Schleswig-Holstein

Je dummer de Kerl, je grötter dat Amt.
(Aus Schleswig-Holstein)

Föhr
Hallig Hooge
Kiel
Lübeck
Grenzflüßchen Wakenitz
Schlei
Karl-May-Spiele Bad Segeberg

Föhr

Den Täter treibt es bekanntlich stets an die Stätte seiner Missetaten zurück und so bot denn auch ein langes Wochenende an der norddeutschen Küste Gelegenheit, um eines der legendären Kapitel einer jeglichen Schullaufbahn in Erinnerung zu rufen: Die Fahrt ins Schullandheim nach Föhr. Ganze Generationen von Schülern wurden mit Erreichen der achten Klasse aus der Südpfalz an die Nordsee verschifft, um dort in zehn Tagen die Eigenheiten der Basstölpel, Trottellummen und sonstigen Mitschüler zu erkunden. Nach wie vor dürften bei jedem der Teilnehmer die Gedanken an die luxuriöse Unterkunft des Schullandheims mit seinen hölzernen Doppelstockbetten und dem morbiden Charme einer Kaserne aus der Zeit des deutsch-dänischen Krieges präsent sein. Und wohl ein jeder erinnert sich an die kulinarischen Kreationen von ein paar Zivis, deren Kocherfahrungen sich zuvor auf die Zubereitung eines belegten Brötchens beschränkt hatten (nur so erklärt sich eine Gulaschsuppe mit ganzen Kartoffeln) und deren Rechenkünste nicht ausreichten um zu erkennen, dass fünf Frikadellen bei einem Tisch mit sechs Personen selbst bei Rationen für die Hauptdarstellerinnen auf Heidi Klums Bulimie-Boulevard nicht ausreichen würden.

Föhr

Doch zurück zur Gegenwart: Da die eigentlich geplante Fahrt nach Amrum wegen Niedrigwassers (ein in im Jahr 2016 an nicht wirklich vielen Orten beklagter Zustand) entfallen musste, lag es nahe mit der Fähre stattdessen von Dagebüll nach Föhr überzusetzen und in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen (oder die ehrliche Begründung: Da Dagebüll nicht gerade den Nabel der Welt bildet, wäre als alternativer Tagesausflug allenfalls noch ein Besuch des örtlichen Bingo-Nachmittages in Betracht gekommen). Ein köstliches Fischbrötchen verdrängte sogleich die Erinnerungen an die Versorgungsengpässe im Landschulheim vor 20 Jahren und ließ die Insel auf einmal in einem etwas helleren Lichte strahlen – zumindest bis zum Anblick der Kurkapelle am Strandpavillon, deren Musikanten sich ein paar Textilien aus dem Altkleidersack der Flippers stibitzt hatten und mit ihrem Gesang die Seehunde am Strand vor den Kurgästen abschirmten. Die anschließende Wanderung führte zunächst entlang der fein säuberlich in Abschnitte für Sportler, Hunde, Nichtraucher und FKKler aufgeteilten Strandpromenade und schließlich ins Innere der Insel über den Friesendom nebst sprechendem Friedhof bei Nieblum und die Windmühle von Borgsum zurück nach Wyk. Das Erinnerungsfoto am Schullandheim durfte natürlich nicht fehlen – nur leider war es das falsche Gebäude, aber wer kann schon wissen, dass sich gleich drei solcher Diätanstalten auf der Insel befinden. Dass die Insel in ihrem Nordteil als Paradies für Vogelliebhaber gilt, macht sie dagegen nicht wirklich spannender und auch die Erwähnung eines Besuchs von Präsidenten-Praktikant Christian Wulff unter den „bedeutendsten Ereignissen der Insel in den letzten 200 Jahren“ im Werbeprospekt sollte aus Marketinggründen wohl besser unterbleiben.

