Bangladesch

Wer sich selbst kennt, dem ist niemand fremd.
Rabindranath Tagore (Philosoph aus Bangladesch)
Sundarbans

Winter 2013/2014

Dhaka – Sundarbans – Dhaka – Srimangal – Chittagong – Chittagong-Hill-Tracts  – Dhaka – Natore – Rajshahi – Parapur – Dhaka

„Möchtest du zu meiner Hochzeit kommen?“ Verschlafen blicke ich meinen Sitznachbarn, mit dem ich bisher noch kein Wort gewechselt habe, an. Ich bin jedoch schon verabredet mit Iqubal, einem Guide und Rafiq, dem Fahrer. Sie holen mich vom Flughafen ab, wir fahren zum Hotel und ich erfahre nebenbei, dass Iqubal noch einen weiteren Gast hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Eine Woche verbringen Marc der Gast und ich miteinander. Immerhin erhalte ich dadurch die Möglichkeit, am Nachmittag noch etwas zu unternehmen und nicht wie von Iqubal gewünscht die Zeit bis zum nächsten Tag im Hotel verbringen zu müssen.

Dhaka in Zeiten des Wahlkampfes

Iqubal schlägt vor, zum Markt zu fahren. Auf dem Weg dorthin sehen wir ein paar Leute demonstrieren. Am 5. Januar sollen Wahlen stattfinden. Im Land gibt es seit Wochen Generalstreiks „Hartal“, da Ministerpräsidentin Sheikh Hasina von der Awami-Liga die Bildung einer sonst üblichen, Übergangsregierung verhindert hat. Für den nächsten Tag ist ein „Marsch für Demokratie“ von dem aus 18 Parteien bestehenden Oppositionsbündnis angekündigt.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück in die Innenstadt. Die Straßen sind leer, kaum Busse, ein paar Autos, ein paar mehr Rikschas, viel Polizei und Armee sind zu sehen. Zufahrtsstraßen und Straßenkreuzungen sind abgeriegelt.

Wir halten vor dem Parlamentsgebäude. Nach einer kurzen Diskussion zwischen Iqubal und einem Diensthabenden sowie einem Telefonat dürfen wir das Gebäude besichtigen. Die im futuristischen Design erbaute Anlage steht in einem künstlich angelegten See. Innen erhellen Straßenlaternen den Betonklotz, der nur durch wenige Öffnungen Tageslicht hereinlässt. Der in die Jahre gekommene Plenarsaal rundet das Bild nicht zugunsten des Hauses ab.

Parlament-in-Dhaka-Bangladesch
Parlament
Wahlkampf-in-Bangladesch
Protest
Wahlkampf-in-Bangladesch
Protest im Park

Auf der Gegenseite der Fahrbahn ziehen ein paar Demonstranten vorbei. Plötzlich ruft Iqubal „Ein Protest“; Rafiq fährt links ran; wir schnappen unsere Kameras und steigen aus. Protest? Zu hören sind Verkehrslärm, zu sehen ein paar Dutzend Männer, die im Halbkreis auf bunten Plastikstühlen sitzen. Als sie uns mit den Kameras erblicken, winken sie und freuen sich über die Fotos, die wir machen.

Wenige Kilometer weiter parkt Rafiq das Auto auf einem Hotelgelände und wir steigen auf Fahrradrikschas um. Überall wacht die Polizei. Wir kurven um einen Wasserwerfer herum und halten an einem kleinen Park, in dem sich Anhänger der Regierungspartei versammelt haben.

Der nächste Stopp ist am nationalen Presseclub. Der erste hörbare Protest empfängt uns. Ein paar Anhänger der Awami-Liga stehen lärmend und Stöcke schwingend vor dem Gebäude, in das Anhänger der Opposition geflüchtet sind. Der stellvertretende Polizeikommissar von Dhaka sowie der Medienberater der Regierungschefin werden gerade von der Presse interviewt. Wir mischen uns problemlos unter die Presseleute.

Protestierende vor dem Presseclub
Protestierende vor dem Presseclub
Hartal-in-Bangladesch
Polizei hat die Straßen abgesperrt
Hartal-in-Bangladesch
Protest der Studentenliga

Auf Umwegen geht es weiter. An der Straße, in der die größte Oppositionspartei, die Bangladesh Nationalist Party (BNP) ihre Parteizentrale hat, stehen Straßensperren. Wir umfahren die Sperren, unterhalten uns am anderen Ende ganz entspannt mit den Polizisten, machen ein paar Fotos und lassen uns zum Nationalmuseum bringen. Davor sitzt die Studentenliga; Reden werden gehalten; wir hören eine Weile zu. Eine halbe Stunde später ist alles vorbei. Am nächsten Tag will das Oppositionsbündnis einen erneuten Demonstrationsversuch starten.

