Gbadolite

„Le Versailles de la jungle“ (auf Deutsch: „das Versailles des Dschungels“)
(Mobutu Sese Seko über Gbadolite)

Reisejahr 2026 | Lesezeit 11 Minuten

Gbadolite liegt, umgeben von Regenwald, im äußersten Norden der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo), nur wenige Kilometer südlich des Ubangi-Flusses, der hier die Grenze zur Zentralafrikanischen Republik bildet. Aus dieser abgelegenen Region stammt die Familie von Mobutu Sese Seko, der von 1965 bis 1997 als Präsident über Zaire – die heutige DR Kongo – herrschte.

In den 1970er Jahren beschloss Mobuto das Dorf zu einer Residenzstadt auszubauen. Er ließ einen internationalen Flughafen errichten, dessen Rollfeld für die Landung einer Concorde ausgelegt war, dazu einen Staudamm, Ministerien, ein Krankenhaus, ein Luxushotel sowie drei prachtvolle Residenzen, eine in Gbadolite und zwei weitere im benachbarten Kawele. Für eine neu errichtete Kathedrale mit Grablege für seine Familie bestellte er bei der deutschen Orgelbaufirma Oberlinger aus dem rheinland-pfälzischen Windesheim eine Orgel.

Nach Mobutus Sturz im Jahr 1997 wurde Gbadolite von Rebellen eingenommen und geplündert. Seither holt sich der Dschungel die Repräsentationsbauten langsam, aber unaufhaltsam zurück.

Ankunft in Gbadolite – dem „Versailles des Dschungels“

Mangels befestigter Straßen ist die Stadt praktisch nur auf dem Luftweg zu erreichen. Einmal pro Woche hebt in Bangui ein Flugzeug des Flugservices der Vereinten Nationen (UNHAS) Richtung Gbadolite ab. Offiziell setzt der Ticketkauf eine Akkreditierung durch eine von der UN anerkannte Organisation voraus. Doch wie so oft in dieser Region findet sich ein Umweg: Ein findiger Geschäftsmann hat uns die Plätze über die „Aktionsgruppe zur Förderung der Frauen in der Provinz Nord-Ubangi“ besorgt und das Ganze gleich noch mit einem Missionsschreiben versehen, das unseren Flug legitimieren soll.

Die Cessna, die uns nach Gbadolite bringt, ist fast leer. Neben uns befindet sich nur eine Kongolesin an Bord. Als wir landen, steigen allein Marc und ich aus und werden gleich von Arouna, der unser Guide sein wird, in Empfang genommen.

Der internationale Flughafen ist heute eine Ruine: Der Tower ist verfallen, das Terminal verwaist – mit Ausnahme eines geöffneten Cafés, in dem es jedoch nichts zu kaufen gibt.

Zehn Personen prüfen unsere Pässe, brauchen jedoch eine halbe Stunde, um die Daten handschriftlich in eine Kladde zu übertragen. In der Zwischenzeit sehen wir uns im Gebäude um. Einige Wandmosaiken haben die Zeit erstaunlich gut überstanden.

Damit das Bauwerk nicht völlig verfällt, werden von ein paar jungen Männern kleine Reparaturarbeiten durchgeführt.

Als wir endlich unsere Rucksäcke nehmen wollen, eilt ein weiterer Mitarbeiter herbei und vergleicht akribisch die Gepäckaufkleber. Nicht, dass wir auf die Idee kämen, unser eigenes Gepäck zu stehlen.

Der erste Weg führt ins Immigrationsbüro. Der Chef ist allerdings gerade beim Mittagessen. Wir lassen unsere Pässe dort und fahren zunächst ins Hotel. Dieses übertrifft mit fließend warmem Wasser und stabilem WLAN bei Weitem unsere Erwartungen.

Nach einer kurzen Pause kehren wir zum Immigrationsbüro zurück. Dort erwartet uns ein etwas finster dreinblickender Chef, dessen Miene sich jedoch immer weiter aufhellt, je mehr er von unseren Besichtigungsplänen erfährt.

