Indien – der Süden

Residenzstadt Mysore im Bundesstaat Karnataka

Unsere Pläne für Mysore müssen neu gedacht werden. Der mehrmals täglich vom Flughafen Bangalore nach Mysore verkehrende FlyBus kommt aus Zeitgründen nicht infrage. Bleibt der Biss in den sauren Apfel – ein vom Hotel in Mysore organisierter Privattransfer.

In Mysore beziehen wir in einem ehemaligen Palast, den der Maharadscha für seine Töchter bauen ließ, das Prinzessinnenzimmer. Am Travel Desk des Hotels bezahlen wir das Auto. Der Preis, der ohnehin eines Maharadschas würdig ist, erhöht sich plötzlich um undefinierbare Steuern. Als wir darum bitten, uns Tickets für den FlyBus am nächsten Abend zu besorgen, wird wortgewaltig versucht, uns eine völlig überteuerte Stadtrundfahrt aufzuschwatzen. 

Statt einer Stadtrundfahrt möchten wir nur, dass uns Tickets für den FlyBus nach Bangalore gebucht werden. Nach einer mühseligen Diskussion einigen wir uns darauf, dass der Typ vom Travel Desk die Tickets besorgt und wir im Gegenzug über eine Stadtrundfahrt nachdenken.

Zum Abend schlendern wir über den großen Basar. Ein Friseur lädt uns in seinen Laden ein. Ich überlege kurz, meine Haarspitzen sollen schon längst abgeschnitten werden, warum nicht hier und jetzt.

Markt-in-Mysore-Suedindien
Markthalle in Mysore
Markt-in-Mysore-Suedindien
Auf dem Markt
Ehemaliger Palast, den der Maharadscha für seine Töchter bauen ließ.
Ehemaliger Palast, den der Maharadscha für seine Töchter bauen ließ.

Als ich den Laden verlasse, fehlen meinen Haaren nicht nur die Spitzen, sie sind in der Länge um die Hälfte reduziert. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich mich damit angefreundet habe.

Zum Frühstück am nächsten Tag taucht der Typ vom Travel Desk wieder auf. Er würde jetzt die Fahrkarten buchen wollen, sie würden 2800 Rupien (35 Euro) kosten. Auf unseren Hinweis, dass sie nur die Hälfte kosten, erzählt er wieder was von Steuern und beharrt auf einer Stadtrundfahrt. Wir bleiben bei einem deutlichen Nein.

Der Typ trollt sich, erscheint indes nach fünf Minuten wieder. Leider könne er keine Bustickets buchen, da das System nicht funktioniere.

Es ist ärgerlich. Statt uns auf die Sehenswürdigkeiten zu konzentrieren, müssen wir als Erstes zum Busbahnhof. Der Kauf der Tickets für den FlyBus am Abend ist ohne erwartetes Anstehen zügig erledigt. Endlich können wir besichtigen, weswegen wir nach Mysore gekommen sind.

Das Highlight ist der Palast Amba Vilas. Der Eintrittspreis von 50 Rupien (70 Cent) gilt auch für Ausländer, was sehr ungewöhnlich ist.

Märchenhaft steht der Palast vor uns. Rote Kuppeln, Torbögen und Gewölbe formen ihn von außen. Im Innern verleihen ihm prunkvolle Räume, mit Mahagoniholz vertäfelte Decken, Türen mit Intarsien aus massivem Silber, Böden aus weißem Marmor, vergoldete Säulen und kunstvolle Gemälde eine außergewöhnliche Atmosphäre. 

