Rumänien

Unterschriften sind Handschellen aus Tinte.
(Aus Rumänien)

Ukraine – Radauti – Sighetu Marmației – Vișeu de Sus – Cluj (Regionen Bukowina und Maramures)

Mai 2016

Per Anhalter aus der Ukraine nach Rumänien einzureisen ist völlig problemlos. In Siret, der Grenzstadt auf rumänischer Seite, steige ich in ein anderes Auto um und erreiche kurz darauf Radauti. Radauti ist Ausgangspunkt für einen Besuch der Bukowinaklöster Putna und Suceava, die ich in den kommenden zwei Tagen besichtigen möchte.

Moldauklöster in der Bukowina

Nach Putna soll es eine Zugverbindung geben und ich sehe mich vorab nach dem Bahnhof um. Was ich vorfinde, ist ein verlassenes Gebäude und von Gestrüpp überwucherte Schienen. Hier fährt seit Jahren kein Zug mehr. Auch einen Abfahrplatz für Minibusse kann ich nicht finden. Mir schwant nichts Gutes. Abgesehen von den Klöstern, wie soll ich nach Sighetu Marmației, meinem nächsten Ziel, kommen?

Der Vermieter hilft. Er zeigt mir auf dem Stadtplan, an welcher Straßenkreuzung Minibusse zu den Klöstern abfahren. An einem Tag ins 260 Kilometer entfernte Sighetu Marmației zu reisen, hält er jedoch für unmöglich. Nach Recherchen im Internet und einigen Telefonaten finden wir eine Möglichkeit.

Mein erster Ausflug soll mich in das Kloster Suceviţa führen. Am Haltepunkt des Minibusses warte ich nicht lange. Wann etwas fährt, ist mir zu ungewiss – in 5 Minuten, in zwei Stunden? In einem Hostel frage ich nach, aber der Besitzer weiß es auch nicht. Die 18 Kilometer kann ich auch trampen, denke ich und laufe ein paar Meter Richtung Stadtgrenze. Hinter mir ertönt ein Pfiff. Ich gehe zurück. In dem Moment kommt der Bus nach Suceviţa: perfekt.

Das Kloster ist umgeben von Mauern und Türmen. Es ist eines der schönsten Moldauklöster und das Einzige, dessen Innen- und Außenwände vollständig mit Wandmalereien versehen sind, die komplett erhalten blieben. Klänge eines Gottesdienstes empfangen mich. Gläubige drängen sich in der Klosterkirche, einige sitzen im Garten auf den Bänken und beten.

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Die Wandmalereien sind prachtvoll. Auf der Nordseite ist die „Stufenleiter der Tugenden“, die eine Leiter zum Himmelstor zeigt, dargestellt: Teufel versuchen die auf der Himmelsleiter hinaufsteigenden Menschen hinunter in die Höllenschlucht zu ziehen, während über der Leiter Engel schweben. Als der Gottesdienst vorbei ist, sehe ich mich noch in Ruhe in der Kirche um. Meine Zeiteinteilung ist perfekt. Der Bus zurück nach Radauti fährt fünf Minuten später.

Der Weg zum Kloster Putna sollte einfacher sein – Haltepunkt vor der Haustür, öfter befahrene Strecke. Nach 1,5 Stunden am Straßenrand habe ich die Nase voll, laufe zur Straße, die nach Putna führt, und stoppe einen VW-Bus. Am Kloster drücke ich dem Fahrer den Gegenwert eines Bustickets in die Hand und alle sind zufrieden.

Das Männerkloster Putna ist ebenfalls als Wehrkloster angelegt. Der Standort des Klosters wurde der Legende nach durch einen Bogenschuss von seinem Gründer Stefan der Große bestimmt, der dort auch begraben liegt. Im Gegensatz zu anderen Bukowina-Klöstern hat die Außenfassade einen schlichten weißen Anstrich. Im Innern ist sie jedoch genauso sehenswert.

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Als ich das Gelände verlasse, steht tatsächlich ein Bus nach Radauti auf dem Parkplatz. Ich zögere kurz, entscheide mich jedoch für den Spaziergang zur Zelle des Eremiten Daniel, seine heute als Höhlenkirche genutzte, in einen Felsblock gehauene, Eremitenwohnung: Der Einsiedler soll den Fürsten Stefan der Große während der türkischen Belagerung mit göttlichen Eingebungen erfolgreich beraten haben.

Für die Rückfahrt nach Radauti ist mir die Zeiteinteilung diesmal nicht so gelungen: Eine Stunde verbringe ich am Straßenrand, ehe mich ein Auto mitnimmt.