Mit dem Ambulanzwagen in die Sundarbans

Wir reisen ab in die Sundarbans. Da es auf der Straße zu unsicher ist, fliegen wir bis Jessore. Dort wartet für das Fortkommen bis Khulna bereits ein Ambulanzfahrzeug auf uns und sechs weitere Gäste. Das hat den Vorteil dass wir zügig vorankommen. Wird es etwas enger auf der Straße, schaltet der Fahrer einfach die Sirenen an.

Stopp. Der Ambulanzwagen hält in einem kleinen Dorf. Ein paar Hundert Meter weiter sind Proteste zu hören. Ich zücke meinen Fotoapparat. Entsetzen auf den Gesichtern der Mitreisenden. Ich lege ihn wieder weg. Am anderen Ende des Dorfes attackieren BNP-Anhänger Lkw-Fahrer, die den Aufruf zum Hartal ignoriert haben. Ein Polizeifahrzeug rauscht vorbei. Dann kommen schon die ersten Lastwagen mit eingeschlagenen Scheiben. Ein weiteres Polizeifahrzeug wird kurzzeitig zu unserer Eskorte. Dass sich etwas ereignet hat, ist nur an den Glasscherben, die auf der Straße liegen, zu erahnen. Obwohl wir die wütende Menschenmenge gerade noch von Ferne sahen und hörten, sitzen einzig ein paar Frauen am Straßenrand und verkaufen Waren.

An einer Straßensperre wird der Krankenwagen angehalten. Ein Soldat wirft einen Blick in das Innere des Fahrzeugs, der Fahrer bestätigt, dass wir ausländische Gäste sind und schon können wir weiterfahren. In Khulna steigen wir auf ein Holzboot um, das uns zu einem Schiff, unserem Quartier für die kommenden drei Tage bringt.

Die Mangrovenwälder der Sundarbans

Früh am nächsten Morgen kommen weitere Passagiere an Bord. Die Tour in das Delta mit seinen Mangrovenwäldern beginnt. In einem Dorf nehmen wir noch zwei Ranger an Bord und gehen zum Einbruch der Dunkelheit vor Anker.

Frachtschiff-in-den-Sundarbans-in-Bangladesch
Frachtschiff in den Sundarbans
Reh-am-Strand-in-den-Sundarbans
Reh am Strand
Sundarbans-Bangladesch
In den Sundarbans
Strand
Fischer-in-den-Sundarbans
Fischer auf seinem Boot im Morgennebel
Fischer-im-Morgennebel-in-den-Sundarbans
Fischer auf seinem Boot im Morgennebel

Die nächsten Tage sind wir mit dem Beiboot in den Seitenarmen unterwegs, sehen frische Tigerspuren im Sand, gehen baden, warten zwischen Mangroven auf den Sonnenuntergang und fahren im Morgennebel zu den Fischern, die gerade ihre Netze einholen und uns ihren Fang präsentieren.

Zurück in Dhaka

Auf dem Rückweg nach Dhaka – wieder mit Krankenwagen und Flieger – gibt es keine Überraschungen. In Dhaka erwartet uns Iqubal. Er berichtet, dass mein für morgen geplanter Trip in die Teeplantagen gestrichen sei. Hartal – am muslimischen Freitag! Die BNP-Chefin steht unter Hausarrest, in der Provinz wurde jemand erstochen und Dhaka ist abgeriegelt.

Dann eben Dhaka. Einiges gibt es noch zu entdecken.

Mit einer Slumtour starten wir in den nächsten Tag. Die Siedlungen verteilen sich über die ganze Stadt. Auch dort sollen wir viele Fotos machen, dürfen in jeden Winkel sehen und in die Wellblechhütten. Neugierig werden wir beobachtet und immer freundlich angelächelt.

Mit dem Boot in einen Slum
Mit dem Boot in einen Slum
Bangladesch-Dhaka
Häuser im Slum
Bangladesch-Dhaka-Slumbewohnerin
Eine Pause
Bangladesch-Dhaka-Slumbewohnerin
Gesichter der Bewohner
Bangladesch-Dhaka-Slumbewohnerin
Gesichter der Bewohner
Bangladesch-Dhaka-Slumbewohnerin
Gesichter der Bewohner

Nachmittags fahren wir zu einem Dorf am Stadtrand. Obwohl kein Mensch weit und breit zu sehen ist, ist die Zufahrtsstraße gesperrt. Erst nach einer kurzen Diskussion mit den im Schatten der Bäume sitzenden Polizisten dürfen wir passieren.

