Sudan

Unsere vergeudeten Tage sind die Tage, an denen wir nicht lachen.
Sudanesisches Sprichwort

Januar 2017 – Khartoum – Kassala – Khartoum

Winter 2010 – Khartum – Meroe – El Kurru – Argo – Soleb – Argo – Old Dongola – Khartum und viel Wüste

„Die Straßen sind so“, sagt Ahmed. Ruckelnd fährt das Auto über eine holprige Piste Richtung Khartoum. Dort treffe ich vier Reisende, um mit ihnen gemeinsam durch das Land der schwarzen Pharaonen zu reisen.

Die Universität in Khartoum

Es ist früh am Morgen. Nach einem einfachen Frühstück im Hotel besuchen wir die Universität Khartum: Das ehemalige College aus der britischen Kolonialzeit erhielt nach der Unabhängigkeit 1956 den Status als Universität.

Die meisten Universitätsgebäude des am Ufer des Blauen Nil gelegenen weitläufigen Geländes wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Das Gebäude der naturwissenschaftlichen Fakultät dürfen wir besichtigen: Hörsaal und Bibliothek sind in kleinen Räumen untergebracht. Die Bibliothek besteht aus Sammlungen, die ausscheidende Professoren hinterlassen haben.

Wir bummeln über das Gelände, auf dem auffallend mehr Studentinnen als Studenten unterwegs sind: 55 Prozent der Studierenden sind weiblich.

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Das Grab des Mahdi in Omdurman

Auf der anderen Seite des Nils liegt Omdurman, das mit der Hauptstadt Khartum und der Stadt al-Chartum Bahri eine Dreistadt bildet. Wir besuchen das Grab von Mahdi Muhammad Ahmad, dem Anführer des nach ihm benannten Mahdi-Aufstandes (1881-1899) gegen die anglo-ägyptische Herrschaft, der zur Bildung des „Kalifats von Omdurman“ führte.

Silberfarben glänzt das kuppelförmige Dach des Grabmals in der Sonne. Nacheinander dürfen wir das Heiligtum betreten, umrunden das Grab und müssen es, da wir Ungläubige sind und die ersten Gläubigen kommen, zügig wieder verlassen.

Heute ist die vom Mahdi gegründete Stadt religiöses Zentrum des Landes, beherbergt unter anderem die Islamische Universität Omdurman und ist Heimat verschiedener Sufi-Bruderschaften.

Durch die Wüste zu den Ruinen von Musawwarat

Am nächsten Morgen verlassen wir die Stadt Richtung Musawwarat. Nach einigen Kilometern auf der sehr gut ausgebauten Straße biegen wir auf eine im Wüstensand kaum erkennbare Piste ab.

Bei einer Kamelherde, die sich um ein Wasserloch gruppiert hat, stoppen wir für eine kurze Pause. Die Kameltreiber blicken verärgert: „Ihr bekommt viel Geld für Fotos.“ Dabei haben wir die Kameras noch gar nicht gezückt.

Wir beschließen sofort weiter zu fahren, als ein Kamel mit Reiter im schnellen Tempo auf uns zukommt. Zögernd bleiben wir stehen. Der Reiter bittet jedoch nur um Wasser und Essen. Wir reichen ihm Wasser und Brot. Nach der Wasserflasche greift er, das Brot lehnt er verächtlich ab. Es ist nicht belegt.

In der untergehenden Sonne leuchtend tauchen die Ruinen des Tempelkomplexes von Musawwarat al Sufra auf. Im Schutz der Ruinen lassen wir uns für die Nacht nieder.

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Am nächsten Morgen führen Tierspuren um die Zelte – Hyänen.

Wir durchstreifen die Ruinen und reisen durch die Wüste – mit einem Stopp an einem Trümmerberg, der in voriger Zeit die Royal City war – weiter nach Meroe.

Die Pyramiden von Meroe

Meroe war die Hauptstadt des Reiches von Kusch, nachdem ab 300 v. Chr. die Verlagerung des Reichszentrums von Napata nach Meroe stattfand. Mehrere Hundert über kleine Hügel verteilte Pyramiden stehen in den Sanddünen, in deren Schutz wir die Zelte aufstellen.

Kamele liegen im Wüstensand. Auf ihren Rücken stehen ihre Besitzer und winken uns mit beiden Armen wedelnd zu. „Reitet auf einem Kamel durch das Pyramidenfeld“, rufen sie uns zu. Wir erkunden die wildromantische Sanddünenlandschaft mit den verstreut stehenden Pyramiden jedoch lieber zu Fuß.  Vor einer Pyramide kniet ein Junge und verkauft Amulette und historische Scherben. 

