Iran

Zurück nach Teheran

Das Auto ist voll besetzt. Ich habe den Mittelplatz auf der hinteren Sitzbank zwischen einem jungen Mann und einer Frau. So als Puffer zwischen den Geschlechtern mache ich mich, wie ich schon öfter feststellen konnte, offensichtlich sehr gut.

Die Straße durch das Gebirge ist gesäumt von Restaurants und Läden und wirkt in der Dunkelheit wie eine endlose Partymeile ohne Party. Die Frau neben mir bietet mir immer wieder ihre Schulter zum Anlehnen an. An einem Imbiss halten wir, meine Sitznachbarin lädt mich zu Tee und Kuchen ein, später zu sich nach Hause. Wieder muss ich passen, mein Gepäck ist im Hotel und sie wohnt außerhalb von Teheran.

Sieben Stunden benötigen wir für die 250 Kilometer lange Fahrt nach Teheran, obwohl der Fahrer laut schimpfend jeden zur Seite drängelt.

Am nächsten Morgen werde ich im Hotelrestaurant von einem Mann, der gerade frühstückt, mit einem „Guten Morgen“ begrüßt. Es ist Achmed, ein Guide, den ich mir für den Tag gesucht habe. Wir frühstücken gemeinsam und er fragt nach meinen Wünschen – Ayatollah Khomeini Mausoleum, Juwelenmuseum, Fahrten in Metro und Bus. Er freut sich. In das Mausoleum möchten seine Gäste meistens nicht und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist er auch nie unterwegs.

Die Metro hält direkt vor dem Mausoleum. Der erste und der letzte Wagen sind für Frauen reserviert; sie sitzen jedoch überall. Händler laufen durch den Zug und verkaufen alles, was es auch auf einem Basar gibt. Am Mausoleum stehen Baukräne. Der Komplex ist eine kleine Stadt, die ständig erweitert wird. Selbst der riesige Raum mit dem Schrein von Ayatollah Khomeini wird gerade vergrößert. Am Eingang bekomme ich wieder einen Blümchentschador.

In der Halle ist es angenehm kühl, wir suchen uns einen ruhigen Platz und sehen uns Bilder vom Orumiyeh See an. Achmed ist gerade dort gewesen und entsetzt über das Ausmaß der Umweltzerstörung. Ein junger Mann, der die Teppiche in der Halle abfegt, drückt Achmed eine Gebetskette aus Tonperlen in die Hand, die er mir geben soll. Wir sind beide überrascht.

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Ayatollah Khomeini Mausoleum
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Eingang zum großen Basar
Iran-Teheran
Moschee

Um für mein nächstes Ziel Maschhad– dort befindet sich das größte Heiligtum des Landes, der Imam Reza Schrein – gerüstet zu sein, fahren wir mit der Metro zum Basar und kaufen einen Tschador.

Achmed telefoniert, um herauszufinden, ob das Juwelenmuseum geöffnet hat. Es ist tatsächlich für wenige Stunden offen und wir eilen hin. Das Museum befindet sich in der Zentralbank in Teheran in einem durch eine schwere Tresortür gesicherten Raum. Kronen, Zepter, der Pfauenthron, Diamanten und vieles mehr glitzern in den Vitrinen an diesem märchenhaften Ort.

Zugfahrt nach Maschhad

Um 5 Uhr steht das Taxi vor dem Hotel. Um nicht so spät in Maschhad anzukommen, habe ich mich für den frühesten Zug entschieden. Am Bahnhof geht es eher gemächlich zu. Bevor ich durch die Ticketkontrolle darf, muss ich zur Polizei und mein Visum vorzeigen, bekomme einen Stempel auf das Zugticket und darf den Warteraum betreten.

Der Zug ist ein Express-Zug: ein kurzer Zug mit Großraumwagen. Den Platz neben mir hat ein Mann. Nur kurz, dann wird schnell getauscht. Eine junge Frau sitzt nun neben mir. Nicht lange, dann wird weitere Male getauscht. Die Frauen neben mir werden immer älter.