Palast-Amba-Vilas-Suedindien
Palast Amba Vilas
Vergoldete Säulen im Palast
Vergoldete Säulen im Palast
Vergoldete Säulen im Palast
Prunkvoller Raum
Prunkvoller Raum
Prunkvoller Raum
Trophäe Elefantenkopf
Trophäe Elefantenkopf
Kopie vom Palast Amba Vilas  im Palastgarten
Kopie vom Palast Amba Vilas im Palastgarten

In einem Nebengebäude befinden sich die königlichen Gemächer. Diesmal müssen wir den Touristeneintritt zahlen (140 Rupien; 2 Euro). Fotografieren ist in den Gemächern im Gegensatz zu den Räumen im Palast verboten. Nach der Besichtigung des prunkvollen Palastes sind wir gespannt was uns erwartet – und – werden enttäuscht. Heruntergekommene Räume mit verstaubten Ansammlungen von Möbeln, ein paar alte Fotografien an den Wänden, die Waffensammlung ist eine einzige Rumpelkammer – augenblicklich stehen wir wieder draußen.

Unweit des Palastes ist der Zoo. Ein TukTuk soll uns hinbringen. Gerade als der Fahrer Gas geben will, springt ein anderer auf ihn zu. Der Zoo hätte gerade wegen der Mittagspause geschlossen, die Besichtigung einer Seidenfabrik wäre aber möglich.

Trotz Zweifeln an dieser Behauptung verschieben wir den Zoobesuch um eine Stunde und lassen uns zu einem weiteren Palast fahren. Dort kommen wir indes nicht herein, da er eine Schule beherbergt.

Nach dem Genuss eines frisch gepressten Orangensaftes fahren wir zum Zoo. Von Mittagsschließung keine Spur. Am Eingang wird auf einem großen Schild darauf hingewiesen, dass der Zoo kunststofffrei ist. An einem Tisch wird jede Plasteflasche, die Besucher mit hineinnehmen, gezählt. Am Ausgang muss nachgewiesen werden, dass die Flasche nicht im Zoo gelassen wurde.

Der Park und die eingezäunten Areale für die Tiere sind sehr großzügig angelegt. Eine „Bannmeile“ hält Besucher auf gebührenden Abstand.

Vor den Gehegen der Großkatzen steht auf einem Schild der Name des Tieres, das gerade Ausgang hat. Rajan, der weiße Tiger, läuft in seinem Gehege auf und ab. Ab und an faucht er Mojo aus dem Nachbargehege an, der sich wenig beeindruckt zeigt.

Uns gefällt es so gut im Zoo, dass wir bis zur Abreise am späten Nachmittag bleiben.

Vier Stunden dauert die Fahrt mit dem FlyBus von Mysore bis zum Flughafen Bangalore. Morgen geht es weiter auf die Malediven und so haben wir uns drei Kilometer vom Flughafen entfernt eingemietet.

Für unsere Füße ist das Hotel zu weit vom Flughafen entfernt, für die Taxifahrer ist die Entfernung nicht attraktiv. 700 Rupien (10 Euro) verlangt einer als Grundpreis. Das ist zu viel der Übertreibung. Wir winken einen Einweiser heran, der kurzerhand dem Taxifahrer bedeutet, er möge mit Taxameter fahren. Wütend prescht er mit Tempo 100 durch eine Tempo-30-Zone und will uns vor irgendeinem Hotel absetzen. Wir steigen aber nicht aus. Endlich benutzt er sein Navi, welches ihn in das nur 200 Meter entfernte Hotel leitet. Verärgert kassiert er die Fahrtkosten von 200 Rupien (2,50 Euro).

Der nächste Tag beginnt mit Verärgerung unsererseits. Der Flug auf die Malediven verspätet sich um drei Stunden. Die meisten Reisenden – auch wir sind betroffen – verpassen dadurch ihre Anschlüsse auf die anderen Atolle außerhalb von Male. Nach zwei Stunden ist der Ärger unter den Passagieren so groß, das Air India sich genötigt sieht, Essen bereitzustellen. Serviert wird es in einem der Flughafenrestaurants auf Plastetellern mit Einteilung für Dal (Linsensuppe), Huhn, Gemüse, Reis. Es riecht nach Kantine, sieht aus wie Kantinenessen und schmeckt auch so.

Unserem Gastgeber auf der Insel Feridhoo schicken wir eine Nachricht, dass wir erst morgen kommen.

