Armenien und Bergkarabach

Wer die Wahrheit spricht, muss immer ein gesatteltes Pferd bereithalten.
(Aus Armenien)

Jerewan – Byurakan – Haghpat – Chkalovka (Sewansee) – Bergkarabach (Stepanakert – Vank – Agdam – Shusha) – Halidsor – Yeghegnadzor – Jerewan

AserbaidschanEine Zusammenfassung:

Mitternacht: Der Flughafen in Jerewan überrascht selbst um diese Uhrzeit mit Effizienz: Alle 14 Einreiseschalter sind geöffnet, der Einreisestempel ist fünf Minuten später im Pass, das Gepäck dreht bereits auf dem Band seine Runden. Marc, der vor mir ankam, hat einen Hoteltransfer organisiert und einen Mietwagen, der uns die kommenden zwei Wochen durch das Land bringen wird.

Der fabrikneue Lada Niva – altes Bauklötzchendesign, jedoch mit elektrischen Fensterhebern – steht bereit. Es ist Sonntag und wir fahren zuerst ins Kloster Mother See of Holy Echmiadzin, dem Sitz des Patriarchen der armenisch-apostolischen Kirche, in Echmiadzin, dem ältesten christlichen Ort der Armenier und religiöses Zentrum des Landes.

Filmstreifen 1

Beim Betreten der Kirche umgibt uns die Atmosphäre des Treffens eines mittelalterlichen Geheimbundes. Priester in schwarzen, weiten Umhängen, die spitze Kapuze tief in das Gesicht gezogen, sind in das Gebet vertieft. Sicherheitsleute betreten die Kirche, gefolgt von Seiner Heiligkeit, Oberster Patriarch und Katholikos Aller Armenier, Karekin II. Lange wohnt er dem Gottesdienst nicht bei. Als er die Kirche verlässt, reihen wir uns ein in die Schar der Gläubigen, die seinen Segen erhalten wollen, erhalten diesen – die Reise kann beginnen.

Das auf Postern so schön aussehende Kloster Zvartnost wählen wir als erstes Ziel und – stehen vor einer Ruine. Ein Sänger der Oper in Jerewan bietet eine kostenlose Gesangseinlage in den Ruinen an, mit anschließendem Kauf einer DVD.

Ab jetzt werden wir uns vorher im Internet die Klöster ansehen und dann entscheiden, ob wir sie besichtigen wollen.

Einen Abstecher zum Kloster Saghmosavank machen wir dennoch. Das – wie die meisten Klöster Armeniens – in typisch mittelalterlicher armenischer Architektur erbaute Kloster liegt an einer tiefen Schlucht. Ein eisiger Wind weht. Kälte empfängt uns auch in der Klosterkirche:  Durch eine, mit einer Kuppel überdachten Vorhalle (Gawit), die gleichzeitig Grabstätte und Versammlungsraum der Gemeinde war, gelangen wir über auf dem Boden liegende Grabplatten in die Klosterkirche. Nur wenig Licht dringt durch die Öffnungen im dicken grauen Mauerwerk in den Gebetsraum. An den Wänden hängen Heiligenbilder in hellen Farben – die einzigen Farbtupfer an diesem Ort.

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Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Kloster Howhannawank. Statt über die nahe gelegene Straße, schickt uns das Navi über Feldwege in den Vorgarten eines Hauses, um anschließend die Route so lange neu zu berechnen, bis wir am Kloster angekommen sind.

Eine alte Frau, die vor dem Kloster in Sirup schwimmende Trockenfrüchte und Marmelade verkauft, lädt uns zum Tee ein. Nachdem wir bei der Besichtigung des Klosters gut gefroren haben, nehmen wir die Einladung mit Freude an. 

Die Frau bringt uns in ihr Haus, ruft ihre Tochter heran, die den Tee zu kochen und Holz im Öfchen – einem rostigen kleinen Blechkasten – nachzulegen hat. Er ist die einzige Heizquelle des Hauses und wir sind froh, dass wir direkt daneben Platz nehmen können. In Abständen bekommen wir heimische Produkte wie Marmelade und zuckersüßes Obst zum Kauf auf den Tisch gestellt. Unsere Ablehnung des Angebotenen löst wenig Begeisterung aus. Wir bezahlen den Tee und verlassen unter dem leichten Murren der alten Frau das Haus. 

