China – Xinjiang

Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.
(Konfuzius)

Pakistan – Khunjerab Pass – Tashkurgan – Kashgar- Urumqi – Kasachstan Russland (Sibirien und Ferner Osten)IslandAlaska und Kanadas Yukon

Juni 2019

Ein torförmiges Monument, das jeden der es durchquert zu verschlingen scheint, markiert die Grenze zwischen Pakistan und China auf dem Khunjerab-Pass. Wir fahren unter dem Bogen hindurch, blicken in das ernste Gesicht eines chinesischen Grenzsoldaten und auf unzählige Videokameras, die anstelle von Laternen die Straße ausleuchten.

Bis zur chinesischen Grenzstadt Tashkurgan liegen noch 80 Kilometer Straße vor uns. Damit sich niemand ungesehen in das Land einschleichen kann, gibt es 200 Meter entfernt bereits den ersten Einreise-Check.

An der Einreisestation weist ein Schild daraufhin, dass hier eine videoüberwachte Zone sei und jeder auf seine Manieren achten möge.

Vier freundlich blickende Männer kümmern sich um uns. Neugierig blättern sie die Pässe durch, lesen erstaunt Namen wie DR Kongo und Sierra Leone. Meinen großen Rucksack muss ich bis zur letzten Socke auspacken. Die Nagelschere kommt zum Vorschein. „Messer? In China verboten! Hast du eines?“ Ich beteuere nur die Schere zu haben, er gibt sich zufrieden.

Marc hat mehr Glück. Der Beamte bleibt an seinen Büchern hängen, lässt sich die Titel übersetzen, blättert ein wenig in ihnen.

Anschließend ist mein Tagesrucksack an der Reihe. Dem Beamten fällt mein Vorrat an Tagebüchern auf. Während er sich das beschriebene Heft nicht ansieht, blättert er die leeren Seiten durch. Nichts flößt einem chinesischen Offiziellen mehr Angst ein, als das geschriebene und das gedruckte Wort.

Die Speicherkarten der Kameras werden ausgelesen, die Fotos, die auf meinem Handy sind, gecheckt. Als ich den Laptop hervorhole, kommt eine Gruppe Pakistaner in das Gebäude. Offensichtlich soll ein Stau vermieden werden, ich darf den Laptop, ohne ihn geöffnet zu haben, wieder einpacken und soll ganz schnell gehen.

Lückenlos ziehen sich Zäune mit und ohne Stacheldraht an der Straße entlang, Zufahrten zu den im Einheitsstil erbauten Häusern in den Dörfern werden von Polizisten kontrolliert, alle Sorten von Videokameras überwachen lückenlos jeden Zentimeter Boden – bis Tashkurgan.

Auch wenn wir schon seit knapp zwei Stunden im Land sind, müssen wir noch einmal einreisen. Bevor das Auto verlassen werden darf, wird es von außen mit chlorhaltigem Wasser desinfiziert.

Wenn wenigstens die Technik am Einreiseschalter auch nur halb so gut funktionieren würde wie die lückenlose Überwachung. Ständig stürzen die PC ab, die Visa in unseren Pässen werden misstrauisch beäugt, es wird hin und her geblättert, immer neue Beamte werden hinzugeholt.

Endlich sind die Einreisestempel im Pass, wir reihen uns in die Warteschlange für die Gepäckkontrolle ein.

Uns schwant nichts Gutes. Sämtliches Gepäck wird durch den Scanner geschickt und anschließend von Hand kontrolliert. Einem Pakistaner wird sein Trinkpäckchen in eine leere Wasserflasche umgefüllt, dann wird das leere Päckchen noch einmal durch den Scanner geschickt. Es scheint in Ordnung zu sein. Er bekommt es wieder und wirft es in den Mülleimer.

Mich graust es bereits – die Kameras, das Handy, der Laptop. Werde ich heute noch in das Hotel kommen?

Marc steht vor mir. Interessiert werden die Reiseführer durchgeblättert. Eine Beamtin konzentriert sich auf einen Kanada-Reiseführer, drei weitere Beamte haben in einem Handbuch über Grönland die Landkarte entdeckt und studieren sie ausgiebig.

Sie blicken auf die Uhr, stellen fest, dass der Dienstschluss naht und die Warteschlange noch lang ist. Und da sich der chinesische Beamte nicht um seinen Feierabend bringen lässt, muss ich nichts auspacken und kann gehen.

Tashkurgan ist ein mehrheitlich von Tadschiken bewohntes, vom Pamir umgebenes, trostloses Grenzstädtchen. Die Läden haben bereits geschlossen: In ganz China herrscht Peking-Uhrzeit. Den Drei-Stunden-Zeitsprung, den wir – obwohl immer noch in der pakistanischen Zeitzone unterwegs – bewältigen müssen, werden wir bis zur Abreise aus China nicht verarbeiten.

