Nordalbanien

Feuer, Wasser und Regierungen kennen keine Gnade.
(aus Nordalbanien)

Reisejahr 2023

Bosnien und Herzegowina

Shkodra – Theth – Wanderung nach Valbona – über den Koman-Stausee nach Shkodra Gjirokaster Berat Tirana

Kosovo

Die für uns günstigste Variante, um von Bosniens Hauptstadt Sarajevo nach Shkodra in Albanien zu gelangen, ist ein Privattransfer.

Die Fahrt geht abwechselnd durch die Republika Srpska und Bosnien und Herzegowina, an klaren Flüssen und mit dichtem Grün bewachsenen Bergrücken entlang bis zum Tara-Canyon. Der wild sprudelnde Fluss Tara entspringt in den montenegrinischen Bergen und wir folgen ihm in das Nachbarland und weiter nach Albanien, bis wir nach sieben Stunden an unserem Ziel in Shkodra im Norden der Skipetarenrepublik ankommen.

In den Dinarischen Alpen

Wir bleiben nur eine Nacht in der Stadt und reisen am nächsten Morgen weiter in das Tal von Theth in den Dinarischen Alpen.

Die ehemalige Geröllpiste in die Berge ist ausgebaut, hat Leitplanken und Ausweichplätze. Ein steter Strom an Autos, Wohnmobilen und Reisebussen rollt über die Straße und mir schwant nichts Gutes. Als das Tal unter uns erscheint, bestätigen sich meine Befürchtungen. Neu gebaute Gästehäuser überragen die wenigen alten Wohnhäuser, im Zentrum von Theth drehen sich Baukräne vor den schroffen Bergspitzen.

Unser Quartier in einem traditionellen Haus steht zwar auf einer Anhöhe außerhalb des Dorfkerns, aber beim Verlassen des Zimmers sieht und spürt man, dass von dem ursprünglichen Wanderparadies nicht mehr viel übrig ist. Die einstigen Schotterpisten sind teilweise zubetoniert, Baufahrzeuge pusten ihre Abgase in die Luft, Musik dröhnt aus vorbeifahrenden Autos, Pferde suchen vor ein paar überquellenden Müllcontainern nach Fressbarem, ein alter Mann durchwühlt Abfallbehälter und belädt seinen Gaul mit den darin gefundenen Pappen.

Das noch vor ein paar Jahren einsame Tal ist flächendeckend mit WLAN und Mobilfunknetzen abgedeckt und selbst ein Eis am Stiel kann im Dorfladen mit EC-Karte bezahlt werden.

Neben Gästehäusern sind auch Bars und Restaurants aus dem Boden geschossen. Für das Abendessen entscheiden wir uns für ein idyllisch am Fluss gelegenes Lokal. Auf dem Weg dorthin stehen wir unverhofft vor einer frischen Asphaltdecke. „Heute früh war der Pfad noch steinig“, erzählen Wanderer, die ebenfalls vom neuen Straßenbelag überrascht sind.

Die Grillbude ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die blauen Sessel zieren die Hinterlassenschaften von Vögeln und im grünen Kunstrasen verbirgt sich undefinierbarer Dreck. Aber das Steak wird frisch gegrillt und schmeckt.

Wanderungen in der Umgebung von Theth

Bevor wir in zwei Tagen zur Wanderung ins benachbarte Valbona-Tal aufbrechen werden, wollen wir uns bei einer kleineren Tour warmlaufen. Als Ziel haben wir den Grunas-Wasserfall und das „Blaue Auge“ (Syri Kalter) bei Ndërlysaj ausgesucht.

Der 30 Meter hohe Wasserfall befindet sich am südlichen Ortsrand von Theth. Nach dem Passieren von abseits gelegenen, teils verlassenen Häusern und einem kurzen Anstieg durch Wald endet der Pfad vor einem Becken, in das sich das Schmelzwasser einer Karstquelle ergießt. Da es schnell heiß wird und wir noch weiter wandern wollen, halten wir uns nicht lange auf.

In Albanien sind alle Wanderwege mit der gleichen rot-weißen Markierung gekennzeichnet. Wir folgen dem falschen Zeichen, queren eine Holzbrücke und finden uns statt auf einem Bergpfad auf der ausgebauten Straße nach Ndërlysaj wieder.