Nach einer Woche bin ich zurück in Bangalore, um noch ein paar Tage Indiens Süden mit dem Zug zu bereisen.

Bangalore: Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka

Zwei Stunden währen die Fahrten mit diversen Buslinien vom Flughafen Bangalore zum Hotel in einem Stadtteil, der als der Prenzlauer Berg von Bangalore gilt.

In den innerstädtischen Bussen sind die vorderen Sitzreihen für Frauen reserviert. Männer, die es wagen vorn einzusteigen, werden zur hinteren Tür verwiesen. Als Touristin in einem Stadtbus bin ich ein seltener Gast. Der Kontrolleur ergreift seine Chance und verdoppelt den – sehr niedrigen – Ticketpreis.

Das Hotel soll nicht weit entfernt von der Bushaltestelle sein. Mehrere TukTuk Fahrer, die ich frage oder fragen möchte, geben, ohne zu antworten Gas und verschwinden. Erst der Besitzer eines Reparaturservice zeigt sich hilfsbereit. Er wählt die Nummer des Hotels, landet jedoch bei der Hotline der Hotelkette. Immer wieder wird er nach dem Namen seines Vaters und seines Großvaters gefragt. Genervt stehe ich in der beginnenden Dämmerung. Nach zehn Minuten platzt dem Mann der Kragen und er darf direkt mit dem Hotel telefonieren.

Es ist nur fünf Minuten entfernt. An der Rezeption geht es vorerst nicht freundlicher zu. Offensichtlich haben sie ein Problem mit allein reisenden Frauen.

Bangalore verfügt über mehrere Bahnhöfe. Für das Hotel habe ich mich wegen seiner angegebenen Entfernung von drei Kilometern zum Bahnhof, von dem der Zug nach Madurai abfahren soll, entschieden.

Wie sich am nächsten Morgen herausstellt, sind es drei Kilometer Luftlinie, aber vierzehn Kilometer auf der Straße. Vierzehn Kilometer bedeuten an einem Montagmorgen mindestens eine Stunde Fahrzeit.

Ich bestelle ein Taxi. Zwanzig Minuten später soll es da sein, eine Stunde später fährt es vor. Indessen verfolge ich im Internet den Fahrtlauf des Zuges in Echtzeit. Er ist pünktlich unterwegs. Sollte der Fahrer eine Stunde bis zum Bahnhof brauchen, ist der Zug weg. Entsprechend ist meine Laune.

Der Fahrer ist ein geübter Lückenspringer, Verkehrsregeln sind ohnehin nur Richtlinien, trotz Stau kommen wir pünktlich am Bahnhof an.

Der Zug hat mittlerweile 45 Minuten Verspätung. Der Bahnsteig ist voller Reisender. Kaum habe ich einen Platz in der Menge gefunden, hält sich Polizei dezent in meiner Nähe auf und achtet später darauf, dass ich in den Zug einsteige.

Gebucht habe ich einen Platz in der Wagenklasse 3 AC – zwei Liegen im Gang übereinander, jeweils drei Liegen übereinander im offenen Abteil, klimatisiert und verglaste Fenster. Vorhänge zwischen den Abteilen und dem Gang, die etwas Privatheit vermitteln würden, gibt es nach einem verheerenden Brand vor ein paar Jahren nicht mehr.

Mit dem Zug nach Madurei
Mit dem Zug nach Madurai
Wagenklasse 3 AC
Wagenklasse 3 AC
Wagenklasse 3 AC
Wagenklasse 3 AC

Vier Männer sitzen in meinem Abteil. Sofort springen sie auf, schaffen Platz für mein Gepäck und rücken auf einer Liege zusammen. Auf keinen Fall soll ich das Gefühl bekommen, sie wären aufdringlich.

