Nordkorea

Neuer Tag, neue Informationen. Erster Anlaufpunkt ist die Große Studienhalle des Volkes, ein Monumentalbau mit Dächern in koreanischem Stil mit grünen Schindeln, der die Nationalbibliothek beherbergt. Im Musiklesesaal stehen Gettoblaster auf den Tischen, an der zentralen Ausleihe liegen drei deutsche Bücher bereit. Eines davon heißt „Der Wald stirbt“.

Von der Bibliothek ziehen wir weiter zum, im Nebel kaum sichtbaren, Juche Tower. Wegen der schlechten Sichtverhältnisse verzichten wir auf die Besteigung.

Die Geburtsklinik. Als Erstes bekommen wir die Räume zu sehen, die Kim Il-sung und Kim Jong-il besucht haben, altmodisch wirkende Labore und Einrichtungen für Ärzte vieler Fachrichtungen. Wir bekommen versichert, dass hier an alle Probleme, die eine Schwangere haben könnte, gedacht wird.

Im modernisierten Teil der Klinik – einem Fünf Sterne Hotel ähnelnden Gebäudetrakt – laufen wir über Treppen aus Marmor. In der Mitte der Stufen symbolisiert grüne Jade, Wasser, das Krankheiten wegspült. Wir schauen uns in modernen Zwei- und Dreibett-Zimmern um und blicken in eine mit modernster Siemenstechnik ausgestattete Röntgenabteilung.

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Dagegen sieht die Frühchenstation schlicht aus. In einem Zimmer liegen Drillinge, betreut von einer Krankenschwester, die sich ausschließlich um die Drei kümmert. Vor dem Zimmer steht ein Wagen mit Geschenken von Kim Jong-un. Traditionell bekommen Eltern von Drillingen ein zusammenklappbares Schwert und einen Ring.

Eine Wandzeitung. Unter den Babybildern sind die Bilder von drei in diesem Krankenhaus geborenen Kindern nichtkoreanischer Eltern. Ihre Namen erhielten sie von Kim Jong-il.

Mittagessen gibt es in einem Restaurant um die Ecke. Die Klinik für traditionelle koreanische Medizin ist einen kurzen Fußmarsch entfernt. Schröpfen, Akupunktur, Moxatherapie – wir bekommen alles genau erklärt.

Das Monument der Gründung der Partei der Arbeit: ein massiver Granitgürtel, über dem sich drei riesige Hände mit Hammer, Sichel und Pinsel in den Himmel recken, dahinter zwei Häuser die Fahnen symbolisieren.

Der bestausgestattete Kindergarten der Stadt: In der kinderfreundlich gestalteten Wochenkita für 2 bis 4-Jährige werden wir bereits erwartet. Einige Gruppen haben Programme vorbereitet – eine Tanzaufführung, bei der wir abschließend zum Mittanzen an die Hand genommen werden, ein kleines Konzert mit Gitarre, Schlagzeug, Klavier. In einem Raum mit didaktischem Spielzeug sitzen Kinder und üben ihr motorisches Können. In einer anderen Gruppe wird der Gang zum Arzt nachgespielt.

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Beim letzten Besuch des Tages, in einer Mittelschule, sehen wir einer weiteren Tanz- und Gesangsdarbietung zu.

Der Kumsusan-Palast: Wir stehen uns in das Mausoleum von Kim Il-sung und Kim Jong-il – auf einem endlos langen Laufband hinein. Am Ende eine riesige Halle, an deren Stirnseite die beiden Kims als weiße, von Marschmusik umspielte Marmorstatuen grüßen, schließt ein langer Gang mit Bildern der beiden Kims, die ihre Volksnähe darstellen, an.

Noch eine Kurve und wir befinden uns in einer großen Halle, in deren Mitte der gläserne Sarg von Kim Il-sung steht. Zwischen sichtlich gerührten Nordkoreanern stehend, warten wir auf die Handbewegung eines Diensthabenden, um vor den Sarg treten zu dürfen.

In den folgenden Hallen sind alle Orden und Würdigungen, der persönliche Zug und die auf kleinen Marmorsäulen aufgebockten Dienstwagen, darunter ein Mercedes, ausgestellt.

Anschließend durchlaufen wir identisch gestaltete Hallen in denen der Sarg von Kim Jong-il steht, seine Orden sowie sein persönlicher Zug und sein Boot ausgestellt sind.

