Kolumbien

Die Worte bewegen, aber das Beispiel überzeugt und nimmt mit.
(Aus Kolumbien)

Sommer 2018

Bogota – Medellin
und weiter nach Ecuador und Panama

DSC00026Eine Zusammenfassung:

Die Einreise in Kolumbien ist ein „Herzliches Willkommen“. Alle Schalter sind geöffnet, obwohl die Warteschlange lang ist, reicht die Wartezeit gerade, um den Pass aus dem Rucksack zu kramen. Der Beamte gibt uns Tipps zu den Taxikosten und den Hinweis, dass wir im Land ausschließlich in Pesos bezahlen können.

Die Nacht im gemieteten Appartement ist sehr kalt. Eine Heizung gibt es in den Wohnungen nicht. Einen Vorteil hat das Frieren – wir sind trotz siebenstündiger Zeitverschiebung bereits um 6 Uhr wach.

Es ist Sonntag und nur am Wochenende gibt es die Möglichkeit am frühen Morgen mit dem Zug in knapp vier Stunden – die nur zwei Stunden benötigenden Busse fahren täglich – zur unterirdischen Salzkathedrale ins 48 Kilometer von Bogota entfernte Zipaquirá zu fahren.

Auf der Fahrt zum Bahnhof legt der Taxifahrer einen kurzen Umweg ein. Wir bekommen unser erstes Highlight der Stadt zu sehen: das Rotlichtviertel.

Dunkel ist es auf dem Weg in den Salzbergwerkstollen. Leichter Schwefelgeruch kriecht in die Nase. Auf dem Kreuzweg Jesu Christi verschwindet er. Farbiges Licht und riesige, aus Salz gemeißelte Kreuze markieren die 14 Stationen des Weges.

Ein Tunnelsystem verbindet alle Pfade miteinander. In einigen kommt man wegen ihrer Enge nur langsam voran. Jede unachtsame Bewegung kann zu einer ungewollten Erinnerung an den Besuch führen, eine Schramme nehme ich als Souvenir mit. 

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Vor uns öffnet sich die 120 Meter lange, dreischiffige Kathedrale. An ihrem Ende leuchtet ein 16 Meter hohes Kreuz aus Salz. Madonnen und Engel aus Salzkristallen zieren die Halle. Damit die Salzaerosole wirken können, legen wir auf einer der Kirchenbänke eine Atempause ein.

Einen weiteren Tag wollen wir noch in Bogota verbringen. Die Stadt ist mit einem Wegenetz von 375 Kilometern Radspuren eine der fahrradfreundlichsten Großstädte Südamerikas. Das Straßensystem für den Autoverkehr ist logisch aufgebaut und durch ein durchdachtes Einbahnstraßensystem kommt man ohne Stau ans Ziel. Für Touristen hat es den Vorteil, dass eine Taxifahrt durch die Stadt gleichzeitig eine Sightseeingtour ist.

Die Taxifahrer achten darauf, den ohnehin niedrigen Fahrpreis so gering wie möglich zu halten. Liegt wegen des Einbahnstraßensystems das Ziel einige Straßenzüge entfernt, fußläufig jedoch nur wenige Meter, zeigen die Fahrer den Weg und tatsächlich sind es nur wenige Schritte zu Fuß.  

Für den Start in den Tag kaufen wir frisch gepressten Orangensaft. Der Saft ist lecker, wir holen einen Nachschlag. Die Bezahlung des zweiten Bechers lehnt der Verkäufer ab. „Willkommen in Kolumbien“, sagt er.

Über Bogota ragt der Hausberg Cerro de Monserrate. 1500 Stufen und eine Standseilbahn führen zum Gipfel. Wir entscheiden uns für eine Fahrt mit der Standseilbahn. 

Kalt und neblig ist es auf der Bergspitze. Von der Seilbahn führt ein Kreuzweg zu einer weiß durch den Dunst schimmernden Kirche. Die Besitzer zahlreicher Souvenirstände und Restaurants überbieten sich im Anlocken von Kundschaft. Nur kurz reißt die Wolkendecke auf und gibt einen eindrucksvollen Blick über die Stadt frei.

Den Rest des Tages verbringen wir in der Altstadt, bummeln über Kopfstein gepflasterte, von bunten Holzhäusern gesäumte Gassen die Hügel hinauf und wieder hinunter zur Plaza de Bolivar.

Der Platz ist das Zentrum der Altstadt, gesäumt von historischen Gebäuden wie der Kathedrale und von unzähligen Tauben bevölkert. Taubendreck liegt überall herum. Werden die Tiere hier verehrt? Liegt es am Namen? Columbidae = Taube?

