Ehrlichkeit ist nicht zu sagen, was man denkt, sondern alles zu denken, was man sagt.
(Sprichwort aus dem Tschad)
Reisejahr 2026 | Lesezeit 15 Minuten
N’Djamena – Mao – Zouarké – Trou au Natron – Yebbi Bou – Gouro – Ounianga – Kalait – N’Djamena (Gaoui)

Die Republik Tschad liegt am östlichen Rand der Sahelzone und ist das fünftgrößte Land Afrikas. Ihr Territorium weist starke geografische und kulturelle Gegensätze auf: Während im trockenen Norden vor allem muslimisch-arabisch geprägte Bevölkerungsgruppen leben, ist der fruchtbarere Süden überwiegend afrikanisch-christlich dominiert.
Diese Unterschiede bestimmten auch die politische Entwicklung nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960. In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu blutigen Konflikten um die politische Vorherrschaft zwischen den Stämmen des Nordens und des Südens.
Umgeben von Krisenländern wie Sudan, Libyen, der Zentralafrikanischen Republik, Niger und Nigeria steht der Tschad zwar ständig unter äußerem Druck, gilt aber als eines der letzten stabilen Länder in der Region.
Die Expedition beginnt
Am Morgen nach unserer Ankunft in der tschadischen Hauptstadt N‘Djamena brechen wir sogleich auf. Mit zwei Geländewagen, unseren Fahrern Adolfo und Abdoulaye sowie Köchin Alicia beginnt für uns eine dreiwöchige Reise durch eine der entlegensten und zugleich beeindruckendsten Wüstenlandschaften der Erde.
Die Fahrzeuge sind schwer beladen: Wasserkanister, Benzin, frisches Gemüse und Konserven mit Corned Beef, Mais und Bohnen. Nach wenigen Kilometern kommt noch ein frisches Stück Hammelfleisch hinzu und wird kurzerhand auf dem Dachgepäckträger festgezurrt. Bei Temperaturen von über 40 Grad Celsius übernimmt die Sonne das Vorgaren ganz von allein.


Auf einem Markt decken wir uns mit zusätzlichen Vorräten ein. Einen Imbissverkäufer bitte ich um ein Foto. Zunächst zögert er und stimmt sich mit seinen Freunden im Hintergrund ab, dann nickt er. Einer der Männer drückt ihm rasch ein Schlachtmesser in die Hand. Tschader lassen sich nur ungern fotografieren; umso dankbarer bin ich für diese Zustimmung.
Nach etwa 120 Kilometern endet der Asphalt. Bis hierhin hat Adolfo mehrere Bremsschwellen regelrecht überflogen und dabei die Klimaanlage des Autos ruiniert. Als die Straße jedoch endlich dem Sand weicht, ist er in seinem Element angelangt.
Die Landschaft öffnet sich: Savanne, graue Häuser mit hörnchenartigen Aufsätzen an den vier Ecken der flachen Dächer, vorbeiziehende Rinderherden, Ziegen und Schafe auf Futtersuche. Esel verharren reglos in der Hitze, während einige Pferde den spärlichen Schatten eines Akazienbaumes nutzen.




Als die Sonne zu sinken beginnt, schlagen wir unser Zelt zwischen hohen Bäumen auf. Kinder eines nahe gelegenen Dorfes beobachten uns aus respektvoller Entfernung. Ein kleiner Snack, bestehend aus Erdnüssen und dem landestypischen Getränk Karkanji, eine Art Tee aus Hibiskusblüten, überbrückt die Zeit bis zum Abendessen.
Der Tagesablauf ist klar strukturiert: Aufstehen um 5:30 Uhr; Frühstück um 6 Uhr mit Kaffee, Tee, Brot, Marmelade und Schmelzkäse; Abfahrt um 7 Uhr – zumindest theoretisch. Mittags gibt es einen einfachen Salat, abends Suppe und einen Hauptgang, serviert unter dem klaren, überwältigenden Sternenhimmel der Sahara.
Die erste größere Panne
Trotz der frühen Zeit zum Aufstehen benötigen wir keinen Wecker: Alicia sorgt mit klapperndem Geschirr zuverlässig für den Start in den Tag.


