Alaska und Kanadas Yukon

Iss nie vom gelben Schnee.
(Aus Alaska)

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September 2019

Anchorage – Skagway – Haines Junction – Whitehorse – Dawson City – Fairbanks – Denali – Valdez – Seward – Anchorage – Inside Passage – Kanada

Schneebedeckt und von Wolken eingehüllt begrüßt uns der höchste Berg Nordamerikas, der Denali (bis 2015 Mount McKinley), beim Flug nach Anchorage in Alaska. Alaska, 1867 für 7,2 Millionen Dollar von Russland an die Vereinigten Staaten verkauft, erhielt aufgrund seiner wilden Landschaften und der Abgeschiedenheit am Ende der Welt den Beinamen „The Last Frontier“, die letzte Grenze.

Das Tor zum Erkunden der letzten Grenze ist Anchorage. Ein Drittel der Einwohner Alaskas leben in der Stadt, an der das Spektakulärste ihre Lage am Cook Inlet, einer Bucht im Golf von Alaska, ist. Stau auf den Straßen, Fastfood-Ketten, Lagerhallen und Tankstellen umgeben die kleine Innenstadt, in der es neben sehr wenigen historischen Gebäuden viele Restaurants und Souvenirläden mit einem sich wiederholenden Angebot gibt. Am treffendsten beschrieben wird die Stadt von den Einheimischen: „Das Beste an Anchorage ist, dass es nur eine halbe Stunde von Alaska entfernt ist“.

Der Geruch nach verbranntem Holz liegt in der diesigen Luft: Über 200 Waldbrände toben in Alaska, einige Orte wurden evakuiert und Straßen gesperrt. Ob und wie sehr unsere Reise durch Alaska davon betroffen sein wird, werden wir erst unterwegs erfahren.

Unsere Flüge nach Juneau und Skagway am nächsten Tag finden wie geplant statt. Kaum hat der Flieger abgehoben, ist Anchorage vergessen. Tiefverschneite Berge, Gletscher und Seen ziehen sich bis zum Horizont; beim Landeanflug auf Juneau weicht die Bergwelt einer Fjordlandschaft mit bewaldeten Inseln; die Landebahn „klemmt“ zwischen Hauptstraße und einem als Landeplatz für Wasserflugzeuge genutzten Kanal.

Unweit des Flughafens endet der Mendenhall-Gletscher in einem großen, von dichten Wäldern umgebenen See. Ein Wasserfall stürzt wenige Meter entfernt in die Tiefe. Dass die Saison in Alaska vorbei ist, bekommen wir hier das erste Mal zu spüren: Es gibt keine wartenden Taxis. Ein Ranger gestattet uns, eines über das Parktelefon zu ordern.

Mit der Fluggesellschaft Alaska Seaplanes geht es weiter nach Skagway. Ich freue mich auf den Flug mit einem Wasserflugzeug. Geflogen wird jedoch mit einer gewöhnlichen Maschine für acht Passagiere. Da es im Flieger nur Fensterplätze gibt, ist der Rundumblick fantastisch: Wale spritzen Fontänen in die Höhe, Gletscherwasser ergießt sich milchig-trüb in das türkisfarbene Wasser der Fjorde, die schroffe Bergwelt ragt über den Flieger hinaus. Für die letzten Kilometer fliegen wir in einen schmalen Canyon, kaum breiter als die Spannweite des Fliegers, an dessen Ende und einer scharfen Rechtskurve Skagway liegt.

Skagway ist eine alte Goldgräberstadt mit 600 Einwohnern und in Spitzenzeiten bis zu 10.000 Ausflüglern von diversen Kreuzfahrtschiffen, die im Hafen am Tage vor Anker liegen. Der Ort entstand 1897, ein Jahr nachdem im Klondike Gold gefunden wurde. Aus den Zelten, in denen die Goldsucher campierten und ihren Trek zu den Goldfeldern vorbereiteten, entstanden Wohnhäuser, Post, Hotel, Bordell und weitere Gebäude. Viele Häuser sind restauriert, das Flair vom Ende des 19. Jahrhunderts kommt jedoch erst auf, nachdem die Tagestouristen verschwunden sind. Die Läden, in denen hauptsächlich Schmuck, Souvenirs und Touren angeboten werden, haben geschlossen. Nur aus den Kneipen am Broadway erklingt Lärm.