Die Sonne prallt auf den Asphalt und lässt die acht Kilometer bis Ndërlysaj zur Tortur werden. Aber auch im Ort ist der Weg nicht weiter ausgeschildert. Lediglich ein großer Parkplatz und zwei gut besuchte Restaurants geben einen Anhaltspunkt auf den Einstieg zur verbleibenden Wanderstrecke.

An einem Lokal ist tatsächlich ein Pfeil mit dem Hinweis zum „Blauen Auge“ angebracht. Aber schon nach den ersten Metern über Felsen suchen wir an einer Weggabelung vergeblich nach einer Markierung. Allerdings sind viele Leute unterwegs, denen man nur hinterherlaufen muss. Und obwohl der Weg steil und mit spitzen Steinen durchsetzt ist, kommen uns auch noch Autos entgegen.

Das „Blaue Auge“, ein kreisrundes Becken, in das sich ein kleiner Wasserfall ergießt, ist dicht umlagert von Gästen. Lauthals angefeuert von Schaulustigen probiert der eine und andere im eiskalten Wasser zu baden. Das wenig attraktive Naturschauspiel und die vielen Besucher veranlassen uns, schnell den Rückweg anzutreten.

Tal von Theth in Nordalbanien
Verlassenes Bauernhaus in Theth
Blaues Auge in Nordalbanien
Blaues Auge

Mittlerweile haben die Temperaturen 35 Grad Celsius überstiegen und wir beschließen, mit einem Taxi zurück nach Theth zu fahren. 20 Euro verlangt der Chauffeur für die Kurzstrecke. In Ermangelung einer Alternative zahlen wir den völlig überzogenen Preis.

Ruhetag in Theth

Die Berge Nordalbaniens waren einst ein Rückzugsort für Christen vor den Osmanen. Ende des 19. Jahrhunderts bauten Franziskaner eine Kirche in Theth, die heute das Wahrzeichen des Ortes ist. Nicht weit vom Gotteshaus entfernt steht der Kulla, ein alter Wehrturm, in dem sich früher die von Blutrache verfolgten Männer eingeschlossen haben. Einen tieferen Einblick in das abgeschiedene Leben in den Bergen erhält man in einem alten, auf einem Felsen errichteten Wohnhaus, das in ein ethnografisches Museum umgewandelt wurde.

Kirche von Theth in Nordalbanien
Kirche von Theth
Verlassene Huette am Fusha e Denellit in Nordalbanien
Verlassene Huette am Fusha e Denellit

Dort beginnt auch der Wanderweg zur Hochalpe Fusha e Denellit. Bei meinem letzten Aufenthalt in Theth hatte ich einen schönen Tag bei den Hirten auf ihren Sommerweiden verbracht und es zieht mich noch einmal dorthin.

Eine alte Frau in traditioneller Kleidung kommt auf mich zu: „Willst du ins Museum?“ Ich verneine. Sie sieht mich enttäuscht an, nimmt aber meinen suchenden Blick wahr. Wortlos bedeutet sie mir, dass ich ihr folgen soll. Kurze Zeit später stehen wir an der Wanderwegmarkierung. Lächelnd verabschieden wir uns.

Über den Fluss, steil aufwärts über Felsgestein und durch schattigen Wald führt der Pfad. Nach zwei Stunden ist jedoch immer noch keine Hirtenunterkunft in Sicht. Als ein Trampelpfad vom Weg abzweigt, folge ich ihm und entdecke nach ein paar Metern die gesuchten Hütten weit unter mir auf der gegenüberliegenden Seite des Berges. Nach einem Stoßseufzer in den wolkenbedeckten Himmel kehre ich um und wandere auf der anderen Talseite wieder aufwärts.

Die letzten Meter zu den Hütten sind überwuchert von hohem Gras. Eine morsche Leiter lehnt an einem Felsen, die Unterkünfte sind halbverfallen, der Blick auf Theth wird von Bäumen verdeckt. Da mittlerweile auch graue Wolken über die Bergspitzen in das Tal hinabziehen, beschließe ich umzukehren.

