Bergkarabach

Die international nicht anerkannte Republik Bergkarabach ist ein 4.400 Quadratkilometer großer Zankapfel zwischen Aserbaidschan und Armenien. Unter Stalins Herrschaft wurde die Region der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik als autonomes Gebiet zugeteilt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte die armenische Bevölkerungsmehrheit 1991 die „Republik Bergkarabach“ für unabhängig von Aserbaidschan. Folge war ein Bürgerkrieg, in dem bis zu 25.000 Menschen starben und eine Million vertrieben wurden. 1994 beendete ein Waffenstillstandsabkommen den Krieg, jedoch dauert der Bergkarabachkonflikt noch immer an.

Grenzlinien und Waffenstillstandslinien laufen kreuz und quer auf unserer Straßenkarte. Unmöglich sich daran zu orientieren.

Wir folgen einem Hinweis zum Kloster Davidank. Die Piste zum Kloster ist eine Herausforderung, jedoch ist seine außergewöhnliche Lage am Rand einer Schlucht die Mühe wert.

An einer Tafel am Kloster sitzen Schüler und Lehrer beim Picknick zusammen. Als wir den Klosterkomplex verlassen, laden sie uns ein. Vorher muss jedoch eine Runde Volleyball gespielt werden. Marc befördert den Ball mit einem kräftigen Schlag den Hang hinab. Ehe der Ball geholt ist, sitzen wir am Tisch und werden bewirtet. Gegrilltes und Süßes landen auf unseren Tellern. Aus einer Mineralwasserflasche wird eingegossen. Wir nehmen einen tiefen Schluck aus den halb gefüllten Bechern. Brennen im Hals. Statt Wasser wurde uns ein Wässerchen (russisch Wodka) eingeschenkt. Zum Nachspülen gibt es Brause, die in Farbe und Süße an Gummibären erinnert.

Filmstreifen 15

Der restliche Wodka fliegt ins Gebüsch, Armenischer Weinbrand wird nachgeschenkt. Zwei Mädchen testen intensiv ihre Englischkenntnisse an uns. Die wichtigste Frage ist, ob wir den Fußballer Henrikh Mkhitaryan, der bis 2016 bei Borussia Dortmund spielte, kennen, Begeisterung, als wir bejahen. Zum Abschied gibt’s noch eine Provianttüte mit Obst und Schokoriegeln in die Hand.

In Armenien liegt die Promillegrenze bei 0,0 Promille. Bisher gab es nie Straßenverkehrskontrollen und so wird es sicherlich bleiben, hoffen wir. Trügerische Gedanken. An einer Kreuzung steht ein Streifenwagen. Ausgerechnet jetzt! Sie lassen uns ungehindert passieren. Ohne Zwischenfälle erreichen wir Stepanakert, die Hauptstadt Bergkarabachs.

Der erste Weg am Morgen, ist der Weg zum Auswärtigen Amt, um Visum und Reisegenehmigung zu erhalten. Die Formalitäten sind schnell erledigt, ein sehenswertes Visum ziert die Pässe, erlaubt ist uns die Reise in die Umgebung von Vank, Tigranakart, Shusha. Über Davidank, wofür ebenfalls eine Genehmigung benötigt wird, sind wir eingereist, für mehr Orte gibt es keine Erlaubnis.

Marc geht es nicht gut. Wir müssen zurück ins Hotel. Es wird nicht besser und wir lassen einen Arzt rufen. Zehn Minuten später parkt ein militärgrüner UAZ-Bus vor dem Hotel. Zwei burschikose Frauen fordern uns auf, mit ins Krankenhaus zu kommen.

Das Untersuchungszimmer ist sehr spartanisch eingerichtet. Ein Fieberthermometer, ein Blutdruckmessgerät und ein Infusionsständer scheinen die einzigen medizinischen Gerätschaften im Krankenhaus zu sein. Niemand spricht englisch. Ein Bett wird bezogen, eine Heizspirale besorgt und angemacht. Die Heizkörper im Zimmer funktionieren längst nicht mehr.

Eine Ärztin, die englisch spricht, betritt den Raum. Als sie meinen Blick über die zerlöcherte Bettwäsche und die maroden Betten schweifen sieht, versichert sie, dass alles sauber sei.

Marc soll über Nacht bleiben. Wir protestieren und bekommen kurz darauf mitgeteilt, dass ein Krankenwagen uns in ein besseres Krankenhaus bringen wird.

Tatsächlich ist kurz darauf ein moderner Krankenwagen vor der Tür und bringt uns in ein Krankenhaus mit fortschrittlicher Technik. Englisch spricht auch hier niemand. Erst als eine Angestellte ihre Tochter anruft, kommt es zu einer Verständigung. Nach einer Stunde ist Marc wieder fit für die Rückkehr ins Hotel.

Die Hotelangestellten sind froh, dass wir zu zweit zurück sind. Wir bekommen extra Tee nach Wunsch, für die verbrachten Nächte im Hotel erhalten wir einen Rabatt.

