Balkan

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(Sprichwort auf dem Balkan)

Tirana – Tal von Theth (Kanun) – Shkodra – Koman Stausee –  Bajram Curri – Permeti – Gjirokaster – Sarande – Berat – Tirana

Sengende Augustsonne empfängt uns vor dem Flughafengebäude in Albaniens Hauptstadt Tirana. Der Bus, der uns in die Stadt bringen soll, steht schon bereit. Seine zugezogenen roten Vorhänge schützen vor der Hitze und lassen sein Inneres gemütlich erscheinen.  

Von der Bushaltestelle in Tirana ist es nicht weit bis zu unserem Quartier: Ein Zimmer in einer im Sowjetstil errichteten Plattenbauwohnung.

Unweit der Wohnung liegt der Skanderbeg Platz, eine große Baustelle, über die wir uns den Weg zu den Wahrzeichen der Stadt – den Uhrturm, die Et’hem-Bey-Moschee und die Skanderbegstatue – bahnen. Der Kulturpalast, in dem sich das „Theater der Oper und des Balletts“ und die Nationalbibliothek befinden, sowie Ministerien säumen den Platz, der seinen Namen einem albanischen Nationalhelden verdankt.

Um der Hitze in der Stadt zu entfliehen, wollen wir am nächsten Tag in das Tal von Theth reisen. Das Bergdorf Theth liegt in den albanischen Alpen und ist nur von Shkodra aus zu erreichen. Ein Furgon (Minibus) bringt uns in die Stadt am Skutarisee. Da es bei unsere Ankunft bereits spät am Nachmittag ist, suchen wir uns ein Zimmer für die Nacht.

Das Tal von Theth

Via Internet haben wir eine Mitfahrgelegenheit für die Fahrt in die Berge gefunden und als Treffpunkt ein Café in der Stadt ausgemacht. Zur vereinbarten Zeit kommt – niemand. Als die Stimmung sinkt, taucht ein junger Mann auf. Unsere Verabredung. „Ich war mit meiner Frau und dem Kind beim Arzt“, entschuldigt er sich.

Eine schmale Piste führt über den 1.630 Meter hohen, bis ins späte Frühjahr schneebedeckten und unpassierbaren Terthorja-Pass. Obwohl die Fahrspur nur wenig breiter als das Auto ist, kommen wir sicher an entgegenkommenden W 50 und anderen größeren Fahrzeugen vorbei.

Nachtrag: Mittlerweile führt eine ausgebaute Straße in das Tal und auch an Unterkünften mangelt es nicht mehr.

Tal-von-Theth-Albanien Balkan
Straße ins Tal von Theth
Kirche-Tal-von-Theth-Albanien Balkan
Kirche
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Schule
Wohnhaus-Tal-von-Theth-Albanien Balkan
Wohnhaus
Kulla-Tal-von-Theth-Albanien Balkan
Kulla
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Holz holen für den Winter
Waeschewasschen-am-Fluss Balkan
Wäschewaschen am Fluss
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Wäsche liegt zum Trocknen auf dem Zaun
Stricken-und-Kuehe-treiben-im-Tal-von-Theth-in-Albanien Balkan
Stricken und dabei Kühe zur Weide treiben

Theth ist eine Streusiedlung, die sich lang durch das Tal zieht. Im Zentrum gibt es ein Café, eine Schule, eine Kirche und den Kulla, einen Turm, in dem sich früher von der Blutrache bedrohte Männer einschlossen.

Der Kanun: gültiger mittelalterlicher Moralkodex in Nordalbanien

Der Ort liegt so entlegen, dass der Kanun, ein umfassender Lebens- und Moralkodex aus dem Mittelalter, der das Zusammenleben, die soziale Ordnung, die Rituale, die Feste, die Familienhierarchie, aber auch die Sühne – die Blutrache – einschließt, bis heute das Leben regelt.

Frauen spielen im Kanun eine marginale Rolle, sind jedoch, wie auch Kinder, vor Verfolgung geschützt. Werden durch die Blutrache alle männlichen erwachsenen Mitglieder einer Familie ausgerottet, sind Frauen und Kinder schutzlos und die Familie hat keinen Sitz im Rat der Gemeinde mehr. Um ein Leben wie ein Mann und Familienoberhaupt zu führen, können Frauen das Versprechen geben, bis zum Ende ihres Seins als eingeschworene Jungfrau zu leben. 

