Panama

Wenn es keinen schlechten Geschmack gäbe, würden die Waren nicht verkauft werden.
(Aus Panama)

Reisejahr 2018 | Lesezeit 12 Minuten

Kolumbien Ecuador

Panama City (Panamakanal) – El Valle de AntónPortobelo

Der erste Eindruck von Panama ist ernüchternd. Anders als in Kolumbien oder Ecuador kommt beim Grenzübertritt kein Gefühl des Willkommenseins auf. Missmutig sitzt die Beamtin an ihrem Schalter, während sich die Abfertigung quälend langsam hinzieht.

Zwar fährt vom Flughafen in Panama City ein Bus ins Zentrum, doch dafür benötigt man eine Prepaidkarte, die ausgerechnet am Flughafen nicht erhältlich ist. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zähneknirschend ein völlig überteuertes Taxi zu nehmen.

Nachtrag: Seit März 2023 gibt es eine U-Bahn-Verbindung in die Innenstadt.

In der Innenstadt ragen gläserne Hochhäuser in den Himmel. Dazwischen steht mein Hotel – ein unscheinbares, in die Jahre gekommenes Gebäude, das zwischen den modernen Türmen beinahe verloren wirkt.

Auf dem kürzesten Weg vom Pazifik zum Atlantik

Panama verdankt seine Unabhängigkeit nicht zuletzt dem Bau des Panamakanals. Bis 1903 gehörte das Land zu Kolumbien; erst mit der Unterstützung der USA und dem Beginn des Kanalbaus wurde es ein souveräner Staat. Das rund 80 Kilometer lange technische Meisterwerk verbindet den Atlantik mit dem Pazifik und zählt bis heute zu den bedeutendsten Wasserstraßen der Welt. Schon lange vor meiner Reise habe ich mir im Internet ein Ticket für die vollständige Durchquerung des Kanals gesichert.

Um 5.30 Uhr beginnt die Tour. Für meinen Geschmack viel zu früh, doch an Bord des Dampfers wartet immerhin frisch gebrühter Kaffee – und in Panama ist Kaffee, anders als in Ecuador, tatsächlich Kaffee.

Langsam gleitet das Schiff durch den Morgendunst. Schemenhaft zeichnen sich Kräne, Frachtschiffe und die Puente de las Américas am Horizont ab. Bis zur Eröffnung der Centenario-Brücke im Jahr 2004 war sie die einzige Straßenverbindung zwischen Nord- und Südamerika – ein eindrucksvolles Symbol für die besondere Lage Panamas zwischen zwei Kontinenten.

Wir fahren entlang der Hafenanlagen zur ersten Schleuse. Plötzlich schiebt sich ein gigantischer Containerriese vor unseren Bug. Der Koloss verschwindet jedoch in einer separaten Schleusenanlage. Unser Schiff teilt sich die Miraflores- und später die Pedro-Miguel-Schleusen mit einem Schüttgutfrachter. Dessen stählerne Bordwand ragt wie eine Hausfassade über unserem Deck auf. Damit das Schiff zentimetergenau durch die enge Schleusenkammern manövriert werden kann, wird der Frachter von Elektrolokomotiven, die ihn mit Stahlseilen langsam vorwärtsziehen exakt in Position gehalten.

Nach den Pedro-Miguel-Schleusen endet die Halbtagestour. Viele Fahrgäste verlassen das Schiff, zurück bleibt nur eine kleine Gruppe – fast ausschließlich deutschsprachige Reisende. Kurz darauf passieren wir die Puente Centenario, die seit 2004 die Puente de las Américas entlastet, und erreichen den schmalsten Abschnitt des Kanals. Dicht bewachsener Dschungel säumt die Ufer, während feiner Nebel über dem Wasser liegt und der Landschaft eine beinahe geheimnisvolle Stimmung verleiht.

Nach rund 13 Kilometern öffnet sich der Kanal zum Gatúnsee – einem gewaltigen Stausee, der eigens für den Bau des Kanals angelegt wurde. Aus dem Wasser ragen die Kuppen einstiger Hügel wie kleine Inseln empor. Motorisierte Schrotthaufen und Containerschiffe kreuzen unseren Kurs. Langsam setzt Regen ein. Fast zweieinhalb Stunden gleitet unser Dampfer über den See, bis schließlich die Gatún-Schleusen vor uns auftauchen. Nur noch 26 Höhenmeter trennen uns vom Atlantik – überwunden durch drei aufeinanderfolgende Schleusenkammern.