Der heilige Jebel Barkal und noch mehr antike Grabanlagen

Von Meroe reisen wir weiter zum Jebel Barkal, der Teil der antiken Hauptstadt Napata war. In einem Gästehaus am Fuß des Berges werden wir bereits erwartet und genießen es, zu duschen und sandfrei zu schlafen.

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Die angenehmen Morgentemperaturen nutzend, wandern wir auf den Berg. Belohnt wird der kurze Aufstieg mit einem fantastischen Blick über die Landschaft und auf die unterhalb des Berges liegenden Ruinen des größten ägyptischen Tempels in Nubien, den Amuntempel.

Nachdem wir noch die Klosterruinen von Ghazali besichtigt haben, verbringen wir in den kühlen Zimmern des Gästehauses die heißesten Stunden des Tages, ehe wir zu den Grabkammern von al Kurru aufbrechen. Die Pyramiden und Grabanlagen von al Kurru sind der älteste Teil des Friedhofes um die antike Hauptstadt Napata.

Das Anwesen von Ahmed’s Großvater liegt auf dem Weg. „Mein Großvater lädt euch zum Kaffee ein. Das dürft ihr nicht ausschlagen, dann ist er gekränkt“, drängt Ahmed. Dabei wären wir nie auf die Idee gekommen, solch eine Einladung zu ignorieren.

Das Grundstück ist groß und wird von drei Häusern und einer Mauer begrenzt. Stolz stellt uns der Großvater seine drei Frauen und  einige seiner Enkel vor. Neugierig werden wir betrachtet, jede Bewegung wird tuschelnd kommentiert. Es ist für alle eine amüsante Erfahrung.

Von der Antike in die bunte Gegenwart

Auf meist befestigter Straße geht es weiter in Richtung Norden bis Karima. Dort stürzen wir uns wieder einmal in das Markttreiben, trinken Kaffee und werden an jedem Stand zum Fotografieren aufgefordert: Ein Fleischverkäufer winkt mich zu seiner Herde. Die Tiere sollen unbedingt in die Kamera blicken und er versucht mit einem Helfer zusammen, sie in die richtige Position zu bringen. Nur die Ziegen wollen nicht. Letztendlich ist er mit dem Foto jedoch zufrieden und ich versichere, die Bilder in Deutschland Freunden und Bekannten zu zeigen. Ein Versprechen, das ich auf der Reise noch öfter geben werde.

Gestärkt fahren wir weiter durch die Nubische Wüste. Eine Rast gibt es nur mittags zum Picknick unter Palmen. Die Nacht verbringen wir in einer ehemaligen Karawanserei in Argo. Die Lieblingsfrau des Hausherrn begrüßt uns, eine andere kocht, die Dritte ist gerade nicht da. Ich ziehe ein in ein geräumiges Zimmer mit großem bequemen Bett, Tisch und Stühlen sowie schweren Vorhängen, auf denen der Staub der vergangenen Jahrhunderte liegt.

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Am Morgen zeigt uns der Gastgeber die alte Koranschule und das halbe Dorf – die Besitztümer der Großfamilie.

Ein wenig Nil und noch mehr Wüste

Durch farbenfrohe, von zivilisatorischen Einflüssen unberührte Dörfer geht es weiter bis zum Nil. Schmale Streifen fruchtbaren Bodens ziehen sich am Ufer entlang. Mit einem alten Kahn setzen wir auf die Westseite des Flusses über und durchqueren weiter die unendliche, menschenleere Wüste.

Mitten im Nichts taucht eine Reparaturwerkstatt für Autos auf. Stühle und Tische stehen vor dem Gebäude.  „Kaffee!“ Mit dem Ausruf bitten wir Ahmed, anzuhalten. Lächelnd parkt er das Auto. Nach der holprigen Fahrt über die Wüstenpisten ist der Kaffee die reinste Wohltat. 

Die Wüste verändert sich. Kamelskelette liegen verstreut im Sand.

Luxus in Soleb und ein Abstecher zum Nil

Bis zu den Tempelruinen von Soleb, unserem Ziel, ist es nicht mehr weit. In der Nähe der Ruinen beziehen wir Quartier auf einem Grundstück, auf dem sich mehrere Wohnhäuser und ein Gästehaus befinden. In den Zimmern stehen auf dem festgetretenen Lehmboden zwei Betten. Jeder bekommt ein eigenes Zimmer. Nach den letzten Nächten ist die Unterkunft der pure Luxus. 