Kaum sind wir unterwegs, endet die Fahrt nach wenigen Kilometern abrupt – ein platter Reifen zwingt uns zu einem ungeplanten Stopp.
Zum Glück liegt das Städtchen Mao nicht weit entfernt. Bevor wir uns um die Reparatur kümmern, steuern wir noch eine Tankstelle an.
Dort nimmt das Unheil seinen Lauf: Adolfo stellt die Benzinkanister mit geöffnetem Deckel in den zum Sitzbereich offenen Kofferraum unseres Toyota Land Cruiser. Beim Befüllen verfehlt der Tankwart einen Kanister, Benzin spritzt durch den Innenraum. Unsere Tagesrucksäcke und einige Kleidungsstücke sind im Nu durchtränkt. Wenigstens bleiben wir selbst verschont.
Alicia reagiert pragmatisch. Sie besorgt Waschpulver auf dem Markt und beginnt Coladosen zu reinigen. Ich stehe erst etwas ungläubig blickend mit meinen kraftstoffgetränkten Sachen daneben und werfe sie dann kurzerhand in die Schüssel.
Aber der Benzingeruch bleibt. Er begleitet mich den ganzen Tag, kriecht in die Nase, setzt sich in der Lunge fest und verursacht dumpfe, pochende Kopfschmerzen.
Nachdem der Reifen geflickt und Ersatzrucksäcke organisiert sind, setzen wir die Fahrt fort. Herden von Rindern, Kamelen und Ziegen mit ihren Jungtieren ziehen vorbei. Adolfo schleudert mit dem Auto über die Sandpiste. Mitunter hängen alle vier Räder in der Luft; das Aufsetzen ist hart.
In einem verlassen wirkenden Dorf legen wir eine Pause ein. Staub weht durch die verstreut stehenden Hütten, kein Mensch ist zu sehen. Die Szenerie erinnert an die ikonische Anfangssequenz aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das Surreale steigert sich noch, als wir in einer der Hütten gekühlte, zollfreie Getränke entdecken.
Ins Herz der Sahara
Nach einer Nacht zwischen trockenen Grasbüscheln lassen wir die Savanne endgültig hinter uns. Die Fahrspuren im Sand weisen Richtung Libyen; vereinzelt liegen Autoreifen als Markierungen in der Landschaft. Adolfo, stets auf der Suche nach neuen Wegen, verlässt diese Routen jedoch immer wieder und macht die Reise zu einer echten Expedition.




An einem Brunnen halten wir, füllen unsere Kanister mit Wasser und beobachten Hirten beim Tränken ihrer Tiere. Kurz darauf kauft Abdoulaye mitten in der Wüste einem Nomaden eine Ziege ab. Wenig später fährt sie auf dem Dachgepäckträger mit.



An einer Karawanserei bleibt diesmal das zweite Fahrzeug liegen. Im Tschad sind Karawansereien keine gemauerten Gebäude, sondern einfache Unterstände aus Ästen und Stroh entlang alter Handelsrouten, die von Viehnomaden und Karawanen genutzt werden und über eine Wasserstelle verfügen.




Adolfo flucht und bastelt am Auto: „In der Werkstatt in N’Djamena wurde ein Teil des Stoßdämpfers schlicht nicht eingebaut.“ Mit Improvisationstalent und einer guten Portion Hartnäckigkeit bringt er den Wagen schließlich wieder zum Laufen.
Doch die Reparatur kostet Zeit, zu viel Zeit. Kaum sind wir wieder unterwegs, beginnt bereits die Suche nach einem neuen Nachtlager. Und so endet dieser Tag irgendwo zwischen Sanddünen und einem Himmel voller Sterne.
Ein neuer Tag
Am Morgen ist die Luft überraschend mild. Noch bevor alles verstaut ist, gehe ich ein Stück zu Fuß voraus. Bis Zelte, Vorräte und die Ziege, die Abdoulaye am Vorabend geschlachtet hat, sicher auf dem Autodach befestigt sind, bleibt mir genug Zeit.
Der Weg ist eindeutig: Ich folge einfach den Reifenspuren im Sand. Die Weite, die Stille, das gedämpfte Licht, alles wirkt beruhigend, fast entrückend. Und doch stellt sich bald ein leiser Zweifel ein. Die Landschaft ist so leer, dass Orientierung und Distanz zu verschwimmen beginnen. Umso erleichterter bin ich, als die Fahrzeuge schließlich am Horizont auftauchen und ich wieder einsteigen kann.
Mittlerweile hat der Wind aufgefrischt, treibt feinen Sand durch die Luft und trübt die Sicht. Bis auf fünf Kilometer nähern wir uns dem Nachbarland Niger, laut Adolfo die einzige Grenze des Tschad, die er als halbwegs sicher einschätzt.