Auf hölzernen Gehwegen bummeln wir den Broadway entlang, vorbei an Gebäuden aus der Zeit des Goldrausches wie dem ehemaligen Bordell Red Onion Saloon und dem Mascot Saloon, einst eine der übelsten Adressen im Ort. In einem kleinen Theater, das seit über einhundert Jahren regelmäßig bespielt wird, findet heute die letzte Abendvorstellung der Saison mit Can-Can Girls und Geschichten über das Leben des größten Gauners von Skagway, Soapy Smith, statt. Obwohl wir sehr müde sind, wollen wir sie uns nicht entgehen lassen. Bevor die Vorstellung beginnt, werden wir in einem Vorraum des Theaters noch mit Roulette und Black Jack fit für den Besuch eines Casinos gemacht. Leider finden sich nur fünf weitere Zuschauer ein und die Vorstellung wird zum ersten Mal in der Saison abgesagt.

Um von der Küste zu den Goldfeldern des Yukon zu gelangen, mussten die Goldsucher von Skagway über den White Pass oder das benachbarte Dyea über den Chilkoot Pass auf schmalen Pfaden, die sich an den Felswänden entlang zogen, durch tiefen Schlamm und im Winter durch Schneestürme und über vereiste Hänge auf die Pässe des Küstengebirges kämpfen. Auf dem Pass und damit an der kanadischen Grenze angekommen, mussten sie den Männern der North West Mounted Police Lebensmittel für ein Jahr und für das Leben in der Wildnis geeignete Ausrüstung vorweisen, um weiterziehen zu können. Das entsprach einer Tonne Gewicht, die jeder über den Berg transportieren musste. Die wenigstens konnten sich Packpferde oder einen Träger leisten und quälten sich wochenlang, um ihre Habe in 25 bis 30 Kilogramm schweren Packen etappenweise vorwärts zu schleppen, wetterfest zu verstecken, umzukehren und die nächste Last zu holen.

Wir bevorzugen die bequeme Variante und fahren im restaurierten Waggon mit dem White Pass Zug auf den White Summit Pass, vorbei an wenig vertrauenswürdig aussehenden Brückenkonstruktionen, die sich über tiefe Schluchten spannen und einer Landschaft, die mit bunten Herbstfarben die ersten Anzeichen des Indian Summer zeigt.

Mit dem Mietwagen geht es am nächsten Tag auf dem Klondike Highway nach Haines Junction in Kanada. Die Grenze nach Kanada auf dem White Summit Pass ist unkompliziert und schnell überquert. Auch der Tacho des Autos ist für die Fahrt in Kanada gerüstet: Seine Anzeige gibt es in Meilen pro Stunde (USA) und Kilometer pro Stunde (Kanada). Für die ersten 100 Kilometer benötigen wir drei Stunden Fahrzeit. Immer wieder halten wir an, um das in tiefblau und türkis schimmernde Wasser der Seen inmitten einer rauen Bergwelt zu bewundern. Gelb leuchten die Blätter der Laubbäume zwischen dem Grün der Nadelbäume; ein Bär quert die Straße; in der kleinsten Wüste der Welt, der Carcross-Wüste, laufen wir durch den feinen Sand. Zehn Kilometer führt die Straße am herrlich blauen Tutshi-See entlang; wir verlassen die Provinz British Columbia und erreichen die Yukon Territories. Gerne würden wir viel öfter die Fahrt unterbrechen, aber es liegen noch mehrere hundert Kilometer vor uns und mit dem Überschreiten der Grenze hat sich die Uhrzeit um eine Stunde vorgeschoben.