Die Kathedrale mit einer schönen alten Fassade enttäuscht uns beim Betreten mit einem sehr modernen, kühlen Kirchenschiff. Dagegen sind die Franziskus-Kirche mit einem vergoldeten Altargemälde und die prächtig dekorierte Kirche Santa Clara sehr sehenswert.

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Bei einer fliegenden Händlerin versorgen wir uns mit einer Handvoll gerösteter „Fettarsch-Ameisen“. Ein etwas überteuerter Snack mit schokoladenem Abgang.

Am Abend machen wir uns auf den Weg nach Medellin. Mitten in der Nacht beziehen wir ein neues, modern eingerichtetes Appartement in einer von hohen Bäumen gesäumten Straße. Zufrieden über die Zimmerauswahl sinken wir ins Bett.

Drei Stunden später sind wir uns sicher, dass wir ein neues Zimmer suchen werden. Die ruhige Straße entpuppt sich als Hauptverkehrsader. Das Zimmer liegt direkt an einer Straßenkreuzung, die Fenster sind einfach verglast, teilweise gibt es nur offene Lamellen.

Vor dem Umzug starten wir zur Escobar-Tour. Wilson, der Guide, ist ein großer Verehrer von Pablo Escobar wie auch 70 Prozent der Bevölkerung Medellins. Mit seinem Auftreten wirkt er ohnehin wie einer seiner Helfer.

Die Tour beginnt am Friedhof. Friedhöfe in Kolumbien sind riesige gepflegte Rasenflächen mit bunten Blumensträußen als Farbtupfer. Die ebenerdigen Grabsteine sind erst zu sehen, wenn man davor steht.

Das Familiengrab der Escobars ist eingefasst von Mosaiksteinchen. Auch ohne Guide ist es leicht zu finden: Der einzige niedergetrampelte Rasen auf dem Friedhof führt dorthin. Die Mosaiksteine der Grabeinfassung sind teilweise weggebrochen. Wilson erzählt Schulter zuckend, dass so mancher Tourist am Grab einen Joint rauchen oder eine Straße ziehen will.

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Auf dem Weg zu Le Cathedral, dem selbst erbauten Gefängnis Escobars auf einem Hügel, erfahren wir viel Spannendes aus der aktiven Zeit des Kartells. Von der Abscheu Escobars gegenüber der FARC (kolumbianische Guerillabewegung), seiner Zusammenarbeit mit dem damaligen Staatschef Uribe um die FARC zu vernichten, die Feindschaft zwischen den Kartellen Medellin und Cali.

Obwohl Wilson ausführlich von den guten Taten Escobars wie Bau von Krankenhäusern – ihn nervten die Bittsteller für Geld zur Behandlung Angehöriger – Schulen, Fußballplätzen und Weihnachtsgeschenken für Kinder erzählt, zieht sich die Forderung des Kartells an die Bevölkerung „Geld oder Tod“ als roter Faden durch alle Geschichten.   

Le Cathedral wurde auf Initiative und nach den Wünschen Pablo Escobars gebaut, mit Hubschrauberlandeplatz, Swimmingpool mit Talblick und allem erdenklichen Luxus. Es wird heute als Altenheim genutzt. Bei unserer Ankunft finden auf einem großen Platz vor den Häusern gerade die täglichen Gymnastikübungen statt. Nach der Übung verschwinden die Alten und das Gelände wirkt verlassen.

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Immer wieder schimpft Wilson auf die Netflixserie „Narcos“, in der 90 Prozent Hollywooderfindungen seien. Auf Schritt und Tritt korrigiert er die Serie, zeigt uns die Pfade die Escobar ging, wenn er sein „Gefängnis“ verlassen wollte, wo die bestochenen Bewacher saßen, um die „geheimen“ Wege nicht zu sehen.

Die nächste Station der Tour ist das ehemalige Wohnhaus in der Stadt, das im Januar gesprengt werden soll. Auch hierzu hat Wilson zwei Erzählungen parat.

Escobar wohnte in der obersten fünften Etage. Besucher wurden im Erdgeschoss empfangen. Kam Escobar von seinen Räumen in der fünften Etage hinunter und empfand den Besuch als lästig, überlebte mancher Gast das Treffen nicht.