Das Großmonument Mansudae: In einer Sichtachse zum Monument der Gründung der Partei der Arbeit stehen die 20 Meter hohen Bronzestatuen von Kim Il-sung und Kim Jong-il. Links und rechts der Bronzefiguren wehen steinerne Fahnen. Um sie herum sind Figuren, die den Freiheitskampf des koreanischen Volkes und den Aufbau Nordkoreas darstellen, positioniert.

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Das Angebot sich zwei Stunden im Hotel zu erholen, nehmen wir gerne an. Nach der Pause fahren wir zu einem Berg am Stadtrand. Auf dem Weg zum Gipfel kommen wir an einem Tempel vorbei. Ein Mann in Alltagskleidung steht davor. Als er uns sieht, verschwindet er kurz und kommt als Mönch wieder heraus. Ein Moment, in dem alle lächeln.

Zurück nach Pyöngyang, durch die Stadt hindurch und rauf auf eine sechsspurige Autobahn. Gefühlt fahren wir 160 Kilometer nur geradeaus bis Kaesong. Unterwegs sehen wir Felder, Felder, Felder. In einigen Dörfern sind die Dächer der Häuser neu eingedeckt.

Absperrungen, die wir auf der Fahrt passieren, werden wortlos zur Seite geschoben. Zehn Kilometer vor Kaesong eine Kontrolle – die Westfront.

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Kaesong: Das Hotel liegt in der Altstadt an einem Straßenzug, der zu einer Hotelanlage umfunktioniert worden ist. Wir beziehen ein Zimmer in einem koreanischen Vier-Seiten-Haus. Geschlafen wird auf einer Matratze, gegessen auf dem Boden sitzend.

Trotz aller Traditionen gibt es überraschend, europäisches Frühstück.

Eine kurze Autofahrt hinter Kaesong liegt Panmunjeom – die Demarkationslinie. Ein Soldat steigt in das Auto ein. Über eine asphaltierte Straße, rechts und links von Stacheldraht umgeben, geht es Richtung Grenze. Stacheldraht ist jedoch nicht lange zu sehen. Dem folgen Felder und ein dezent am Waldrand stehender elektrischer Zaun.

Bevor wir die Grenze erreichen, besichtigen wir das Gebäude in dem China, Nordkorea und die UNO, vertreten durch die USA, 1953 das Waffenstillstandsabkommen unterzeichneten.

Die Demarkationslinie ist ein grauer Betonstreifen, der mittig zwischen den Grenzbaracken verläuft. Vom Balkon des Hauses der Einheit blicken wir weit nach Südkorea.

Auf südkoreanischer Seite steht ein Spiegelbild des Hauses – ohne Touristen. Die Besucherströme werden gelenkt: Am Vormittag schicken die Nordkoreaner ihre Touristen an die Grenze, am Nachmittag die Südkoreaner. Alles wirkt sehr friedlich. Die wenigen Soldaten, die wir sehen, sind nur mit einer Pistole ausgestattet.

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In Kaesong besuchen wir noch das Koryo Museum, eine Anlage mit typisch koreanischen Gebäuden und Steinstatuen. An den Grabhügeln von König Kongmin und seiner Frau legen wir unter den Augen steinerner Wächter eine Pause ein.

Wir sind zurück in Pyöngyang.  Da wir die einzigen europäischen Gäste im Hotel sind, erhalten wir einen extra Frühstücksservice. Das Büffet ist chinesisch ausgerichtet und für nichtchinesische Gäste serviert die Kellnerin Toast und Rührei.

Nach dem Frühstück besuchen wir das Haus der Geschenke, die Koreaner an Kim Il-sung und Kim Jong-il überreichten: drei Etagen voller Vasen, Möbel, Statuen. Nach einer Stunde haben wir Kopfschmerzen und verlassen das Haus.

Das Geburtshaus von Kim Il-sung in Mangyŏngdae. Noch bevor wir den Park betreten, gibt es mahnende Worte vom Guide: Wir waren auf der Bordsteinkante entlang balanciert – das ist an diesen heiligen Ort nicht gestattet.

Das Kriegsmuseum: Nach 10-monatiger Umbauzeit ist es neu eröffnet. Durch den Hintereingang werden wir in die Ausstellungsräume gelassen. Der Haupteingang bleibt den Nordkoreanern vorbehalten. Dadurch laufen wir entgegengesetzt zum Besucherstrom.

Der Koreakrieg ist sehr plastisch dargestellt – ein nachgebauter Schützengraben, eine Höhle im Gebirge, im dritten Stock ein 15 Meter hohes Diorama mit Showeffekten.

Vor dem Museum, auf dem Taedong, schwimmt die Pueblo, das von Nordkorea gekaperte Aufklärungsschiff der USA.