Hinter Whitehorse biegen wir ab auf den Alaska Highway. Endlos zieht sich der Highway, gesäumt von gelb und grün leuchtenden Wäldern, bis zum Horizont. Nach etlichen Kilometern weicht das Gefühl von Weite und Freiheit der Müdigkeit. Die einzige Abwechslung bilden ein Auto und später ein Boot, die, weit entfernt von jeglicher Zivilisation, am Waldrand geparkt wurden und zum Verkauf stehen.

Haines Junction liegt im Kluane-Nationalpark. In den kommenden zwei Tagen laufen wir auf mehreren Wegen, die jeweils nicht länger als zehn Kilometer sind. Wanderer begegnen uns nur selten. Die touristische Saison ist beendet, dafür haben Bären, die vor allem die Beeren am Wegesrand lieben, Hochsaison. Zum Frühstück beim örtlichen Bäcker lassen wir uns ein Bärenspray aufschwatzen. Vor dem Erwerb muss ein Formular ausgefüllt werden, Passdaten und die Seriennummer des Sprays werden notiert, dazu gibt es eine lehrreiche Broschüre über das richtige Verhalten beim Zusammentreffen mit einem Bären mit so hilfreichen Tipps wie: „Das Verhalten des Bären einschätzen und feststellen warum er sich nähert.“ Dementsprechend gegensätzlich soll auf die Begegnung reagiert werden. Da wir uns nicht für ausgewiesene Bärenflüsterer halten, ziehen wir den Klassiker vor und reden viel und laut. Gar nicht so einfach für uns, die lieber still genießen, als unentwegt zu quasseln.

Golden leuchtet das Laub der Bäume in der Sonne, grün ragen die Spitzen der Tannen über Birken und Espen, die Berghänge sind rot gefärbt, der Himmel leuchtet blau, das Wasser der Seen schimmert blau und türkis. Wir wandern durch bunte Täler, an munter sprudelnden Gebirgsflüssen entlang, klettern über die Felsen eines ehemaligen Gletscherfeldes bergauf, sind umgeben von Bergen, an deren Spitzen weiße Wolken hängen geblieben sind und vermissen die Tierwelt des Yukon. Nur Eichhörnchen turnen in großer Zahl durch die Bäume, von Elchen und Bären keine Spur und kein Geräusch.

Bei der Weiterfahrt in Richtung Norden legen wir in Whitehorse einen Übernachtungsstopp ein. Whitehorse ist die größte Stadt im Yukon, eine eher langweilige Stadt am Yukon River. Die Sehenswürdigkeit, der original restaurierte Schaufelraddampfer „Klondike“, hat vor drei Tagen die Gangways für seine Besichtigung geschlossen. Die Saison ist beendet.

Dawson City ist das nächste und nördlichste Ziel im Yukon, 500 Kilometer Fahrt auf dem fast autofreien Klondike Highway von Whitehorse entfernt.

Die Herbstfarben werden intensiver, die ersten rot gefärbten Blätter mischen sich in das dominierende gelb, Berghänge leuchten bunt in der Sonne, am Horizont schweben weiße Wolken über den Bergen am strahlend blauen Himmel, in gelb, rot und grün schimmern kleine Inseln im blauen Wasser des Yukon: Ein Fest für die Augen. Damit auch unsere Mägen nicht mehr knurren, halten wir für einen Imbiss an einem Roadhouse, das heute seinen letzten offenen Tag der Saison hat.

Dass es nicht mehr weit ist bis Dawson City, ist unschwer an den raupenförmig aufgetürmten Geröllhaufen zu erkennen, die Schwimmbagger beim Durchwühlen des Grundes auf der Suche nach Gold hinterließen.

„Gold, Gold, Gold“ titelte im Juli 1897 der „Seattle Post-Intelligencer“: Drei Jäger hatten beim Geschirr waschen im unscheinbaren Bonanza Creek Goldklumpen gefunden. Tausende Goldsucher und Abenteurer – Dagobert Duck legte nach einem Goldfund am Klondike den Grundstein für sein Fantastilliarden-Vermögen – machten sich daraufhin auf den Weg; auf einer Weide an der Mündung des Klondike in den Yukon River entstand Dawson City.