Wanderung von Theth nach Valbona

Wir verlassen Theth am nächsten Morgen, um über den Valbona-Pass ins Valbona-Tal zu wandern. Die Etappe ist eine der schönsten des grenzüberschreitenden Fernwanderweges „Peak of the Balkans“ und erfreut sich daher bei Wanderern entsprechender Beliebtheit.

Während wir noch einen Morgenkaffee trinken, werden unsere Rucksäcke auf ein Packpferd gebunden und zu unserem Quartier nach Valbona gebracht.

Vom Gastgeber bekommen wir ein Lunchpaket mit auf den Weg. Der Burger mit Würstchen, Käse, Kartoffeln und Salat macht Appetit und wir verputzen ihn schon am Startpunkt.

Nach dem sehr sättigenden Frühstück läuft Marc bereits los, während ich noch die Wanderstöcke einstelle. Bald finde ich mich alleine auf dem Weg wieder. Die rot-weiße Markierung befindet sich zwar auf Steinen und an Bäumen, aber außer mir ist niemand auf dem normalerweise stark frequentierten Wanderweg unterwegs. Je weiter ich laufe, desto unheimlicher ist mir zumute.

Als endlich ein Bauernhaus auftaucht, klopfe ich dort an. Ein kleines Mädchen öffnet die Tür. „Ist das der Weg nach Valbona?“ Sie nickt.

Durch einen schattigen Wald geht es bergauf bis zu einer mit hohem Gras bewachsenen Weide. Meine Zweifel werden größer. Aber als die Wiese überquert ist, finde ich mich in einer Schar von Wanderern wieder und bin erleichtert.

An einer Einkehr schweift mein Blick über die Gäste. „Suchst du einen jungen Mann?“, wird mir zugerufen. Ich nicke. „Der, ist vor ein paar Minuten hier vorbeigekommen und hat nach dir gefragt.“ Tatsächlich treffen Marc und ich uns kurz darauf wieder. Wie sich herausstellt, bin ich einer alternativen Route gefolgt.

Auf dem Valbona-Pass (1.795 Meter) herrscht reges Gedränge, jedoch findet sich auf den umliegenden Gipfeln noch ein Plätzchen, um die fantastische Aussicht auf die steilen, zerklüfteten Berge, weiten Hochplateaus und dichten Wälder zu genießen.

Wanderung von Theth nach Valbona in Nordalbanien
Wanderung von Theth nach Valbona
Blick ins Valbona-Tal in Nordalbanien
Blick ins Valbona-Tal

In Serpentinen schlängelt sich der Weg abwärts. Endlich gibt es auch eine Einkehrmöglichkeit und wir lümmeln uns bei Cola, Bergtee und in der Gewissheit, bereits im Tal angelangt zu sein auf einer Bank. Aber es geht weiter steil bergab und der letzte Kilometer führt uns in der prallen Nachmittagssonne über ein trockenes Flussbett aus Stein.

Wenigstens müssen wir nicht lange nach unserem Quartier suchen. Die Rucksäcke liegen weithin leuchtend an der Straße und wir sind froh, dass sich niemand bedient hat.

Über den Koman-See zurück nach Shkodra

Für die Rückkehr nach Shkodra wollen wir die Fähre über den Koman-See, die die Städte Fierze und Koman verbindet, nutzen.

Ein Zubringerbus bringt uns zum Fähranleger in Fierze. Dort wimmelt es bereits von Touristen, die auf die Autofähre warten. Diese legt pünktlich an und auch wieder fahrplanmäßig, jedoch überladen ab.

Der 34 Kilometer lange Stausee wird von zerklüfteten, hoch aufragenden Felswänden begrenzt; das Wasser schimmert türkis und blau in der Sonne.

Mit der Autofähre über den Koman-Stausee in Nordalbanien
Mit der Autofähre über den Koman-Stausee
Auf dem Koman-Stausee in Nordalbanien
Auf dem Koman-Stausee

Gespannt suchen meine Augen den See nach dem Untergangsort der Fähre Tropoja ab, entdecken aber nur Müllsäcke, tausende Plastikflaschen und in den Buchten schwimmende Teppiche aus Abfall.