Wie an fast jedem Tag halten wir an einem Brunnen. Alicia und Abdoulaye lassen einen Ledersack in die Tiefe hinab, ziehen ihn mühsam wieder herauf und füllen das Wasser in die Kanister. Neben uns stehen Kamele dicht aneinandergereiht und warten unruhig darauf, endlich zur Tränke vorgelassen zu werden.
Stürmisch geht es weiter durch den Tschad
Trotz eines geschützten Lagerplatzes zwischen hohen Felsen überrascht uns am Morgen ein heftiger Wind. Böen drücken die Zeltstangen nieder, feiner Staub legt sich über alles. Das Kaffeepulver verweht im Wind, Geschirr klappert und stürzt zu Boden.
„Der Sandsturm bleibt drei Tage“, sagt Adolfo voraus. Immerhin hat das Unwetter einen angenehmen Nebeneffekt: Die Temperaturen steigen kaum mehr über 29 Grad.
Während wir weiterfahren, tauchen immer häufiger Wracks im Sand auf: Autos, Lastwagen, sogar ein verlassener Panzer. Es sind Relikte des Grenzkriegs zwischen Tschad und Libyen, der von 1978 bis 1987 wütete. Ausgetragen wurde er um den rohstoffreichen Aouzou-Streifen. Bekannt ist dieser Konflikt auch als sogenannter „Toyota-Krieg“, in dem tschadische Einheiten mit den wendigen Pick-ups von Toyota überraschend erfolgreich operierten.


Die Sicht bleibt den ganzen Tag über schlecht, und so endet die Etappe früher als geplant. Alicia bereitet auf dem Propangaskocher das Abendessen im Kofferraum unseres Autos zu, Abdoulaye sitzt am Feuer und kocht Tee, Adolfo bastelt am Fahrzeug. Die Abläufe sind vertraut und gerade deshalb wirkt dieser Abend ungewöhnlich gelassen.
Kälteeinbruch im April
Die Nacht bringt eine unerwartete Kälte. Zwar befinden wir uns auf etwa 1000 Metern Höhe, aber es fühlt sich deutlich kälter an, als man für diese Jahreszeit erwarten würde. Unsere Ausrüstung ist auf milde 15 Grad ausgelegt, tatsächlich sinkt das Thermometer auf sechs. Und es soll so bleiben, mehrere Nächte lang.
Tibesti im Tschad: das höchste Gebirge der Sahara
Unser erster Halt am nächsten Morgen ist Zouarké, ein staubiger Verkehrsknotenpunkt. Schon vor dem Ort stapeln sich Benzinfässer. „Tankstellen“, erklärt Adolfo lakonisch. Vor einer Krankenstation wirbt ein Plakat für die Kraftfahrergewerkschaft; in Werkstätten werden sandverkrustete Pick-ups mit Hochdruckreinigern abgespritzt. Während unsere Fahrzeuge ebenfalls gesäubert werden, schlendern wir über den Markt.


Das Angebot ist erstaunlich vielfältig: Konsumgüter, gegrillte Hammelkeulen, Friseursalons. Händler beobachten uns aufmerksam, besonders die Goldverkäufer, deren Blicke prüfend auf uns ruhen.