Der nächste Tag beginnt früh. Bus und Bahn fahren in Rumänien sehr pünktlich. Den Bus nach Gura Humorului, dem Umsteigeort für die Reise nach Sighetu Marmației, erreiche ich deshalb nur knapp. In Gura Humorului muss ich mich vier Stunden in Geduld üben. Um die Wartezeit auf den Bus zu verkürzen, nehme ich mir ein Taxi zum Kloster Voronet. Der Taxifahrer, ein junger Mann, spricht deutsch. Er habe acht Monate in Bayern gearbeitet. Er fragt, wo ich herkäme.

„Berlin.“

„Oh, hochdeutsch“, antwortet er lächelnd.

In Voronet herrscht Stille – kein Gebet, keine Touristen. Die Kirche in der Klosteranlage Voronet wird wegen ihrer Fresken „Sixtinische Kapelle des Ostens“ genannt. Mit Muße sehe ich mich um. Farblich ist die Kirche im sogenannten „Voroneț-Blau“ gestaltet, an der Westaußenwand des Gebäudes befindet sich die Darstellung des Jüngsten Gerichts. Ich genieße die Ruhe und die Malereien, bis der erste Touristenbus ankommt.

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Die Busfahrt nach Sighetu Marmației ist landschaftlich reizvoll. Dörfer mit Häusern, die mit traditionellen Mustern verziert sind, ziehen am Fenster vorbei; von einer Passstraße schweift der Blick auf schneebedeckte Gipfel; herrliche Täler erfreuen das Auge.

In Sighetu Marmației ist alles Sehenswerte rund um den Freiheitsplatz zu finden und so habe ich die Sehenswürdigkeiten an einem halben Tag erkundet. Die Stadt hat es nach dem Zweiten Weltkrieg zu negativer Berühmtheit gebracht, als sich ihr Gefängnis zu einer der berüchtigtsten Haftanstalten Rumäniens entwickelte, in der Intellektuelle, Priester, Landarbeiter, Jugendliche gefoltert und hingerichtet wurden.

Der „Fröhliche Friedhof“ in Săpânța 

Sighet ist ein guter Ausgangspunkt, um nach Săpânța zum „Fröhlichen Friedhof“ zu gelangen. Einen Bus für die Hinfahrt kann ich ausfindig machen und stehe eine halbe Stunde später auf einem Friedhof mit blau leuchtenden Holzkreuzen, auf denen ein geschnitztes Bild und gereimte Verse vom interessanten Leben der Verstorbenen erzählen: Einige der Verse erzählen von Trunksucht, Liebschaften, manche sind bissige Bemerkungen der Ehefrauen auf den verstorbenen Ehemann.

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Auf dem Weg zum Friedhof erhalte ich den Tipp, das am Ortsrand gelegene Kloster des Erzengels Michael zu besuchen. Die bis 2003 errichtete Kirche soll mit 75 Metern die höchste Stabkirche Europas sein: Auch wenn sie aufgrund ihrer Größe beeindruckend ist, hat sie nicht das Flair der Jahrhunderte alten Holzkirchen in der Maramureș.

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In der Mittagshitze stehe ich wieder am Fahrbahnrand. Ich rechne mit zwei Stunden Wartezeit auf einen Bus. Hunger. Während ich unschlüssig darüber, ob ich mir ein Eis kaufen oder doch besser ins Restaurant gehen solle, an der Straße stehe, hält ein klappriger Daewoo. Der Mann am Lenkrad zeigt Richtung Sighet, ich nicke, er winkt mich auf den Beifahrersitz, ich sage Sighet, er nickt. Unterwegs steigen noch ein Mann und eine Frau ein. Der Mann schimpft sofort los. Jedes dritte Wort ist entweder Politik oder Bus: Züge fahren keine mehr, Minibusse auch nicht und die offiziellen Mikrobusse fahren selten und keiner weiß wann.

Die Wassertalbahn: die letzte Waldbahn Rumäniens

Für den Bus von Sighet nach Vișeu de Sus, meinem nächsten Ziel, gibt es einen Fahrplan. Vișeu de Sus ist vor allem bekannt durch die Wassertalbahn, die letzte regulär betriebene Waldbahn Rumäniens. Im Ort gibt es eine deutschsprachige Minderheit, die Zipser, die lange Zeit in einem eigenen Stadtteil, der sogenannten Zipserei, wohnten. Mein Quartier beziehe ich in diesem Viertel. Dort gibt es ein „Grüß Gott“ zur Begrüßung, auf der Straße „Guten Tag“ oder „Hallo“.

