Kasachstan

Die Augen fürchten die Arbeit, aber die Hände verrichten sie.
(Aus Kasachstan)

Juli 2019

Pakistan China – Astana – Semej – Karaganda – Astana – Russland (Sibirien und Ferner Osten)Island

Froh darüber, China hinter uns gelassen zu haben, machen wir als erstes in der Hauptstadt Kasachstans, Nur-Sultan, mit der einzigen durchgängig betrügerischen Spezies im Land, den Taxifahrern, Bekanntschaft.

3500 Tenge (8 Euro) soll eine Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel kosten, 13.500 Tenge (31 Euro) veranschlagt der Taxi-Koordinator. Wir schütteln die Köpfe. Der Fahrer würde ein Taxameter benutzen, wir könnten beruhigt einsteigen, wird uns versichert.

Das Taxameter entpuppt sich als eine App, die so eingestellt ist, dass die Einsteigegebühr bereits bei 3000 Tenge (7,50 Euro) liegt. Für jeden gefahrenen Kilometer kommen noch 1000 Tenge (2,30 Euro) hinzu. Wir machen dem Fahrer sofort klar, dass wir den Preis nicht akzeptieren werden.  

Am Hotel verlangt der Fahrer 8500 Tenge (20 Euro). Auch diese Summe ist viel zu überzogen, als dass wir sie akzeptieren könnten. Wir drohen mit der Polizei, sollte er keinen angemessenen Preis verlangen. 

Der Streit wird von der Straße an die Hotelrezeption verlegt. Zwei Hotelangestellte reden auf den Mann ein. Mehrmals fragen sie ihn, warum er uns derart betrügt, wir seien Gäste und es gezieme sich nicht, Besucher anders als Kasachen zu behandeln. „Das sind doch Deutsche, die haben Geld“, ist die Antwort. Nach einer halben Stunde fruchtloser Diskussion wird die Polizei gerufen.

Derweil gehen wir auf unser Zimmer. Zehn Minuten später klingelt das Telefon: Der Streit sei beigelegt, der Fahrer verzichte auf den gesamten Fahrpreis.

Nur-Sultan hieß bis zum 19. März 2019 – an diesem Tag kündigte der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, seinen Rücktritt an – Astana.

Nachdem Nasarbajew 1997 die Hauptstadt von Almaty im sonnigen Süden des Landes in die in der unwirtlichen Steppe im Norden liegende, aus fünfgeschossigen Wohnblöcken bestehende Kleinstadt Aqmola verlegte und die neue Hauptstadt nach seinem Willen aufbauen ließ, trägt sie nun auch seinen Namen.

Neben den grauen, gesichtslosen Betonplatten von Aqmola entstanden moderne Hochhäuser, architektonisch extravagante Gebäude, großzügige Parkanlagen und eine der größten Moscheen Zentralasiens.

Die Freiheit und Leichtigkeit in der Stadt sind Balsam für unsere in China so geschundenen Seelen. Wir schlendern den Prachtboulevard entlang: vom Präsidentenpalast, der Ähnlichkeiten mit dem Capitol in Washington aufweist, zu dem im Stil des Neoklassizismus mit überdimensionalen Säulen erbauten Opernhaus, besichtigen die Nur-Astana-Moschee, können im Konzerthaus in letzter Minute einer Podiumsdiskussion mit einem Publikum im fortgeschrittenen Alter entfliehen und fahren mit dem Lift hinauf auf die Plattform des Bajterek-Turms.

Der Bajterek-Turm ist das Wahrzeichen Nur-Sultans. Aus einer Höhe von 105 Metern lässt sich die Stadt bis zur angrenzenden Steppe überblicken. Der wahre Höhepunkt ist jedoch der sich unter der Kuppel befindende, in Gold gepresste rechte Handabdruck des Ex-Präsidenten Nasarbajew. Wer seine Hand hineinlegt, wird ein glückliches und wohlhabendes Leben führen. Wir haben nichts dagegen und legen unsere Hände hinein.  

Am nächsten Tag fliegen wir nach Semej, das ehemalige Semipalatinsk. Unsere Gastgeberin Tatjana holt uns vom Flughafen ab und bringt uns in ihre Wohnung.

Semej, am Fluss Irtysch gelegen, ist eine typische Kleinstadt sowjetischer Bauart in der kasachischen Steppe. Sechsgeschossige Wohnblöcke umgeben weitläufige, begrünte Innenhöfe; eine Shopping Mall, viele Friseurläden und Fast Food Restaurants befinden sich in der Innenstadt. Der Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski lebte hier im Exil.