Auf dieser Seite des Nils gibt es keinen Strom und kein fließend Wasser. Ein Generator, der auf der Straße steht, liefert abends kurzzeitig Strom für das Dorf. Dafür ist der Sternenhimmel umso schöner.

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Über Pisten und durch Dörfer fahren wir am nächsten Tag zum Nil, setzen zur Insel Sai über, besichtigen Ruinen aus fast allen Epochen nubischer Geschichte, sehen den Nilkrokodilen zu, die sich auf den Sandbänken sonnen und fahren zurück nach Soleb.

Endlose Wüste

Weiter ziehen wir durch endlose Wüstenlandschaften, betrachten  prähistorische Felsmalereien in Sebu und Parolen in den Dörfern gegen den Ausbau des 4. Nilkatarakts: Mit chinesischer Hilfe ließ die Regierung am 4. Katarakt den Merowe-Staudamm errichten. Dafür wurden 170 Kilometer Flusstal und viele nubische Altertümer überflutet.

Am späten Nachmittag erreichen wir ein Dorf. An den staubigen Straßen stehen aus erdfarbenen Lehmziegeln gebaute Häuser mit – von den Besitzern – kunstvoll bemalten Eingangstüren. Uns gegenüber sehr aufgeschlossene Frauen in farbenfrohen Saris, von denen jeder ein anderes Muster hat, versuchen Kontakt zu knüpfen, während uns die Männer in ihren weißen Thobes zurückhaltend beobachten.

Der Besitzer eines Gästehauses gewährt uns Unterkunft. Bis zum Abendessen ist noch Zeit übrig. Ich setze mich an einen Feldrain, lese in einem Buch und schüttele viele Hände: Bauern, die ihre Arbeit auf den Feldern beendet haben, gehen einen kleinen Umweg, um mich zu begrüßen.

Um 4 Uhr beendet der Hahn des Hauses die Nachtruhe. Wir reisen, unterbrochen von Dorfspaziergängen, zurück nach Argo.

Fahrt mit Hindernissen

Abrupt bleibt das Auto in leichter Schieflage stehen. Das rechte Hinterrad ist von einem der Bretter, die über einem Dorfgraben liegen, gerutscht. Vorsichtig steigen wir aus. Die ersten Männer stehen bereits im Graben und beratschlagen sich. Kurze Zeit später stehen alle Männer des Dorfes fachsimpelnd im ausgetrockneten Flussbett.

Zwei Frauen kommen auf uns zu; wir sollen ihnen folgen. In der himmelblau gestrichen Küche ihres Hauses bewirten sie uns mit Tee und Gebäck. Gerne würden sie uns Henna-Tattoos auftragen, aber in dem Moment rufen auch schon die Männer, dass das Auto wieder fahrbereit ist.

Natürlich muss vor der Abfahrt die Hilfsaktion noch einmal ausgiebig und sehr lebhaft bei einer Tasse Tee besprochen werden.  Wir dürfen uns dazu setzen und einen Tee mittrinken.

Die Pyramiden von Alt Dongola

Von Argo starten wir nach al Kawa, einem antiken religiösen Zentrum, überqueren auf einer Fähre den Nil und fahren durch die unendliche, schwarz gesprenkelte Wüste nach Alt Dongola.  

Alt Dongola liegt am Nil und war bis ins 14. Jahrhundert die Hauptstadt des nubisch-christlichen Reiches von Makuria. Palastruinen und Pyramiden stehen verstreut in der surrealistischen Landschaft. Die Eingänge zu den Gräbern sind offen. Drinnen stinkt es fürchterlich. Meine Augen tasten sich die Wände entlang nach oben, bis sie eine riesige Fledermauskolonie entdecken. Ich flüchte.

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250 Kilometer vor Khartum bauen wir letztmalig die Zelte auf, jedenfalls das, was von ihnen übrig ist. Die abendlichen Stürme haben sie größtenteils unbenutzbar gemacht.

Der letzte Wüstentag

Sand dringt am Morgen durch die Ritzen im Zelt, verstopft jede Pore und knirscht zwischen den Zähnen. Bevor wir von unserem Wüstenlager die befestigte Straße erreichen, steckt der Wagen mehrmals in Sanddünen fest, wird geschoben und manövriert. Auch auf der Straße geht es wegen der schlechten Sichtverhältnisse nur langsam vorwärts. Viel später als gedacht erreichen wir Khartoum.

Im Stadtzentrum ist es windstill. Nach einer langen Dusche im Hotel vertrete ich mir vor dem Rückflug noch einmal die Beine in den lauten, stickigen Straßen und bei einem Marktbummel.

 

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