Am nächsten Morgen geht es mit einem privaten Fahrzeug in die alte Oasenstadt Kashgar. Die lückenlose Kamera-Überwachung bleibt uns erhalten, die Zäune an der Straße werden weniger, an den Zufahrten zu den Dörfern wacht weiterhin Polizei. Nichtsdestotrotz gilt es etliche Polizeistationen und Passkontrollen zu bewältigen.

Das ewige Eis der Berggipfel der 7000er durchbricht die Wolkendecke und spiegelt sich im Wasser des Karakul-Sees. Kirgisen, die in ihren Jurten am See leben, bieten Handwerkskunst und Essbares an. Tadschiken hoch zu Ross versuchen die Schaulustigen auf einen Ritt einzuladen.

Ein zweiter See, in dem sich Sanddünen und Berge spiegeln, lädt zur nächsten Pause ein, die Farbe der Berge wechselt in einen warmen Rot-Ton.

Wir erreichen Kashgar, die Oasenstadt an der alten Seidenstraße, bekannt für die größte erhaltene Altstadt in China.

Einen Teil von ihr erkunden wir noch, bevor es dunkel wird, werden jedoch enttäuscht. Von Altstadt-Flair keine Spur. Die Hausfassaden wirken künstlich, es gibt eine Handwerkergasse, eine Gasse, in der Zahnärzte ihre Patienten für jeden Vorbeikommenden dank der bodenlangen Schaufensterscheiben gut sichtbar behandeln, Läden mit Mao-Antiquitäten, ein paar Garküchen.

Wir biegen in eine schmale Gasse ab. Mit Lehm verputzte Häuser im Labyrinth enger Gassen vermitteln uns doch noch ein Gefühl für das Leben in der Oase, die einst ein wichtiger Handelsknotenpunkt war.

Auch in Kashgar wacht das Kamera-Auge über alles und jeden. Entfliehen kann man dem nur auf dem Sonntagsmarkt für Vieh am Rande der Stadt. Ein Taxi – die Rückbank steht unter Kamerakontrolle – bringt uns hin.

Vor dem Viehmarkt wird in einer langen Reihe von Garküchen geschlachtet, gekocht, gebraten, gegrillt. Auf dem Markt werden heute nur Kühe, Ziegen und Schafe angeboten: Schade, wir hatten auf Yaks und Kamele gehofft.

Mit dem Besuch der alten Moschee, dem Wahrzeichen der Stadt, beenden wir den Aufenthalt. Am Eingang zur Moschee werden die Pässe kontrolliert, eine Kamera überwacht den Schreibtisch der Ticketverkäuferin.

Der Anblick unzähliger Kameras erwartet uns auch im eigentlich sehr schönen, parkähnlichen Innenhof. Wir lassen uns auf einer Bank nieder, um die frische, kühle Luft zu genießen. Dermaßen unter Beobachtung fällt das Entspannen allerdings schwer, und wir besichtigen kurz die Moschee und gehen wieder.

Am Abend fliegen wir nach Urumqi, der Hauptstadt der autonomen Region Xinjiang. Leuchtreklamen blinken allenthalben an den Hochhäusern der Metropole, der Verkehr ist dicht, eigene Straßen für Fahrräder und Mopeds, wie sie in Chinas Städten üblich sind, gibt es nicht.

Zum Besichtigungshöhepunkt haben wir uns ohnehin den Himmelssee im Tianshan-Gebirge auserkoren. Für die Organisation der Tour lassen wir uns vom Hotelpersonal unterstützen.

Mangels Verständigungsmöglichkeiten – unser Chinesisch und deren Englisch sind einfach zu schlecht – geht es anderthalb Stunden hin und her, ehe die Tour für den nächsten Tag gebucht ist. Über Details erfahren wir nichts.

Für heute werden wir der Hitze und dem Smog im Volkspark trotzen. Tatsächlich ist die Luft dort angenehm frisch. Unter Arkaden werden Volkslieder gesungen. Die Sänger kommen und gehen, je nach Zeit und Laune, wir bleiben stehen und hören zu.

Inbrünstig schmettern ältere Herren Volksweisen, zwei jüngere Männer spielen auf der Flöte, eine Frau dirigiert. Marc erhält eine Kurzeinführung in Noten und Text und singt einige Lieder mit. Die Freude bei den Sängern darüber ist groß, Parkbesucher bleiben erstaunt stehen, es wird fotografiert und getuschelt.

Am Morgen holt uns ein Minibus mit Platz für 15 Gäste vom Hotel ab. Hoffentlich füllt sich der Bus nicht, denken wir. Aber schon beim nächsten Halt ist jeder Platz mit Chinesen besetzt, eine Reiseleiterin kommt dazu.

Der Horror beginnt. 110 Kilometer ist der Himmelssee von Urumqi entfernt. Mit Anlassen des Motors startet auch die Reiseleiterin ihren Redemarathon. Durch ein Mikrofon plärrt sie zwei Stunden lang im Stakkato ihre Worte. Ohren und Kopf dröhnen. Marc steckt sich Zellstoff in die Ohren, aber es hilft nichts. Die Nerven liegen blank.