Unser Tagesziel Byurakan ist im Navi nicht zu finden. Bleibt die Straßenkarte und im Ort das richtige Bauchgefühl für den Weg zum Hotel. Es lässt uns nicht im Stich.

Am Morgen ist der Himmel klar, die Sonne lacht und beim Blick aus dem Fenster grüßen Großer und Kleiner Ararat mit schneebedeckten Gipfeln. Das scheint das richtige Wetter für eine Fahrt zum Kari Lich, einem See, zu sein, um von dort den Südgipfel des Aragat zu besteigen. Nach vier Kilometern bleiben wir im Schnee stecken, sehen Männer, die Schnee in den Kofferraum ihres Autos packen, kehren um und googeln im Hotel nach möglichen Wanderungen.

Von Byurakan soll ein Weg zur Festung Amberd, die tiefer liegt als der See, führen. Wo der Weg beginnt, ist nicht herauszufinden und so laufen wir die Straße, die wir eben befahren haben, entlang. Irgendwo soll es einen Abzweig zur Festung geben. An der Schneegrenze testen wir die Begehbarkeit der weißen Pracht. Die Schneedecke ist verharscht und scheint trittfest zu sein. Nach einem Kilometer brechen wir jedoch immer wieder knietief ein, der Abzweig ist nicht in Sicht, Schuhe und Füße sind nass. Das Zeichen zur Umkehr.  Der Rückweg tröstet mit dem Blick auf den Ararat und den Atommeiler von Mezamor.

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Auf einen Tageshöhepunkt wollen wir jedoch nicht verzichten. Neues Ziel ist das Kloster Tegher. Leider kennt das Navi das Kloster nicht und auch die Straßenkarte hilft uns nicht weiter. Für heute geben wir auf.

Dass wir den Weg zum Kloster Tegher nicht gefunden haben, wollen wir nicht auf uns sitzen lassen. Bevor wir am nächsten Morgen weiter in den Debed Canyon reisen, nehmen wir einen neuen Anlauf. Da wir gestern bis auf zwei Ausnahmen alle Möglichkeiten abgefahren haben, finden wir die Zufahrtstraße sofort.

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Am Kloster sind wir die einzigen Gäste, genießen Sonne und klösterliche Ruhe und machen uns entspannt – auf einer Nationalstraße Richtung Georgien – auf den Weg nach Haghpat im Debed Canyon.

Die Straße hat wenige Schlaglöcher, bis Vanadzor kommen wir gut voran, das Navi gibt eine Restfahrzeit von 1,5 Stunden an, wir legen eine kleine Pause ein.

Hinter der Stadt schickt uns das Navi auf eine Baustelle. Flankiert von schwerem Gerät holpern wir durch tiefe Kuhlen, über Schotter und schmale Fahrspuren. Zweifel – das kann keine Nationalstraße sein.  

Direkt vor einer Dorfeinfahrt steht ein Durchfahrt-Verboten-Schild auf der Piste. Eine Umleitung durch das Dorf, denken wir, biegen ab, fahren ziellos darin umher – es gibt keine Umleitungsschilder – zurück auf die Piste und mangels Alternative an dem Schild vorbei.

Nach zehn Minuten stoppen uns Bauarbeiter, die Straße ist zu Ende. Drei Kilometer sollen wir zurück fahren, dort sei eine Umleitung. Vermutlich an dem Schild, meinen wir und fahren wieder in das Dorf. Diesmal fragen wir im Dorf nach dem Weg. Das Schulrussisch reicht, um die Beschreibung zu verstehen.

Nur ein kurzes Stück müssen wir zurückfahren, eine schmale Brücke überqueren, dann geht es bergauf und -ab. Das Navi hat längst aufgegeben, die Tankanzeige blinkt rot. Sind wir richtig, sind wir falsch? Um Sprit zu sparen, bleiben wir stehen und warten auf ein Auto. Die Sonne nähert sich den Berggipfeln. Ein Auto! Ja, wir sind in der richtigen Richtung unterwegs, bis zum nächsten Ort mit Tankstelle, Alaverdi, sei es nicht weit.