Als alles erledigt ist, verlassen wir die Stadt am nächsten Kontrollpunkt. Dahinter beginnt das Tibesti, ein Gebirgszug mit Gipfeln bis zu 3445 Metern, der auch „Bergland des Hungers“ genannt wird, da ein Leben außerhalb der wenigen Oasen kaum möglich ist.
Mehr als 1000 Kilometer haben wir seit N’Djamena zurückgelegt ohne ein einziges Verkehrsschild zu sehen. Doch ausgerechnet hier, mitten in dieser kargen Weite, stehen plötzlich Tempo-50-Schilder am Rand einer Piste, auf der man ohnehin kaum schneller als im Schritttempo vorankommt.




Trou de Natron im Tschad: das Salzloch
Am Fuße des zweithöchsten Vulkans im Tibesti, dem Pic Toussidé, liegt der Krater Trou au Natron. Sein Durchmesser beträgt sieben Kilometer, seine Tiefe etwa 700 Meter. In der weiten Caldera stehen schwarze Kegelvulkane in schneeweiß schimmerndem Natron.


In Kraternähe befindet sich unser Nachtlager, bestehend aus zwei halbrunden, kniehohen Schutzwällen aus Felsgestein und einer mannshohen Mauer, hinter denen sich eine Moschee verbirgt. Ausgelegt ist sie mit Bastmatten und einem Gebetsteppich. Am Abend hält hier eine Gruppe junger Männer, betet und fährt weiter.


Durch die Trockentäler
Die Nacht ist bitterkalt. Am Morgen entzündet Abdoulaye zunächst ein Feuer, an dem wir uns wärmen, bevor wir unsere Reise fortsetzen.
Die Strecke führt über Hochebenen und durch Trockentäler (Wadis) mit bizarren Sandsteinformationen. Akazien trotzen der Dürre, Ziegenherden ziehen gemächlich vorbei.




Immer wieder entdecken wir prähistorische Felszeichnungen wie Giraffen, Nilpferde und Elefanten, die Siedler in der einst fruchtbaren Landschaft hinterlassen haben. Zu den bekanntesten Motiven gehört der sogenannte „Mann von Gonoa“.



Die Oase Yebbi Bou im Tschad
Zwei Tage später, nach einer Fahrt über graue Ebenen, bergige Pisten und dem Passieren eines Militärstützpunktes erreichen wir Yebbi Bou. Von einer Oase ist jedoch weit und breit keine Spur. Die Häuser haben das in der Region typische halbrunde Dach aus Palmblättern, die Mauern sind aus Felssteinen, der Wohnraum ist in die Außenmauer integriert. Nur die Moschee und die Villa eines Goldminenbesitzers heben sich farblich ab.




Die Region ist Heimat der Tubu, deren Clans von der Landesregierung weitgehend unabhängig agieren. Fremde werden nicht selbstverständlich willkommen geheißen. Doch unser Gastgeschenk – eine Solarbatterie – öffnet Türen. Wir dürfen zwei Nächte im Hof eines Gästehauses zelten.



Zu unserer Überraschung steht hier ein kleines Gärtchen mit Rebstöcken, die mit ihrem Laub einen schattenspendenden Baldachin bilden.
„Wo ist die Oase?“, fragen wir Adolfo.
„Sie ist versteckt“, antwortet er lächelnd.
Am Nachmittag machen wir uns auf die Suche. Und tatsächlich: In einem tief eingeschnittenen Tal, etwas außerhalb des Dorfes, liegt sie – ein Garten aus Dattelpalmen, durchzogen von einem schmalen Wasserlauf. Vögel zwitschern, die Luft ist kühl, und für einen Moment scheint die raue Natur vergessen.



Am nächsten Tag erkunden wir die Umgebung weiter. Nach kurzer Fahrt steigen wir oberhalb eines Wadis aus, klettern über Felsen hinab und folgen einem schmalen Pfad entlang der Abbruchkante. Einige anspruchsvollere Passagen später erreichen wir den Talgrund.
Plötzlich lösen sich die Sohlen meiner Wanderschuhe. Abdoulaye reagiert gelassen, zieht eine Schnur hervor und bindet sie notdürftig fest. Die improvisierte Lösung hält bis zum Ende der Reise.
Wir folgen dem schmalen Flussbett bis zu einem kleinen See. Darüber spannt sich ein heller Felsenbogen, an dessen Kanten „steinerne Gardinen“ hängen. Zwei kleine Wasserfälle speisen das grün schimmernde Becken. Der Ort wirkt unwirklich – wie ein verborgenes Tor in eine andere Welt.