Madurai, Coimbatore und die Nilgiri Mountain im Bundesstaat Tamil Nadu

Winzige Dörfer, wie mit Zucker überzogene Tempel, hässliche Kleinstädte und Pampa ziehen am Fenster vorbei. Nebenan hängt ein Wasserkocher an einer der vielen Steckdosen, Wasserdampf wabert durch den Waggon. Tee- und Kaffeeverkäufer kommen alle fünf Minuten vorbei. Wenn das Zeug bloß nicht so entsetzlich süß wäre.

Ab und an hält der Zug außerplanmäßig an Bahnsteigen, die viel zu kurz für die 22 Waggons sind. Zum Füßevertreten steige ich aus. Ein Teil meiner Mitreisenden bleibt sitzen. Vertrauensvoll lasse ich mein Handgepäck zurück. Zwei Minuten später stehen sie ebenfalls auf dem Bahnsteig. Das wird mir auch bei den weiteren Bahnreisen passieren und ich habe den Eindruck, dass sie auf keinen Fall in irgendeinen Verdacht geraten wollen.

Der Lokführer hupt und im selben Moment rollt der Zug so langsam los, dass auch Unsportliche in aller Ruhe aufspringen können. Pünktlich um 13:30 Uhr wird gegessen, anschließend übers Handy ein Bollywood-Film geschaut und Mittagsschlaf gehalten. Mein Platz ist auf der untersten Liege, endlich kann ich die Beine lang machen.

Die Verspätung wird immer größer und ich immer unruhiger. Nachts in einer indischen Stadt anzukommen ist nicht gerade erstrebenswert. Warum ich zehn Stunden mit dem Zug fahre, statt 50 Minuten zu fliegen, weiß ich selbst nicht mehr.

Der Mittagsschlaf ist vorbei. In immer neuen Grüppchen finden sich Männer und Frauen zum Plausch zusammen. Auf einmal eilen alle zu ihren Plätzen, Männer tauschen ihre Dhoti – ein langes Stück Stoff, welches um die Taille gewickelt wird – gegen Hosen, Haare werden gegelt, Deo großzügig auf dem Körper verteilt. „Madurei“ wird mir zugerufen. Pünktlich rollt der Zug in den Bahnhof ein.

Madurai ist auch nachts eine lebhafte Stadt, das Hotel nur 250 Meter vom Bahnhof entfernt. Meine Sorgen waren unbegründet.

Zwei Ziele habe ich in Madurai, den Minakshi Tempel und das Gandhimuseum.

Der Tempel steht zentral in der Altstadt, umgeben von verkehrsfreien Straßen. Farbenfrohe, pyramidenförmige Tortürme, verziert mit prächtigem Figurenschmuck ragen in alle vier Himmelsrichtungen ins wolkenlose Blau. Gruppen schwarz gewandeter Männer strömen Richtung Tempel, Frauen malen kleine Kunstwerke vor Eingangstüren, dazwischen liegen Kuhfladen auf dem Gehweg. Es wird Pongal, das tamilische Erntedankfest, gefeiert.

Madurai-Minakshi-Tempel-Suedindien
Minakshi-Tempel
Figur am Minakshi Tempel
Figur am Minakshi Tempel
Blick über die Tempel
Pongal-Zeichnung
Pongal-Zeichnung
Pilger auf dem Weg zum  Minakshi Tempel
Pilger auf dem Weg zum Minakshi Tempel
Frauen kochen für die Pilger
Frauen kochen für die Pilger

Eigentlich sollte der Tempel für Besucher geöffnet sein. Wegen des Festes dürfen vormittags indes nur Gläubige in die Anlage, für Touristen öffnet der Tempel erst am Nachmittag.

Die Besitzer von Dachterrassen locken mit der schönen Aussicht auf den Tempelkomplex. Einmal lasse ich mich darauf ein. Der Blick über die zwölf Türme ist beeindruckend und kostet ein Verkaufsgespräch. Es wird ein kurzer Monolog des Ladenbesitzers. Eilig laufe ich die Treppen hinunter und erzähle, dass mein Mann im Hotel wartet und ich jetzt wirklich nichts kaufen kann.    