Bevor wir nach Vank weiter fahren, holen wir den für gestern geplanten Trip in das 26 Kilometer von Stepanakert entfernte Agdam nach.

Agdam ist eine zerstörte Stadt direkt an der Frontlinie. Damit wir nicht so auffallen, stellen wir den Lada in einer Seitenstraße Stepanakerts ab, und suchen ein altes unauffälliges Taxi. Ausgerechnet heute stehen nur neue westliche Wagen hintereinander aufgereiht an der Straße.

Endlich ein allein am Straßenrand stehendes Taxi. Es ist ein Mercedes, aber wir haben vom Suchen die Nase voll. Der Fahrer zögert kurz, als er Agdam hört. Dann sollen wir einsteigen, der aufgerufene Preis ist niedriger als erwartet.

Nach wenigen Kilometern zweigt von der Hauptstraße eine unbefestigte Straße ab. Beidseitig der Straße tauchen die ersten Ruinen der Stadt auf, in der einst über 40.000 Menschen lebten. Dazwischen liegen kleine bewirtschaftete Flächen, ein paar einsame Kühe und Schafe grasen zwischen den Ruinen.  

Filmstreifen 16

Der Fahrer hält. Fragend sieht er uns an: Weiterfahren? Wir nicken.

Mein Handy wechselt ins aserbaidschanische Netz. Ein Armeefahrzeug kommt uns entgegen, die Minarette der Moschee, dem einzigen nicht zerstörten Gebäude, sind zu sehen. Dort wollen wir hin. Der Fahrer hält an einer Kreuzung. Weiter fahre er nicht – Militär. Wir können ja hinlaufen, er würde warten.

Die Straße führt direkt zur Moschee. Ruhe und Ruinen umgeben uns. Bewirtschaftete Flächen und weidende Tiere gibt es hier nicht. Polternde Geräusche durchbrechen die Stille. Ausgerechnet vor der Moschee beladen Armeeangehörige einen Lkw mit Steinen.

Ärgerlich. Kurz zögern wir, gehen dann aber doch zum Taxi zurück. 

Wir besichtigen Stepanakert, besuchen das, in einem Wohnhaus untergebrachte, Museum für die Gefallenen, schlendern am Parlament vorbei, klettern, etwas außerhalb der Stadt, auf einem Panzer herum und besuchen Tatik und Papik, zwei Figuren aus massiven rötlichen Steinquadern: das Wahrzeichen von Bergkarabach.

Filmstreifen 17

Gemütlich fahren wir weiter nach Vank. Unser Hotel finden wir ohne Navi oder nachfragen. Groß, bunt, etwas kitschig erhebt sich das Hotel in Form eines Schiffes am Dorffluss. Löwengebrüll begrüßt uns. Über dem Dorf thront das Kloster Gandzasar, welches wie kein anderes Kloster die jahrhundertealte Präsenz der Armenier in Bergkarabach symbolisiert.

Das Kloster Gandzasar ist Sitz des Erzbischofs der Diözese Arzach – die traditionelle Bezeichnung der armenisch-apostolischen Kirche für Bergkarabach. Nach der Besichtigung des Klosters mit seinen bemerkenswerten geschnitzten Fresken stellen wir fest, dass wir Klostermüde werden. Interessiert gehen wir in den Zoo von Vank.

Filmstreifen 18

Vor dem Zoo stehen Männer mit einem frisch geschlachteten Schaf. Sie winken uns heran. Wodka und ein Stück Fettiges werden uns gereicht. Ich würge es herunter und bin ganz froh, dass es Wodka zum Nachspülen gibt.

Der Zoo scheint eine Privatsammlung zu sein. Ein Löwenpaar, vier Bären, drei Wölfe, ein Luchs, ein Schakal und zwei Mufflons bewohnen die eng beieinanderstehenden Käfige. Der Luchs faucht angriffslustig, die Bären reiben sich am Gitter, gerade so als wollten sie gestreichelt werden, die Löwin faucht, als wir ihr zu nahe kommen. Wir sind erstaunt, wie gepflegt die Tiere aussehen.

Abends findet eine Geburtstagsparty im Hotelrestaurant statt. Die Reste stehen am Morgen noch da und das Frühstück fällt aus. Ohne Guten-Morgen-Getränk fahren wir los, kommen jedoch schneller als gedacht zu einem guten Frühstück: In einem kleinen Lebensmittelgeschäft an einer Kreuzung im Nichts stellen wir uns ein Wunschessen zusammen, die Besitzerin kocht, und serviert in einem Raum, in den gerade so ein Tisch und sechs Stühle hineinpassen.

Munter geworden von Tee und Kaffee fahren wir auf der leidlich befestigten Straße weiter. Wenige Kilometer später wird die Hauptstraße zu einem unbefestigten Waldweg, übersät mit tiefen Schlaglöchern, die mit dem Regenwasser der vergangenen Nacht gut gefüllt sind. Hat das Navi sich geirrt?

