Jakobsweg

Nach Jerusalem wandert man, um Jesus zu finden, nach Rom geht man zum Papst, doch auf dem Pfad nach Santiago de Compostela sucht man sich selbst.
(Sprichwort über den Jakobsweg)

Spätsommer 2009

Jakobsweg

Nach diverser Lektüre über den Jakobsweg beschließen eine Freundin und ich, eine Probewanderung zu unternehmen, um zu testen, ob eine Investition von Urlaubstagen für die lange Wanderung lohnt. Teststrecke ist das Teilstück von León nach Santiago de Compostela.

Seine Blütezeit erlebte León vom 10. bis 12. Jahrhundert als Hauptstadt des Königreiches León. Historische Gebäude gibt es viele in der Stadt. Am beeindruckendsten sind die Kathedrale Santa Maria de la Regla und die Kirche San Isidoro mit dem Pantheon der Könige. Dort ruhen auch die Gebeine des Heiligen Isidor von Sevilla, dessen Leichnam jeder Jakobspilger besucht haben muss.   

Leon-Plaza-Major
Plaza Major
Leon-San-Isidoro-Station-auf-dem-Jakobsweg
San Isidoro
Jakobsmuschel-Jakobsweg
Wanderwegmarkierung Jakobsmuschel

Um die Wanderung durch die Gewerbegebiete von Leon zu vermeiden, starten wir erst in La Virgin des Camino. Am Ende des Ortes teilt sich der Jakobsweg in zwei Wegstrecken. Die Entscheidung, auf dem etwas längeren, dafür nicht an der Nationalstraße entlang führenden Weg zu pilgern, ist sofort gefällt.  

Die Sonne scheint, das Wetter ist ideal zum Wandern. Auf kaum befahrenen Landstraßen, über Feldwege und durch karges Ödland führt der Weg.

Obwohl die Saison Ende September vorbei ist und das geringe Übernachtungsangebot kein Problem sein sollte, wird auf dem Weg zügig gelaufen. Oberstes Ziel bleibt, als Erstes an der nächsten Unterkunft anzukommen. Wer es wagt, Wanderer zu überholen, wird argwöhnisch angesehen.

In Villar de Mazarif endet die erste Etappe. Am Ortseingang empfängt ein großes Mosaik mit der Darstellung von Pilgern und der Kirche des Dorfes die Gäste. In einer Pilgerherberge bekommen wir, obwohl es erst früher Nachmittag ist, die letzten zwei Betten in einer Vier-Bett-Kammer.

Jakobsweg-nach-Villar-de-Mazarif
Jakobsweg – Auf dem Weg nach Villar de Mazarif
Mosaik-am-Ortseingang-von-Villar-de-Mazarif
Mosaik am Ortseingang von Villar de Mazarif
Villar-de-Mazarif
Villar de Mazarif

Um der Enge der Herberge zu entfliehen, bummeln wir durch das kleine Dorf. Die Kirche ist geöffnet. Der Hüter des Gotteshauses, ein älterer Herr, herzt und drückt seine Gäste und wünscht alles Gute.  

Im Zimmer schnarchen bei unserer Rückkehr längst weitere Gäste, Musik aus einem kleinen Radio läuft nebenher in Endlosschleife, die Luft ähnelt der im Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark.  

Am Morgen gehen die Ersten bereits vor Sonnenaufgang los, das sichert den nächsten Herbergsplatz. Wir fühlen uns ein wenig genötigt, ebenfalls viel zu früh aufzustehen. Die Sorge bei der Kälte – nachts sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt – keinen Schlafplatz zu finden, verdrängt jedoch die Müdigkeit. Die Armeezelte, die zur Hauptsaison vor den Pilgerorten aufgestellt werden, sind schließlich längst abgebaut. Von der Existenz der Zeltlager zeugt nur der niedergetretene Rasen.

Noch bevor die Sonne aufgegangen ist, wandern auch wir los. Die Landschaft bleibt karg. Erst eine 20-Bogen-Steinbrücke aus mittelalterlicher Zeit verändert das Bild. Am Ende der Brücke liegt Hospital de Órbigo, ein kleiner Ort, in dem wir uns in einem Flusshaus aus dem 18. Jahrhundert einmieten.  

Der Tag hat noch viele Stunden übrig. Unweit von Hospital liegt Astorga, per Bus von Hospital aus gut zu erreichen. Im Ort ist eine Haltestelle, der Bus müsste in zehn Minuten kommen. Passt. Zwei Minuten vor der geplanten Abfahrt kommt eine Frau auf uns zu: „Der Bus hält hier nicht mehr, geht zur Umgehungsstraße.“ Wir holen tief Luft und rennen los. Der Bus hat jedoch 45 Minuten Verspätung. Das ist ärgerlich. Dafür können wir aber wieder zu Atem kommen, bevor wir Astorga besichtigen.

In Astorga fallen sofort zwei Gebäude ins Auge: die Kathedrale Santa María und der Bischofspalast. Umgeben sind beide Gebäude von einer aus römischer Zeit stammenden Stadtmauer. Die Kathedrale, die als Baustil ein Nebeneinander von Spätgotik, Barock und Renaissance vereint, hat geschlossen. Der an ein Märchenschloss erinnernde, von Antoni Gaudi erbaute Bischofspalast beherbergt ein Museum der Pilgerwege und hat geöffnet.

