DR Kongo

Der Fluss zahlt keine Entschädigung, die Erde nimmt kein Lösegeld an.
(Sprichwort aus der DR Kongo)

07.2016 – 08.2016

Goma – Bunia – Epulu – Kisangani – Flussfahrt Kongo – Kinshasa – Matadi – Kisantu – Zongo – Kinshasa

dr-kongoEine Zusammenfassung:

Der unkomplizierteste Weg um nach Goma in die kongolesische Provinz Nord-Kivu zu gelangen ist ein Flug in die ruandische Hauptstadt Kigali. Dort erwartet uns Emmanuel, ein Kongolese, der uns bei der Planung und Durchführung der Reise unterstützt. Fahrer und Auto stehen bereit und wir können sofort durchstarten. Ohne Hektik werden wir die Grenze erreichen, die um 18 Uhr geschlossen wird.

Die Fahrt durch Kigali zieht sich dahin: Die Staaten der Afrikanischen Union tagen, wodurch etliche Straßen gesperrt sind. Kurz vor 18 Uhr stehen wir vor den Grenzposten.

Bis wir in unserem Homestay ankommen, ist es bereits dunkel. Das Haus liegt am Kivusee, im Wohnzimmer erwartet uns ein großer runder Tisch, der sich unter der Last der vielen Speisen biegt.

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Das Frühstück am nächsten Morgen ist nicht minder üppig. Da wir bereits im letzten Jahr durch Goma getourt waren, machen wir uns auf den Weg nach Bunia.

Gerne wären wir auf dem Landweg weitergereist. Jedoch gilt die Straße hinter Goma als unsicher: Mai-Mai, regionale Milizen die im zweiten Kongokrieg (1998–2003) entstanden und je nach Interessenlage die Allianzen wechseln, überfallen in dem Gebiet alles, was Beute verspricht.

„Mai-Mai“ bedeutet auf Lingala und Suaheli „Wasser-Wasser“. Der traditionelle Heiler Kanyanga behauptete, Gewehrkugeln perlen wie Wasser von denjenigen ab, die sich mit seinem Zauberwasser besprühen, solange sie die Regel, sich nicht zu waschen, einhalten. Später wurde die Regel erweitert: …. sie sollen Frauen vergewaltigen.

Die Alternative ist ein Flug nach Bunia, um von dort auf dem Landweg weiter zu reisen. Auf dem Weg zum Flughafen kommen uns viele Läufer entgegen: Leute, die vor allem im Büro arbeiten, gehen jeden Sonntag joggen.

Am Flughafen steht ein Helfer bereit, der gegen ein kleines Entgelt die Formalitäten erledigt. Als er uns an der Warteschlange von vier Personen vorbei schleusen will, gibt es Ärger mit den Beamten. Zu Recht. Eine Diskussion folgt, die mehr Zeit kostet als das Anstellen.

Wir fliegen mit CAA, einer kongolesischen Fluggesellschaft: Die Fokker 50 aus griechischem Altbestand macht einen guten Eindruck.

In Bunia werden wir vom Flughafenchef in sein Büro gebeten. Irgendeine Erlaubnis fehle, eine Formalität. Gegen Zahlung einer „Gebühr“ rückt er die Formblätter heraus, wir füllen sie aus und hinterlassen unseren Daumenabdruck. Ein Passbild haben wir nicht dabei. Der Flughafenchef sieht übellaunig drein, sein Mitarbeiter hat eine Idee. Auf dem tatsächlich funktionierenden Kopierer vervielfältigt er die Bilder aus den Pässen, schneidet sie mangels Schere mit einer Rasierklinge aus und klebt sie auf das Formblatt.

Bunia ist die Hauptstadt des Distrikts Ituri in der Provinz Orientale, hat eine sauber asphaltierte Straße und viele schlammzerfurchte Pisten. In den Siedlungen der Stadt leben Angehörige der Volksgruppen der Lendu, der Hema und der Gegere, einer Untergruppe der Hema.

In der Siedlung der Lendu werden wir von den Stammesältesten in der wellblechgedeckten Gemeinschaftshütte erwartet. Bogenförmige Häkeldeckchen hängen als Wandschmuck von der Decke, bunte Heiligenbildchen sind die Farbtupfer im Raum. Auf bequemen Sesseln sitzend erwarten die Männer unsere Fragen zu ihrer Geschichte. Als wir ihnen vorschlagen, sie sollen doch einfach erzählen, reden sie sofort los. Nur einmal unterbrechen sie kurz. Sie sind irritiert, dass wir nichts mitschreiben. Wir versichern, dass wir abschließend alles aufschreiben würden.