Restaurierte Gebäude strahlen farbenfroh in den unbefestigten Gassen. Gehwege aus Holzbrettern führen entlang original wiederhergestellter Häuser aus der Zeit des Goldrausches, vorbei an Postamt, Theater und Bordell, das die Entspannung suchenden Goldschürfer für 15 Minuten Vergnügen einen Tageslohn kostete. Am Ortsrand steht Jack Londons Hütte, der vergeblich auf den Klondike Fields nach Gold schürfte.

Ein Wahrzeichen der Stadt ist Diamond Tooth Gertie’s Gambling Hall, das nördlichste Spielkasino Kanadas. Gemütlich geht es im Casino zu. Can-Can Tänzerinnen werfen ihre Röcke hoch, wir versuchen die geplünderte Reisekasse bei Black Jack aufzubessern: erfolglos.

Erfolgreicher sind wir dagegen bei der Ausschau nach Nordlichtern. Vom bekanntesten Hügel der Stadt, dem Midnight Dome, blickt man am Tag weit in die herbstlich leuchtenden Täler von Klondike River und Yukon River. Ist die Mitternacht wolkenlos, zieht sich ein milchig schimmernder Bogen über den Horizont, löst sich in Streifen auf, flackert leicht: das Nordlicht. Das flimmernde Grün nimmt jedoch nur das Kameraobjektiv wahr.

In Dawson endet der Klondike Highway und der Top of the World Highway beginnt – in Ermangelung einer Brücke – mit einer Fährfahrt über den Yukon. Die Fahrt mit der Fähre, die bereits Mitte September ihren Betrieb einstellt, dauert nur fünf Minuten. Der Highway, eine Schotterstraße, windet sich an den kargen Bergen entlang, Nebel steigen aus den Tälern auf, zwischen den verkohlten Baumstämmen ehemaliger Waldbrände zeigen Farbtupfer neues Wachstum. Bis zur amerikanischen Grenze umgibt uns pure Wildnis. Die Strecke ist so kurvenreich, dass die Schilder zur Geschwindigkeitsbegrenzung überflüssig sind.

Der Grenzübertritt in die USA ist wieder zügig und problemlos; am Abend erreichen wir nach über 600 Kilometern Fahrt Fairbanks. Zu unserem eigentlichen Ziel, dem Denali Nationalpark, werden wir morgen weiterfahren.

Unweit von Fairbanks wird auf einer Farm ein Spaziergang mit Rentieren angeboten. Wir bekommen die letzten Tickets und starten in den nächsten Tag bei einem Waldspaziergang mit Rentierbulle Jasper und seiner Herde. Nach unserer Ankunft im Denali ist noch Zeit übrig und so beenden wir den Tag bei einer Wanderung im Nationalpark. Diesmal lassen sich auch die größeren Verwandten von Jasper sehen: Eine Elchkuh und ihr Junges beäugen uns kurz, ehe sie ihres Weges ziehen.

Um tief in den Denali Nationalpark zu gelangen, haben wir uns Bustickets besorgt. Nur parkeigene Busse dürfen die 149 Kilometer lange Straße entlang der Alaska Range befahren. Ein- und Aussteigen, um Wanderungen zu unternehmen, sind jederzeit möglich, nur sind gerade sämtliche Wege gesperrt. Stündlich hält die Busflotte an Toilettenanlagen und Aussichtspunkten. Von der reichen Tierwelt des Denali ist allerdings außer ein paar weit entfernt stehenden Bären und den nur als weiße Flecken auf einem Bergrücken wahrnehmbaren Dall-Schafen nichts zu sehen. Als sich auch noch die meisten Mitreisenden bei jedem in der Ferne auftauchenden Punkt mit gezückten Kameras auf die Sitzreihen mit der besten Aussicht auf das Objekt der Begierde stürzen und kreischend die Auslöser ihrer Kameras bedienen – die verdreckten Fenster bleiben geschlossen –, bedauern wir den Ticketkauf. Ein wenig Glück haben wir dennoch: Die meist in Wolken verhüllten, schneebedeckten Gipfel des Denali sind weithin zu sehen.