Eingeschworene Jungfrauen gibt es auch heute noch in Albanien. Mehrere Tausend Familien sind in Blutrachekonflikte verwickelt, wobei die Regel, die Frauen und Kinder schützt, nicht eingehalten wird. Aus Angst und ohne Schulbildung für die Kinder leben die betroffenen Familien eingeschlossen in ihren Häusern oder verstecken sich in den Bergen Nord-Albaniens.

In den Bergen

In Theth beziehen wir ein Zimmer in einem der traditionellen, aus Naturstein gemauerten und mit Schindeln gedeckten Häuser. Die Räume sind einfach eingerichtet; im Wohn-/Esszimmer im Erdgeschoss steht als einzige Heizmöglichkeit ein Kamin; für Gäste wurde extra ein Bad angebaut. In der ersten Etage befindet sich eine Tür, die ins Freie führt, jedoch keine Außentreppe hat: Der Eingang im Winter, wenn der Schnee meterhoch im Tal liegt. 

Hohe, schroffe Berge umgeben die wenigen Häuser und laden zum Erkunden der malerischen Landschaft ein. Wir schnüren unsere Wanderschuhe und gehen los. Kaum haben wir das Dorf verlassen, hören wir Pferdegetrappel.

„Wohin wollt ihr?“, fragt der Reiter.

„Nur ein Stück den Berg hinauf“, antworten wir.

„Ich bin Valentin und auf dem Weg zu meinen Eltern. Sie leben im Sommer bei ihren Tieren in den Bergen.“ Mit einer Handbewegung bedeutet er uns, ihm zu folgen. Kurz darauf stößt noch seine über siebzigjährige Großmutter dazu und begleitet uns. Querfeldein und in einem atemberaubenden Tempo geht es nun über steile Pfade aufwärts.

So richtig wissen wir nicht, wohin die beiden mit uns laufen. Plötzlich stehen wir vor der Hütte von Valentins Familie: Eine einfache Unterkunft aus Baumstämmen. Für die Großeltern gibt es ein Bett, die jungen Leute schlafen auf Matratzen. Die Küche besteht aus einem mit Holz befeuerten Herd, der unter freiem Himmel steht.

Die Familie ist eine der traditionell halbnomadisch lebenden Hirtenfamilie, deren Sommerweiden auf den Hochebenen des Fusha e Denellit zu finden sind

Valentin-auf-dem-Pferd
Ein Reiter holt uns ein
Sommerhuette-aus-Baumstaemmen-im-Tal-von-Theth-in-Albanien
Sommerhütte der Eltern
Kochstelle-in-den-Bergen
Kochstelle

Der Vater lädt uns zu einem Raki ein. Wir entscheiden uns für Kaffee und Tee. Kaum haben wir ausgetrunken, ziehen Valentin und seine Großmutter mit uns weiter. Es geht steil bergauf, bis wir vor einer Höhle stehen.

Nach einer kurzen Rast laufen wir auch schon weiter auf die noch höher gelegene Sommerweide. Dort werden wir herzlich von einer Runde fröhlicher Menschen willkommen geheißen. Wiederum lehnen wir den angebotenen Raki ab. Die Sonne brennt, die Pfade sind schmal und steil und wir wollen ohne Zwischenfälle wieder im Tal ankommen. Die angebotene Milch und den Käse lassen wir uns jedoch schmecken.

Schweine ruhen im Schatten
Hirtenhütte in den Bergen von Albanien
zu Besuch beim Familienclan
mit der Großmutter über die Berge
Eine Nacht in Shkodra

Bevor wir uns am übernächsten Tag auf den Weg zum Koman-Stausee machen, bleiben wir für eine Nacht in Shkodra. Die 2400 Jahre alte Stadt ist ein typisch albanischer Ort voll morbidem Charme und sehr lebendig. Überall gibt es Cafés, in denen meistens Männer sitzen. Als wir uns dazu setzen, werden wir großzügig von ihnen toleriert.

Moschee-von-Shkodra-in-Albanien Balkan
Moschee von Shkodra
Maennerrunde-inm-Park Balkan
Männerrunde im Park
Abendsonne-in-Shkodra Balkan
Shkodra in der Abendsonne
Abenteuerlich geht es weiter

Die Fahrt auf dem Koman-Stausee endet abrupt und unverhofft. Die Fähre geht unter und wir verlieren unser ganzes Gepäck.

Nach einer Nacht in der Nähe des Sees reisen wir weiter nach Gjirokaster. Da wir aber unterwegs mehrmals umsteigen müssen, endet die Fahrt bereits am Abend in Permeti. Von dort fährt der Bus erst am frühen Morgen weiter. 