Die Zeit bis zur Öffnung der Tempelanlage werde ich mit dem Besuch des Gandhimuseums überbrücken. Das Haus liegt außerhalb der Altstadt. Am Eingang stoppen zwei Bewacher das TukTuk. Das Museum habe heute wegen des Pongalfestes geschlossen, morgen könne ich wieder kommen. Ich atme tief durch. Das Haus hat nur an einem einzigen Tag im Jahr nicht geöffnet und der ist ausgerechnet heute.

Vor 16 Uhr stehe ich wieder vor dem Tempel und komme ohne Anstehen hinein. Handy, Schuhe und Kamera müssen abgegeben werden, jedes Teil an einem anderen Schalter.

Farbenfroh und verwinkelt ist die Anlage. Mehrere große Säulenhallen mit bunten Wand- und Deckenmalereien umgeben die beiden besonders heiligen Bereiche. Für Nicht-Hindus ist der Zutritt zu den Heiligtümern, in denen Shiva und Minakshi wohnen, nicht gestattet.

In den die heiligen Räume umgebenden Hallen gibt es indes genug zu sehen. Um den Tempelteich zieht sich eine lange Warteschlange. Drei Stunden stehen die Gläubigen an, ehe sie im Heiligtum ankommen. Nur wer bereit ist, 100 Rupien zu zahlen, ist sofort drin. Dazu scheint keiner bereit zu sein.  

Das Gewühle im Tempel wird am Abend noch größer. Mit Musik, viel Weihrauch und Opfergaben wird eine Figur der Gottheit Shiva in einer silbernen Sänfte durch den Tempel zu seiner Frau Minakshi getragen. Symbolisch verbringen die beiden damit die Nacht zusammen.

Mich erwartet die nächste Zugfahrt. Der Zug von Madurai nach Coimbatore ist überpünktlich, die Wagen sind neu, die Klimaanlage gibt ihr bestes, zwei alte Männer sitzen mir gegenüber. Sie vermeiden krampfhaft jeden versehentlichen Blickkontakt.

Die fünf Stunden Zugfahrt vergehen schnell, und wenn der Typ mir gegenüber nicht permanent laut rülpsen würde, wäre sie sogar angenehm.

Coimbatore ist nur ein Übernachtungshalt, um am nächsten Morgen in aller Frühe mit dem Nilgiri Express in die Berge fahren zu können.

Am Bahnhof gibt es etliche Hotels. Ich habe mich für eines entschieden, das mit einem guten WiFi wirbt, was in Indien keine Selbstverständlichkeit ist.

Natürlich funktioniert in dem Hotel die Verbindung ins Internet nicht. Nebenan ist ein Copy Shop mit Internetanschluss. Das Besitzerpaar steht laut streitend davor. Offensichtlich können sie sich nicht einigen, wie richtig geputzt wird.

Das Internet ist schnell, die Tastatur so abgewetzt, dass sie fast buchstabenlos ist, die Tasten hakeln und bleiben oft stecken.  

In einer Streitpause zieht die Besitzerin eine nagelneue Tastatur unter dem Nachbar-PC hervor. Ich solle darauf sehen, um die richtigen Tasten schneller zu finden. Aha, jetzt, wo ich fertig bin mit Schreiben.

Mein Zug fährt morgen um 5 Uhr ab. Da reicht die Zeit gerade noch für ein Essen im Bistro nebenan. Wahllos tippe ich beim Bestellen auf ein Gericht. Fünf Minuten später entschuldigt sich der Kellner für die lange Wartezeit auf das Essen. Nach zehn Minuten steht es vor mir. Kaum ist der Teller leer, liegt die Rechnung auf dem Tisch: Auch das ist Indien.

Überpünktlich erreicht der Zug nach Metupalaiyam Coimbatore. Ich bin erleichtert: Der Anschluss an den Nilgiri Mountain Express in Metupalaiyam ist gesichert.  

