In meinem Staate kann jeder nach seiner Façon selig werden.
(Friedrich II. von Preußen in Brandenburg)
Schiffshebewerk Niederfinow
Kloster Chorin
Beelitz Heilstätten
Schiffshebewerk Niederfinow
Badewanne – Archimedisches Prinzip – „Heureka!“: Klingt nach Schulbank, Spickzettel und kaltem Schweiß auf der Stirn.
Im Barnimer Land wird die Theorie allerdings ziemlich handfest: 14.000 Tonnen Stahl und 72.000 Kubikmeter Beton stapeln sich zu einem 60 Meter hohen Koloss. Europas größter Schiffs-Fahrstuhl – seit 1934 im Dienst – hebt auf der Havel-Oder-Wasserstraße alles Mögliche: vom beladenen Frachter bis zum Ausflugsschiff voller Sonntagsbesucher.
36 Höhenmeter werden in 20 Minuten überwunden. Für Technik-Nerds ein Traum, für Physik-Verweigerer immerhin ein kostenloses Aha-Erlebnis mit Aussicht.
Das Geheimnis? Das Archimedische Prinzip sorgt dafür, dass der Trog immer gleich schwer bleibt, ob mit oder ohne Schiff.
Nachtrag: Am 4. Oktober 2022 wurde neben dem ältesten noch arbeitenden Schiffshebewerk Deutschlands das modernste Hebewerk Europas eingeweiht. Beide Bauwerke sind parallel in Betrieb.
Kloster Chorin in Brandenburg
Sie sei nicht sonderlich malerisch, die Ruine des Klosters Chorin, schreibt Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“.
Die Ruine des ehemaligen Zisterzienserklosters mag nicht malerisch sein, in den Sommermonaten zeigen die alten Mauern des Backsteinklosters jedoch, welcher Wohlklang in ihnen steckt. Konzerte mit klassischer Musik werden gespielt und durch das einseitig offene Kirchenschiff auf das Gelände getragen. Ursprünglich gedacht waren die Konzerte für die Mitarbeiter des Instituts für Forstwissenschaften in Eberswalde. Immer getreu des Ziels der DDR-Kulturpolitik, die Menschen im Sinne des Sozialismus kulturell zu bilden, wurde 1964 das erste Konzert aufgeführt. Obwohl j.w.d gelegen, sprach sich das Event schnell bis nach Berlin (Ost) herum und Karten für den Musiksommer wurden zu einer begehrten Rarität.
Beelitz-Heilstätten
Als die Landesversicherungsanstalt Berlin im Jahre 1898 der Stadt Beelitz rund 140 Hektar märkischen Kiefernwald abkaufte, dachte noch niemand an Instagram-Spots oder Lost-Places-Romantik. Stattdessen errichtete man eine Lungenheilanstalt, die 1902 feierlich eröffnet wurde, ganz im Geiste der Kaiserzeit: groß, gründlich und mit dem festen Glauben, dass frische Luft, Ordnung und Disziplin jedes Problem lösen könnten.
Die Anlage begann mit 600 Betten, verdoppelte sich aber bereits 1907 auf 1.200. Auch die Zahl der Gebäude wuchs auf stattliche 60 an, was dem Gelände den Charme eines autarken Dorfes verlieh, allerdings ohne Stammtisch, dafür mit deutlich besserer medizinischer Betreuung. Es gab einen eigenen Bahnhof (Beelitz-Heilstätten), Post, Bäckerei, Fleischerei, Ladenzeile und Werkstätten. Für Strom und Wärme sorgte nichts Geringeres als das erste Fernheizkraftwerk Deutschlands. Dessen unterirdisch verlegte Fernwärmerohre hielten nicht nur die Gebäude warm, sondern auch die Gehwege eisfrei, ein Komfort, von dem mancher heutige Großstadtbürger nur träumen kann. Olaf Scholz hätte es vermutlich „solide Infrastrukturpolitik“ genannt.
In beiden Weltkriegen wurde die Heilanstalt zum Kriegslazarett umfunktioniert. Allein im Ersten Weltkrieg behandelte man hier rund 18.000 Soldaten. Einer davon war 1916 ein junger Gefreiter namens Adolf Hitler, damals noch ohne Schnurrbart-Mythos und Weltherrschaftspläne, aber bereits mit Lungenproblemen.
