Baden-Württemberg

A guats Gwissa, kommt bloaß vom schlechta Gedächdnis!

(Aus Baden-Württemberg)

 

Schwarzwald

Schluchtensteig
Hochschwarzwald/Glottertal

Schluchtensteig

Der Schwarzwald hat es eigentlich nicht leicht: Statt um die herrlichen Wanderwege, die wildromantischen Schluchten und die prächtigen Sakralbauten kreisen die Gedanken bei seiner Erwähnung im Regelfall zunächst um einen wohlschmeckenden Schinken oder eine sämige Serien-Schmonzette mit Professor Brinkmann, bei dessen Gesichtsausdruck man sich stets nicht recht des Eindrucks erwehren kann, dass er entweder die Last und Leiden der Welt auf seinen Schultern trägt oder vor Drehbeginn die dritte Berühmtheit dieses Mittelgebirges – eine in Kirschwasser ertränkte Sahnetorte – in zu großen Mengen vertilgt hat. Eine zu ihrer Zeit (fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges) sicherlich recht eingängige und beschwingte Operette und eine etwas infantile Uhrenkonstruktion, bei der zur vollen Stunde ein kleines Vögelein den Käufer zur Fliegenklatsche oder zum Luftgewehr greifen lässt, runden das folkloristische Bild des Schwarzwaldes ab.

Aber jenseits von Schwarzwaldmädel und Kuckucksuhr gibt es eben auch jene urwüchsige Naturlandschaft, die mit dichten Fichtenwäldern, tosenden Wasserfällen, idyllischen Seen und herrlichen Ausblicken von den Berggipfeln zu glänzen weiß. Eine der schönsten Wandertouren ist dabei sicherlich der 118 Kilometer lange Schluchtensteig von Stühlingen nach Wehr, dessen erste Etappen uns unter anderem zur prächtigen Wutachschlucht, entlang des versteckten Räuberfelsens, durch die  grandiose Lotenbachklamm und zum berühmten Schluchsee führen – besser bekannt als „Schlucksee“, nachdem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1982 dort ihr Trainingslager aufgeschlagen hatte und sich zartbesaitete Gemüter wie Toni Schumacher, Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge zur Vize-Weltmeisterschaft in Spanien soffen.

Zur Entstehung dieser einzigartigen Schluchtenlandschaft hat die Wissenschaft bereits bedeutende Erkenntnisse gesammelt:

„Die auf Grund von Schotterkörpern im Gutachtal derzeit auf das frühe Würmglazial angesetzte Ablenkung setzte mit der Zunahme des Gefälles von ursprünglich zirka 0,4 Prozent auf anfänglich etwa 4 Prozent eine starke Erosionskraft frei. Die sommerlichen Schmelzwässer führten den durch Frostverwitterung während der übrigen Zeit zersetzten Untergrund ab und erzeugten eine reine Tiefenerosion, wobei die dadurch immer höher werdenden Schluchthänge trotz des meist wenig stabilen Untergrundes frostbedingt recht standfest und steil blieben.

– das ist sehr schön für den, den es interessiert.

Schluchtensteig

Wir konzentrieren uns derweil auf die urwüchsig-pittoreske Landschaft entlang der plätschernden Wildbäche und Wasserfälle, grün bemoosten Gesteinsformationen und mächtig hervorragenden Felsen, malerischen Wälder und satten Wiesen sowie die abwechslungsreich angelegten Wege und eine ordentliche Beschilderung. Selbst die filmische Inszenierung des Panoramas mit röhrendem Hirsch und krähendem Auerhahn auf sonnigem Gipfel, während das Schwarzwaldmädel mit den als Bollenhut bezeichneten Mett-Igeln auf dem Kopf tiefschürfende Verse wie „Malwine, ach Malwine, du bist wie eine Biene“ trällert, verblasst angesichts der Realität beim Durchwandern der grandiosen Schluchten und Täler.

Zum Anfang  ….

Hochschwarzwald/Glottertal

Nach zwei Tagen ausgedehnter Wanderungen erlauben die in Mitleidenschaft gezogenen Füße am dritten Tag gleichwohl nur noch das obligatorische Kulturprogramm, das ein absolutes Muss bei jeder Busreise der Landfrauen in den Schwarzwald darstellt: Der Kurort St. Märgen mit der barocken zweitürmigen Klosterkirche und das nebenan gelegene Kloster St. Peter, in dem mit Abt Ulrich Bürgi vermutlich bereits ein früher Vorfahre des Waschmaschinen-Apostels wirkte, sind an diesem Sonntag trotz strahlendem Sonnenschein gleichwohl fast wie ausgestorben, wohingegen sich vor dem Dom St. Blasien, einer der größten Kuppelkirchen in Europa mit einem leider etwas schlichten und vielmehr nach Hörsaal oder Eisbärgehege anmutenden Innenraum, wenigstens die örtliche Blasmusikkapelle mit einer Polka abmüht und ein paar Imbissbuden in ihre etwas wagemutigen Preise den Beichttaler und den Kirchenzehnten offensichtlich schon integriert haben.

Glottertal-1

Und schließlich kommt man dann doch nicht umhin, bei einem Trip in den Schwarzwald jenen mythischen Ort aufzusuchen, das „Avalon der deutschen Mittelgebirge“, das „Atlantis des Schäufele-Äquators“, das „El Dorado von Baden-Württemberg“: Das GLOTTERTAL – bereits der Name lässt einem in Ehrfurcht erschaudern, als befände man sich bei einer Audienz des Papstes in der Sixtinischen Kapelle oder bei einem „Meet and Greet“ vor einem Konzert von Helene Fischer. Zu Tausenden pilgerten die Besucher hier zu der Wallfahrtsstätte, als in den 1980er Jahren das ZDF am Samstagabend mit der im Schwarzwald angesiedelten Familien-Saga selbst J.R. Ewing und das Denver-Biest in den Schatten stellte. Heute befindet sich in dem 1914 erbauten Gebäude der Schwarzwaldklinik eine Reha-Klinik für psychosomatische Erkrankungen und das ausgeprägte Erholungsbedürfnis der Patienten fügt sich entsprechend harmonisch mit dem Drang der nach wie vor zahlreichen Touristen an jenen sagenhaften Ort, wo die zänkische Oberschwester Hildegard bei jedem Patienten wehmütige Erinnerungen an die Einzelhaft beim letzten Knastaufenthalt hervorruft und Udo Brinkmann junior die Riege der Krankenschwestern gründlich inspiziert hat (das war die jugendfreie Formulierung). Entsprechend freundlich wird man bereits ein paar Meter vor dem Eingang mit einem Schild „Zutritt verboten“ empfangen und darf sich daher am Berghang durch die Brombeerhecken schlagen, um wenigstens einmal die berühmten Giebel der Kulisse in Augenschein nehmen zu können.

GlottertalZum Anfang ….

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