Die Tankstelle. Erleichtert fahren wir an die Zapfsäule einer – Gastankstelle. Zum Glück ist eine Benzinzapfsäule in der Nähe.

Froh und mit vollgetanktem Auto nehmen wir die letzten Kilometer bis Haghpat in Angriff. Mit den letzten Sonnenstrahlen treffen wir in einer Pension am Kloster Haghpatavank ein. Aus den vom Navi prognostizierten 1,5 Stunden sind 5,5 Stunden geworden.

Unsere Gastgeberin, Flora, erwartet uns bereits. Zum Empfang gibt es wohltuenden heißen Tee, später werden wir mit einem armenischen Abendessen verwöhnt.

Flora zeigt uns unser Zimmer. Kälte schlägt uns entgegen. Eine Heizung gibt es nicht, ein Heizlüfter wird aufgestellt, der warme Luft in den Raum pustet, ihn jedoch nicht erwärmt. Im Bad herrschen Kühlschranktemperaturen. Zum Schlafen ziehen wir an, was der Rucksack hergibt. Den Lüfter schalten wir sicherheitshalber aus: Steckdose und Stecker glühen.

Frierend, aber nicht erfroren, wachen wir am nächsten Morgen auf, wärmen uns bei Tee, Kaffee und einem leckeren Frühstück und beschließen die restliche Kälte mit einer Wanderung zum Kloster Sanahin zu vertreiben. Flora bietet uns an, einen Guide für die Wanderung zu organisieren. Dankend lehnen wir ab – für die sieben Kilometer.

Wir starten vor der Haustür mit der Besichtigung des Klosters Haghpatavank. Das im 10. Jahrhundert gegründete Kloster beeindruckt durch einen mächtigen freistehenden Glockenturm, über das Gelände verteilte, kunstvoll gravierte Steine mit dem Aussehen von Kreuzen (Chatschkar), Grabstätten mehrerer Bischöfe und einer Bibliothek.

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Nach der Besichtigung des – uns auf der Tour am meisten imponierenden – Klosters wandern wir los. Eine halbe Stunde später stehen wir auf der Hauptstraße und kommen nicht weiter. Missgestimmt setzen wir uns unter einen Baum. Ein Auto hält und nimmt uns mit zurück.

Erstaunt stellt Flora fest, wie schnell wir doch wandern können. Sie lacht, als wir sie um einen Guide bitten. 30 Minuten später kommen zwei junge Männer.

Hinter einem Tor, das wir für verschlossen hielten, beginnt die Wanderung durch die zerklüftete Felsenlandschaft. Wir überqueren eine jahrhundertealte Brücke, dann folgt ein steiler Aufstieg auf einem kaum sichtbaren Trampelpfad. Ein Plateau mit Acker, Weiden und einem 600 Seelen Dorf liegt vor uns. Ein typisches Dorf: Die Jungen ziehen weg, die Häuser verfallen. Zurück bleiben die Alten, die sich mit gärtnern und etwas Vieh über Wasser halten. Im kleinen Dorfladen gibt es Getränke, wir rasten. Das Ziel, Kloster Sanahin, ist bereits zu sehen, aus einem Berg steigen weiße Rauchwolken auf. In der kargen Berglandschaft erinnern sie an Szenen aus Herr der Ringe. Der Rauch kommt hingegen nicht aus Sarumans Werkstätten, sondern aus einer Metallfabrik.

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Das Kloster Sanahin ist dem Kloster in Haghpat ähnlich, für uns jedoch längst nicht so beeindruckend. Sein Name Sanahin bedeutet „Dieses ist älter als jedes“, und bekundet den Anspruch, älter als das Kloster in Haghpat zu sein.