Bruecke-in-Hospital-del-Orbigo
Brücke von Hospital de Órbigo
Gaudi-Museum-in-Astorga
Gaudi-Museum in Astorga
Tempelritterburg-in-Ponferrada
Tempelreitterburg in Ponferrada

Zum Sonnenaufgang geht es von Hospital de Órbigo weiter nach Ponferrada. Unterwegs, am Cruz de Ferro, suche ich im Rucksack nach dem Stein aus der Heimat, der traditionell am Kreuz abgelegt wird. Vergeblich, er ist verschwunden.

Die Unterkunft in Ponferrada ist voll belegt. Schade, sie legt in der Nähe der Tempelritterburg und es wäre bestimmt ein schöner Abend im Ort geworden. Uns bleibt nur nach Villafranca del Birzo auszuweichen. Da aber der Weg dorthin auf einer befahrenen Straße verläuft, fahren wir mit dem Bus.

Villafranca del Birzo ist umgeben von Gebirgszügen, Kastanienhainen und Obstbäumen. In der Santiago-Kirche mit dem Tor der Vergebung erhielten kranke Pilger, die ihre Reise nicht mehr fortführen konnten, den Sündenerlass, der sonst nur am Apostelgrab zugestanden wurde.

Für die Besichtigung der Stadt am nächsten Morgen nehmen wir uns (zu viel) Zeit. Es ist schon relativ spät, als wir uns auf den Weg durch das Valcarce-Tal machen. Irgendwo scheinen wir jedoch den richtigen Abzweig verpasst zu haben. Wir laufen meist auf der Nationalstraße mit Blick auf die Autobahn. Am Abend erreichen wir La Portelade Valcarce. Passend zum Weg bietet ein Motel die Unterkunft für die Nacht.

Ab jetzt kann das Pilgern nur noch angenehmer werden. Sicherheitshalber schauen wir jedoch noch einmal auf die Karte. Der Jakobsweg verläuft bis Trabadelo weiter entlang der Nationalstraße. Als Alternative gibt es den „Camino Duro“, den harten Weg. Hart, weil steile Passagen auf einen Höhenrücken hinauf und wieder abwärts führen. Wir entscheiden uns für die harte Tour.

Die ersten Kilometer ziehen sich entlang einer alten Landstraße. In einem kleinen Ort ist es Zeit für eine Einkehr in eine Bäckerei, um sich für den folgenden steilen Anstieg zu rüsten. Zehn Kilometer bei herrlichem Sonnenschein wandern wir über Stock und Stein, durch Weiler und Dörfer. Die Landschaft wird grüner, der Jakobsweg verlässt Kastilien und erreicht Galicien. Es ist die bisher landschaftlich reizvollste Etappe.

In O’Cebreio, einem bewohnten Museumsdorf mit typischen Rundbauten aus der Zeit der Kelten, beenden wir den Gang auf dem Jakobsweg. Wir haben die Nase voll von Kommerz, den hektisch dahin eilenden „Pilgern“ und dem Konkurrenzkampf um ein Bett.

Von Piedrafita gibt es eine Busverbindung nach Santiago de Compostela. Beim Abstieg von O’Cebreio in den Ort blicken wir in misstrauische Wanderer-Augen. Verräter scheinen die Blicke zu sagen.

Jakobsweg-in-der-Morgensonne
Der Jakobsweg in der Morgensonne
Kathedrale-von-Santiago-de-Compostela
Kathedrale von Santiago de Compostela
Finisterre-das-Ende-vom-Jakobsweg
Finisterre

Die Kirchenglocken in Santiago de Compostela läuten mit mittelalterlichem Klang, Böllerschüsse heißen Pilger willkommen. In der Kathedrale von Santiago de Compostela findet mittags ein Pilger-Gottesdienst statt. Sie ist restlos überfüllt. Wir erwischen einen Platz auf dem letzten Meter des Innenraumes. Als Höhepunkt der Messe entzünden Priester in einem Weihrauchtopf ein Feuer. Fünf Kirchendiener ziehen an einer speziellen Seilvorrichtung, an der der Topf hängt und bringen ihn in Schwung, bis er fast die Decke berührt. Wir sind froh, keinen Platz auf einer der Kirchenbänke gefunden zu haben.  

Der Endpunkt des Jakobweges ist in Finisterre, dem Ende der Welt. Wir fahren hin. Von der Bushaltestelle im Ort sind es noch drei Kilometer Fußweg bis zum Ende der Welt und westlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel.

Je mehr wir uns dem Kap mit den schroff ins Meer abfallenden Felsen nähern, desto eisiger bläst der Wind. In früheren Erzählungen der Pilger wird berichtet, dass man das unendliche Meer sehe und dann höre das Wasser plötzlich auf, und die Erde stürze ins Bodenlose. Wir umrunden den Leuchtturm und müssen aufpassen, dass uns der Wind nicht in den tiefen Abgrund weht.

Im Ort selbst scheint die Sonne. Bei einer typischen Pilgermahlzeit – Salat, Schnitzel, Kartoffeln und ein Glas Wein – beenden wir den Testlauf Jakobweg.

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