Am Nachmittag brechen wir erneut auf, diesmal zu einem weiteren See am Ende eines bewohnten Wadis. Auch hier umrahmen ungewöhnlich geformte Felsen das Wasser.
Und wieder überrascht uns das Gebirge: karg und lebensfeindlich und zugleich von einer stillen, überwältigenden Schönheit.
Weiterreise
So beeindruckend die Landschaft auch ist – der Abschied fällt uns nicht schwer. Vor allem die Aussicht auf wärmere Nächte wirkt verlockend. Ein letzter Halt gilt dem ehemaligen Flugplatz von Yebbi Bou. Zwischen Sand und Geröll liegen dort die Überreste dreier libyscher Militärmaschinen.
Auf den Pisten herrscht ungewohnter Verkehr. Schwer beladene Pick-ups aus Libyen kommen uns entgegen; einige Fahrzeuge bringen Arbeiter zu den Goldminen, andere transportieren Ziegen und Schafe in die entlegenen Abbaugebiete.


An einer provisorisch aussehenden Straßensperre stoppen uns zwei Männer. Dank des Schutzes eines lokalen Bandenchefs verläuft die Begegnung überraschend entspannt: Man erkundigt sich höflich, ob wir etwas benötigen, dann dürfen wir ohne Gegenleistung weiterfahren.


In den folgenden Tagen führt die Route über felsige Anstiege, weite Ebenen und vorbei an hohen Dünen. Allmählich verändert sich die Farbe des gelben Sandes in ein helles Rot.




Völlig unerwartet stehen mitten im Nichts drei Zelte. Ein improvisierter Handelsposten in der Einöde, in dem Motorenöl, Knoblauch und Kartoffeln verkauft werden.
Brunnen, an denen Kamele getränkt werden, tauchen immer öfter auf. An einer dieser Wasserstellen begegnet uns ein junger Mann, der uns spontan zu einer Hochzeit einlädt. Normalerweise bleiben Dörfer für Fremde verschlossen, und Frauen haben keinen Zugang zu den Versammlungen der Männer. Für uns wird jedoch eine Ausnahme gemacht.



Die Feier findet in einer einfachen, aus zusammengebundenen Ästen errichteten Unterkunft statt. Ein Teil ist blickdicht abgetrennt, ein anderer mit Blättern überdacht. Auf dem Boden liegen dicke Teppiche, deren eingewebte Silberfäden im Sonnenlicht schimmern. Darauf sitzen junge Männer in festlicher Kleidung und spielen Karten.
Der Bräutigam wirkt fast als beiläufiges Requisit: Neben seinen Freunden sitzend, vertieft er sich in Videos auf seinem Handy – erst Kriegsszenen, dann Tetris, schließlich Filmtrailer, darunter sogar „Police Academy“.



Seit vier Tagen wird gefeiert. Einige Männer bitten um Fotos, andere beobachten uns neugierig. Unser Gastgeber zeigt sich erstaunt, dass man aus Deutschland hierherreist, um Urlaub zu machen.
Dann beginnt das Essen: Nudeln, Süßigkeiten, später Gemüse, Reis und Pudding. Dazwischen immer wieder Pausen, in denen jeder für sich auf seinem Handy spielt.
Nach drei Stunden der Völlerei fahren wir weiter und schlagen aus Zeitgründen unser Lager am Rand der Oase Gouro auf. Auch hier gibt es am Morgen eine Überraschung: Ein Mann tauscht unsere leeren Wasserflaschen gegen frisches Gemüse aus seinem Garten ein, darunter Rote Bete, Auberginen und Möhren.
Die Landschaft wird wieder weiter, offener. Sand erstreckt sich bis zum Horizont. Libysche Panzerwracks stehen verstreut in der Wüste. Um einige liegt fabrikneu aussehende Munition verstreut, andere haben Dünen bereits unter sich begraben. Hier waren die Kampfhandlungen im Tschadisch-Libyschen Krieg am heftigsten.