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Hallig Hooge

Solcherart beflügelt von der nordfriesischen Inselluft, führte uns am Tag darauf noch ein Abstecher zur Hallig Hooge. Nachdem der Kapitän der Fähre offenbar am Vorabend einen Grog zu viel getrunken und sich im Watt festgefahren hatte, dauerte es gleichwohl fast drei Stunden, ehe die Hallig vor uns lag. Neben ein paar Wegelagerern, die den ankommenden Gästen einen sogenannten „Halligtaler“ aus der Tasche ziehen, empfing uns die Insel mit einem unaufhörlichen Wind, der sämtliche Nasenpolypen sogleich zuverlässig aus der Kieferhöhle fegt. Die rund 100 Bewohner des Eilands pflegen die Gewohnheit, dass sie ihre Insel alle paar Wochen von einer Sturmflut überschwemmen lassen, während sie sich auf ihre maulwurfsartigen Warften zurückziehen. Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist der Königspesel. Was nach einer royalen Latrine klingt, ist in Wahrheit eine alte Bauernstube, in der irgendein gestrandeter Dänenkönig vor 200 Jahren übernachten musste. Das ist zwar immer noch beeindruckender als die Erwähnung von Christian Wulff im Werbeprospekt von Föhr, rechtfertigt jedoch für sich genommen noch keinen Besuch der Insel. Dazu bedarf es schon des sogenannten „Sturmflutkinos“. Der monumentale Begriff mag Assoziationen an irgendeine Zerstörungsorgie von Roland Emmerich oder ein Fahrgeschäft im Freizeitpark der Universal Studios hervorrufen, doch erwarten den neugierigen Touristen für vier Euro Eintritt in einer alten Scheune lediglich ein paar Klappstühle und eine kleine Leinwand vom letzten Dia-Abend des örtlichen Heimatvereins.  Mit der spannungsgeladenen Emotionalität und fesselnden Dramaturgie einer Telekolleg-Sendung über die Konjugation altmongolischer Verben auf BR-Alpha wird dort auf der Leinwand das filmische Meisterwerk eines ortsansässigen Hobbyfilmers zur letzten Überschwemmung der Insel präsentiert. Gleichwohl bietet die Insel eine lehrreiche Erfahrung, denn nach einem Tag weiß man das gute alte Festland durchaus wieder zu schätzen.

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Kiel

Begonnen hatte der Kurztrip an die Küste allerdings nicht an der Nordsee, sondern auf der gegenüberliegenden Seite in Kiel. Über die Sehenswürdigkeiten der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt kann man gewiss einiges schreiben. Einiges schreiben kann man allerdings auch über das Balzverhalten der Sumpfrohrdommel oder die Merkmale friesischer Badezimmerarchitektur im 5. Jahrhundert – und deren bahnbrechender Bedeutung steht die überwältigende Opulenz der Kieler Sehenswürdigkeiten in nichts nach. Dass Kiel im Jahre 1946 anstelle von Lübeck oder Schleswig zur Landeshauptstadt gewählt wurde, dürfte nicht zuletzt darin begründet liegen, dass sich die britische Besatzungsmacht an den Landesbeamten für ein verlorenes Elfmeterschießen rächen wollte. Die Umschreibung der Stadt als „spröde Schönheit“ oder „Dynamik und Balance am Meer“ klingt bei näherer Betrachtung ähnlich euphemistisch wie die Einordnung eines alten Filzhutes von Joseph Beuys als künstlerisches Meisterwerk oder die Kategorisierung der Spielweise der englischen Fußball-Nationalmannschaft als sportliche Leistung. Die Stadtväter des Alcatraz des Nordens hatten augenscheinlich ein ähnlich sicheres architektonisches Gespür wie der Architekt Numerobis in „Asterix und Kleopatra“ und auch die Bezeichnung „kielholen“ als schwere Strafe der Seefahrt dürfte wohl weniger auf den Schiffsrumpf als auf die Androhung einer Exilierung nach Kiel verbunden sein. Die beiden zentralen Sehenswürdigkeiten – das Marine-Ehrenmal und das U-Boot U 995 – befinden sich denn auch nicht in Kiel, sondern auf der anderen Seite der Kieler Förde, in Laboe, die sich gehässigerweise auch noch als „Die Sonnenseite der Kieler Förde“ bezeichnet – womit sie freilich nicht Unrecht hat.