Regen und Nebel verdichten sich zusehends. Vor der Karibikküste liegen Frachtschiffe weit verstreut vor Anker und warten geduldig auf ihre Genehmigung zur Kanaldurchfahrt. Nach acht Stunden erreicht unser Dampfer schließlich Colón. Am Hafen steht bereits der Bus bereit, der die Reisenden zurück zu ihren Hotels bringt.

Panama City – Casco Viejo und Fischmarkt

In Panama City lässt sich vieles bequem mit der Metro erreichen. Nur drei Stationen vom Hotel entfernt soll die Altstadt liegen. Doch als ich aussteige, stehe ich an einer stinkenden, lauten Durchgangsstraße. Der Stadtplan hilft mir auch nicht weiter, aber ich glaube eine frische Brise zu spüren. Die Altstadt liegt am Meer – also folge ich einfach dem Hauch kühler Luft.

Es ist die richtige Entscheidung. Zuerst gilt es jedoch eine Fußgängerzone, in deren unzähligen Läden billiger Ramsch verhökert wird, zu durchqueren. Zwischen verfallenen Häusern im Kolonialstil blitzen frisch verputzte Fassaden hervor, die heruntergekommenen Bauten sind kunstvoll mit Graffiti überzogen.

In der eigentlichen Altstadt schließlich herrscht eine andere Welt: enge, kopfsteingepflasterte Gassen, aufwendig restaurierte Gebäude mit eleganten Boutiquen und teuren Lokalen im Erdgeschoss.

Von der Kathedrale ist wegen Sanierungsarbeiten nicht viel zu sehen. Der Präsidentenpalast, der sich ebenfalls in der Altstadt befindet, liegt irgendwo gut geschützt vor den Blicken Neugieriger. Erst als ich auf dem Weg zum Mercado de Mariscos (Fischmarkt) bin, kann ich ein Auge auf das Gebäude, das auf einem Felsen direkt am Meer steht, werfen.

Am Markt schaukeln kleine Fischerboote vor der Skyline der Stadt im Wasser. Angestellte der dort ansässigen Restaurants und Imbisse buhlen lautstark um Gäste. Die Preise sind für panamaische Verhältnisse erstaunlich niedrig. Ceviche – in Zitrussaft marinierter Fisch – gilt als Geheimtipp. Als meine Portion kommt, legt sich das Erstaunen über das günstige Angebot: Ein 250-ml-Becher, reichlich mit Zwiebeln, spärlich mit Fischstücken gefüllt.

Regen zieht auf. Am Fischmarkt gäbe es zwar eine Bushaltestelle, doch ich kenne das Liniennetz zu schlecht. Also gehe ich zurück zur Metro. Der kürzeste Weg zur nächsten Station führt durch eine Seitengasse der Fußgängerzone, in der ich gerade erst unterwegs war. Uniformierte stehen davor. „Hey Tourist. Da nicht lang. Das ist zu gefährlich“, rufen zwei Polizisten. „Da lang geht es zur Altstadt.“ Widerwillig nehme ich den Umweg.

Der Bahai-Tempel

Am nächsten Morgen verlasse ich Panama City in Richtung El Valle de Antón. Bis mein Bus fährt, bleibt noch etwas Zeit. Das Restguthaben auf meiner Metrokarte reicht genau für einen Abstecher in den Vorort San Isidro. Hoch über dem Stadtteil erhebt sich dort der Bahai-Tempel.

An der Zufahrtsstraße zum Tempel entdecke ich den Fahrplan eines Shuttlebusses. Die nächste Fahrt ist allerdings erst in drei Stunden. Also schultere ich meinen Rucksack und mache mich zu Fuß auf den knapp zwei Kilometer langen Anstieg.

Schon von Weitem fällt die außergewöhnliche Architektur des Tempels ins Auge. Er erinnert an eine geöffnete Blüte oder an eine umgestülpte halbe Eierschale. Neun elegant geschwungene Wände tragen die lichtdurchflutete Kuppel. Die Zahl Neun besitzt im Bahai-Glauben eine besondere Bedeutung und steht für Einheit und Vollkommenheit.

Ein freundlicher Gläubiger begrüßt mich und erzählt von seiner Religion: „Sie ist erst rund 150 Jahre alt und hat ihren Ursprung im Iran. Wir glauben an die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt. Alle Religionen werden anerkannt – deshalb missionieren wir auch nicht.“ Im Iran gelten die Bahai bis heute als Abtrünnige und werden vielfach verfolgt.