Weiter geht es zum Rathaus. Auch der Bürgermeister hat Fragen, vor allem interessiert ihn, ob wir Rebellen aus der Zentralafrikanischen Republik seien. Für ein Begleitschreiben zur Stadtbesichtigung verweist er uns an seinen Gehilfen.

Dieser überrascht mit Kenntnissen über Bundesrat und Bundestag, die er während seines Studiums des Staatsrechts erworben hat. Auch er ist von Helfern umgeben, die ihm abwechselnd Zettel oder einen Stempel bringen. Schließlich stöhnt er leise, stützt den Kopf in die Hand und schreibt im Schweiße seines Angesichts selbstständig ein paar Sätze auf ein Blatt Papier: unser offizielles Begleitschreiben.

Als wir endlich gehen können, ist die Zeit zu knapp, um auch noch dem Gouverneur einen Besuch abzustatten. Insgesamt haben wir für Einreiseformalitäten und Genehmigungen 250 US-Dollar an „Gebühren“ gezahlt.

Ruinen in Mobutus einstiger Residenzstadt Gbadolite

Am nächsten Tag erkunden wir die Überreste von Mobutus in Beton gegossenem Traum. Den Anfang macht die Kathedrale: Übrig geblieben sind Stahlträger, einige tragende Betonelemente und die Glocken im Turm.

Unweit davon steht Mobutus staatliche Residenz. Zwei bronzene Leoparden bewachen noch immer das Eingangstor zu der parkähnlichen Anlage. Der dreistöckige Bau wirkt von außen erstaunlich intakt, doch im Innern ist er ausgeplündert und dem Verfall preisgegeben. Die Gerippe der opulenten Kronleuchter, Stuckdecken, Reste von Marmor und Jade sowie eine Poollandschaft im Außenbereich lassen erahnen, wie luxuriös es hier einst zuging. Von der Dachterrasse reicht der Blick bis zum Flughafen und über die gesamte Stadt; Mobutu wollte alles im Blick behalten.

Heute wohnen im Erdgeschoss Familien, die sich mit Mauern, Stoffbahnen oder Bananenblättern notdürftig ihren privaten Raum abgegrenzt haben. Zwischen den Ruinen spielen Kinder.

Gerüchten zufolge sollen einst unterirdische Straßen zum Flughafen und zu den privaten Palästen in Kawele geführt haben. Wir folgen der oberirdischen Piste, werden jedoch schon nach wenigen Metern von Wegelagerern gestoppt. Drei von ihnen sitzen essend vor einem Berg Reis, ein vierter versucht, Geld von uns zu erpressen, erntet dafür aber nur schallendes Gelächter.

In Kawele selbst ist nichts mehr von der einstigen Pracht übrig. Ein Palast im Stil chinesischer Pagoden und ein weiterer der an Gaudi erinnert mit einem Pool in Form des afrikanischen Kontinents wurden von Anwohnern als Steinbruch genutzt. Die letzten Mauerreste verschluckt die Vegetation.

Gepflegt sind hingegen die Außenanlagen des ehemaligen Luxushotels; die Bungalows dienen heute als Wohnungen.

Zurück in der Stadt steht noch ein Besuch im Büro der Polizei an. 200 US-Dollar für eine „Servicepauschale“ fordert dort ein wohlbeleibter Uniformierter, der hinter einem wackligen Schreibtisch sitzt von uns. Wir verweigern die Zahlung und werden von ihm mit wütender Geste zu seinem Chef geschickt. Dieser wiederum weist seinen Untergebenen jedoch an, uns das benötigte Papier auszustellen. Außerdem muss sich der Uniformträger mit einer Standard-Zahlung von 50 US-Dollar zufrieden geben. Knurrend nimmt er den Schein entgegen:

„Die Europäer sind heutzutage völlig verkommen.“

Die Besichtigungstour ist vorbei, und wir kehren zurück ins Hotel – doch richtig zur Ruhe kommen wir nicht. Die Rückreise in die Zentralafrikanische Republik (ZAR) bereitet uns Sorgen. Für die geplante Weiterreise innerhalb der ZAR sind wir auf einen Flug angewiesen, der nur unregelmäßig verkehrt und für den wir bereits die Tickets haben. Doch die Verhandlungen über ein Auto, dass uns zur Grenze bringt sind ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, da für die 500 Kilometer lange Strecke über völlig kaputte Pisten meist nur Mopeds verfügbar sind.