Im Dorf am Ende der Straße leben die Bewohner von Landwirtschaft und Fischerei. Über zwei nebeneinanderliegende Bambusstämme balancieren wir zu einem Haus. Die Frauen des Hauses stellen uns Wasser, Kekse und Knabbereien hin und ziehen sich wieder zurück. Nur der Hausherr bleibt im Hof und unterhält sich mit uns. Nach einer Pause bummeln wir weiter durch das Dorf. Dabei laufe ich an einem alten Mann vorbei. Wir sehen uns in die Augen; wenn Blicke steinigen könnten.

Der nächste Tag wird ein Sightseeing-Tag: Die Besichtigung von Liberation War Museum, Lalbag-Fort, Universität und Dhakeshwari-Tempel, der Dhaka seinen Namen gab, stehen auf dem Programm.

Lalbag-Fort-in-Dhaka-Bangladesch
Lalbag-Fort
Dhakeshwari-Tempel-Dhaka
Dhakeshwari-Tempel
In den Straßen von Dhaka
In den Straßen von Dhaka

Am Nachmittag fahren wir zum Haus der unter Hausarrest stehenden Khaleda Zhia (BNP). Sie bewohnt ein Eckgrundstück. Die Hauptstraße vor dem Haus ist durchlässig abgesperrt. Die Seitenstraße wird von Polizistinnen abgeriegelt. Davor stehen vier Anwältinnen des Obersten Gerichtshofes und protestieren lautlos gegen den Hausarrest. Eine wird interviewt und kurze Zeit später werden die Vier von den Polizistinnen abgedrängt. Alles geschieht unaufgeregt.

Am Abend reist Marc ab. Die Situation zwischen uns hat sich in den vergangenen fünf Tagen grundlegend geändert. Standen wir uns anfänglich skeptisch und ablehnend gegenüber, sind wir jetzt ein Paar. Entsprechend schwer fällt der Abschied.

Wahlsonntag

Iqubal taucht früh kurz im Hotel auf: „Die Stadt ist abgeriegelt. Du musst zu deiner Sicherheit im Hotel bleiben.“ Dann geht er und ich mache mich auf den Weg. Drei Stunden laufe ich durch eine stille Stadt. Ein paar Rikschafahrer drehen ihre Runden; ab und an fährt ein Armeefahrzeug vorbei, das Maschinengewehr schussbereit.

Stiller Protest vor dem Haus von Khaleda Zhia
Stiller Protest vor dem Haus von Khaleda Zhia
Leere Straßen am Wahlsonntag
Leere Straßen am Wahlsonntag
Einsatzbus der Polizei
Einsatzbus der Polizei

An jeder Ecke stehen Polizisten und grüßen freundlich. Die großen Läden haben alle geschlossen, die kleinen Händler geöffnet. Auf den Baustellen wird gearbeitet, in einer Anlage Cricket gespielt. Auf einem Markt herrscht das übliche Treiben. Die sonst nur unter Lebensgefahr zu überquerenden Straßen sind autofreies Territorium.

Ich stehe inmitten einer autofreien Metropole, deren Verkehr zu den weltweit schlimmsten zählt.

Am Nachmittag ziehen sich Polizei und Militär zurück, auf den Straßen fahren die ersten Autos, auf den Gehwegen wird spazieren gegangen.

Hartal in Dhaka

Hartal ist auch nach dem Wahlsonntag angesagt. Ich habe langsam die Nase voll von Dhaka und keine Aussicht die Stadt zu verlassen. Das klärt sich jedoch an diesem Tag.

Eine Rikscha bringt Iqubal und mich zum Bahnhof. Er kauft Fahrkarten für den übernächsten Tag nach Srimangal, im Norden des Landes. Die Züge fahren trotz Hartal. Ich bin erleichtert. Die Teeplantagen von Srimangal gehören zwar nicht zu meinen Reisewünschen, mittlerweile ist mir jedoch alles egal. Vom Bahnhof lassen wir uns nach Old Dhaka zum Hafen bringen. Wegen der Lage im Land liegen nur wenige Schiffe an den Piers. Mit einem der Holzboote, die als Fähren genutzt werden, machen wir eine Hafen-Fluss-Fahrt. In Ufernähe liegen einige rostige Kähne, an deren Seitenwänden Arbeiter auf Stegen sitzen und stehen und die Farbe abklopfen – ein ohrenbetäubender Lärm.