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Lübeck

Und dennoch gibt es im Leben eines Touristen in Schleswig-Holstein durchaus Momente, in denen man sich geradezu nach Kiel zurücksehnt – beispielsweise bei der Einfahrt mit dem Auto in das knapp 100 Kilometer weiter südlich gelegene Lübeck. Die beiden Hansestädte mögen selbstredend in puncto Sehenswürdigkeiten, Attraktivität und Atmosphäre auch nicht annähernd miteinander konkurrieren können: Die stolz in den Himmel ragenden und neben Marmeladenetiketten auch weithin die Stadtsilhouette dominierenden sieben Kirchtürme von Lübeck, das Holstentor aus dem 15. Jahrhundert als prachtvolles Relikt aus der Blütezeit der Hanse und Wahrzeichen der Stadt, die idyllischen und verwinkelten Gassen der Altstadt mit den begehbaren und laubbekränzten Innenhöfen, das innen wie außen vielleicht schönste Rathausgebäude in Deutschland und die bei einer Rundfahrt auf dem Wasser besonders eindrucksvoll zur Geltung kommenden Backsteinbauten und Hafenspeicher entlang der Trave verdienen im Gegensatz zur schnarchnasigen Landeshauptstadt allemal einen längeren Aufenthalt. Allein, der Zugang zu der Hansetochter Lübeck gestaltet sich für den motorisierten Städteurlauber ähnlich problematisch wie die Beantragung einer Zufahrtsgenehmigung für die Area 51 oder das Atomwaffentestgelände in Nordkorea. Ein findiger Verkehrsdezernent – augenscheinlich ein Nachfahre des in Diensten des Königs Minos im Palast von Knossos stehenden königlichen Baumeisters Daidalos oder einfach nur ein leicht überforderter Verwaltungsbeamter, der nach drei Flaschen Rotwein eine Verkehrsführung für die Stadt auf das Reißbrett krakelte – erschuf in Lübeck mit den Einbahnstraßenregelungen eine kostenlose Freizeitbeschäftigung für Autofahrer, die sonst nur Fußgängern im ländlichen Raum beim Gang durch ein Maislabyrinth zuteilwird. So wankt der Lübeck-Besucher denn auch zwischen kindlicher Freude und entnervtem Fluchen, während er in den südlich der Trave gelegenen Wohngebieten bei der spätabendlichen Suche nach der Adresse seiner Ferienwohnung bei dem Versuch, von der Hauptstraße nach links einzubiegen, zum zwölften Mal hintereinander auf ein „Durchfahrt-Verboten“-Schild stößt und bei einer finalen Interessenabwägung zu dem Schluss gelangt, dass selbst ein theoretisches Bußgeld in Höhe von 25 Euro für das Befahren der Einbahnstraße in die falsche Richtung günstiger käme, als der Benzinverbrauch bei der fortgesetzten Suche nach einer passenden Straßeneinmündung. Während das Navi zwischenzeitlich die Ankunftszeit um eine Dreiviertelstunde nach oben korrigiert hat, ein wild fuchtelnder Radfahrer beim kurzzeitigen Ausweichen auf den Radweg irgendwelche undefinierbaren Laute von sich gibt und der erleichterte Jubel nach der seligmachenden Entdeckung einer Straßeneinmündung wenige Meter später jäh an einer Straßensperre aus Metall verebbt, stellt sich der verzweifelte Autofahrer zwangsläufig die Frage, ob er nicht versehentlich zwanzig Kilometer weiter südlich in der „Till-Eulenspiegel-Stadt“ Mölln gelandet ist. Der Schalk mit seinen lustigen Streichen mag zwar um das Jahr 1350 in Mölln verstorben sein, sein Geist lebt jedoch in der Straßenverkehrsbehörde in Lübeck bis zum heutigen Tage unvermindert fort. Davon zeugt nicht zuletzt auch der Geniestreich der Errichtung einer Baustelle auf der Hauptverkehrsader am Traveufer mit der einmal im Kreis bis zum Ausgangspunkt führenden Ausweichstrecke. Hätten die Gebrüder Grimm ihr Schauermärchen von Hänsel und Gretel in Lübeck angesiedelt, wären die entnervten Hauptdarsteller am Ende vermutlich freiwillig in den Ofen der Hexe gehüpft.