Zu früh, um im Hotel zu frühstücken. An der Bushaltestelle gibt es immerhin den geliebten Morgenkaffee. Plötzlich steht ein Angestellter des Hotels am Tisch, bezahlt den Kaffee, drückt uns das Geld für das entgangene Frühstück in die Hand und ist auch schon wieder verschwunden.

Gjirokaster: Stadt der tausend Stufen

Die Bushaltestelle in Gjirokaster liegt außerhalb der Altstadt. Unser Quartier ist jedoch in einem der kleinen, Trutzburgen ähnelnden Häusern, die entlang der steilen Hänge stehen. Vor dem Aufstieg durch die engen, gepflasterten Gassen kehren wir in ein Café ein. Als wir gehen wollen, scheitern wir bei dem Versuch, die Rechnung zu bezahlen. Der Caféhausbesitzer will partout kein Geld von uns: „Aus Achtung vor Deutschland.“ 

1908 wurde Enver Hoxha, der von 1944 bis 1985 als kommunistischer Diktator das Land regierte, in Gjirokaster geboren. An der Stelle seines abgebrannten Geburtshauses befindet sich der Nachbau eines typischen Bürgerhauses, in dem ein interessantes ethnografisches Museum untergebracht ist.

Über allem thront die Burg, in der neben dem Nationalen Museum für Waffen eine 1957 zur Landung gezwungene US-amerikanische Lockheed T-33 ausgestellt ist.

Hungrig vom Auf und Ab durch die steilen Gassen der Altstadt kaufen wir uns eine Melone. Unschlüssig stehen wir nach dem Kauf vor dem Laden. Wie sollen wir die Frucht in Stücke teilen? Ein alter Mann winkt uns in seinen Garten, bringt zwei Teller und schneidet die Melone auf. „Bleibt sitzen solange ihr wollt“, bietet er uns lächelnd an.

Sarande: die albanische Riviera

Mit dem Bus fahren wir weiter an die Küste nach Sarande, eine mit Hotels zugepflasterte Stadt. Die Straße säumen viele gesprengte Rohbauten: Hat der Bauherr keine Baugenehmigung und nicht genügend Schmiergeld gezahlt wird das Gebäude gesprengt. Dazwischen ragen Betonpilze mit Sehschlitz im Hut aus dem Boden: Bunker aus Envar Hoxhas Zeiten. Hunderttausende ließ Hoxha überall in Albanien für den Partisanenkampf gegen eingebildete Feinde aufstellen.

Unweit von Sarande befinden sich die Ruinen von Butrint. Da gerade ein Bus, der in die Richtung fährt, vorbeikommt steigen wir ein. Kurz vor dem Ziel platzt einer der Hinterreifen und beschädigt den Radkasten. Ein Hindernis für die Weiterfahrt ist das nicht. Statt zügig fahren wir eben langsam die Serpentinen hinunter.

Aus Sarande reisen wir schnell wieder ab. Berat ist das Ziel. Um dorthin zu gelangen, entscheiden wir uns für eine Fahrt auf der kurvenreichen, landschaftlich sehr schönen Passstraße entlang der Küste.

Berat: Stadt der tausend Fenster

Nach einer langen Fahrt erreichen wir Berat, die Stadt der tausend Fenster. Den Namen verdankt sie dem Viertel, das sich den Hügel zur Burg hinauf zieht und dessen sehr dicht stehende Häuser große Fenster als Fassade haben.

Unser Quartier liegt auf dem Weg zur Burg von Berat. Der Anstieg durch die engen gepflasterten Gassen ist bei der Hitze etwas mühselig. Trotzdem legen wir nur das Gepäck im Hotel ab und wandern weiter zur Burg.

Zwei Tage lang erkunden wir die wunderschöne Stadt mit ihren Moscheen, einer Brücke aus osmanischer Zeit und den sehenswerten alten Vierteln.

Noch einmal Tirana

Zurück in Tirana logieren wir wieder in der Wohnung. Diesmal bekommen wir das Zimmer mit Dusche und Toilette auf dem Balkon. Da es aber kein Wasser gibt, haben wir nichts davon.

Den letzten Urlaubstag verbringen wir beim Bummel durch den Großen Park. Er liegt im Süden der Stadt am Fuss der Berge und bei einem Spaziergang am See lassen wir die Tage in Albanien ausklingen.

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