Auf dem Bahnhof kaufe ich eine Wasserflasche. Was bei uns in Bahnhöfen prozentual auf die Preise aufgeschlagen wird, wird in Indien weniger gezahlt. Auffallend ist das Etikett auf den im Auftrag der Bahn abgefüllten Wasserflaschen: „Schützt unsere Kinder vor Gewalt, mischt euch ein, wenn ein Kind schreit oder ängstlich aussieht.“

Auf dem Bahnsteig in Metupalaiyam herrscht großes Gedränge. Tickets im Voraus werden nur für den einzigen 1. Klasse Wagen verkauft. 16 Personen haben dort Platz. Jeweils vier sitzen sich gegenüber, getrennt durch eine mit Blumenmuster verzierte halbhohe Trennwand.

Bis zur Bereitstellung des Nilgiri Mountain Express ist noch Zeit. Am Bahnsteig gibt es einen Imbiss mit Kaffeeausschank. Mehrere Leute auf einmal versuchen eine Bestellung loszuwerden. Ich drängle mit und halte in kurzer Zeit einen Becher mit Kaffee in der Hand. Mit dem ersten Schluck fliegt er in den Mülleimer, so widerlich süß ist er.

Erholung in den Nilgiri Mountain

Der Nilgiri Mountain Express – die Inder nennen ihn „Toy Train“ – ist die einzige indische Zahnradbahn. 46 Kilometer ist die Strecke zwischen Metupalaiyam und der Bergstation Ooty lang, führt durch 16 Tunnel und über 250 Brücken.

Der Zug zählt zu den langsamsten Bahnen Indiens. Eine Dampflok schiebt die vier Wagen, von denen der 1. Klasse Wagen noch aus der britischen Kolonialzeit stammt, 20 Kilometer den Berg hinauf. Ab Coonoor zieht eine Diesellokomotive die Bahn bis Ooty.

Nilgiri-Mountain-Express
Nilgiri Mountain Express
Eisenbahnbrücke in den Nilgiri Mountain
Eisenbahnbrücke in den Nilgiri Mountain
Teefelder in den Bergen
Teefelder in den Bergen

Vier Stunden zuckelt der Zug hoch in die Nilgiri Mountain, die „Blauen Berge“. Unterwegs gibt es viele Halte, an denen die Lok mit Wasser befüllt wird und Schrauben nachgezogen werden. An den Haltestellen ist das Gleisbett besonders stark vermüllt. Affen wühlen im Müll und betteln um Futter.

Meine indische Sitznachbarin wird von Mitreisenden gefragt, welcher Religion sie angehört. „Keiner. Ich glaube daran, dass man Müll nicht aus dem Fenster wirft“, ist ihre Antwort.

Die Luft wird merklich kühler. Teeplantagen prägen die Landschaft. Mittendrin stehen quietschbunte, in den Farben hellgrün, pink und himmelblau angestrichene Häuser.

Zu der schönen Landschaft gehört fröhlicher Gesang, meint die Schaffnerin. Sie zeigt auf mich: „Fang du an. Du darfst auch ein englisches Lied singen.“ Erschrocken stammle ich was von Halsschmerzen. Das akzeptieren alle und singen gemeinsam indische Lieder.

Ooty, die Endstation, liegt auf einer Höhe von mehr als 2000 Metern. Wegen der kühlen Temperaturen war der Ort zu Kolonialzeiten, vor allem im Sommer, Erholungsraum für hitzegeplagte britische Kolonialbeamte und indische Adlige. Heute erholt sich der indische Mittelstand in den kühlen Bergen. 

Ooty-Suedindien
Ooty
Ooty
Tempel in Ooty
Tempel in Ooty

Mein Hotel steht auf einem Hügel inmitten brachliegender Felder. Bunte Häuser und der überall herumliegende Müll bilden einen farblichen Kontrast zu der braunen Erde.

Im Zentrum von Ooty wird an jeder Straßenecke Süßes angeboten – Kuchen, Torten und vor allem Schokolade, hergestellt von selbst ernannten Patissiers. Die muss ich probieren. Angeboten wird sie in hell, dunkel und als weiße Schokolade mit Nüssen, Rosinen oder pur.    