Gegenüber befand sich seinerzeit ein exklusiver Golfklub. Escobar wollte unbedingt Mitglied werden, wurde jedoch mit der Begründung er sei nicht integer abgewiesen. Daraufhin ließ er seinen Namen auf sein Haus malen, sodass die Mitglieder des Golfklubs ihn ständig vor Augen hatten.

Zum Abschluss halten wir an dem Haus, indem er sich aufhielt, als die Polizei ihn aufspürte und er auf der Flucht sich selbst erschoss oder erschossen wurde. Die Variante entscheiden Anhänger und Verfolger jeder für sich.

Medellin hat einen kleinen, aber sehr schönen Zoo. Auf den Wegen liegen Leguane als Stolperfallen, einer ruht auf einer kleinen Mauer. Er lässt sich streicheln und schließt wohlig die Augen.

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Einen Stadtkern hat Medellin nicht. Die Metropole ist ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen und ist voller und lauter als das beschauliche Bogota. Dadurch mangelt es der Stadt an Sehenswürdigkeiten. Eine der wenigen die Kathedrale, der größte Lehmziegelbau der Welt, die jedoch geschlossen hat. Die anschließende Fußgängerzone ist verstopft, laut und langweilig.

Auf einem Hügel Medellins wohnt Roberto Escobar, zweiter Mann hinter seinem Bruder und ehemaliger Finanzchef des Medellinkartells. Am Ende einer unbefestigten Straße versperren zwei kameraüberwachte Tore den Weg. Der Taxifahrer klingelt, die Tore öffnen sich, auf dem Parkplatz vor dem zweistöckigen Haus stehen Bodyguards und Roberto Escobar. Gegen ein Entgelt führt uns eine Enkelin über das Grundstück und durch die untere Etage des Hauses.

Das Auftreten der jungen Frau lässt keinen Widerspruch zu. Noch bevor wir einen Schritt getan haben, schimpft sie über die Netflixserie „Narcos“. „Zu 97 Prozent ist die Serie Hollywoodschrott.“

Drei Fahrzeuge aus dem ehemaligen Fuhrpark sind noch im Eigentum der Familie: ein blauer Wartburg, ein nachgebautes Polizeiauto, ein roter Pick-up mit Nagelwerfer und Ölsprühdüse an der Ladefläche sowie Einschusslöchern in der Fahrerkabine, die die siebenfache Verglasung der Scheiben nicht vollständig durchdrungen haben.

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Einschusslöcher gibt es auch in der Wohnung. Entstanden beim Überfall eines rivalisierenden Clans. In der Küche steht die Einrichtung aus dem Haus, indem Escobar aufgespürt wurde. An der Wand hängt das Gemälde seines Lieblingspferdes, das er, nachdem es von Feinden schwer verletzt wurde, klonen ließ.

Im Wohnzimmer nehmen wir Platz auf seiner Ledercouch und an seinem Schreibtisch mit diversen Geldfächern, von dem er Bittsteller mit Geld versorgte. Die junge Frau zeigt mit verächtlichem Blick ein paar Dollarnoten, auf denen Besucher Wünsche für und an Escobar geschrieben haben. Hinter einem Regal ist ein mit Sauerstoffflaschen ausgestattetes Versteck.

In den Fluren hängen Familienfotos, Fotos von Roberto Escobar als Radprofi, seine Trikots und sein Rennrad mit vergoldeter Lenkergabel.

Ein Poster zeigt Pablo Escobar mit Sohn vor dem Weißen Haus zu einer Zeit, als er bereits gesucht wurde. In Cartagena, im Norden Kolumbiens, lagen seine zwei U-Boote und so konnte er trotz Kopfgeld von 10 Millionen USD einen Abstecher in die USA machen.

Auf dem Fahndungsplakat vermissen wir Popeye, seinen Auftragskiller. Mit tiefster Verachtung in der Stimme erklärt uns die junge Frau, dass Popeye nur zwei Jahre dabei war und ein Lügner und Aufschneider sei.

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Im Garten zeigt sie verärgert auf Hochhäuser, die den Blick über die Stadt versperren. „Früher hatten wir hier einen unverstellten Blick auf die Stadt und die Landebahn in der Stadt.“ „Pablo konnte Start und Landung seiner Flugzeuge zusehen.“

Für ein Foto mit Roberto werden wir gebeten, Geld für die Speisung der Alten und Armen zu spenden. Roberto zeigt sich als Gentleman, reicht mir seinen Arm um mich eine kleine Stufe hinunter zu geleiten. Wir trinken noch einen Kaffee und verlassen das Anwesen Richtung Flughafen, für die Weiterreise nach Ecuador.

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