Im Inneren des Tempels stehen schlichte Holzbänke in langen Reihen. Durch filigrane Öffnungen strömt frische Luft, während von draußen Vogelstimmen hereinklingen. Die Hektik der Großstadt scheint mit einem Mal weit entfernt. Erstaunt spüre ich, wie rasch sich Ruhe und Gelassenheit ausbreiten.

Beim Abschied stellt mir mein Begleiter noch eine Frage.

„Bist du den ganzen Weg hier heraufgelaufen?“

Ich nicke.

Er schaut mich ungläubig an. Dass ich den Rückweg ebenfalls zu Fuß antreten könnte, kommt für ihn überhaupt nicht infrage. Kurzerhand organisiert er einen Minibus und wartet, bis ich sicher eingestiegen bin.

El Valle de Antón: Leben im Vulkankrater

El Valle de Antón liegt in einem der größten bewohnten Vulkankrater der Welt und ist von einer üppigen, tropischen Vegetation umgeben. Viele Grundstücke im Ort wirken wie kleine Parks. Zwischen gepflegten Gärten stehen verstreut einfache Bungalows, die an Reisende vermietet werden.

Rund um das Tal führen zahlreiche Wanderwege durch den dichten Nebelwald – auch während der Regenzeit sind einige noch gut begehbar. Zwei Stunden Fußmarsch vom Ort entfernt stürzt der Chorro El Macho, der größte Wasserfall der Umgebung, rund 70 Meter in die Tiefe. Für den Zugang wird eine Gebühr verlangt, denn wie viele Sehenswürdigkeiten Panamas befindet auch er sich auf privatem Gelände.

Wanderung mit der Polizei

Mein nächstes Ziel ist ein Wanderweg am Ortsrand, der zu bis heute nicht entschlüsselten Petroglyphen, mehreren Wasserfällen und einem Aussichtspunkt mit Blick über das Tal führt.

Ich bin noch nicht weit gekommen, als ein Polizeiquad vorbeifährt und unter einem Schutzdach hält. Ich beachte es kaum und setze meinen Weg fort.

„Stopp!“, ruft plötzlich einer der Polizisten.

Mit Hilfe seines Handys und eines Übersetzungsprogramms versucht er mir zu erklären, dass ich nicht weitergehen soll – zumindest nicht allein. Auf seinem Bildschirm erscheint die Nachricht: „Zu viele Überfälle.“

Ich versuche zu erklären, dass ich nur bis zu den Petroglyphen möchte. Der Polizist nickt zufrieden und deutet hinter mich – auf den Felsen mit den rätselhaften Schriftzeichen. Offenbar ist dieser kurze Abstecher akzeptabel.

Etwas widerwillig mache ich mich auf den Rückweg. Kurz darauf kommt mir eine Familie entgegen. „Wollt ihr zu den Wasserfällen?“, frage ich.

„Ja, genau dorthin“, antwortet eine junge Frau.

Kurzerhand schließe ich mich der Gruppe an. An den Petroglyphen macht die Familie jedoch eine längere Pause und beschließt, dort zu bleiben. Die Polizei wartet derweil noch immer. Erst als die Beamten nachfragen, ob die Familie mich auf dem weiteren Weg begleiten wird, entschließen sich zwei jüngere Familienmitglieder, doch noch mitzukommen.

Über glitschige Steine führt der Pfad bergauf. Der erste Wasserfall ist bereits nach wenigen Minuten erreicht, kurz darauf folgt ein zweiter. Doch hier endet die Wanderlust meiner Begleiterinnen. Sie schlagen vor, dass ich allein weitergehe.

Einen Moment lang überlege ich tatsächlich. Dann kehre ich mit ihnen um – nicht zuletzt, damit die beiden wegen ihrer spontanen Hilfsbereitschaft keinen Ärger mit der Polizei bekommen.

Von der Vulkansenke an die Karibikküste von Panama

Am nächsten Morgen liegt eine lange Reise vor mir. Doch schon der Start verläuft nicht ganz nach Plan: Der Frühstückskaffee aus dem Dorfladen fällt aus. Missmutig stehe ich an der Straße und warte auf den Bus – immerhin lässt er nur fünf Minuten auf sich warten.