Kurz vor dem Zielhafen kommen noch etliche Tagesausflügler auf das ohnehin schon überfüllte Schiff. In Koman hat der Fähranbieter dann auch alle Mühe, die Leute auf die wenigen Busse, die nach Shkodra fahren, zu verteilen.

Shkodra: die älteste Stadt Albaniens

Shkodra ist mit 2400 Jahren die älteste Stadt Albaniens. Neben breiten Straßenzügen mit trostlosen Wohnblöcken aus kommunistischer Zeit stehen Einfamilienhäuser in verwinkelten Gassen. Viele Bewohner der „alten“ Viertel halten Hühner und ein Schwein im Garten; Weinreben klettern an Rankhilfen empor. Die großen Tore in den hohen Hofmauern, die ihre Anwesen umgeben, öffnen sich nur zum Hinein- und Hinausgehen.

In der Stephanskathedrale stehen die Türen dagegen weit offen. Sie ist eine der wenigen Sakralbauten Albaniens, die unter der Herrschaft des Kommunisten Enver Hoxha nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde, sondern als Lagerhalle und Krankenstation diente.

Der 1943 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei ernannte Gymnasiallehrer Enver Hoxha (1908-1985) übernahm nach dem Abzug der deutschen Wehrmacht 1944 die Macht in Albanien. Sein Ziel war es, das Land zum ersten atheistischen Staat der Welt zu machen. Die Ausübung jeglicher Religion wurde untersagt, Moscheen und Kirchen zerstört und das religiöse Personal zur Zwangsarbeit verurteilt oder hingerichtet.

Minarette und Glockentürme gehören mittlerweile wieder zum Stadtbild, historische Häuser wurden saniert und die kopfsteingepflasterten Straßen und Gassen im Zentrum in eine Flaniermeile mit vielen Restaurants umgewandelt.

Shkodra in Nordalbanien
Flaniermeile in der Altstadt
Shkodra in Nordalbanien
Morbider Charme in der Altstadt

Beim Bummel durch die Altstadt entdecken wir das Fotomuseum, das mit Porträts, Straßenszenen und Fotoreportagen faszinierende Einblicke in das Leben am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts in Albanien gewährt. Es ist zwar etwas überteuert, aber interessant.

1990 war Shkodra eines der Zentren des Aufstandes gegen die kommunistische Diktatur. In einem Gebäude, das vom Innenministerium als regionales Hauptquartier genutzt wurde und Verhörzentrum sowie Gefängnis für tausende politische Häftlinge war, befindet sich die Ausstellung „Ort des Zeugnisses und der Erinnerung“, in der die Zeit der Zwangsherrschaft in Bildern festgehalten ist.

Als wir die Gedenkstätte verlassen, erklingt vom Glockenturm der Stephanskathedrale ein Auszug aus der Friedensmesse von Gotthilf Fischer.

Albanien von Nord nach Süd

Am nächsten Morgen reisen wir nach Gjirokaster im Süden des Landes weiter. Um mehr Flexibilität zu bekommen, wollen wir am Flughafen in Tirana einen Mietwagen übernehmen. Leider gibt es keine direkte Busverbindung von Shkodra an den Flughafen, sodass wir einen Fahrer auftreiben, der uns preiswert dorthin bringt.

Gjirokaster: Stadt aus Stein

Die Altstadt von Gjirokaster klebt an steil aufragenden Felswänden. Die Häuser ähneln kleinen Festungen mit schweren Dächern aus geschichteten Steinplatten; die schmalen Gassen bestehen aus klobigem Kalkstein und werden flankiert von Souvenir- und Antikläden, Bars und mittelmäßigen Restaurants.

Stadtbummel durch Gjirokaster

Gjirokaster ist die Geburtsstadt Enver Hoxhas. Das Haus seiner Familie wurde, damit es eines Staatsoberhauptes würdig ist, zu seinen Lebzeiten auf das Sechsfache vergrößert. Heute beherbergt es mit Ausnahme des Raumes, in dem der Diktator geboren wurde, ein ethnografisches Museum.