Auf den nächsten 300 Kilometern ist die Landschaft am Highway nicht mehr so abwechslungsreich. Die Orte sind eine Mischung aus bewohntem Gewerbegebiet und Sammelplatz für alles Mögliche. Erst hinter dem für das dort wachsende Riesengemüse bekannten Ort Palmer wird die Landschaft wieder interessant: Der schwerste bisher geerntete Kohlkopf wog 57 Kilogramm, eine Mohrrübe brachte 8,5 Kilogramm und ein Kohlrabi 44 Kilogramm auf die Waage.

Die rötlich schimmernde Bergwelt rückt wieder näher an den Highway; weiß liegt der Matanuska- Gletscher zwischen den Bergen, umrahmt vom farbigen Laub der Bäume. Über etliche Meilen passieren wir das Waldbrandgebiet, dessen Geruch wir bei unserer Ankunft in Anchorage in der Nase hatten.

Den nächsten Tag starten wir bei herrlichem Wetter mit einer Wanderung in der bunten Landschaft und fahren weiter in das als Regenloch bekannte Valdez. Das Regenloch beginnt allerdings schon meilenweit vor der Stadt. Graue, tiefhängende Wolken geben nur minutenweise den Blick frei auf die fantastische Landschaft mit Gletschern, Wasserfällen und mit bunten Pflanzen bewachsene Felsen.

Regen, Regen, Regen. Von der malerischen Umgebung des Prinz-William-Sund, an dessen Ufer Valdez liegt, ist nichts zu sehen; die Museen haben bis auf eine Ausnahme für diese Saison geschlossen; wir gehen in das einzig geöffnete Valdez Museum, das der bewegten Geschichte des Ortes gewidmet ist. Fotografien, Augenzeugenberichte und Zeitungsausschnitte erzählen über Goldsucher, die 1898 versuchten, über die Berge in den Norden zu gelangen, das zweitstärkste Erdbeben der Geschichte am Karfreitag 1964, an dessen Epizentrum die Stadt lag und das Auflaufen des Öltankers Exxon Valdez am Karfreitag 1989 auf ein Riff im Prinz-William-Sund und die damit verbundene Umweltkatastrophe.  

Über den Prinz-William-Sund bringt uns eine Fähre in sieben Stunden nach Whittier. Kurzzeitig klart es auf und Gletscher und Berge sind zu sehen. Noch vor dem Anlegen fängt es jedoch wieder an zu regnen, sodass Whittier, ein öder Ort mit ein paar Wohnblöcken und mehr Schiffscontainern als Einwohnern, noch trostloser wirkt. Wir verlassen den Ort auf dem schnellsten und einzigen Weg, dem stündlich mit dem Auto durchfahrbaren Eisenbahntunnel Richtung Seward. Von Gletschern, Seen und Wanderwegen, die auf unserem Weg nach Seward liegen, sehen wir wegen des Regens nichts, die Wanderwege sind unpassierbar. Trotz der trüben Wetteraussichten für die kommenden Tage buchen wir abends jedoch eine Bootstour durch die Kenai-Fjorde am nächsten Tag.