Für den Rückweg zu unserer Pension versuchen wir den Guides schonend beizubringen, dass wir wandern wollen. „Das ist hart“, ist die ratlose Antwort. Wir versichern, dass wir den Weg alleine finden. Nach einigem Zögern lassen Sie sich darauf ein.

Das Kloster in Haghpat im Blick marschieren wir los, überqueren das Plateau und verfehlen beim Abstieg den richtigen Pfad. Der Weg, den wir einschlagen, sieht einladender aus. Auch er führt abwärts zum Fluss, endet jedoch nicht an der Brücke und führt auch nicht am Fluss entlang.

Marc wälzt Brückenbaupläne im Kopf, findet im Gebüsch auch eine mit rostigen Nägeln gespickte Latte. Während er grübelt, ziehe ich Schuhe und Socken aus, krempele die Hosenbeine hoch und balanciere durch die Strömung ans andere Ufer. Marc folgt, große Steine vor sich ins Wasser werfend, trockenen Fußes nach.

Flora und Familie warten bereits mit dem Abendessen. Gegessen wird mit der Familie gemeinsam in getrennten Räumen mit offener Verbindungstür. So hat der Herr des Hauses den Überblick über unseren Tisch und schickt sofort die Tochter los, wenn die Teekanne leer ist.

Vom Debed Canyon reisen wir weiter zum Sewansee. Für unterwegs haben wir uns drei Klöster für einen Besuch rausgesucht. Das Erste ist das Kloster Odzon. Schon der Weg dorthin beeindruckt durch die sehr spitzen Serpentinen. Kloster Akhtala beeindruckt mehr durch seine noch erhaltenen Fresken.

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Wissend, aber nicht erkennbar, durchfahren wir ein Stück Landesgrenze Armeniens zu Aserbaidschan, weiter in Stoßdämpfer schonendem Tempo über die mit Schlaglöchern übersäte Straße – abgelegene Bergstraßen sind in einem weitaus besseren Zustand – und erreichen das Kloster Haghartsin, das idyllisch inmitten dichter Wälder liegt.

Eine Stunde später flimmert am Horizont die Eisfläche des Sewansee. Vom, auf einer Halbinsel gelegenen, Kloster Sewanavank genießen wir einen weiten Blick über den vereisten See und schneebedeckte Berge. Wenig später genießen wir den weiten Blick von unserem Zimmer (mit Heizung!) aus.

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Wir überlegen, länger als eine Nacht zu bleiben. Ob uns dann noch genügend Zeit für Bergkarabach bleibt? Fraglich.

Die Entscheidung fällt zugunsten von Bergkarabach. Unterwegs halten wir nur am Kloster Hayravank, das idyllisch am See liegt, bummeln über den Friedhof Noratus, der größten Ansammlung von Kreuzsteinen mit christlichen Motiven und halten ein letztes Mal am Ufer des Sewan, um die Landschaft zu genießen.

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Über den Sodk-Pass führt die Straße nach Bergkarabach. Sicherheitshalber wollen wir vor dem Befahren der Passstraße das Auto volltanken. Intuitiv halten wir an einer einsam stehenden Zapfsäule. Sie ist tatsächlich der letztmögliche Tankstopp.

Der Lada schraubt sich die Serpentinen hinauf. Die Straße ist schlaglochfrei! Die Luft ist mild, die Berge sind schneebedeckt oder bunt gefärbt von Mineralien.

Lkw, mit Mineralien beladen, kommen uns entgegen. Längst müssten wir die Grenze zu Bergkarabach passiert haben.

Die Serpentinen führen abwärts. Im Tal wehen die armenische Fahne und die Fahne von Bergkarabach – die Grenze. Die Pässe werden kontrolliert, wir erhalten die Adresse des Auswärtigen Amtes in Stepanakert für die Visabeantragung und bekommen einen schönen Aufenthalt gewünscht, in der

Republik Bergkarabach.

Die Ausreise ist unkompliziert wie die Einreise, die Straße relativ schlaglochfrei und so haben wir die Zeit, um zu den „Flügeln von Tatev“ zu fahren, der längsten Seilbahn der Welt. Gut elf Minuten dauert die 5,7 Kilometer lange Fahrt über die malerische Schlucht des Flusses Vorotan mit verschlungenen Wegen und Serpentinen bis zum Kloster Tatev.

