhöhe hängenden Wespennestern werden. Gut getarnt hängen sie in den Weihrauchbäumen.

Wasser rauscht in die Tiefe. Die prall mit Wasser gefüllten Stämme der Flaschenbäume stehen eng beieinander am Berghang. Auf dem Gipfel breiten Drachenblutbäume ihr Blätterdach aus.

Der Drachenblutbaum ist das Wahrzeichen von Sokotra. Der knorrige Stamm verzweigt sich in Kopfhöhe in dicke Äste, die ein dichtes, pilzartiges, stachliges Blätterdach tragen. Rot wie Blut ist das Harz und bekannt für seine medizinischen Eigenschaften.

Wir rasten im Schatten eines Drachenblutbaumes und blicken hinab auf weißen Sandstrand und blaues Meer. Dort unten hat Hussein bereits einen Mittagsimbiss zubereitet. Während wir tafeln, beobachten uns aus nächster Nähe Schmutzgeier, auf der Lauer nach fetter Beute vom Tisch.  

   

Meterhohe Dünen, Fischerdörfer, Zelten am Meer

Starke Winde haben feinen Sand vom Meer ins Land geweht, der von den Felsen aufgehalten wurde und sich als Düne an die Berge schmiegt. Zwischen zwei Dünen hat das Wasser aus den Bergen eine breite Schneise geschnitten. Sprudelnd fließen die Wasserarme durch dichtes Gestrüpp und vereinen sich am breiten Strand zu einem Fluss. Die Düne zu erklimmen ist leichter als gedacht. Fest haftet der Sand unter unseren nackten Füßen. Unter wuchtigen Felsen sitzen Familien und picknicken. Eine Gruppe junger Frauen tanzt bei Musik unter einem separaten Felsen. Sie tragen bunte Kleidung, das Gesicht ist unverschleiert. Das schwarze Gewand und der Schleier der Frauen vom Festland hat es nur bis Hadibu geschafft. Je weiter wir uns vom Hauptort entfernen, desto bunter wird die Kleidung.

Die Bewohner sehen ihre Landeszugehörigkeit differenziert. Während Hussein betont, dass er Sokotri sei und kein Jemenit, meint Achmed, er sei schon wegen seines Passes Jemenit. Einig sind sie sich jedoch, dass es für Sokotra das Beste wäre, wenn das Militär von VAE und Saudis verschwinden würde und die Insel wieder ein Sultanat wäre. Sorge tragen beide, dass es in absehbarer Zeit zu einer Auseinandersetzung zwischen VAE und Saudis kommt und Jemeniten, die im Dienste der jeweiligen Länder stehen, gegeneinander kämpfen sollen.

Für das Nachtmahl erwerben Achmed und Hussein im Fischerdorf am Ende der Insel einen Thunfisch. Zurückhaltend zeigen uns die Fischer ihren Fang: Die ganz großen Fische werden in die VAE geschickt. Derweil beobachtet uns die Dorfjugend, die uns bei der Ankunft militärisch korrekt begrüßt hat.

Auf einem breiten, mit Sandpyramiden verzierten Strand, schlagen wir die Zelte für die Nacht auf. Bei Anbruch der Dunkelheit werden die Erbauer der Sandkegel, die Reiterkrabben, aktiv, flitzen über den Sand, während wir dem leisen Plätschern des Ozeans lauschen und abwechselnd in den Sternenhimmel und auf den Fisch, der über einem kleinen Feuer brutzelt, schauen.

Für den nächsten Tag ist als sportliche Aktivität Schnorcheln in Dihamri vorgesehen. Scharfkantige Muscheln und Korallen bedecken den Strand der Bucht. Fischerboote liegen am Ufer. Die Zyklone der letzten Jahre haben die Unterwasserwelt weitestgehend zerstört. Nur ein paar bunte Fische schwimmen zwischen den braunen Korallen.

Die Entscheidung, wechselseitig im Hotel und im Zelt zu übernachten, erweist sich als goldrichtig. Wohltuenderweise lassen sich so Salzwasser und Sand vom Körper spülen.

Die Südküste

Nach einer bequemen Hotelnacht brechen wir auf zur anderen Inselseite. Hussein schaut unruhig um sich. Plötzlich bremst er, kehrt um und hält vor einer Bretterbude. Ich folge ihm in einen engen Raum, in dem sich mehrere Männer um einen Mann mit Kühltruhe scharen. In Alufolie verpackte Bündel werden aus der Truhe geholt. Darinnen befinden sich Khat-Blätter, ohne die für Hussein der Tag ein schlechter Tag ist. Strahlend kauft er ein Bündel und fährt gut gelaunt weiter.

An der Küstenstraße mehren sich die Checkpoints. Auffallend oft wehen die Fahne der VAE und des Südjemen gemeinsam an den Kontrollpunkten. Rostige, sowjetische Panzer – Relikte aus der Zeit des Kalten Krieges – stehen akkurat geparkt in ihren Stellungen, die Rohre auf das Meer gerichtet.

Über das karge Bergland fahren wir zur Südküste, zur Wanderdüne beim Dorf Zahik. Mit Vollgas fährt Hussein die Düne hinauf. Hinter dem meterhohen Wellenmeer aus Sand branden die kleineren Wellen des Ozeans an das Ufer. In kleinen Tälern hat Grün dem Sand standgehalten, der unaufhörlich tiefer in das Landesinnere geweht wird.