Bangladesch-Dhaka-Hafen
Im Hafen
Ein Mann wartet auf Kundschaft für eine Überfahrt
Bangladesch-Dhaka-Hafen
Schneller schöpfen als das Boot sinkt
Fährboote warten am Ufer
Fährboote warten am Ufer
Bangladesch-Dhaka-Hafen
Schiff zum Abwracken
Arbeiter bearbeiten einen Schiffsrumpf
Arbeiter bearbeiten einen Schiffsrumpf

Durch Old Dhaka ziehen wir weiter, besuchen die armenische Kirche und den Rosa Palast. Eine Rikscha bringt uns zurück zum Hotel. Wegen des Hartals sind die Straßen relativ frei und die Strecke schnell bewältigt.

Der letzte Tag in Dhaka. Als Erstes ziehe ich wegen der morgigen frühen Abfahrt des Zuges nach Srimangal um in ein Hotel gegenüber vom Bahnhof. Praktischerweise fahren von dort auch die Taxis in das 30 Kilometer von Dhaka entfernte Sonargaon, der ehemaligen Hauptstadt von Bangladesch. Unterwegs fragt der Fahrer bei Iqubal nach, warum wir diese gefährliche Fahrt unternehmen. Iqubal erklärt ihm, dass ich furchtlos und stark sei. Dazu fällt auch dem Fahrer nichts mehr ein.

Dank Hartal sind wir in nur 45 Minuten statt der üblichen drei Stunden am Ziel. Sonargaon gefällt mir schon beim Aussteigen aus dem Taxi. Ruinen, denen man die ehemalige Pracht ansieht und die zum Teil bewohnt sind, stehen am Fluss und in den Straßen. Schüler einer Grundschule entdecken uns. Freudestrahlend umringen sie mich. Erst als die Pause zu Ende ist, kann ich das Schulgelände wieder verlassen.

Sonargaon-in-Bangladesch
Ehemaliger Palast
Sonargaon-in-Bangladesch
Wohnhaus
Sonargaon-in-Bangladesch
Verzierungen an einem Wohnhaus
Schule-in-Sonargaon-Bangladesch
Schülerinnen locken uns in ihren Hof
Umringt von Schülern
Umringt von Schülern
Ladenzeile in Sonargaon
Ladenzeile in Sonargaon

Abends laufe ich noch eine Runde durch das quirlige Bahnhofsviertel. Immer wieder erhalte ich Einladungen zu einem Tee am Straßenrand. Bei der dritten Einladung muss ich passen, so viel Tee kann ich nicht trinken. Auf dem Rückweg gehe ich zum Fahrplänestudieren in das Bahnhofsgebäude. Da es so aussieht, als ob die Fortbewegung per Zug die einzige Möglichkeit zum Reisen bleiben wird, interessiert mich, wohin es Zugverbindungen gibt. Das Verlassen des Bahnhofes gestaltet sich nicht so einfach. Eine Schwangere klammert sich an mir fest, ihr Mann redet wütend auf mich ein. Mit ein wenig Mühe schüttele ich sie ab.

Zugfahrt nach Srimangal 

Der Tag beginnt mit einem schnellen Frühstück im Imbiss nebenan. Pünktlich verlässt der Intercity nach Srimangal den Bahnhof. Wir machen es uns gemütlich. Im Waggon funktioniert nur jede dritte Lampe, sodass die bequemen roten Polstersitze im Halbdunkel fast schon romantisch wirken. Der Zugservice serviert Tee in Porzellantassen. Händler laufen durch den Zug und bieten Orangen, Spielzeug, gekochte Eier, Nüsse und vieles mehr an.

Ein großer schlanker Typ klopft mir auf die Schulter. Er will Geld haben. Ich blicke in sein Gesicht – schmal geschminkte Augen, rot verfärbte Zahnstummel, die Lippen bewegen sich in Wellenform. Übelkeit überkommt mich. Zum Glück zieht er schnell weiter. Ich sehe wieder aus dem Fenster. Zu sehen gibt es aber meist nur Decken und Wäsche, die auf den Gleisen und neben den Gleisen an jedem möglichen Flecken liegen und hängen.

In den Teeplantagen

In Srimangal starten wir, nachdem wir das Gepäck in das Hotel gebracht haben, zu einer zweistündigen Stadtbesichtigung. An einem Stand mit Textilien werde ich gebeten, stehen zu bleiben – als Käufermagnet.