Durch zahlreiche Staus zieht sich die Fahrt zurück nach Panama City länger als erwartet. Vor dem Umsteigen brauche ich dringend einen Kaffee. Doch obwohl der Busbahnhof groß ist, besteht das kulinarische Angebot fast ausschließlich aus Fast Food, frittierten Speisen und Cola. Erst in einer versteckten Ecke entdecke ich ein kleines Café – die Rettung für meine morgendliche Kaffeelaune.

Der Bus nach Colón kommt überraschend schnell voran. Nach nur eineinhalb Stunden ist die Fahrt beendet. Als alle Fahrgäste aussteigen, schließe ich mich ihnen an und finde mich irgendwo im Stadtzentrum wieder. Der Busfahrer mustert mich besorgt, deutet in eine Seitenstraße und ruft mir zu:

„Geh dorthin, nimm ein Taxi und fahr sofort zum Hotel.“

Seine Warnung ist unmissverständlich. Colón gilt als die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate Panamas. Schon wenige Schritte durch die Straßen vermitteln einen Eindruck vom Zustand der Stadt: Müll liegt in den Seitenstraßen, Betonfassaden sind vom tropischen Klima und schwarzem Schimmel gezeichnet. Farn wächst aus Mauerritzen, morsches Holz hängt an ehemaligen Balkonen, und manche bewohnten Hütten wirken, als wären sie aus den Ruinen früherer Gebäude herausgewachsen.

Nach einer kurzen Orientierung finde ich schließlich den Busbahnhof. Er könnte kaum unterschiedlicher sein als der moderne Terminal in Panama City: chaotisch, ungepflegt und voller hektischer Betriebsamkeit.

Historisches Fischerdorf Portobelo

Der Bus nach Portobelo ist einer der bunt bemalten ehemaligen amerikanischen Schulbusse, die vielerorts noch immer den öffentlichen Nahverkehr prägen. Ohrenbetäubende Musik dröhnt aus den Lautsprechern, das Bodenblech gibt unter den Füßen nach, und die Fensterscheiben klappern in scharfkantigen, vom Rost zerfressenen Rahmen.

Während der Kolonialzeit zählte Portobelo zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Neuen Welt. Einst als beschauliches Fischerdorf gegründet, entwickelte sich die Stadt zum wichtigsten Umschlagplatz für Gold und Silber aus Südamerika. Von hier aus wurden unermessliche Reichtümer und kostbare Waren über den Atlantik nach Europa verschifft. Selbst mächtige Festungsanlagen konnten Portobelo jedoch nicht dauerhaft schützen: Dem berüchtigten Freibeuter Henry Morgan gelang es 1668, die Stadt zu erobern und zu plündern.

Heute erzählen die Ruinen der einst imposanten Befestigungen von dieser bewegten Vergangenheit. Beim Spaziergang zwischen den alten Mauern scheint die Geschichte beinahe greifbar. In der stillen Bucht vervollständigen verlassene, halb versunkene Jachten das Bild einer Stadt, deren glanzvolle Zeit längst vergangen ist.

Für ein paar Stunden in Panama City

Früh am nächsten Morgen geht es zurück nach Panama City. Kaum habe ich mein Zimmer verlassen, ist schon das Hupen des Busses zu hören. Praktischerweise hält er überall dort, wo Fahrgäste ein- oder aussteigen möchten.

In Colón, wo ich erneut umsteigen muss, lande ich diesmal mitten auf dem Zentralmarkt. Ein Händler bietet frisch gebrühten Kaffee an – genau das Richtige für den Start in den Tag. Während ich auf einer Bank sitze und mein Morgengetränk genieße, verteilen junge Frauen Sandwiches und Getränke an obdachlose Menschen. Eine kleine Geste der Menschlichkeit, die inmitten des geschäftigen Markttreibens besonders auffällt.

Gegen Mittag erreiche ich Panama City. Bis zu meinem Rückflug bleibt noch etwas Zeit für einen letzten Spaziergang. Die Kanzlei Mossack Fonseca, weltweit bekannt geworden durch die Panama Papers, ist im Stadtplan noch immer verzeichnet. Das Gebäude ist schnell gefunden, doch heute befindet sich dort eine Privatklinik. Auch wenn es an dem Ort nichts mehr zu entdecken gibt, bietet der Spaziergang einen stimmungsvollen Abschluss meiner Reise, bevor mich der Langstreckenflug zurück nach Deutschland bringt.