Sachsen-Anhalt

Wer de Schprache vun seine Heemte nich ehrt, der is de Luft derheeme nich wert.
(Aus „Bunt mank enander“ von Georg Müller, Sachsen-Anhalt)

Brocken
Kalimandscharo
Wernigerode
Quedlinburg

Brocken

Der Brocken erhebt sich 1.141 Meter über dem Meeresspiegel und gilt mit rund 300 Nebeltagen im Jahr als zuverlässigster Lieferant schlechter Sicht in Deutschland. Wer hier klare Fernblicke erwartet, hat entweder außergewöhnliches Wetterglück oder ein bemerkenswert optimistisches Verhältnis zur Statistik.

Schon Johann Wolfgang von Goethe zog es mehrfach auf den Brocken und Heinrich Heine verewigte den Harz in seiner „Harzreise“. Vermutlich wussten beide, dass diese Landschaft ihre größte Wirkung oft gerade dann entfaltet, wenn sie sich konsequent verhüllt.

Der Aufstieg beginnt im Ilsetal. Der Fluss Ilse begleitet uns mit seinem unermüdlichen Plätschern, und immer wieder laden Tafeln mit Zitaten aus Heines Harzreise dazu ein, kurz innezuhalten und zu lesen. Zu Beginn nehmen wir uns diese Zeit auch noch. Doch je höher wir kommen, desto mehr übernimmt der Nebel das Kommando. Die Sicht reicht irgendwann nur noch wenige Meter weit, und unsere Kleidung wird nach und nach von einer feinen, gleichmäßigen Feuchtigkeit durchdrungen.

Die letzten zwei Kilometer gönnt sich der Brocken ein sadistisches Finale: ein steiler Anstieg auf Betonplatten. Ein Relikt aus der Zeit, als sich auf dem Gelände die ehemalige innerdeutsche Mauer entlang zog und Abhör-Equipment den Berg hinaufgeschafft wurde.

Ein Wegweiser kündigt den „Kleinen Brocken“ an. Zu sehen ist… nichts. Nicht einmal der 123 Meter hohe Sendemast hält es für nötig, aus dem Nebel hervorzutreten. Erst wenige Minuten später öffnet sich der graue Vorhang für einen kurzen Augenblick. Plötzlich steht der Mast unmittelbar vor uns – so überraschend, als hätte ihn jemand erst in diesem Moment dort aufgestellt.

Im Brockenwirt bringt uns schließlich eine heiße Suppe wieder auf Betriebstemperatur. Gut gestärkt schauen wir uns anschließend noch das Brockenmuseum an und drehen eine Runde über das Gipfelplateau, das sich an diesem Tag fast vollständig im Nebel verbirgt.

Heinrich Heine soll einst ins Gipfelbuch geschrieben haben: „Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine.“ Historisch belegt ist dieser Reim zwar nicht. Doch nur wenige erfundene Zitate beschreiben den Brocken so treffend wie dieses.

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Wernigerode in Sachsen-Anhalt

Was uns gestern zu Fuß verwehrt blieb, holen wir heute mit der Brockenbahn nach. Seit 1899 arbeitet sich die dampfende Schmalspurbahn gemächlich den Berg hinauf. Sie schnauft mit bewundernswerter Gelassenheit durch den Wald und erinnert uns daran, dass Reisen früher offenbar weniger mit Geschwindigkeit als mit Vorfreude zu tun hatte.

Während der Zug langsam an Höhe gewinnt, ziehen immer wieder Wanderer an den Fenstern vorbei, die Schritt für Schritt dem Gipfel entgegengehen. Von unseren bequemen Polstersitzen aus wirkt ihr Aufstieg fast beneidenswert entspannt, bis wir uns daran erinnern, wie anstrengend derselbe Weg gestern im Nebel war.

Oben erwartet uns ein völlig anderer Brocken. Vom Nebel ist keine Spur mehr zu sehen, stattdessen reicht der Blick weit über den Harz.

Zurück in Wernigerode wartet die „Bunte Stadt am Harz“. Zwischen reich verzierten Fachwerkhäusern, schmalen Gassen und liebevoll restaurierten Fassaden scheint die Zeit ein wenig langsamer zu vergehen.

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Kalimandscharo in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt hat nicht nur den Brocken, nein, auch zwischen Magdeburg und der Ostsee ragt ein Berg empor, der mit stolzen 200 Metern Höhe alle Maulwurfshügel des Landes in den Schatten stellt.