Botanischer Garten und Zoo in Gbadolite

Schließlich sind Auto und Fahrer gefunden. Am liebsten würden wir sofort aufbrechen, doch angeblich muss das Fahrzeug erst gründlich überprüft werden.

„Außerdem“, meint Arouna, „schafft man die Strecke locker an einem Tag.“

Also statten wir dem Zoo einen Besuch ab. Eigentlich ist es mehr ein Botanischer Garten. Von den einstigen Tieren leben noch fünf Kapuzineräffchen, ein Schimpanse und zwei Schildkröten. Um uns vor den hinter dicken Gittern lebenden Tieren zu schützen, läuft ein Bewaffneter mit. Die Tour ist furchtbar langweilig und wir kürzen sie ab.

Auf dem Rückweg halten wir an einer Bauruine. Das Gebäude sollte einst die Büros der Wasserwirtschaft beherbergen, wurde aber nie fertiggestellt und nur kurzzeitig als Schule genutzt. Beschriebene Tafeln und alte Schulbänke zeugen davon.

Neujahrstag und Abreise in die ZAR

Um fünf Uhr morgens brechen wir nach Zongo auf. Mit dabei sind zwei Fahrer, Arouna und ein Mechaniker. Die ersten 28 Kilometer führen über gut erhaltene Reste von Mobutus Straßen und entsprechend schnell kommen wir voran. Dann endet der Asphalt abrupt. Die „Nationalstraße“ verwandelt sich in eine Lehmpiste voller Krater, scharfer Kanten und tiefer Rinnen.

Jogger kommen uns entgegen: Am Neujahrstag ist es Tradition, von Dorf zu Dorf zu laufen und Glückwünsche zu überbringen.

Plötzlich biegen wir auf einen Feldweg ab. Quer durch Dörfer und über die Felder holpert das Auto durch tiefe Löcher und über scharfkantige Rinnen. Fragend sehen wir Arouna an.

„Diese Piste ist besser als die Straße“, erklärt er.

Nach einigen Stunden erreichen wir wieder die Hauptstraße, nur um kurz darauf im Sand stecken zu bleiben. Der Fahrer wirkt wenig routiniert, doch ein paar Dorfbewohner geben ihm Tipps, und es geht weiter.

Vorläufiges Ende der Reise

Die Straße ist in einem furchtbar schlechten Zustand. So dauert es auch nicht lange und das Auto steckt wieder fest. Diesmal mit beiden linken Rädern und in bedrohlicher Schieflage im Schlamm einer großen Wasserlache, während die rechten Räder in der Luft hängen. Wir klettern aus dem Fahrzeug. Sofort versammelt sich eine Gruppe Dorfbewohner und diskutiert lautstark. Dabei ist auf den ersten Blick klar, dass der Pick-up nicht ohne maschinelle Hilfe aus dem Morast gezogen werden kann.

Trotzdem versucht es der Fahrer und gibt Vollgas. Das Auto kippt weiter, die Räder graben sich tiefer ein, die Antriebswelle rotiert auf dem harten Lehmboden. Nun schaufeln ein paar Männer den Schlamm mit bloßen Händen von den Reifen weg, werfen ihn aber nur hinter sich, sodass er sofort wieder nachrutscht. Wieder gibt der Fahrer Vollgas. Diesmal im Rückwärtsgang, während einige Helfer gleichzeitig versuchen, das Auto nach vorne zu schieben. Wieder neigt sich der Wagen noch weiter zur Seite und sinken die Räder noch tiefer in den Morast ein.

Wir verlangen von Arouna einen Plan B. Den gibt es nicht. Stattdessen versichert er, das Auto werde „gleich“ frei sein. Schließlich schleppen Männer eine verrostete Stahlseilwinde aus der Kolonialzeit heran. Mit viel Mühe lösen sie den Rost und bringen das Seil am Auto an.