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Abends laden wir unsere Guides und den Fahrer zu einem Bier in das Koryo-Hotel ein.

Der letzte Tag in Nordkorea. Vormittags fahren wir zu einer Kooperative. Natürlich ist auch Kim Il-sung hier gewesen und hat mit den Bauern über den richtigen Anbau von Pflanzen diskutiert. Dort wo er saß, steht eine steinerne Tafel, auf die seine Worte gemeißelt wurden. Daneben ist die bildliche Darstellung der Zusammenkunft zu sehen.

Eine Brigadechefin zeigt uns das Labor und einen mit Computern ausgestatteten Raum.

Mithilfe der PCs wird kontrolliert, ob die Pflanzen auf den Feldern Wasser, Dünger etc. brauchen. Wir sehen einen Bauern, der ein Errorzeichen wegklickt und einen viergeteilten Bildschirm auf dem Parkplatz, ein Feld, Korridor und die Straße zu sehen sind. Das Bild wird schnell geändert und so sehen wir nur noch Reispflanzen, an die die Kamera bis zur Wurzel ranzoomt.

Nachmittags geht es noch mal zur West Sea Barrage, ein acht Kilometer langer Damm mit 36 Schleusen und drei Schiffspassagen, der das Westmeer vom Taedong Fluss trennt. Das Riesige, von Kim Il-sung entworfene, Bauwerk ist im Nebel kaum zu erkennen.

Der Zirkus. Für uns bleibt wieder die Hintertür. Als wir zu unseren Plätzen gehen, sehen wir mit Freude, dass dort eine Schulklasse Platz genommen hat. Die Schüler, die auf den Reihen hinter uns sitzen, reagieren ängstlich, lachend oder neugierig auf unsere Anwesenheit. Als noch mehr Europäer kommen, müssen sie die Plätze räumen.

Nach der Vorstellung gehen wir in das Kaufhaus Nr. 1, das größte Warenhaus Nordkoreas, in dem eine Bluse von einem schwedischen Textileinzelhandelsunternehmen den dreifachen Preis wie in Deutschland hat.

Das Auto bleibt auf dem Parkplatz stehen. Unsere Guides erfüllen uns einen Wunsch – bummeln durch touristenfreie Straßen. Wir begegnen Menschen, die offen oder verhalten zu uns herüber lächeln, Jugendlichen, die eng nebeneinander am Flussufer sitzen, Skateboard fahrenden Kindern.

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Zum Abendessen wird uns der nächste Wunsch erfüllt. Wir möchten kalte Nudeln in einem Restaurant für Koreaner essen. Wir bekommen die kalten Nudeln. Und tatsächlich sitzen in dem vollen Restaurant nur Koreaner. Für uns wurde extra ein Raum, groß genug für Tisch und zwei Stühle und ohne Fenster, hergerichtet.

1349 Kilometer liegen vor uns. Der Zug nach Peking fährt erst am späten Vormittag ab. Satt gegessen, wie wir vom Vorabend sind, haben wir auf das Frühstück verzichtet. Als unsere Guides das mitbekommen, ordern sie Lunchpakete für die Zugfahrt.

Sie begleiten uns bis zum Sitzplatz. Zum Glück. Die Plätze sind mit Koffern und Kisten belegt. Energisch diskutieren die Guides mit dem Zugpersonal. Einen Wagen weiter, bekommen wir zwei Plätze in einem Abteil mit Chinesen.

Die Guides steigen aus, der Zug fährt ab. Die Lok hat bereits mehrmals zur Abfahrt gepfiffen und der Schaffner ein paar Worte verloren.

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Im Abteil wird umdisponiert. Europäer und Chinesen sollen unter sich bleiben und so ziehen wir nach nebenan.

Ruckelnd und zuckelnd fährt der Zug durch die Landschaft. Je weiter wir Richtung Norden kommen, desto schwerer werden die Überschwemmungen. Die Schienen liegen oft im Wasser und so kommen wir mit zwei Stunden Verspätung an der Grenze an. Dort wird es kurzzeitig ungemütlich. Wir haben Ausreisezettel in chinesischer und koreanischer Schrift erhalten. Die können wir nicht ausfüllen. Ein Grenzer hilft etwas unwillig dabei, während ein anderer die Kameras kontrolliert. Währenddessen denke ich an die vergangenen zwei Wochen zurück.

Die chinesischen Grenzer sind nicht weniger unfreundlich, lassen uns jedoch in Ruhe nach China einreisen.

 

 

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