Am nächsten Morgen besteige ich eines meiner persönlichen Highlights der Reise – die Wassertalbahn. Der Zug, auch Mocănița genannt, steht bereits im Bahnhof, bestehend aus einem originalen Waldbahn-Personenwagen aus den 1930er-Jahren, drei ehemalige Wagen der Wengernalpbahn und gezogen von der Dampflok Resita.

Zögernd stehe ich vor dem Zug. Am liebsten würde ich in den originalen Personenwagen einsteigen, aber alle stürzen in den einen moderneren Wagen der Wengernalpbahn, an dem kein Reserviertschild hängt. Ich lege meine Jacke auf einen Platz im Wengernalpbahn-Waggon und gehe auf Kaffeesuche. Die Suche ist genauso erfolglos, wie meine Platzreservierung. Mittlerweile ist am Waggon ein Reserviertschild angebracht worden. Eine Frau, die ebenfalls rausfliegt, beschimpft den Bahnangestellten; ich werde vom Reiseleiter der Gruppe, die den Waggon reserviert hat, beschimpft, letztendlich bleibt für Einzelreisende der originale Personenwagen übrig. Ich jubele innerlich, andere reagieren wütend.

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Der Waggon ist komplett aus Holz. In der Mitte steht ein Holzofen, die Fenster lassen sich durch einen Holzriegel öffnen, der, wenn man ihn zur Seite schiebt, das Fenster krachend nach unten sausen lässt. Auf den Drehschemeln fahren Bremser mit, die den Wagen mit der Handbremse zum Halten bringen.

Mit durchschnittlich 10 Kilometern pro Stunde gondelt die Bahn durchs Wassertal. Hinter der Bahn zuckelt ein zu einer Draisine umgebauter VW-Bus her, später gesellt sich noch ein Pkw dazu. Hängebrücken verbinden die Bahnseite mit den Häusern, die auf der anderen Flussseite stehen. Nach kurzer Zeit umgibt uns nur noch das Wassertal.

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Der Zug zuckelt gemütlich den Flusslauf entlang. Vor einer Weiche springt der Lokführer – er ist alleine auf der Lok – ab, rennt vor dem Zug zur Weiche, stellt sie, kommt dem Zug wieder entgegen und springt auf. Plötzlich pfeift der Bremser. Der Zug hält, fährt rückwärts, eine falsch gestellte Weiche wird vom Bremser richtig gestellt und weiter geht es bis zur Station Paltin. Für Touristen ist Paltin die Endstation. Waldarbeiter fahren weiter bis an die Grenze zur Ukraine.

Paltin liegt in der Schlucht des Vaser. Ein Picknickplatz, eine Grillstation und ein kleines Museum verkürzen die Wartezeit bis zur Rückfahrt. Abseits vom Gruppenrummel entspanne ich in der malerischen Landschaft.

Konnte ich wegen der frühen Abfahrt der Mocănița gestern nicht frühstücken, hatte ich heute genügend Zeit bis zur Weiterreise nach Cluj. Als ich zur besten Frühstückszeit am Büfett auftauche, wird es gerade abgeräumt. Eine Reisegruppe hatte gefrühstückt und das Personal sieht mich erstaunt an, ob meines Wunsches nach Frühstück. Ich bekomme eine Packung Weißbrot und einen Teller mit magerem und fettem Speck vorgesetzt. Eine Scheibe Brot würge ich herunter.

Der Weg von der Unterkunft zum Bus nach Cluj ist weit, der Rucksack ist im Lauf der Reise, gefühlt, immer schwerer geworden, der Magen knurrt. Die Fahrt über Pässe und durch Täler ist landschaftlich die schönste meiner Rumänienreise, für meinen Magen jedoch beinahe zu viel. Ich bin froh, als Cluj erreicht ist.

Cluj in Transsilvanien

Cluj ist die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Die Sehenswürdigkeiten lassen sich gut erlaufen: Sankt Michaelskirche, Reiterstandbild von Matthias Corvinius sowie sein Geburtshaus, die Orthodoxe Kathedrale, Nationaloper, Reformierte Kirche, ein Stück Stadtmauer und zahlreiche Herrenhäuser aus ungarisch-bürgerlicher Zeit.

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Als alles besichtigt ist, ist es auch schon Zeit zum Flughafen aufzubrechen und nach Deutschland zurück zu kehren.

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