Über der Stadt thront auf einem Plateau die Zitadelle. Von ihren Mauern hat man einen herrlichen Rundumblick über das Drina-Tal und die gebirgige Landschaft. Unterhalb der Festung ziehen sich Tunnel und Bunker durch den Berg, die der von Paranoia getriebene Enver Hoxha anlegen ließ. Die im ganzen Land erbauten Anlagen sollten der Verteidigung des Landes im Falle einer Invasion durch ausländische Truppen dienen.

Die Häuser ähneln kleinen Festungen mit schweren Dächern aus geschichteten Steinplatten.
Der Uhrturm in der Zitadelle

Der größte Bunker, der in einer halbstündigen, interessanten Führung besichtigt werden kann, sollte den Mitarbeitern der Stadtverwaltung Schutz vor nuklearen Waffen bieten.  

In einem privat genutzten Bunkerzugang kann man sich gegen einen kleinen Obolus selbständig umsehen. Militärische Ausrüstung, altes Handwerkszeug und Bücher ziehen sich entlang der Wände bis zum zugemauerten Ende des Tunnels. Dort wirft ein Projektor Propagandafilme aus der Zeit der Hoxha-Diktatur auf die graue Betonfläche. Wir kommen ins Gespräch mit einer Frau, die den Kommunismus als Kind erlebt hat: „Es war eine fürchterliche Zeit. Zwar war die medizinische Versorgung gut und Bildung kostenlos, aber es gab nichts zu essen. Mein Großvater hat um drei Uhr nachts nach Milch angestanden.“

Ihre Stimme fängt zu beben an. „Als mein kleiner Bruder drei Jahre alt war, nahm er ein Buch über die chinesisch-albanische Freundschaft mit auf die Straße. Diese Freundschaft gab es aber bereits nicht mehr, und meine Eltern fürchteten, wegen des Buches ins Gefängnis zu kommen.“ Hoxha lehnte sich anfänglich mit seiner Politik an Jugoslawiens Herrscher Tito an. Nachdem dieser sich 1948 von Moskau gelöst hatte, wandte Hoxha sich Stalin zu. 1968 kam es dann zum ideologischen Bruch mit Moskau und zum Bündnis mit Maos Volksrepublik China. 1978 wandte sich Hoxha auch von China ab und isolierte das Land völlig.

Auf der Projektionsfläche erscheinen Bilder vom Tod Enver Hoxhas. „Als Hoxha starb, mussten wir weinen. In der Schule gab es für Kinder, die nicht weinten, eine Ohrfeige.“

Sie steht auf. „Ich könnte euch noch so viel erzählen. Aber meine Söhne warten draußen.“

„Die Berichte waren sehr interessant. Es ist selten, dass jemand darüber redet, die Zeit wird weitestgehend totgeschwiegen“, bedanken wir uns. Sie bestätigt unserer Worte mit einem Kopfnicken und geht. 

In der Umgebung von Gjirokaster

Bevor wir nach Berat aufbrechen, kurven wir noch durch die Umgebung von Gjirokaster, die mit Wasserfällen, Schluchten, orthodoxen Kirchen und idyllischen Dörfern lockt.

In unmittelbarer Nähe zur Stadt befindet sich das Dorf Lazarat, das bis vor einigen Jahren als Cannabis-Hauptstadt Europas galt und dessen Einwohner ungebetene Besucher mit scharfen Waffen begrüßten. 2015 wurde das Drogennest vom Staat ausgehoben und ist heute ein verschlafenes Bergdorf mit ein paar schmucken Villen und einigen heruntergekommenen Häusern.

In den Hügeln der Umgebung stehen dicht nebeneinander dutzende kleine Bunker, die wie Pilze aus dem Boden ragen. Wir kurven einen Feldweg entlang, um näher heranzukommen. Die meisten der Betonpilze stehen jedoch auf eingezäuntem Gelände.

Rufe ertönen, eine alte Frau, die sich auf einen Stock stützt, kommt winkend auf uns zu. Wir folgen ihrer Handbewegung und stehen vor einem größeren Bunker. Während die kleinen pilzförmigen für vier Leute ausgelegt waren, wurden diese Exemplare meist für Gefechtsstände und Geschützstellungen genutzt.

Mit einem albanischen Redeschwall und gestikulierend gibt sie uns zu verstehen, dass wir um ihn herumlaufen sollen.