Am Morgen hat der Regen aufgehört. Auf ruhigem Wasser zieht das Boot an Bergen und kleinen Gletschern vorbei, bis es im Pazifik ankommt. 25 Minuten dauert es, bis der nächste Fjord erreicht ist; 25 Minuten Wellengang, der mir den Magen umdreht. Erst am nächsten Morgen werde ich mich davon wieder erholt haben. Im Fjord ist das Wasser jedoch ruhig; See-Otter treiben auf dem Rücken liegend im Wasser; Orcas umkreisen das Boot, einer springt hoch; auf einem von Gischt umschäumten Felsen entspannen Seelöwen; Weißkopfseeadler beobachten das Treiben von einer Felsnadel aus. Vor einem sehenswert kalbenden Gletscher, dessen Eiskliff meterhoch aus dem Wasser ragt, stoppt das Boot. Steil erhebt sich das blau schimmernde Eis vor der Bergkulisse. Ein Grollen ist zu hören, Eismassen stürzen ins Wasser. Unbeeindruckt davon relaxt eine Seehundkolonie auf den vor dem Gletscher treibenden Eisschollen.

Das Wetter bleibt auch nach der Rückkehr in den Hafen regenfrei. Wir nutzen es für einen Ausflug zum Exit Gletscher, bevor wir nach Anchorage fahren, am nächsten Tag das Auto zurückgeben, den Zoo besuchen und zwei Tage später für eine einwöchige Kreuzfahrt durch die Inside Passage einschiffen.

Auf dem unter holländischer Flagge fahrenden Schiff beziehen wir eine innen liegende Kabine auf dem obersten Deck 10. Schon am nächsten Tag ist klar, dass die Entscheidung für die preiswertere Innenkabine keine gute Idee war. Während der ersten Nächte und am Tag auf See herrscht ungewöhnlich hoher Wellengang auf dem Pazifik, das Schiff schlingert und tanzt mit den Wellen, im innen liegenden Schwimmbad schlägt das Wasser über beide Beckenränder und ist gesperrt, das Varieté-Programm am Abend wird aus Sicherheitsgründen abgesagt und ich liege seekrank in der Kabine, die ohne Tageslicht wie ein Verlies wirkt.

Am zweiten Tag auf See erreichen wir die Glacier Bay. Das ruhige Wasser der Bucht ist umgeben von schroffen Bergen, Gletschern und bewaldeten Ufern. Vor den zwei schönsten Gletschern, dem Johns- Hopkins-Gletscher und dem Margerie-Gletscher, treibt das Schiff längere Zeit um seine eigene Achse: Hoch türmen sich die Eiswände auf und ziehen sich kurvig in die Berge, Seehunde treiben auf den Eisschollen, schwarzer Gletschersand durchzieht die zerklüfteten Eiswände.

Im Nebel des nächsten Morgens landen wir in Haines an. Nach den Tagen auf dem Schiff gibt es hier endlich eine Gelegenheit, die Gegend ungestört zu erkunden. Wir nutzen sie und wandern an der Küste entlang mit Blick über die Bucht, den Ort und den Fjord. Nach Haines legen wir in den folgenden Tagen noch in Juneau und Ketchikan an. Je weiter wir in die Inside Passage dringen, desto beständiger lassen die tiefhängenden Regenwolken ihre Last ab. Immer kürzer werden deshalb unsere Landgänge. In Juneau besichtigen wir das Parlamentsgebäude, welches ohne jegliche Sicherheitskontrollen frei zugänglich ist – beeindruckend sind vor allem die Schilder an jeder Bürotür „Bitte eintreten“ – und in Ketchikan die aus alter Zeit erhalten gebliebene Creek Street, der ehemalige Rotlichtbezirk. Die Straße ist ein hölzerner Steg, der sich um die Pfähle der im Wasser stehenden Gebäude windet, am ehemaligen Bordell hängt noch der Spruch „Dolly’s house where both men and salmon came upstream to spawn“.

Wieder folgt ein seekrank machender Tag auf dem unruhigen Pazifik, der mich erst am Nachmittag bei der Einfahrt in die Inside Passage zwischen Vancouver Island und dem kanadischen Festland aus der Kabine kommen lässt. Nur kurz geben Wolken und Regen den Blick frei auf bewaldete Inseln, ruhige Buchten und sattgrüne Berge. Bis zum Anlegen in Vancouver ändert sich das Wetter leider auch nicht mehr.

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