Amüsiert beobachten wir das Schauspiel, das immer skurrilere Züge annimmt. Nachdem der erste Versuch nicht funktioniert hat, wird die Winde nun seitlich angesetzt, um die Kiste auf die rechten Räder zu stellen. Auch das Vorhaben scheitert.

Mittlerweile geht die Sonne unter und Arouna glaubt immer noch daran, dass es „gleich“ weitergeht. Schließlich hält jemand zur Beleuchtung auch noch glühende Holzkohle unter das Auto. Zu allem Überfluss rennt immer wieder ein Typ in eine Tröte pustend vorbei.

Wieder einmal scheint die rechtzeitige Ankunft in der ZAR ausgeschlossen zu sein.

Mit dem Moped nach Gemena

Als Motorräder auftauchen, stellen wir uns ihnen in den Weg. Zehn Kilometer entfernt soll es eine katholische Mission mit Gästebetten geben. Wenigstens dort wollen wir die Nacht verbringen.

Zwar sind die Mopeds voll bepackt, aber die jungen Fahrer räumen um und so haben wir mit unseren Rucksäcken ebenfalls Platz. Unerwartet taucht auch Arouna auf und fährt ebenfalls mit.

Der Mond steht hell am Himmel. Zügig geht es über die Piste, durch schlafende Dörfer und solche, in denen noch gefeiert wird. Der Geruch erkalteter Holzkohlenfeuer liegt in der Luft.

Kilometer um Kilometer vergehen. Langsam zweifeln wir an der Existenz der Mission. Bei einer Pause erfahren wir, dass die Fahrt direkt bis nach Gemena geht. 30 Kilometer liegen bereits hinter uns und weitere 45 noch vor uns. Unerwartet haben wir also wieder eine Chance, doch noch rechtzeitig in die ZAR zu kommen. Plötzlich rutscht mein Moped im Sand weg. Benjamin, der Fahrer, und ich landen aber weich.

Erst in Gemena wartet die nächste Überraschung: Ein mit Soldaten besetzter Pick-up versperrt die Straße. Benjamin bremst und schon blicken wir in einen Gewehrlauf. Jetzt wird es stressig, denke ich noch. Weiße mitten in der Nacht auf Mopeds. Eine Steilvorlage zum Abkassieren. Ein Irrtum. Die Soldaten verlangen nur ein paar Franc wegen zu schnellen Fahrens.

Kurz vor Mitternacht erreichen wir eine Herberge ohne fließendes Wasser und in der das Bett, das in einem winzigen Verschlag steht, unter uns zusammenzubrechen droht. Arouna machen wir noch klar, dass er bis 8 Uhr ein neues Fahrzeug zu organisieren hat.

Von Gemena nach Zongo

Tatsächlich steht am nächsten Tag ein Auto bereit.

„Die Straße ist jetzt besser und wir brauchen nur vier bis fünf Stunden bis nach Zongo“, verspricht Arouna.

Die Realität sieht anders aus. Nach sechs Stunden Fahrt schreibt Norbert, unser Kontakt in der ZAR, dass die Grenze um 16 Uhr schließt. Es ist bereits nach 16 Uhr. Wieder müssen wir die Weiterreise gedanklich abschreiben.

„Ich bete zu Gott, dass euch die Polizei noch reinlässt“, schreibt Norbert.

Nach neun Stunden erreichen wir endlich das Dorf Zongo; ein typischer Grenzort mit vielen Bettlern, Holzverschlägen und geschäftigem Treiben. Die Grenzbeamten sind noch im Dienst. Ohne irgendwelche Gebühren zu zahlen, erhalten wir unseren Ausreisestempel.

In der Abenddämmerung steigen wir in eine aus groben Planken gezimmerte Piroge. Ihr Motor knattert leise, langsam gleiten wir über den Ubangi, während hinter uns die Sonne untergeht. Mit Einbruch der Dunkelheit gehen wir in der Zentralafrikanischen Republik an Land.

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