Sie erzählen von dem 1999 ausgebrochenen Konflikt zwischen ihrem Volk und dem Volk der Hema. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Lendu, die sesshafte Ackerbauern sind und die nomadisierenden Viehhirten Hema nachbarschaftlich miteinander ausgekommen. Die Stammesfehden 1999 haben sie aus den Dörfern im Distrikt Ituri vertrieben und in Bunia siedeln lassen. Für ihre Hütten zahlen sie Miete und fühlen sich unfrei. Die Kolonialzeit sehen sie durchaus positiv. Die Belgier bauten Schulen und Infrastruktur. Der Wunsch nach einer stabilen Zentralregierung wie unter Mobutu Sese Seko, der von 1965 bis 1997 Präsident von Zaïre war (von 1971 bis 1997 Name der DR Kongo), ist groß. „Rebellengruppen plündern, morden und vergewaltigen, die Armee schaut zu oder macht gemeinsame Sache mit den Milizen. Die Korruption reicht bis in die untersten Ebenen des Staatsapparates.“ Auf die Frage, ob sie die Zukunft im Zusammenleben mit den Hema friedlich sehen, weichen sie aus.

In einer Nachbarsiedlung werden wir bereits im Wohnzimmer einer Hema Familie erwartet. Auf wackligen Stühlen nehmen wir Platz, an der Wand lehnt ein blank geputztes Moped. Der Familienvater – Nachfahre eines ehemaligen Königs – hält ein paar Blätter in seiner Hand. Aufgeregt liest er uns die Geschichte seines Volkes vor. Die Kolonialzeit und den Konflikt mit den Lendu erwähnt er nur kurz.

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Nach dem Besuch von Lendu und Hema fahren wir zum Priesterseminar und beenden den Tag in einem lokalen Restaurant, in dem statt Speisekarten das Neue Testament auf den Tischen liegt.

Auf einer erstaunlich gut befahrbaren Piste geht es weiter nach Epulu, zum Okapi-Wildtierreservat im Ituri-Regenwald. Die ersten „gebührenpflichtigen“ Straßensperren lassen nicht lange auf sich warten.

Die Hütten in den Dörfern sind klein und den meisten fehlt der Außen-Lehm-Putz. An Stangen hängen grüne Plastiktüten – dort gibt es lokales Bier – oder Zigarettenschachteln – dort gibt es Zigaretten. Ein kleiner Schrotthaufen am Straßenrand bedeutet, dass eine Mopedwerkstatt vor Ort ist.

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Mit plattem Vorderreifen bleiben wir im Nirgendwo stehen. Sofort werden wir von Pygmäen umringt. Eine Buschtrommel ist zu hören.

Der Hebel des Wagenhebers fehlt. Der Dorfchef der Pygmäen – ein Mann, der nach eigenen Angaben bereits in seinem zweiten Leben und 15 Jahre alt ist – legt Pfeil und Bogen beiseite und hackt die Erde unter dem platten Reifen weg. So gelingt der Reifenwechsel. Als Dank gibt es drei leere Wasserflaschen.

In Mambasa soll der Reifen geflickt werden. Ich schlendere die Hauptstraße entlang. Armee und Polizei dominieren das Stadtbild, was nicht gerade zu einem größeren Bummel einlädt.

Kurz darauf erreichen wir Epulu. Am Epulu-Fluss ist das Forschungszentrum des Okapi-Wildtierreservats gelegen, in dessen Lodge wir übernachten. Im Juni 2012 wurde die Station von Mai-Mai Milizen angegriffen und zerstört. Bei dem Überfall, der vermutlich aus Rache für die Bemühungen zur Unterbindung der Elefantenwilderei und des illegalen Goldabbaus im Reservat verübt wurde, kamen sechs Menschen ums Leben sowie alle Okapis, die auf der von Schweizern aufgebauten Zuchtstation lebten.

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Wir kommen ins Gespräch mit Rosmarie Ruf, die, mit ihrem Mann zusammen, das Projekt begründet hat. Am Wiederaufbau wird gearbeitet, nur wann es wieder Okapis im Gehege geben wird, ist ungewiss. Um die sehr scheuen Okapis zu fangen, müssten mehrere Ranger monatelang im Wald campieren. Unzumutbar, angesichts der Sicherheitslage. Die Mai-Mai haben mit weiteren Angriffen auf Epulu gedroht und das Militär, das zum Schutz der Region in Mambasa ist, macht zum Teil gemeinsame Sache mit den Milizen.

Epulu ist für uns der Ausgangspunkt zu einer Wanderung zu den Mbuti-Pygmäen, die tief im zweitgrößten Regenwald der Welt leben.

Drei Tage später machen wir uns auf den Weg ins nächste Abenteuer: nach Kisangani auf der Suche nach einem Boot, das uns auf dem Kongo nach Kinshasa bringen soll.

Trotz Regens bleibt die Piste erstaunlich gut befahrbar. Lkw und Busse dürfen bei Regen nicht fahren und so stehen sie vor den Straßensperren in den Dörfern. Bis Niania, einer Stadt der Diamantenhändler und Verkehrsknotenpunkt für Transport-, Reise-, Schmuggel- und Fluchtrouten, passieren wir alle Straßensperren „gebührenfrei“. Unsere Geschichte, dass wir in Epulu arbeiten, erzeugt Wohlwollen.

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Hinter Niania müssen auch wir wieder zahlen. Die Dörfer, durch die wir fahren, fangen alle mit einem B an, diverse Tempo 40 Schilder hindern unseren Fahrer nicht daran, die Tachonadel bei 100 einzupendeln. In einem Dorf kaufen wir den einzigen Stand, an dem es mit Sprit gefüllte Wasserflaschen gibt, leer.

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