Gebirge mit Bunkern und Tunneln
Meist für Gefechtsstände und Geschützstellungen genutzter Bunker

Vor der leicht geöffneten Eingangstür bleiben wir stehen und linsen durch den Spalt. Wir sollen die Tür öffnen. Zu zweit ziehen wir an dem dicken Stück Beton, können es aber kaum bewegen. Die alte Frau lacht, lehnt ihren Stock an die Bunkerwand und öffnet die Tür.

Innen ist er bis zur Decke mit Heu gefüllt. Die Frau redet unentwegt in fröhlichem Ton. Das einzige Wort, das wir heraushören können, ist Enveri. „Enver Hoxha?“, haken wir nach. Sie freut sich, dass wir etwas verstanden haben. „Hoxha, Hoxha, Hoxha“ wiederholt sie lachend.

„Asime“, sie zeigt auf sich. Wir stellen uns ebenfalls vor und sie strahlt vor Freude. Wieder folgen viele Worte, von denen wir „Kaffee“ verstehen. Wir nicken, vergessen aber, dass das in Albanien „Nein“ heißt. Zögernd bedeutet sie uns, dass wir ihr zu ihrem Haus folgen sollen.

„Kaffee?“, hakt sie noch einmal nach, als wir auf der Terrasse sitzen. Sie holt Kaffeepulver, Wasser und eine Tüte Zucker, stellt einen Campingkocher auf die Couch und bereitet das Getränk zu. Da sie uns nicht aus den Augen lässt, muss auch Marc, der keinen Kaffee mag, sein Tässchen leeren.

Ihr Mann gesellt sich zu uns. Er hat gutmütig blickende Augen und eine leise, ruhige Stimme. Beide geben uns zu verstehen, dass wir vor dem Weiterfahren eine Stärkung brauchen. Asime geht in die Küche, kommt mit einem Topf gekochter Milch wieder und füllt jedem ein großes Glas voll ab.

Als die Gläser leer sind und wir aufbrechen wollen, zieht mich Asime energisch am Arm und ins Haus. Stolz zeigt sie mir ihre ganzen Habseligkeiten, die in einer bemalten Holztruhe liegen: in Bündeln und Tüten verpackte Kleidungsstücke und als wertvollsten Besitz ein Fläschchen Parfüm.

Die Verabschiedung ist herzlich und wir sind glücklich darüber, die vermisste albanische Gastfreundschaft doch noch gefunden zu haben.

Berat: Stadt der tausend Fenster

Berat zählt wegen seiner einzigartigen Architektur zu den schönsten Städten Albaniens. Den Namen Stadt der tausend Fenster verdankt sie den dicht beieinanderstehenden, meist zweigeschossigen Wohnhäusern mit ihren großen, eng aneinander gereihten Fenstern.

Oberhalb des Flusses Osum, der die Altstadt in das christlich geprägte Gorica und das muslimische Viertel Mangalem teilt, thront die Burg von Berat.

Das muslimische Viertel Mangalem
Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit auf dem Burggelände

Am nächsten Morgen brechen wir in aller Frühe auf zur Zitadelle. Der Anstieg ist steil und obwohl es erst Vormittag ist, parken bereits Reisebusse vor der Burg. Die außergewöhnlich große Festungsanlage umschließen hohe Mauern, hinter denen sich ein Komplex mit den typischen Altstadthäusern, schmalen Kopfsteinpflastergassen, Souvenirläden, Bars und Kirchen verbirgt. Von ihrem südlichen Ende bietet sich ein fantastischer Ausblick über die Stadt und auf das Bergland.

Einen weiteren wunderbaren Blick auf den Fluss und Berat hat man von der Michaelskirche. Das kleine Gotteshaus aus dem 14. Jahrhundert wurde zwischen den Felswänden unterhalb der Zitadelle erbaut. Hinauf gelangt man über eine steile Treppe, die an der Straße am Fluss beginnt. Oben angekommen stehen wir vor verschlossener Tür. Wie wir später erfahren, hätten wir uns den Schlüssel in einem der Häuser an der Treppe organisieren müssen.