Vor dem Eingang zum Nationalpark biegt der Bus ab. Alle steigen aus, bekommen Werbung in die Hand und werden in einen Raum geschoben. Ein Vortrag über Pilze und Nüsse ergießt sich über uns. Wir gehen an die frische Luft.

Als der Spuk vorbei ist, müssen alle in den bis dahin verschlossenen Nachbarraum gehen, der Ausgang befindet sich am anderen Ende des Raumes, zu erreichen nur im Vorbeigehen an Verkaufsständen für Nüsse.

In schnellem Tempo umkurven wir die Tische. Sind wir auf einer Kaffeefahrt gelandet? Endlich dürfen wir wieder einsteigen. Sofort beginnt das atemlose Gekreische der Reiseleiterin wieder.

Am Eingang zum Nationalpark muss der Bus getauscht werden. Bis wir den anderen Bus erreicht haben, sind wir Teil einer chinesischen Reisegruppe, die einem roten Herz aus Plüsch hinterherrennt.

Am See können wir uns endlich für drei Stunden von der Gruppe lösen. Während sich Marc am See ausruht, bummle ich ein wenig am Seeufer entlang.

Der See liegt idyllisch inmitten von Nadelwäldern auf 1.980 Metern Höhe. Schneebedeckte Gipfel spiegeln sich im Wasser, für Brautpaare gibt es einen Fotoshooting-Hotspot, der sehr rege genutzt wird. Gestört wird die Ruhe nur ab und an durch ein vorbeifahrendes Touristenboot, auf dem Reiseleiter ins Mikrofon brüllen.

Für den Rückweg nach Urumqi hoffen wir auf eine zügige Fahrt. Dem kann einfach nichts entgegenstehen, hoffen wir. Welch ein Trugschluss!

Kasachen haben Jurten in der Nähe des Nationalparks aufgebaut und bieten dort Essen mit folkloristischen Darbietungen an. Begeistert strömen die Chinesen in die Jurte und stopfen sich den Bauch voll. Wir bleiben draußen sitzen.

Die Folklore-Einlage ist beendet, die Reiseleiterin greift wieder zum Mikrofon. Obwohl vor der Jurte sitzend, fallen uns fast die Ohren ab. Gibt es hier keine Taxis?

Nach dem Essen werden kasachische Kleidung anprobiert und Fotos gemacht, dann geht es weiter. Drei Kilometer später wird wiederum zum Essen an einem Restaurant gehalten. Wir sind kurz vorm Durchdrehen. Ich halte Ausschau nach einem Taxi. Als endlich eines kommt, ist auch der Bus wieder abfahrbereit und wir steigen dort ein.

An einer Passkontrolle müssen wir als einzige aussteigen und die Pässe zeigen. Wieder einmal wird geblättert, die Gesichter der Beamten sind ratlos. Mit dem Computerprogramm scheinen sie ebenfalls überfordert, die Pässe werden in Zeitlupe gescannt, die Reiseleiterin wedelt aufgeregt mit ihren Papieren, es geht weiter.

Aber nur zwei Minuten lang. Der Bus hält an einer Shopping Mall. Wir schnappen uns das nächste Taxi. Der Fahrer spricht nur chinesisch und ruft seine englisch sprechende Tochter an. Auf diese Weise verständigen wir uns über Fahrtziel und Preis. Es kann losgehen.

Leider hat der Fahrer eine gute Idee. Zur besseren Kommunikation beschließt er, seine Tochter von zu Hause abzuholen. Das Dorf liegt hinter der Polizeikontrolle, durch die wir eben gekommen sind. Wir müssen ein zweites Mal hindurch.

Seit dem ersten Mal ist eine halbe Stunde vergangen. Das Personal hatte in der Zwischenzeit Schichtwechsel, alles beginnt von vorn. Diesmal stehen fünf Beamte um die Pässe, völlig überfordert, telefonieren nach dem Chef, tippen auf dem PC, scannen und fotografieren die Visa und tragen letztendlich alles handschriftlich in eine Kladde ein.

Tränen der Wut steigen mir in die Augen. Etwas erschrocken sieht mich einer der Beamten an, drei Minuten später haben wir die Pässe in der Hand. „Uns geht es jeden Tag so“, erzählt die Tochter.

Zehn Minuten später folgt die letzte Passkontrolle vor Urumqi. Das Procedere beginnt von vorn. Die Tochter versucht ihr Bestes, erzählt, dass wir gerade erst durch eine Kontrolle gefahren sind. Und tatsächlich, das Unglaubliche passiert: Ein Beamter macht ein Handyfoto und wir dürfen fahren.

Ein kleines Hindernis gibt es jedoch noch: Der Fahrer muss tanken. Die Tankstellen sind von hohen, mit Stacheldraht bekrönten Mauern umgeben. Alle, bis auf den Fahrer, müssen vor einer Schranke das Auto verlassen, der Kofferraum wird inspiziert, dann darf getankt werden.

Am nächsten Tag verlassen wir China. Eine Woche lang haben wir die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Pakistaner vermisst und freuen uns auf Kasachstan.

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