Am nächsten Morgen liegt dicker Nebel über der Stadt. Die gefühlte Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Alle, denen wir begegnen, tragen warme Jacken, Pullover und Mütze, die Füße jedoch stecken barfuß in Flip-Flops. Beim Bummel die Straße entlang kommen wir an einer Mädchenschule vorbei. Als wir den Hof betreten, ist gerade Appell. Die Mädchen singen und gehen anschließend geordnet in die Klassenzimmer. Die Direktorin lädt mich ein, mitzugehen. Zwei Minuten später sitze ich für fünfzehn Minuten in einer Klasse mit 50 Schülerinnen, die Islamunterricht haben.

Bangladesch-Schule-
Schulgebäude und Hof
Bangladesch-Schule
Nach dem Morgenappell geht es in die Klassen
Bangladesch-Schule-Klassenraum
Im Klassenzimmer

Mit einer Motorikscha fahren wir anschließend in den nahen Regenwald. In ihm leben verschiedene Minderheiten in Dörfern, die idyllisch auf Hügeln liegen. Zwei Dörfer besuchen wir. Ihre Bewohner sitzen vor den Häusern, packen Betelblätter zu Bündeln, wärmen sich an einem kleinen Feuer oder bearbeiten Blätter von Bananenstauden. Sie sehen auf, wenn wir vorbeikommen, lächeln, manchmal ergibt sich ein kurzes Gespräch.

In einem Dorf lassen wir uns zu einer Mittagspause nieder. Ein Junge reißt beschriebene Seiten aus seinem Schulheft und verkauft auf ihnen Reis und Bohnen. Wir essen noch ein paar Falafel. Auf dem Teller liegt ebenfalls ein Stück aus dem Heft und so erfahre ich noch etwas über die Sundarbans.

Frau beim Packen von Betelblättern
Frau beim Packen von Betelblättern
Schule-in-einem-Minderheitendorf-in-Bangladesch
Schule in einem Dorf der Minderheiten
Falafel serviert auf einer Schulheftseite
Falafel serviert auf einer Schulheftseite

Am Stand gegenüber diskutieren zwei Männer lautstark über den Unabhängigkeitskrieg.

Die Lage im Land bleibt unverändert. Die Straßen gelten als gefährlich, fortbewegen geht nur mit Zug oder Flugzeug. Von meinen persönlichen Reisehighlights schminke ich mir die Otterfischer ab. An den Chittagong Hill Tracts halte ich jedoch fest, schließlich gibt es eine Zugverbindung von Srimangal nach Chittagong.

Am kommenden Tag fahren wir tatsächlich zum Bahnhof und kaufen Fahrkarten nach Chittagong. Der nächste Zug geht jedoch erst zwei Tage später. Jetzt lande ich innerlich auf dem Teppich.

Vom Bahnhof starten wir mit der Motorikscha zu einer Tour tief in die Teeplantagen. An einem von den Briten künstlich angelegten See stoppt Iqubal den Fahrer. Er weiß, dass ich es nicht aushalte, den ganzen Tag in einem Gefährt zu hocken. Wir bummeln ein wenig am Ufer entlang. Bis auf zwei kleine Gruppen von bengalischen Touristen ist niemand hier.

Unweit vom See sitzt auf einem abgeernteten Feld eine Gruppe von Frauen. Auf drei Feuerstellen wird gekocht. Die Älteste bietet mir ein Betelblatt an. Sie macht es startklar zum Kauen. Der Geschmack ist am Anfang angenehm, leicht würzig, dann wird er seifig. Mit einem Tee spüle ich den Geschmack herunter.

Teepflueckerinnen-beim-Picknick-in-Bangladesch
Teepflückerinnen beim Picknick
Korbflechter
Die Webstühle stehen still
Die Webstühle stehen still

Bevor wir in die Stadt zurückkehren, gibt es noch einen Halt in einem Dorf, das für seine Stoffherstellung bekannt ist. Fast jedes Haus hat seine eigene Werkstatt. Die Webstühle stehen jedoch still, angefangene Stoffe liegen darauf: Hartal.

Heilige Schreine und die Grenze zu Indien

Wie jeden Morgen versinkt Srimangal im dicken Nebel. Iqubal hat ein Auto organisiert, das uns nach Sylhet bringt. In der Stadt besuchen wir die Schreine der Heiligen Hajrat Shah Jalal und Hajrat Schah Poran. Iqubal geht beten. Ich sehe mich so lange draußen um.

Nach den Gebeten fahren wir an die Grenze zu Indien. Bengalische und indische Lastwagen, beladen mit verschiedenen Gesteinssorten, stehen in einer langen Reihe am Grenzübergang. Das Gestein wird während der Regenzeit von den Bergen in Indien nach Bangladesch gespült und nun als Baustoff geborgen.