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Grenzflüßchen Wakenitz

Wer es schließlich mit dem Auto in die Stadt geschafft und die wirklich lohnenswerten Sehenswürdigkeiten artig abgeklappert hat, dem sei anschließend zur Entschleunigung eine Barkassenfahrt auf dem Flüsschen Wakenitz empfohlen. Der Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern voneinander trennende Wasserlauf diente bis 1990 als Grenzfluss zwischen der BRD und der DDR und wird von Werbetextern nach dem Genuss von zu viel Korn gerne auch als „Amazonas des Nordens“ beworben. Nun gut, statt Piranhas, Jaguaren und Regenwäldern finden sich auf den 15 Kilometern zwischen Lübeck und Ratzeburg allenfalls ein paar Elritzen, Hauskatzen und Sumpfdotterblumen und die Anlegestellen Müggenbusch und Absalonshorst haben trotz gewisser Ähnlichkeiten vielleicht nicht ganz die Ausmaße von Belem oder Manaus. Auch, dass die vormaligen Grenzanlagen den umliegenden Wald weitgehend unberührt gelassen haben, nach 1990 rund 18.000 Minen auf der Ostseite des Flusses entfernt werden mussten und sich ein paar aus einem Wildgehege ausgebüxte Nandus seit Jahren in den Wäldern vermehren, lässt das Gebiet weniger für abenteuerlustige Fernreisende, als vielmehr für ein Survivaltraining zum Teambuilding der örtlichen Kreissparkasse geeignet erscheinen. Ansonsten aber ist der Vergleich mit Südamerikas größtem Strom nicht ganz unpassend, verbindet sich doch ebenso wie bei einer mehrtägigen Flussfahrt auf dem Amazonas auch mit einem Nachmittagsausflug auf der Wakenitz ein Abenteuer der besonderen Art, das in seiner spannungsgeladenen Dynamik wohl bereits Sandra Bullock als Blaupause für das Drehbuch zu „Speed II“ diente. Wer schon einmal eine Fahrt mit dem örtlichen Landfrauenverein zur Zaberner Krokosblüte mitgemacht oder bei der Goldenen Konfirmation mit seinem Jahrgang zur Seniorenwallfahrt nach Bochum-Stiepel aufgebrochen ist und dabei keine Baldriantropfen zur Beruhigung benötigt hat, für den stellt eine Fahrt auf der Wakenitz sicherlich den geeigneten Adrenalinkick dar. Bereits bei der Besteigung des Bootes wird man Zeuge von Szenen barbarischer Rohheit und dem „Survival of the Fittest“ im ostholsteinischen Dschungel, wenn sich rund drei Dutzend Senioren um die besten Plätze des Ausflugsschiffchens prügeln. Anschließend sitzt man mit zwölf Angehörigen der „Generation Weimar“ heimelig auf dem sechs Plätze fassenden Außendeck, bestaunt fasziniert die Analogkamera eines mitreisenden Passagiers aus der Zeit vor der Jahrhundertwende, wehrt die bemühten Small-Talk-Versuche einer pensionierten Deutschlehrerin ab und beobachtet die Tischnachbarin beim 90 Minuten andauernden Verzehr eines kleinen Stücks  Apfeltorte, während der vergleichsweise jugendliche Kapitän gerade von seiner Goldenen Hochzeit in wenigen Tagen berichtet und die Stimmung an Bord mit ein paar Scherzen von Fips Asmussen aus den 1960er Jahren zum Kochen bringt. Die Lautsprecheranlage ist selbstverständlich ganz auf die Bedürfnisse der Gäste zugeschnitten und so wird mit dröhnender Stimme erklärt, dass der scheue Eisvogel an der lauschigen Wakenitz aus unerfindlichen Gründen vom Boot aus eher selten zu sehen ist. Hat man erst einmal zwei Stunden auf der fröhlichen Senioren-Schaluppe verbracht, wartet nach dem Erreichen des Ziels an der Einmündung zum Ratzeburger See ein weiteres Highlight – die Rückfahrt. Nachdem eine Reisegruppe von gut zwei Dutzend Passagieren zusätzliches Leben an Bord bringt, folgen die Erläuterungen von Käpt’n Dampfplauder noch einmal 120 Minuten lang in der umgekehrten Reihenfolge (was freilich kaum jemanden zu stören scheint, da ab einem gewissen Alter die meisten Informationen schon nach wenigen Minuten wieder wie neu erscheinen). Während der euphorisierte Gast fortan über der Frage grübelt, ob bald auch ein paar Heizdecken zum Verkauf angeboten werden und wann wohl die ersten Senioren nach dem Genuss ihres Diätbieres ein paar fröhliche Weisen von Jopi Heesters und Rudi Schuricke anstimmen, ziehen am Ufer schon wieder die ersten Laubenkolonien und Villen der Lübecker Vororte an uns vorbei und geben wie seinerzeit bei Moses‘ Erreichen des gelobten Landes berechtigte Veranlassung zu seligen Dankgebeten. Nach insgesamt vier Stunden auf dem „Amazonas des Nordens“ hat man sodann viele wertvolle Erkenntnisse gewonnen: Sie reichen von philosophischen Betrachtungen zur demographischen Entwicklung und der Unausweichlichkeit der Rente mit 80 bis hin zu medizinisch-psychologischen Tiefeneinsichten in das Phänomen der inneren Schockstarre oder die optimierte Verteilung des Sitzfleisches während vier Stunden auf zwei Pobacken. Gerade auch für die nach dem Untergang des Kaiserreichs geborenen Touristen ist eine Fahrt auf der Wakenitz daher ein in jeder Hinsicht gewinnbringendes Erlebnis.