Doch handelt es sich nicht um irgendeinen Berg, sondern um ein Exemplar der ganz besonderen Sorte: den Salzberg des Kaliwerkes Zielitz, ein mächtiger, von Wäldern gesäumter Riese, den die Einheimischen liebevoll „Kalimandscharo“ nennen. Der Name klingt so exotisch, dass selbst Reinhold Messner kurz überlegt haben soll, ob er hier mal ohne Sauerstoffmaske trainieren sollte, bis er merkte, dass der Gipfel sich knapp unter der Baumgrenze befindet.

Der Aufstieg gestaltet sich sportlich. Über Serpentinen und Steigungen bis 16 Prozent schraubt man sich hinauf, begleitet vom majestätischen Förderband, das Abfälle aus den Minen in die Höhe transportiert. Zum Glück brennt die Sonne nicht so gnadenlos, sodass das gleißende Weiß des Berges auch ohne Sonnenbrille auszuhalten ist. Hätte Karl Lagerfeld diesen Anblick erlebt, er hätte vermutlich sofort eine Kollektion in „Kaliweiß“ entworfen. Nebenbei erfahren wir Wissenswertes über den heimischen Bergbau: vom unter Tage gewonnenen Rohsalz bis hin zum fertigen Produkt, das am Ende wahrscheinlich in irgendeiner Tüte Kartoffelchips oder im Streuer beim Kantinenessen landet.

Oben angekommen, öffnet sich das Panorama. Der Blick reicht über Europas größtes Wasserstraßenkreuz (beeindruckend für Leute, die sich auch für Autobahnraststätten begeistern können), über einen Lindenwald und mit ein wenig Wetterglück sogar bis zum Brocken im Harz, der großen, echten Schwester im deutschen Mittelgebirge.

Man könnte sagen: Der Kalimandscharo ist der Mount Everest der Mitteldeutschen Ebene. Nur eben ohne Lawinen, Yaks und Sherpas und mit der Gewissheit, dass unten im Tal jederzeit ein Bäcker Kaffee und Käsekuchen bereithält.

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Quedlinburg

Es gibt Städte, die mit einer Anekdote hausieren gehen, und es gibt Quedlinburg, das gleich den ganzen historischen Werkzeugkasten auf den Tisch legt. Hier soll 919 Heinrich, der Sachse, von ein paar fränkischen Edelleuten die Königswürde empfangen haben und gilt seitdem als „erster deutscher König“. Ob er sich die Krone verdient hat oder einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand, bleibt im Dunkeln der Geschichte. Fakt ist: In Quedlinburg wurde der Grundstein für die deutsche Monarchie gelegt. Und wenn einen das nicht ehrfürchtig macht, dann vielleicht der Hinweis, dass später auch Friedrich Gottlieb Klopstock hier geboren wurde. Oder dass Rita Süssmuth schon einmal da war. Die verkündete 1990er-jahre-pathetisch: „Quedlinburg hat seine Identität und Seele zurückerhalten.“

Die „Seele“ der Stadt – der Domschatz der Stiftskirche St. Servatius – war nämlich 1945 kurz auf Weltreise gegangen. Ein amerikanischer Soldat fand die kostbaren Stücke wohl zu schade für den Kirchenraum und nahm sie mit; man könnte sagen, als Souvenir mit Übergepäck. Über 1000 Jahre lag der Schatz zuvor sicher auf der Burg Heinrichs I. und seiner Gattin Mathilde. Erst 1992 kehrte er zurück, begleitet von viel diplomatischem Händedruck und vermutlich der einen oder anderen Versicherungspolice. Heute liegt er wieder brav in Quedlinburg, zusammen mit Heinrich I. und seiner Frau Mathilde, die in der Krypta ihre ewige Ruhe haben – wenn man vom Touristengewusel mal absieht.

Kaum war Heinrich 936 beigesetzt, gründete Mathilde – mit Unterstützung von Sohn Otto I. – ein „freies Damenstift“. Klingt nach feministischer Avantgarde, war aber eher eine Art mittelalterliches Internat für hochadelige Töchter, mit Äbtissin als Internatsleiterin.

Die Burg thront noch immer hoch über der Stadt, die sich mit über 1.400 Fachwerkhäusern schmückt. Eine beeindruckende Zahl – man muss nur aufpassen, dass man nicht bei Haus Nummer 237 den Überblick verliert und versehentlich zweimal denselben Giebel fotografiert. Die engen Kopfsteinpflastergassen sind pittoresk, jedenfalls solange man nicht mit Rollkoffer unterwegs ist. Und vor dem Rathaus steht Roland, steinern und mit Schwert. Er symbolisiert die Autonomierechte der Stadt gegenüber der Äbtissin des Reichsstiftes. Im Grunde genommen eine jahrhundertealte Version von „Wir wollen mitreden“.

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