Während auf der indischen Seite grüne Berghänge locken, ist auf dieser Seite alles steingrau. Als einzige Farbtupfer schimmern Wäsche und Decken, die auf einigen Geröllhaufen liegen, durch die graue Luft. Hell in blütenweiß und Lila leuchten nur die Schuluniformen der Mädchen. Wir bleiben ein wenig an der Grenze stehen und schauen dem Treiben zu.

Bald wird die Luft zu dick und wir fahren zum Fluss Mari. Vor uns kurvt ein Lkw. Große Gesteinsbrocken hängen ungesichert über der Ladefläche, sodass der Fahrer unseres Autos einen ungewohnten Abstand hält.

Arbeiter auf einem Geröllhaufen
Mari-River-in-Bangladesch
Am Fluss Mari
Boote bringen die Menschen von Sandinsel zu Sandinsel
Boote bringen die Menschen von Sandinsel zu Sandinsel

Der Fluss führt wenig Wasser. Holzboote bringen die Menschen von Sandinsel zu Sandinsel auf die andere Seite des Flusses. Bei einem Uferspaziergang werde ich in viele Gespräche verwickelt. Der mir inzwischen allzu vertraute Massenauflauf findet hier jedoch nicht statt.

Mit dem Zug nach Chittagong

Kein Nebel am nächsten Morgen. Das ausgiebige Frühstück im Imbiss gegenüber ist noch üppiger als sonst. Iqubal meint, dass es dafür auch kein Lunch gäbe, schließlich würden wir ins gut 400 Kilometer entfernte Chittagong fahren und das könne 8 bis 12 Stunden dauern.

Fahrpläne sind in Bangladesch eher Richtlinien. Irgendwann ist man am Ziel und nur das zählt. Unser Zug kommt fünf Stunden nach der geplanten Zeit. Er ist also nicht verspätet. Fünf Stunden liegen innerhalb der Toleranzgrenze. Erst nach zehn Stunden heißt es Verspätung.

Die Wartezeit vertreibe ich mir mit beobachten: Ziegen und Kühe fressen praktischerweise die Abfälle von Bahnsteig und Gleisbett; ein Mann zieht seine Sandalen aus, läuft um sie herum, schiebt sie hin und her, zieht sie wieder an. Ein Ritual, das er alle paar Meter wiederholt. Kinder springen auf einen Hin und Her rangierenden Güterzug auf und ab; ein Polizist, der über den Bahnsteig läuft, schwingt sein Gewehr wie einen Spazierstock; im Warteraum spielt ein Mann ein paar Töne auf einer Flöte; eine Mutter singt ihr Kind in den Schlaf; vor dem Kiosk streiten zwei Männer lautstark. Ich werde gefragt, woher ich komme, erwidere aus Deutschland und erhalte auf Deutsch die Antwort, dass Italien sehr schön sei.

Vom Bahnhofsdach hängt ein Stück von einem Stahlträger, darin sind zwei Löcher und ein Stahlnagel – die Zugansage. Metall schlägt auf Metall. Der Zug nach Sylhet, eine Kombination aus Güter- und Personenzug, fährt ein. Eine Tür klemmt. Mit einer Brechstange versuchen drei Männer, sie aufzuhebeln. Irgendwann ist sie offen.

Nach vier Stunden Warten klingt der Krach des Stahlnagels wie Musik. Schließlich weckt er die Hoffnung, dass nun der richtige Zug einfährt. Wann welcher Zug kommt, weiß bis zu diesem Moment niemand.

Mittlerweile ist es früher Abend und ich hoffe, dass der Zug, der ja irgendwann kommen wird, 12 Stunden bis Chittagong braucht. Besser am frühen Morgen ankommen, als mitten in der Nacht.

Endlich fährt der richtige Zug ein. Ich freue mich auf bequeme, plüschige Sitze. Dann stehe ich in einem Wagen im S-Bahn-Style: Grüne mit Kunstleder bezogene Zweier-Bänke und keine Möglichkeit, die Beine lang zu machen und sich gemütlich zurückzulehnen. Der Zug ist nicht sehr voll. Polizei läuft durch die Wagen. Auf der Bank gegenüber sitzt eine Frau, die mir zögerlich Betelblätter anbietet. Iqubal sagt ihr, dass es nicht meine Ersten seien. Diesmal schmeckt das Blatt nicht so seifig.

Chittagong, Zentrum der Abwrackindustrie 

Perfekt. Der Zug braucht 12 Stunden bis Chittagong. In einem Hotel machen wir drei Stunden Pause. Auf meinen Wunsch fahren wir anschließend mit einem Bus zur Abwrackwerft: Chittagong ist das Zentrum der Abwrackindustrie in Bangladesch. Der Bus hat im Gegensatz zu denen in Dhaka keine Karosserie, durch die man ins Innere blicken kann, die Sitze sind superbequem, die Sitzreihen sehr eng.