Auf dem Weg nach Tirana

Tirana ist nur eine Autostunde von Berat entfernt. Die Zeit bis zur Abgabe des Autos reicht also noch für einen Abstecher in das Bergdorf Labinot Mal. Dort bewahrt eine Dorfbewohnerin im Keller des ehemaligen Museums die wahrscheinlich letzte Bronzestatue von Enver Hoxha auf.

In Labinot Mal übernahm Hoxha 1943 die Leitung der Kommunistischen Partei Albaniens. Nach der Gründung der Sozialistischen Volksrepublik Albanien1944 wurde Labinot Mal daher zu einem Wallfahrtsort und erhielt eine Klinik, Strom, ein Museum und die drei Meter hohe Bronzestatue des Diktators.

Die serpentinenreiche Straße in die Berge ist wider Erwarten ausgebaut. Nachdem wir aber den Ort nicht finden können, fragen wir in einem Café ein paar Männer nach dem Museum. Alle wissen sofort Bescheid und zeigen in die Richtung, aus der wir gerade gekommen sind. „Sieben Kilometer“, erklingt es einstimmig.

Wir folgen der asphaltierten Straße, bis sie steinig wird, kurven um Berge und abgelegene Weiler. Die sieben Kilometer haben wir schon längst abgefahren, geben aber erst in einem Dorf ohne Piste frustriert auf.

Zurück an der Hauptstraße erfahren wir in einer Bar, dass wir ganz dicht am Ziel waren. Wir hätten das Auto am Ende der Piste abstellen und nur noch etwa 500 Meter zum Dorf laufen müssen.

Stadtbummel in Tirana

In einem Vorort Tiranas befindet sich Hoxhas Atomschutzbunker (Bunk’Art 1). In einem Labyrinth endloser, auf fünf Etagen verteilter Korridore illustrieren Dokumente und Fotografien sowie ein Video über Hoxhas Staatsbegräbnis 1985 die kommunistische Ära.

Im Zentrum Tiranas steht ein weiterer Bunker (Bunk‘Art 2) mit einer Ausstellung über die Gründung des Staatssicherheitsdienstes Sigurimi, die Verfolgungsmethoden des Staates während des Kommunismus, aber auch über geltende Vorschriften für die wenigen Touristen, die ins Land kamen. Sie hatten sich der Vorstellung vom „sozialistischen Menschen“ anzupassen. Friseure schnitten am Flughafen den Männern die Haare auf eine vorgeschriebene Länge und rasierten Bärte ab. Frauen sollten weder Maxi- noch Miniröcke tragen und auch Blusen durften nicht zu knapp sitzen.

Den zentralen Mittelpunkt Tiranas bildet der Skanderbegplatz. Umgeben ist die weitläufige Fläche vom Kulturpalast mit Oper und Nationalbibliothek, der Stadtverwaltung, Ministerien und dem Historischen Nationalmuseum. Die Wahrzeichen, Uhrturm und Et’hem-Bey-Moschee, stehen fast unsichtbar vor seelenlosen Allerweltshochhäusern.

Skanderbeg-Denkmal, Uhrturm und Et’hem-Bey-Moschee
Mosaik am Historischen Nationalmuseum

Mittlerweile sind die Temperaturen auf 37 Grad Celsius gestiegen und wir relaxen bei einer Wassermelone auf der Terrasse der angemieteten Wohnung mit weitem Blick über die Metropole.

Als es dunkelt, beginnt das Treiben in der Stadt. Pärchen und Familien flanieren über den Skanderbegplatz, im angrenzenden Rinia-Park wird gepicknickt und Schach gespielt.

Ein weiterer beliebter abendlicher Treffpunkt ist die „Pyramide“. Sie wurde von Enver Hoxhas Tochter als Erinnerungsstätte an ihren Vater im Architekturstil des Brutalismus gebaut und 1988 eröffnet.

Jahrelang nutzten Jugendliche die Außenmauern des immer mehr verfallenden Gebäudes als Rutsche. Nach einem langen Streit über seinen Erhalt beherbergt es heute im Innern ein Jugendkulturzentrum, auf der Außenmauer wurden Treppen installiert. Mit einem weiten Blick von der Spitze der Pyramide über die Lichter der Stadt beenden wir die Albanientour und reisen am nächsten Morgen in das Kosovo weiter.

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