Endlich Gegenverkehr. Ein Minibus fährt zentimetergenau vorbei, Schulkinder mit ihren Müttern und Großmüttern kommen uns entgegen.

Wir erreichen eine befestigte Fahrbahn. Häuserruinen säumen die Straße. Auf einer schmalen Piste gelangen wir zur Kirche Vankasar. Ein Geschützstand vor dem Kirchlein und der weite Blick ins Land über zerschossene Häuser erinnern an den schwelenden Konflikt.

Filmstreifen 19

An der aufwendig rekonstruierten Festung Tigranakert aus dem 17. Jahrhundert halten wir als Nächstes. Als einzige Gäste bekommen wir eine exklusive Führung über das Gelände.

Wir erreichen den Abzweig nach Agdam. Den Besuch der Moschee der zerstörten Stadt, den wir gestern abgebrochen haben, wollen wir nachholen. Unbehelligt fahren wir an einigen Soldaten vorbei. Kinderrufe. Zwischen den Ruinen sind vereinzelt Häuser soweit instand gesetzt, dass sie bewohnbar sind.

Der Eingang zu einem der Minarette ist offen. Oben wird das eigentliche Ausmaß der Zerstörung deutlich. Armenische Soldaten verfolgen unser Treiben. Die Kamera hinter den Rücken von Marc haltend, mache ich ein paar Fotos mit dem Teleobjektiv. Die SD-Karte zu verstecken, bin ich jedoch zu faul.

Filmstreifen 20

Ungehindert fahren wir nach Stepanakert, besuchen das Staatsmuseum und fahren ins zehn Kilometer entfernte Shusha.

Je höher wir kommen, desto dichter wird der Nebel. In Shusha liegt die Sicht unter fünf Metern, das anvisierte Hotel hat geschlossen, ein weiteres ebenfalls. Laut Reiseführer gibt es noch ein Hotel mit mittelmäßigen Bewertungen, welches das Navi nicht findet. Wir beschließen, zurück nach Stepanakert zu fahren.

Das mittelmäßige Hotel steht plötzlich vor uns, drinnen brennt Licht. Wir lassen uns ein Zimmer zeigen. Die Einrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber es ist warm und sauber, an der Rezeption wird englisch gesprochen.

Mangels Gästen hat das dazu gehörige Restaurant geschlossen. Uns wird geraten, für ein gutes Essen ins Omik zu gehen.

Das Omik ist ein kahler Raum mit drei Kunststofftischen, ein Zettel in armenischer Schrift klebt an der Wand. Durch eine Tür blicken wir in den Hof, direkt auf einen Holzofen, in dem ein Feuer lodert. Das sieht einladend aus. Nach einem „Hallo“ öffnet sich die Tür eines der umstehenden Gebäude. Ja, hier gibt es Essen.

Platziert werden wir in einem Raum mit Tisch, acht Stühlen und Bibel auf einem Regalbrett. Ein Heizlüfter wird angeschaltet. Wir setzen uns in seinen Warmluftpustebereich, wärmen uns mit Tee und einem sehr guten Abendessen vom Holzofengrill.

Über Nacht ist der Nebel noch dichter geworden. Unsere geplanten Ausflüge können wir vergessen. Dafür hat das mittelmäßige Hotel Matratzen, auf denen es sich sehr gut schlafen lässt, warmes Wasser und eine funktionierende Heizung.

Nachmittags lichtet sich der Nebel, sodass sich ein Stadtbummel lohnt. Shushi wurde bereits im Sommer 1992 durch armenische Truppen eingenommen. Die Folgen sind noch immer zu sehen: Ruinen, unbenutzbare Moscheen, verfallene Plattenbauten, die unbewohnbar aussehen, aus deren Fenstern Ofenrohre ragen, aus denen Rauch quillt. Dazwischen stehen neu gebaute Häuserblöcke. Baukräne überragen die Häuser.  Ein Bauarbeiter spricht mich auf Deutsch an. „Deutschland? Gutes Land. Aber Merkel furchtbar. Macht mit Erdogan. Bist du in dem Hotel da vorne?“ Ich nicke. „Guter Platz. Dort gibt es Duschen, stimmt‘s?“

Filmstreifen 21

Am nächsten Morgen hat sich der Nebel vollständig verzogen. Vom Hotelfenster haben wir einen ungeahnt tollen Blick auf schneebedeckte Gipfel. Unsere Zeit für Bergkarabach ist jedoch leider vorbei.

Serpentinen über Serpentinen. Eine Baustelle zieht sich über drei Kurven, einspurig, ohne Signalgeber. Nach der gesammelten Erfahrung auf Armeniens Straßen ist das allerdings kein Hindernis mehr für uns.

Am Grenzübergang müssen wir die Reisegenehmigung abgeben. Ein kurzer Blick darauf, wir dürfen nach Armenien weiter reisen.

 Zurück zur Zusammenfassung

Print Friendly, PDF & Email
Share this:Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePin on Pinterest