Freudig beiße ich in ein Stück helle Schokolade und würge es mir hinunter. Der Geschmack erinnert an die Schlagersüßtafel aus der DDR. Der Rest landet im Mülleimer.

In der Nacht sinken die Temperaturen auf den Gefrierpunkt. Das Aufstehen am Morgen kostet wegen der Kälte viel Überwindung. Aber ich muss raus. Morgen geht mein Rückflug nach Deutschland von Bangalore aus und bis dahin ist es ein Stück Weg.

Bevor ich in den Bus nach Coimbatore steige und in die Hitze und Hektik der Städte eintauche, genieße ich die Frische Ootys bei einer Wanderung zu einer Kirche auf einem der Hügel, die die Stadt umgeben.

Vom Kirchenhügel ist der Blick über den Ort und die Dörfer in den Teehügeln beeindruckend. Ein schmaler, gepflasterter Pfad verläuft unterhalb der Kirche. Wo er hinführt, ist nicht zu erkennen. Aber ich habe noch genügend Zeit, um mich verlaufen zu dürfen.

Ich verlaufe mich nicht. Der Pfad führt steil abwärts direkt in die Stadt.

Die Teehügel von Ooty
Die Teehügel von Ooty
Dorf in den Hügeln
Dorf in den Hügeln
Bus nach Coimbatore
Bus nach Coimbatore

Je tiefer ich komme, desto wärmer wird es. Am Busbahnhof steht ein Bus nach Coimbatore abfahrbereit. Er ist eine typisch grüne, völlig zerbeulte und verrostete Konservendose mit Beinfreiheit, ohne Klimaanlage und – wie erfreulich – ohne laute Musik.  

Die Fahrt kostet 80 Rupien. „Gib mir 100“, sagt der Schaffner. Leider habe ich es nicht passend und er bekommt den Hunderter. Dafür beschließe ich, den Doppelsitz bis Coimbatore für mich alleine in Anspruch zu nehmen.

Knapp zwei Stunden geht es über Serpentinen und Haarnadelkurven abwärts. Noch rechtzeitig, bevor sich mein Magen umdreht, gibt es einen Stopp. Erdnüsse beruhigen ihn wieder.

Von Coimbatore nach Bangalore geht es mit dem Nachtzug weiter. Bahnhofsvorplatz, Bahnhof und Bahnsteige sind von zerlumpten Gestalten bevölkert. Einem aggressiven Bettler kann ich gerade noch ausweichen, dann stehe ich auf dem Bahnsteig, wo mir sofort ein Platz auf einer der wenigen Bänke angeboten wird.

Gerne darf der Zug verspätet in Bangalore ankommen. Mein Flieger geht erst am Abend und Bangalore hat nichts wirklich Sehenswertes.

Noch einmal Bangalore

Der Zug kommt eine halbe Stunde zu früh an. Da man sich nicht einen ganzen Tag lang in der Stadt beschäftigen kann, habe ich ein Hotelzimmer gemietet, zentral im Geschäftsviertel und in der Nähe des Busbahnhofs, von dem der Flughafenzubringer abfährt, gelegen.

In unmittelbarer Nähe des Hotels liegt der Cubbon Park. Eine Oase der Erholung ist er am heutigen Samstag indessen nicht – der Park ist nur sonntags komplett für den Verkehr gesperrt. An der Parkmauer liegen tote Ratten und Tauben. Ich gehe wieder.

Den Gegensatz zu dem ganzen Dreck auf den Straßen bilden die blitzblanken Metrostationen. An jedem Treppenaufgang und -abgang liegen breite Kokosläufer als Schuhabtreter. Als letzte Urlaubsaktion fahre ich eine Runde in der Metro.

Zurück zu den Indienreisen

Print Friendly, PDF & Email
Cookie Consent mit Real Cookie Banner