Filmstreifen 10

Das Kloster Tatev steht am Rand einer tiefen Schlucht. Eine große Ölmühle gehört zum Gebäudekomplex. Wir spazieren über das Gelände. In einem der Nebengelasse liegen Holzscheite, Axt und Hackklotz. Marc ergreift die Gelegenheit und macht Brennholz. Das wärmt.

Wir gondeln zurück, orientieren uns von oben, wo unser Quartier ist – das Fass, in dem wir übernachten werden, ist von der Gondel aus gut zu sehen – und beziehen kurze Zeit später unsere runde Behausung, die direkt am Rand der tiefen Schlucht steht.

Dank Ölradiator ist es am Morgen nur kühl im Fass. Im Restaurant ist der Fernseher bereits zum Frühstück an, der Ofen wäre uns lieber gewesen. Nun gut, aufwärmen kann man sich auch beim Wandern vom Kloster Tatev zur Teufelsbrücke im Tal und mit ein bisschen Glück hält das Wetter trotz wolkenverhangenem Himmel noch ein wenig.

Diesmal sollte es wirklich ohne Guide machbar sein. Der Wanderweg war von der Seilbahn aus gut zu erkennen und sogar markiert – ein Novum in Armenien.

Das Auto parken wir am Kloster Tatev. Den Einstieg zum Wanderweg finden wir sofort, an einem Abzweig folgen wir dem gut sichtbaren Pfad, bis wir auf einem Felsvorsprung stehen. Der Blick hinauf zum Kloster und über die Wasserfälle ins Tal ist herrlich, aber der Weg ist zu Ende. Umkehr. Am Abzweig folgen wir nun dem zugewachsenen Trampelpfad und ein paar Schritte weiter ist auch die Markierung wieder sichtbar.

An der Ruine des Klosters Anapat legen wir eine Pause ein. Die ersten Regentropfen fallen. Von hier sollte der Weg – unserer Vorstellung nach – nur noch zum Fluss Vorotan führen und dann am Fluss entlang zur Teufelsbrücke.

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Der Regen wird stärker. Tatsächlich sind wir in kurzer Zeit am unbegehbaren Flussufer. Die gut sichtbare Wegmarkierung zeigt zu einem sehr schmalen, steil aufwärts führenden Pfad. Wir denken an den Tee, den es im Hotel an der Teufelsbrücke bestimmt geben wird, und folgen der Markierung.

Das Hotel hat geschlossen. Für die Besichtigung der Teufelsbrücke fehlt uns die Muße, das Auto steht am Kloster Tatev, zu Fuß den Weg zurück zu laufen ist bei dem Wetter keine Option. Am Straßenrand stehend, warten wir auf eine Mitfahrgelegenheit. Drei Autos kommen im Lauf der Zeit vorbei, alle sind überfüllt.

Da entdecken wir ein Paar, das auf dem Hotelgelände sitzt. Geschäftstüchtig verhandeln sie einen, – für sie sehr vorteilhaften – Preis für die Fahrt nach Tatev.

In Tatev gibt es den ersehnten Tee und einen Snack. Um nicht zu frieren, setzen wir uns nicht in das Café, sondern auf die offene Veranda.

Gestärkt durch Warmgetränke und Kekse haben wir auf der Rückfahrt die Muße, die Teufelsbrücke zu besichtigen. Die von der Natur geformte Brücke erinnert an eine große Tropfsteinhöhle. Von Felsvorsprüngen fließt Mineralwasser herab, unter den Quellen entstandene Becken laden zum Baden ein.

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf. Es regnet und wir haben Sorge, dass wir die Tiefe und Passierbarkeit der Schlaglöcher nicht richtig einschätzen können. Nur ein Abstecher zum Shaki-Wasserfall – Kaskaden, die aus 18 Meter Höhe in die Tiefe stürzen – muss sein.

Die Straßenverhältnisse sind besser als erwartet und bereits am frühen Nachmittag erreichen wir Yeghegnadzor. Das Navi leitet uns zuverlässig zu unserem gebuchten Hotel.