Gebaut wurden die Heilstätten nach den modernsten medizinischen Erkenntnissen ihrer Zeit. 1930 eröffnete – nach nur zwei Jahren Bauzeit, was heute als Wunder gelten würde – die modernste Lungenchirurgie Deutschlands. Die Operationssäle verfügten über große Fenster und gläserne Dächer und erinnerten eher an Wintergärten als an Orte chirurgischer Eingriffe. Man operierte gewissermaßen im Licht der Vernunft, oder zumindest bei optimaler Belichtung.
Der Komfort für die Patienten war teilweise luxuriös. Einzelzimmer waren die Regel, dicke Wände sorgten für absolute Ruhe. Lärm galt als gesundheitsschädlich, was erklärt, warum manch heutiges Krankenhaus als experimentelle Rückkehr zur Krankheit gelten müsste. Da sich Tuberkulose-Keime bevorzugt im Staub einnisten, waren alle Zimmerecken abgerundet und leicht zu reinigen. Die Damen residierten in Zimmern mit orangenen Fliesen, die Herren in grün gefliesten Räumen; ein früher Beleg für geschlechtsspezifisches Design, lange bevor Marketingabteilungen es entdeckten. Und: Jedes Zimmer verfügte über einen knapp drei Meter tiefen Balkon. Thomas Mann hätte hier vermutlich sofort ein weiteres Kapitel vom „Zauberberg“ angesiedelt.
Besonders bemerkenswert sind die makellosen Bodenfliesen in den endlosen Fluren. Hergestellt von einem Keramikbetrieb aus dem Saarland, wurden sie diebstahlsicher in den Zement eingelassen. Offenbar mit der Weitsicht, dass sie auch hundert Jahre später noch Vandalismus, Witterung und menschlicher Nachlässigkeit trotzen würden. Man könnte sagen: preußische Gründlichkeit in keramischer Reinform.
Die meisten Patienten waren ausgezehrte Berliner Fabrikarbeiter, deren Tuberkulose-Kur von der Landesversicherungsanstalt bezahlt wurde. Der durchschnittliche Aufenthalt dauerte drei Monate und folgte einem strengen Tagesplan: sechs Stunden stilles Liegen auf der Terrasse und fünf Mahlzeiten täglich. Bewegung war überbewertet, Essen hingegen Therapie. Ein Patient schrieb begeistert nach Hause: „Habe in 15 Wochen 20 Kilogramm zugenommen.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Chirurgie-Gebäude zum medizinischen Zentrum des größten Militärhospitals der sowjetischen Armee außerhalb der UdSSR. Das gesamte Gelände war faktisch sowjetisches Hoheitsgebiet. Kinder, die hier geboren wurden, trugen offiziell Moskau als Geburtsort im Ausweis. Globalisierung, lange bevor der Begriff en vogue war.
Heute lassen sich einige weitere Ruinen, wie das sogenannte „Alpenhaus“, über einen 700 Meter langen und bis zu 23 Meter hohen Baumkronenpfad erkunden. Der Name „Alpenhaus“ geht auf den Erdaushub zurück, der sich – ergänzt durch Seen – über das Gelände verteilt und mit wohlwollender Fantasie an alpine Landschaften erinnert. Das Gebäude selbst ist ein Liebling der Filmindustrie: Bäume wachsen aus dem Dachstuhl, Türrahmen stehen im Nichts. Ein postapokalyptisches Szenario, das jedem Netflix-Produzenten das Herz höherschlagen lässt.
Auch prominente Patienten fanden den Weg nach Beelitz. Ein junger Wladimir Putin soll hier behandelt worden sein. Ebenso hielt sich der an Leberkrebs erkrankte Erich Honecker hier auf, bevor er 1991 gemeinsam mit seiner Frau Margot zunächst nach Moskau ausgeflogen wurde.
So sind die Beelitz-Heilstätten heute ein Ort, an dem sich Medizin-, Welt- und Baugeschichte treffen und an dem man lernt, dass selbst verfallene Mauern manchmal mehr erzählen als frisch gestrichene Fassaden.


