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Schlei

Aber die Ostseeküste von Schleswig-Holstein hat auch ihre schönen Seiten: Man findet sie, indem man Kiel verlässt und eine knappe Stunde nordwärts an die Schlei fährt. Der Meeresarm bietet an seinem 43 Kilometer langen Ufer zur Zeit der blühenden Rapsfelder eine Kulisse, die Rosamunde-Pilcher-Fans in multiple Orgasmen versetzt. Auch dass die Region seit Jahren als Kulisse für die gehaltvolle TV-Serie „Der Landarzt“ herhalten muss, hat der einzigartigen Umgebung augenscheinlich kein nachhaltiges Image-Problem zugefügt. Eingebettet in ein gelbes Blütenmeer streift ein zarter Windhauch über die blau-glitzernde Wasseroberfläche, während Segelschiffchen und kleine Entchen inmitten des frühlingshaften Farbenspiels ihre Runden drehen – ein Satz wie eine Schleimkugel, aber gleichwohl den Kern der Landschaft trefflich umschreibend.

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Karl-May-Spiele Bad Segeberg

Trotz seiner Landeshauptstadt Kiel hat das nördlichste Bundesland auch kulturell einige Höhepunkte zu bieten. Neben dem Schleswig-Holstein-Musikfestival lassen sich dabei an prominentester Stelle sicherlich die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg hervorheben, die seit 1952 alljährlich die Indianergeschichten des 1912 verstorbenen Schriftstellers auf der Bühne am Kalkberg zur Aufführung bringen. Dies freilich ungeachtet des Umstandes, dass das beschauliche Immenhof-Idyll in Ostholstein mit dem Wilden Westen eher wenig gemein hat und der in Sachsen lebende Autor in der Kreisstadt an der Trave zu Lebzeiten ähnlich häufig zu Gast war, wie an den orientalischen Schauplätzen seiner Reisebeschreibungen – nämlich überhaupt nicht. Gleichwohl war die Entscheidung der Stadtväter, welchen Autor man mit dem 1937 eingeweihten Amphitheater verbunden wissen wollte, zugunsten von Karl May goldrichtig. Was wären denn auch die Alternativen gewesen? Bei Shakespeare oder Lessing wäre die Stadtverwaltung angesichts des Zustroms pensionierter Lehrer mit der Vielzahl neunmalkluger Ratschläge überfordert gewesen, bei Günter Grass oder Samuel Beckett hätte man erst ein paar Schulklassen zwangsverpflichten müssen, um wenigstens zwei Reihen des Theaterrunds füllen zu können und universale Erfolgsgaranten für alle Genres wie Dieter Bohlen oder Helene Fischer lassen bislang noch auf ihr erstes Theaterstück warten. Die Karl-May-Spiele locken dagegen seit 65 Jahren von Ende Juni bis Anfang September ganze Heerscharen von Touristen nach Bad Segeberg und sorgen damit nicht nur für den touristischen Anziehungspunkt einer Stadt, deren Sehenswürdigkeiten sich ansonsten auf ein Besucherzentrum für Kurzschwanzblattnasen-Fledermäuse beschränken, sondern auch für eine Rehabilitation des Schriftstellers, der 1860 noch wegen der Unterschlagung von sechs Kerzen als Proseminarist am Lehrerseminar in Waldenburg ausgeschlossen worden war. Der Besuch der Festspiele weckt selbstredend bei jedem Besucher unweigerlich Erinnerungen an die Verfilmungen aus den 1960er-Jahren, als charismatische Geschäftsleute wie der Ölprinz und der Schut in ihren aufrichtigen Bemühungen um die Förderung der noch in den Kinderschuhen steckenden US-Wirtschaft permanent von einem zu theatralischen Gesten und salbaderischem Geschwafel neigenden Franzosen im Indianerkostüm ausgebremst wurden. Hatte in der Filmreihe jedoch wenigstens das Ende von „Winnetou III“ den Kindern noch etwas Realitätssinn vermittelt, so wird bei den Spielen in Bad Segeberg ein romantisierendes Szenario voller Güte und Tugend dargestellt, das das Regenbogenland der Glücksbärchis geradezu als Vorhof der Hölle und den Grand Prix der Volksmusik mit Carolin Reiber als Protagonisten aus der Feder von Stephen King erscheinen lässt (zugegeben, den letzteren Vergleich hätten manche Leser vielleicht auch aus anderen Motiven gezogen). Im Zentrum der Handlung steht im Jahr 2017 ein gewichtiger Koch mit falschem französischem Akzent, der zwar mit geistreichen Apercus im Stile von „War der Tag auch lang und schwer, wir freuen uns auf das Dessert!