Am Haus gibt es keinen Hinweis darauf, dass hier ein Hotel ist. Der Blick in die Empfangshalle mit herunterhängenden Kabeln und aufgeplatztem Marmorfußboden verheißt nichts Gutes. Eine Frau aus einem der Geschäfte im Erdgeschoss winkt uns heran. Wir sollen uns hinsetzen, ein Hotelmitarbeiter käme in fünf Minuten. Eine alte, mürrisch in Russisch auf uns einredende Frau erscheint. Wir gehen durch das marode Treppenhaus in den ersten Stock. Lange dunkle Flure mit Böden, von denen man nicht sicher sein kann, ob sie nicht unter einem falschen Tritt zusammenbrechen, ziehen sich über die Etagen.

Die alte Frau öffnet ein Zimmer. Graue Gardinen, muffiger Geruch, wir zeigen fragend auf die Heizkörper unter dem Fenster. Leicht empört erklärt sie uns, dass diese natürlich nicht funktionieren. Wir drehen uns um, gehen und suchen im Navi nach weiteren Unterkünften im Ort. Fehlanzeige.

Im Reiseführer ist ein Hotel beschrieben. Das Navi findet die Adresse nicht und so fahren wir einfach drauflos. Zweimal fragen wir Passanten, beide Male werden wir fehlgeleitet. An einer Polizeistation fragen wir ein letztes Mal nach dem Hotel. Der Gefragte setzt sich ins Auto und bedeutet uns, dass wir ihm hinterher fahren sollen. Er hält vor dem Hotel, aus dem wir gerade gekommen sind. Ungläubig sehen wir uns an.

Das gesuchte Hotel steht direkt gegenüber dem Geisterhaus. Ein beheizbares Zimmer ist auch noch frei und nach einer Pause fahren wir zum Kloster Noravank, das malerisch inmitten roter Berge liegt.

Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche des Klosters ist originell gebaut:  Trapezförmig in der Fassade eingelassene – ungesicherte – Steinstufen führen in das zweite Geschoss. Wir klettern die Treppe hinauf, genießen den Ausblick über das Klostergelände und gehen mit wackligen Knien die Treppe wieder herunter.

Filmstreifen 12

Am Morgen starten wir zur letzten Etappe der Reise und zum letzten geplanten Besuch eines Klosters: Khor Virap, das Postkartenkloster Armeniens. Den schneebedeckten Ararat, der den Hintergrund der malerischen Bilder bildet, sehen wir nur kurz, ehe er wieder in den Wolken verschwindet.

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Gesättigt von Klosterbesuchen und Auto-pur-Fahrspaß (rumpelndes Fahrwerk, klemmende Schaltung, jaulendes Getriebe) fahren wir nach Jerewan und geben den Lada, der uns zuverlässig durch Armenien brachte, zurück.

Beenden wollen wir den Urlaub mit einer Tour durch Jerewan. An der Oper vorbei laufen wir die Kaskaden (Kunstgalerien) von Jerewan aufwärts zur Statue Mutter Armenia, deren Sockel das militärische Museum beherbergt. Es ist geschlossen. Ein Taxi bringt uns zum Genoziddenkmal, auch hier ist das Museum geschlossen: Ostersonntag. Dann eben in den Zoo. Dort gibt es vor dem 1. Mai nur Vögel und Reptilien zu sehen – das ist nicht das, was wir wollen. Nun bleiben nur noch der Garni Tempel und das Kloster Geghard in der Nähe von Jerewan.

Filmstreifen 14

Wir brechen zum definitiv letzten Klosterbesuch auf. Langsam fährt das Taxi über die Dörfer. Die Tachonadel bleibt im untersten Zahlenbereich, die Zahlen auf dem Taxameter steigen umso mehr.

Ganz Jerewan scheint in Tempelkomplex und Klosteranlage unterwegs zu sein. Entnervt verlassen wir beide Stätten schnell wieder, fahren nach Jerewan zurück und lassen den Urlaub mit armenischem Wein ausklingen.

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