Die Ounianga-Seen im Tschad
Am Folgetag erreichen wir die Oase Ounianga. Unser Quartier schlagen wir unter Palmen im roten Dünensand am See Ounianga Kebir auf.



Das Gewässer ist Teil einer faszinierenden Kette von Süß- und Salzwasserseen, die teils bis zu 40 Kilometer voneinander entfernt liegen und dennoch unterirdisch miteinander verbunden sind.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zum Lac Boku. Einst durch wandernde Sandmassen vom Ounianga Serir abgetrennt, hat er sich – geschützt von einem dichten Schilfgürtel – zu einem Süßwassersee entwickelt. Ein Bad darin wäre mehr als verlockend, doch fehlt uns die passende Kleidung.


Zurück nach N‘Djamena
Die nächsten fünf Tage sind vom Vorankommen geprägt. Kilometer um Kilometer ziehen vorbei, während sich die Landschaft stetig wandelt: Felsen, Ebenen, Dünen, Geröllfelder.




Adolfo legt einen kleinen Umweg ein und bringt uns zum „Skylight Arch“ einem faszinierenden Naturwunder im Ennedi-Massiv. Wind und Sand haben hier spinnennetzartige Öffnungen in einen Felsblock geschliffen und eine natürliche Dreifachbogenstruktur geschaffen, ein faszinierendes Spiel aus Licht und Stein.


Ganz ohne Zwischenfälle verläuft die Rückfahrt jedoch nicht. Ein Stoßdämpfer gibt nach, Bremsflüssigkeit fehlt. „In der Wüste ist das kein Problem“, meint Adolfo gelassen. Er fährt vorsichtiger, zumindest so lange, bis er vergisst, dass wir nicht bremsen können, und wir über eine Erhöhung fliegen.
80 Kilometer legen wir ohne Bremsen zurück, bis wir Kalait erreichen. Der Ort wirkt geschäftig: Tankmöglichkeiten in Form von Benzinfässern, Werkstätten, Ersatzteilläden. Dazwischen befinden sich Buden mit gekühlten Getränken und sogar ein kleines Restaurant.
Wir kehren ein. Es gibt zart gegrilltes Hammelfleisch, dazu Brot, Zucker und Milchpulver.
Je näher wir der Hauptstadt kommen, desto deutlicher verändert sich die Landschaft. Aus der Wüste wird wieder Savanne. Bäume säumen Täler, Herden drängen sich um Wasserstellen, die Temperatur steigt auf 44 Grad.




N’Djamena und Abreise
Am Nachmittag erreichen wir N’Djamena. Eine Dusche und ein gemütliches Bett im Hotel sind unsere einzigen Wünsche. Doch der Nachtschlaf will sich nicht recht einstellen. Vielleicht fehlt die Weite, vielleicht die frische Luft, an die wir uns gewöhnt haben.
Am nächsten Vormittag unternehmen wir noch eine kurze Stadttour: ein Abstecher nach Gaoui mit seinem historischen Sultanspalast, anschließend die katholische Kathedrale und der Place de la Nation im Zentrum.




Dann heißt es Abschied nehmen: Die Expedition durch den Tschad hat uns in drei Wochen durch eine der abgeschiedensten und faszinierendsten Wüstenlandschaften der Erde geführt. Von den ersten Kilometern auf staubigen Straßen bis zu den endlosen Sandflächen der Sahara haben wir die unbändige Vielfalt dieser Region erlebt: weite Savannen mit ziehenden Herden, dramatische Gebirgszüge des Tibesti, surreal anmutende Salzkrater wie das Trou au Natron, die geheimnisvolle Oase von Yebbi Bou und die Kette der Ounianga-Seen. Diese Reise war nicht nur ein 4000 Kilometer langes Abenteuer über Sand, Felsen und Hochebenen, sondern auch eine Begegnung mit der Sahara selbst: ihrer eindrucksvollen Schönheit, ihrer Härte und ihrem unerschütterlichen Leben.