Vom Meer geht es wieder hinauf in die Berge. Steil fallen die Felswände ins Wadi Derhur ab, Drachenblutbäume bedecken vollständig das Plateau. Ich frage Achmed, wie alt die Bäume sind. „Viele hundert Jahre sind sie alt. Seit Generationen hat sie niemand wachsen sehen“, erzählt er. „Setzlinge gibt es leider auch keine, da Ziegen alles wegfressen.“

„Es gibt keinen Sprit“, begrüßt uns am nächsten Morgen Achmed. Obwohl der Tank nur noch zu einem Achtel gefüllt ist, fahren wir Richtung Nordwesten los. Unterwegs ruft Hussein bei jedem Benzinhändler und jeder Tankstelle aus dem Fenster: „Hast du Benzin?“

Nach mehreren Kilometern und ergebnislosen Rufen signalisiert ein rotbärtiger alter Mann, dass er Benzin hätte. Vor seiner Holzhütte stehen zwei gefüllte Kanister. 2 USD verlangt er für 0,5 Liter. Normalerweise kostet ein Liter 50 Cent. Er kann seinen Sprit behalten.

Detwah-Lagune: ein Traum in Weiß und Türkis

In Qualansiyah, dem zweitgrößten Ort auf Sokotra und Militärstützpunkt, gibt es endlich Benzin. Hussein darf das Auto voll betanken.

Am Ortsrand sollen wir die Augen schließen. Achmed zählt von 1 bis 10. Wir öffnen die Augen. Vor uns breitet sich herrlicher Sandstrand aus, aquamarinfarbenes, klares Wasser umrahmt die Detwah-Lagune. An ihrem Ufer werden wir die Nacht verbringen.

Durch ein Watt laufen wir zu einer Sandbank. Kleine Wellen rollen auf den feinen Sand, wir gehen im warmen Wasser baden. Sehr langsam füllt sich das Watt, wir haben genug Zeit für die Rückkehr zum Zelt. Gefüllt ist es erst am nächsten Morgen.

Das Lagerfeuer knistert, Funken sprühen. Die Besitzerin des Zeltplatzes läuft unentwegt laut schimpfend zwischen den Anwesenden hindurch. Sie ist Brians Mutter aus dem Film „Das Leben des Brian“ zum Verwechseln ähnlich. Plötzlich greift sie nach meinem Kopf, drückt mir ein paar Küsse auf die Wangen, sagt „No english“ und redet weiter auf die Männer ein.

Meinen Badeanzug hatte ich abends zum Trocknen an den Seitenspiegel des Autos gehängt. Als ich am Morgen aus dem Zelt krabble, fährt Hussein gerade mit dem Auto und meinem im Fahrtwind flatternden Badeanzug in die Moschee.

Die Wächterin des Platzes hockt laut schimpfend an der Feuerstelle. Sie ist verärgert über den vielen Sand, den die Männer zum Löschen des Feuers über die Glut und die entstandene Holzkohle geschüttet haben. Sie verdonnert die Männer dazu, ihr zu helfen. Brav schleppen sie den Sand ans Ufer des Watts.

In Qualansiyah steigen wir vom Auto in ein Fischerboot um. Ein Mann mit einem 50-Kilogramm- Sack Zucker – das ist eine haushaltsübliche Abpackung – steigt dazu. Seit drei Tagen wartet er auf ein Boot, das ihn in sein Dorf bringt.

An bizarren, steil aufragenden Felswänden vorbei, pflügt das Boot durch die Wellen. Plötzlich wird die See ruhig, der Mitfahrer steigt in ein anderes Fischerboot um, Delfine mit Jungtieren schwimmen im Wasser. Leider habe ich mein Schnorchel-Equipment zu Hause liegen lassen und so kommt nur Marc in den Genuss mit der Delfin-Großfamilie schwimmen zu gehen.

Der Mann mit dem Zucker hat einen Beutel im Boot vergessen. Sein Dorf ist in Sichtweite, wir fahren hin. Fischerboote liegen umgedreht auf dem feinen Sand. Ein paar Hütten kleben an einer Felswand, teilweise sind die Räume in den Fels hineingebaut. Die Bewohner gehören alle einer Familie an. Vom Boot aus fotografiere ich den Ort und packe die Kamera wieder in den Rucksack.

Mit uns an Bord ist ein japanisches Paar. Die Bewohner laden uns zum Tee ein, die Frauen gehen zu den Frauen, die Männer betreten ein anderes Haus.

Vor dem Haus der ältesten Frau des Dorfes wird eine Bastmatte ausgerollt, Kissen werden bereitgelegt, Tee und fettfreie Ziegenmilch serviert. Die Japanerin hat ihre Kamera um den Hals hängen. Eine alte Frau kontrolliert die Bilder darauf. Anscheinend ist alles in Ordnung. Ein junger Mann spricht Englisch. Er studiert in Hadibu und kann so zwischen uns und den Frauen vermitteln. Über meinen Wunsch, durch das winzige Dorf zu laufen, entscheidet die alte Frau. Zähneknirschend stimmt sie zu. Während die Jugend uns in ihre Häuser lockt, versucht die Alte uns fernzuhalten.

Ehe es sich die Alte versieht, betreten wir eine der aus Zweigen gebauten Sommerhütten. Sie gibt nach und folgt. Durch die Äste der Hütte weht angenehm erfrischend der Wind. Eine Frau mit Baby kommt hinzu und füttert es mit einem Brei aus Reis und Ziegenmilch. Wir sollen unbedingt probieren. Eine Fingerspitze voll genügt, um zu wissen, dass der Brei nicht schmeckt.

Mittlerweile haben die Männer ein Mittagessen geordert. Serviert wird ein großer Teller mit Reis, Ziegenmilch und Datteln. Wir würgen einen Anstandshappen hinunter und freuen uns auf das Abendessen in Hadibu.

Am nächsten Morgen blicke ich ein letztes Mal auf mein Handy. Wie ständig im Jemen erscheint eine Anzeige „Wie immigriere ich vom Jemen nach Kanada“. Wir fliegen nach Ägypten.

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