In der Nähe der Werft wartet Rafiq mit dem Auto. Wir steigen um und er bringt uns durch die Werftarbeitersiedlung zum Abwrackgelände. An einem Schlagbaum ist Schluss. Fotografieren verboten. Vor mir breitet sich eine riesige graubraune Fläche aus, auf der ordentlich sortiert Stahlplatten, Laufroste, Gangways und mehr aufgestapelt liegen. Durch den Dunst sind drei Ozeanriesen zu sehen. Ein fast fertig zerlegtes Wrack liegt daneben. An einer Stelle wird geschweißt. Ein paar Arbeiter, die sich farblich kaum von der Umgebung abheben, tragen Wrackteile. Gespenstige Ruhe.

Auf dem Rückweg trinken wir noch einen Tee mit den Arbeitern in ihrer Siedlung. Iqubal drängt zum Aufbruch: „Wir müssen, so wie es für Ausländer vorgeschrieben ist, vor der Dunkelheit in Bandarban in den Chittagong Hill Tracts (CHT) ankommen.

Aus den Chittagong Hill Tracts nach Dhaka

Der Weg aus den Chittagong Hill Tracts nach Dhaka ist weit. Ein Angehöriger der Polizei, der nach Dhaka will, fährt mit. Das ist sehr komfortabel. Immer wenn wir an einer Polizeikontrolle anhalten müssen, zückt er seine Karte und wir können sofort weiterfahren.

Endlos zieht sich die Fahrt dahin. Gefühlt sind wir schon dreimal an Dhaka vorbei gefahren. Unterwegs sehen wir Aktivisten mit weißen Stirnbändern und Motorrädern, die sich gerade sammeln. Die Stimmung ist angespannt.

Endlich erreichen wir Dhaka. Ab und an sind Straßenrandproteste zu sehen. An jeder Ecke, an der sich Seiten- und Hauptstraße treffen, stehen Polizisten. Leicht benommen steige ich aus dem Auto. Neun Stunden Hupkonzert lassen den Schädel brummen.

Natore, Putia und Rajshahi

In der Frühe reisen wir weiter in Richtung Norden. An der Stadtgrenze beginnt dichter Nebel. Alle fahren so vorsichtig, dass sogar das obligatorische Hupkonzert ausfällt.

Wir sind auf dem Weg zur Fähre. Als wir am Anleger ankommen, legt sie gerade ab und so laufe ich ein wenig herum, begleitet von den ernsten Blicken der Arbeiter.

Die Fähre kommt. Vom Schiff aus kann ich beobachten, wie ein Konvoi von Limousinen und Polizei auf eine andere Fähre fährt: Premierministerin Sheik Hazina ist unterwegs. Ihr Schiff sieht nicht besser aus als unseres – sehr gebraucht eben.

Faehre-in-Bagladesch
Die Fähre kommt
Ein Junge verdient sich Geld als Schuhputzer auf der Fähre
Ein Junge verdient sich Geld als Schuhputzer auf der Fähre
Warentransport-in-Bagladesch
Warentransport

An Ziegelbrennereien vorbei geht es am anderen Ufer weiter nach Natore. Entsprechend Erdfarben ist das Grün. Erster Stopp ist beim Anwesen von Rabindranath Tagore, ein bengalischer Dichter, Philosoph, Maler, Komponist und Musiker, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Von dort ist es nicht weit bis zum Schrein von Fakir Lalon Shah, einem bengalischen Philosophen, der unzählige Songs komponierte. Entrückte Anhänger seiner Texte versuchen, Besucher zum Zuhören und Geld spenden zu bewegen.

Rafiqu fährt an eine Tankstelle. Diesmal stehen an der Ausfahrt zwei Soldaten und kontrollieren die Rechnungen. Wie alle Soldaten und Polizisten sind sie gesprächig, lachen und lassen sich gerne fotografieren.

Kurz vor Natore halten wir für eine Teepause an einem lokalen Markt. Ich laufe ein paar Meter. Zwei Händler, die lächelnd ihre Waren zeigen, sehe ich noch. Dann bin ich von Männern umringt, die mir schweigend folgen. Einer spricht mich an: „Woher? Verheiratet?“ Sie folgen mir bis zum Teestand. Schweigend und mit unbewegten Mienen sehen sie mir zu.