Tatjanas Wohnung liegt in der 10. Etage in einem der ältesten Betonklötze Semejs. Eng und miefig ist es im Treppenhaus, der Fahrstuhl, für maximal drei schlanke Personen geeignet, rumpelt langsam nach oben. In der Zwei-Zimmer-Wohnung gibt es keine Türen zwischen den Räumen; lediglich das kleine Bad hat eine Tür, die viel schmaler ist, als der Türrahmen; aus der Küche dringt ein Geruchsgemisch aus altem Müll und Propangas; angenehm ist einzig der Blick vom Balkon auf die Stadt.

„Die Bettwäsche ist hier!“ – Tatjana zeigt auf einen schiefen Schrank und geht. Zwei Nächte halten wir durch, denken wir, beziehen die Betten und machen uns auf den Weg zum Dostojewski-Museum.

Tatjana hatte uns den Weg dorthin beschrieben. Wir müssen trotzdem nachfragen. Eine junge Frau, die sich Erklärungen, die wir ohnehin nicht verstehen erspart, bringt uns kurzerhand zum Museum.

Baulärm dringt aus dem Holzhaus. „Wegen Renovierungsarbeiten geschlossen“, erfahren wir von der Museumsleiterin. „Morgen ist wieder geöffnet.“ „Morgen haben wir keine Zeit. Können wir auch übermorgen kommen?“ fragen wir nach. „Nein, übermorgen ist Sonntag und da hat das Museum geschlossen“, ist die Antwort. Damit wir nicht umsonst gekommen sind, versucht sie die elektronische Alarmanlage zu deaktivieren. Es gelingt ihr nicht; unverrichteter Dinge gehen wir wieder.

Ihren negativen Ruf hat die Region Semipalatinsk als ehemaliges Atomwaffentestgelände der Sowjetunion erlangt. Zwischen den Jahren 1949 und den 1960ern wurden auf dem 18.000 Quadratkilometer großen Gelände 340 unterirdische und 116 atmosphärische Atombombentests durchgeführt.

Das Verwaltungszentrum des Testgeländes befand sich in der auf keiner Karte verzeichneten und für Nichtbefugte unerreichbaren Stadt Kurtschatow.  Für den Besuch des Museums im Forschungszentrum und des Testgeländes „Polygon“ bedarf es bis heute einer Sondergenehmigung und eines Guides.

Beides haben wir schon vor Wochen arrangiert. Zur verabredeten Zeit stehen wir vor dem Wohnblock und warten. Es wird immer später, der Fahrer kommt nicht. Eine Frau spricht uns an: “Braucht Ihr Hilfe oder steht Ihr hier nur?“ Wir bitten sie, mit ihrem Handy die Nummer des Fahrers zu wählen. Wie sich herausstellt, sucht er die Straße, die in keinem Navi verzeichnet ist. Die Frau verabredet mit ihm als Treffpunkt die Shopping Mall an der Hauptstraße; zehn Minuten später steigen wir in das Auto ein.

Vieh weidet auf der bis zum Horizont reichenden Steppe, hier und da steht ein kleines Dorf mit Einfamilienhäusern. Die leeren Fensterhöhlen eines Wohnblocks sind von der Straße aus zu sehen. Wir biegen ab in die Geisterstadt Chagan.

Bis zum Ende der Atomtests lebten in der Stadt 5000 Beschäftigte einer nahe gelegenen Air Base, von der das ankommende nukleare Material zum Testgelände weitergeleitet wurde. Im Gegensatz zu Kurtschatow durften ihre Bewohner engste Verwandte als Gäste empfangen. Auf einer Landkarte verzeichnet war aber auch diese Stadt nicht.

In rechten Winkeln angeordnet stehen die fünfgeschossigen Wohnhäuser fensterlos im wuchernden Grün. Nachdem die ehemaligen Bewohner zurück in ihre Heimat gezogen waren – die meisten kamen aus anderen Sowjetrepubliken –, holten sich die mittellosen Bewohner von Semej bis auf den letzten Zentimeter Kabel alles aus den Häusern, was sich zu Geld machen ließ.

Je mehr wir uns Kurtschatow nähern, desto kälter weht der Wind. Igor Kurtschatow, der Namensgeber der Stadt, ist der „Vater der sowjetischen Atombombe“. Vor dem Rathaus steht sein Denkmal weithin sichtbar auf einem hohen Sockel. Von den einst 50.000 Einwohnern ist nur ein Fünftel geblieben.   