“ selbst die anspruchsvollsten Feuilletonisten aus dem Kulturteil der FAZ zu überzeugen weiß, nach einem Dutzend überdrehter Redesalven bei einigen Zuschauern jedoch ein flehentliches Stoßgebet zu Manitu hervorruft, ob sich die Rothäute nicht endlich seines Skalps bemächtigen könnten. Zwischendurch liefern sich Cowboys und Indianer gegeneinander und untereinander ein paar nett choreographierte und technisch mit reichlich Funkenflug unterlegte Kämpfe und Schießereien, der böse General Douglas kämpft auf der Suche nach einer Diamantenmine mit ebenso großem Eifer gegen die Comanchen wie der ihn verkörpernde Schauspieler Mathieu Carrière in realiter gegen die feministische Bewegung und  irgendwann reitet zur unvergänglichen Titelmelodie von Martin Böttcher als Hochamt der Sentimentalität der gute Winnetou auf seinem Rappen durch die Arena, philosophiert mit der überlegenen Weisheit des Strebers Micky Maus über die Allmacht der Barmherzigkeit und sorgt am Ende für eine rührselig-friedvolle Zusammenführung der buckligen Verwandtschaft, die sich Minuten zuvor noch gegenseitig die Rübe eingeschlagen hat. Hätte Karl May die Besetzung der Festspiele noch zu Lebzeiten miterlebt, wäre seinem üppigen Vorstrafenregister noch ein Haftaufenthalt wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung nach dem Anbinden eines Regisseurs an den Marterpfahl hinzugefügt worden. Bereits in den TV-Schmachtfetzen der 1960er-Jahre war Lex Barker in der Rolle des „Old Shatterhand“ eine Zumutung, wenn er als Friedensapostel Kara Ben Nemsi mit schwülstiger Inbrunst seinem Blutsbruder Winnetou den Gruß entbot und mit dem moralinsauren Blick des Oberlehrers Lämpel ein paar philantropische Floskeln zum Besten gab. Dies alles wird allerdings noch übertroffen durch die Besetzung des „Old Surehand“ bei den Karl-May-Spielen mit Alexander Klaws. Wer sich nun zu Recht die Frage stellt: „Alexander wer?“, dem sei durchaus künstlerischer Sachverstand und intellektuelle Tiefenschärfe beschieden, denn die bisherigen Referenzen des Schmonzetten-Heinis beschränken sich auf einen zehn Jahre alten Sieg bei dem renommierten Kulturwettbewerb „Deutschland sucht den Superstar“. Das bringt dem Schmalzbruder zwar noch kein schauspielerisches Talent ein, aber immerhin eine kleine Fankurve mit ein paar kreischenden Pubertierenden. Die Rolle des Winnetou wird nach Über-Indianer Pierre Brice und Zonen-Apache Gojko Mitic seit einigen Jahren von einem Daily-Soap-Darsteller namens Jan Sosniok gespielt und für die Frauenquote sorgt mit Sila Sahin immerhin ein Playboy-Cover-Model aus dem Jahr 2011 (womit sie wiederum mit Antifeminist Mathieu Carrière alias General Douglas auf einer Wellenlänge liegen dürfte). Wer jedoch seine Samstagabende für gewöhnlich nicht gerade damit verbringt, bei einer Vernissage einem Einführungsvortrag über die stilprägende Wirkung des Surrealismus auf die westfälische Architektur um die Jahrhundertwende zu lauschen oder vor dem TV-Gerät auf Arte gebannt die Sendereihe französischer Stummfilme zu verfolgen, der findet in Bad Segeberg im Sommer ein durchaus unterhaltsames Freizeitvergnügen – schließlich gelangte schon der Philosoph Ernst Bloch zu der Feststellung: „Es gibt nur Karl May und Hegel – alles dazwischen ist eine unreine Mischung.“

Filmstreifen Karl May

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