Der nächste Ort Puthia ist bekannt für seine sehr gut erhaltenen Hindu-Tempel mit ihren roten Terrakottaarbeiten. In das Wahrzeichen der Stadt, den Shiva-Tempel, gehe ich hinein.

Ein Rummel unterwegs: Riesenrad
Puthia-in-Bangladesch
Puthia
Hindu-Tempel-in-Puthia-in-Bangladesch-
Hindu-Tempel

Zum Sonnenuntergang zieht es mich an den Fluss Padma. Einige Zeit später steht Rafiq neben mir und wir gehen zusammen durch ein Fischerdorf. Die Hütten stehen eng beieinander. Auf dem schmalen Weg zwischen Hütten und Uferhang suchen warm angezogene Ziegen nach Futter, Frauen sammeln sich in kleinen Gruppen und plaudern miteinander. Ihre Blicke sind unaufdringlich-neugierig.

Bangladesch-Fischerdorf-am-Padma
Fischerdorf am Padma
Plaudern am Feierabend
Mit Pullover bekleidete Ziege
Mit Pullover bekleidete Ziege
Über Land

Der letzte Tag in Bangladesch: Ein langer Weg liegt vor uns. Es ist kalt und sehr neblig. Plötzlich biegt Rafiq von der Straße ab und hält in einem Dorf. Eine Bewohnerin lädt mich in ihr Haus ein. Durch einen Vorraum, der sich über die gesamte Breite des Hauses zieht, betrete ich einen Raum mit einem großen Doppelbett, einem Schrank mit Geschirr und Wäsche und einem Fahrrad, das an der Wand lehnt. Mir wird ein Platz auf dem Bett angeboten. Ich tauche ein in den Lebensraum, der mich umgibt. Die zwei Frauen beobachten mich – Verständigung ohne Worte und Gesten.

Mittlerweile hat sich das halbe Dorf im Innenhof versammelt und begleitet uns zum Auto zurück.

Einladung in ein Haus
Im Hof haben sich die Dorfbewohner versammelt
Im Hof haben sich die Dorfbewohner versammelt
Umzingelt von heiratswütigen Männern
Umzingelt von heiratswütigen Männern

Kurz darauf halten wir zu einer Teepause an. Sofort bin ich von Männern umringt, die nur eine Frage haben – verheiratet? Einer der Männer macht sich nicht einmal die Mühe, seine Zahnbürste aus dem Mund zu nehmen. Den Tee trinken wir sehr schnell aus. Männer strömen von allen Seiten heran. Da ich mittendrin stehe, habe ich keinen Überblick. Der Abstand um mich herum ist diesmal nur wenige Zentimeter groß. Iqubal ruft meinen Namen. Eine Gasse bildet sich, schnell steige ich ins Auto ein.

Die nächste Teepause ist an einem Bahnübergang mit einem interessanten Gleisbett. Drei Gleise, die zwei Spurbreiten ergeben: Die Spurbreite ist im Norden eine andere wie in Chittagong im Süden. Und wieder bin ich in Null-Komma-Nichts von Männern umringt – verheiratet? Diesmal bleibt die Situation jedoch überschaubar.

Einen Abstecher machen wir noch und besichtigen die aus dem 8. Jahrhundert stammenden Ruinen des größten buddhistischen Klosters des gesamten Subkontinents in Paharpur.

Paharpur-in-Bangladesch
Paharpur
Die Kartoffelernte liegt zum Verkauf auf der Fahrbahn
Die Kartoffelernte liegt zum Verkauf auf der Fahrbahn
In luftuger Höhe auf dem Bus

Kartoffelfelder und Kartoffelberge säumen den Straßenrand. Im Slalom umkurven die Ernte und erreichen Mahashtan, eine komplett zerstörte, große buddhistische Anlage. Nur die Mauern sind noch zu erkennen. Mahashtan liegt im Distrikt Bogra, der Hochburg der religiös-konservativen Bangladesh Nationalist Party. Hartal und Blockaden werden hier restriktiv durchgezogen. Aber es ist ruhig.

Dhaka zum letzten Mal

Kurz vor Dhaka erfahre ich, dass ich zu „dinner and accomodation“ eingeladen bin. Da kein Hartal ist, sind die Straßen von Dhaka jedoch dicht und wir kommen erst so spät am Abend an, dass ich müde ins Bett falle.

Um 4 Uhr steht Rafiq vor der Tür und bringt mich zum Flughafen. Fünf Stunden nach geplanter Abflugzeit – nach bengalischem Verständnis ohne Verspätung – startet der Flieger Richtung Deutschland.

Zurück zu den Bangladeschreisen

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