Es beginnt zu regnen. Von der Gluthitze in Semej ist in der Steppe nichts mehr zu spüren.

Trübe wie das Wetter ist auch der Empfang durch einen Nuklearphysiker im Forschungszentrum, der wegen unseres Besuches seinen freien Samstag opfern muss.

Vor der Fahrt zum Polygon gibt es eine Führung durch das kleine Museum im Forschungszentrum: Daten und Abläufe der Atombombentests sind anhand von Bildern und Schautafeln erklärt; an einem Kontrollpult lässt sich ein Atomtest simulieren, in einem Fotoalbum ist jede Phase einer Explosion dokumentiert, ein Testfeld ist als Modell aufgebaut. Die Auswirkungen der Tests auf Tiere sind gut dokumentiert – nur zu den im Testgebiet lebenden Menschen gibt es keine Informationen.

Sechzig Kilometer von der Stadt entfernt liegt das Epizentrum der ersten Atombombenexplosion von 1949. Nach einer Stunde Fahrt durch endlose Steppe tauchen die ersten Türme, die für den Test mit Kameras (2000 Bilder/Sekunde) ausgestattet waren, in der Ferne auf.

An einem der Türme nehmen wir die Kamera-Perspektive ein, blicken auf die Ruinen zerstörter Testgebäude und bekommen jeweils einen weißen Schutzanzug übergestreift, eine Atemmaske ins Gesicht und blaue Stoffsäckchen über die Schuhe gebunden. Unsere Begleitung – zwei Nuklearphysiker – streift sich auf dem Weg zum Epizentrum lediglich eine Atemmaske über Nase und Mund sowie Folien über die Schuhe.  

Auf dem Weg zum Krater schlägt der Geigerzähler minimal aus; nur abseits des Weges ist die Strahlung punktuell höher. Ein See mit tiefblauem Wasser, Schilfbewuchs am Ufer und einem Entenpärchen in der Mitte des Sees liegt idyllisch in der Weite der Steppe – das Epizentrum. Die Aufenthaltsdauer an diesem friedlichen Fleckchen ist freilich begrenzt; nach ein paar Fotos müssen wir zurück zum Auto.

Penibel achtet der Fahrer darauf, dass weder unsere Schutzkleidung, noch Erdboden mit dem Auto in Berührung kommen, während unsere Begleitung ohnehin schon längst die Überzieher verloren hat und mit Erdklumpen an den Schuhsohlen in das Auto einsteigt.

Zum einzigen erhalten gebliebenen Testgebäude, einer U-Bahn-Station, gehen wir wieder ohne Schutzmaßnahmen, stehen wenig später an einem See, der nach der Sprengung von einer Tonne TNT entstanden war und fahren nach einem spannenden Tag zurück nach Semej.

Am nächsten Tag fliegen wir nach Nur-Sultan, um am Folgetag mit dem Zug nach Karaganda zu fahren.

Karaganda liegt zentral in der Steppe. Durch die Straßen fegt der heiße Steppenwind, die üblichen Wohnblöcke aus der Sowjetzeit prägen das Stadtbild, Fördertürme von aktiven und stillgelegten Kohleminen stehen weit in der Landschaft verteilt.

In den 1940er Jahren entstand rund um Karaganda der berüchtigte Lagerkomplex Karlag, ein Teil des von Solschenizyn in seinem Roman „Archipel Gulag“ beschriebenen Gulag-Systems.

Das Verwaltungszentrum von Karlag lag im 40 Kilometer von Karaganda entfernten Dolinka, einem verträumten Dorf mit bunten Fensterläden und Verzierungen an den Einfamilienhäusern.

Am Dorfrand steht das mit einem roten Stern am Giebel verzierte ehemalige Verwaltungsgebäude. Ein übergroßer Stalinkopf überwacht im Eingangsbereich jeden, der das Museum betritt; Fotografien erzählen über das Elend und Sterben im Lager, über Forschungsarbeiten von inhaftierten Wissenschaftlern und den Aufbau der Bergbau- und Metallindustrie.

Karaganda ist der letzte Anlaufpunkt unserer noch längst nicht letzten Reise nach Kasachstan: Neben den dunklen Seiten aus der Sowjetzeit gilt es noch Nationalparks zu erwandern, das sehenswerte Nur-Sultan weiter zu entdecken und dem Raumfahrtzentrum Baikonur einen Besuch abzustatten.

Vorerst bleiben wir jedoch auf historischen Pfaden und reisen weiter auf Stalins „Straße der Knochen“ in Russlands Osten.

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