Es gibt Frühstück. Auf einem Tablett liegen Fladenbrot, Marmelade, Butter, Käse. Wortlos, ohne mich eines Blickes zu würdigen, aber mit Entschiedenheit bekomme ich von meiner Nachbarin die Hälfte des Essens auf meine Seite des Tabletts geschoben. Nach dem Frühstück legt sie mir genauso wortlos zwei ihrer vier Kekse hin, die sie mitgebracht hat.

Nachdem abgeräumt ist, blickt sie mich mit freundlichen, verschmitzt lachenden Augen an. Sie zeigt mir, dass ich zum Schlafen die Füße auf den Tisch vor mir legen soll. Tatsächlich schlafen die meisten mittlerweile. Die Frauen mit Tschador haben bestimmt den besten Schlaf – Umhang vor das Gesicht gezogen, schon ist es dunkel.

Meine Nachbarin schläft ebenfalls, ihre Tochter stellt leise eine Tüte Popcorn auf den Tisch. Ich ahne, was kommen würde und stelle mich schlafend. Es nützt nichts. Ein rütteln am Arm und die Tüte wird gemeinsam geleert. Das letzte Popcorn liegt noch in der Hand, schon wird meiner Nachbarin eine Schale mit Obst gebracht. Sie sortiert Äpfel und Nektarinen aus. Gerade habe ich den letzten Bissen Obst im Mund, liegt auch schon eine Tüte Pistazien da. Ich streike.

Da serviert das Zugpersonal auch schon Tee und Kekse. Ich hoffe, dass es das Mittagessen sein würde. Aber Reis, Hühnchen, Brot und Butter lassen nicht lange auf sich warten. Selbst meine Nachbarin ist satt und packt alles ein. Ich mache es mir bequem und ziehe meine Schuhe aus. Sofort zieht sie an meiner Hose herum und versucht, die Hosenbeine den fehlenden Zentimeter bis zu meinen Socken herunter zu ziehen.

Maschhad: Irans heiligste Stadt

Zwei Stunden eher als erwartet erreichen wir Maschhad. Es ist Pilgermonat und ich habe kein preiswertes Hotelzimmer bekommen. Achmed aus Teheran wollte bis zu meiner Ankunft ein Zimmer finden. Ich rufe ihn an – zu früh. Die zwei Stunden gesparter Zeit verbringe ich auf dem Bahnhof. Pünktlich zur geplanten Ankunftszeit des Zuges hat er tatsächlich noch ein preiswertes Zimmer gefunden.

Das Hotel liegt in der Nähe des Imam-Reza-Schreins. Gäste sind ohne Ausnahme iranische Familien. Mein Zimmer hat eine asiatische Toilette – für mich kein Problem. Das besorgte Personal kommt jedoch mit einem Aufsatz, der daraus eine europäische Toilette machen soll. Ich lehne dankend ab.

Maschhad-Imam-Reza-Schrein
Eingang zum Imam Reza Schrein
Maschhad-Imam-Reza-Schrein
Imam Reza Schrein
Maschhad-Imam-Reza-Schrein
Frauen warten auf den Einlass zum Schrein

Am nächsten Tag kommt mein Tschador zum Einsatz. Es ist früh am Morgen und nur wenige Pilger sind unterwegs. Ich gebe meinen Tagesrucksack an der Gepäckaufbewahrung ab, ziehe den Tschador über und suche mir einen kleinen Seiteneingang. Bei der Sicherheitskontrolle werde ich jedoch als Tourist erkannt. Die Touristeninformation wird benachrichtigt und ich muss warten. Währenddessen versuchen die Angestellten ein Gespräch in Gang zu bringen. Wir lachen viel. Die beiden Frauen bemühen sich meinen Pony unter den Tschador zu bekommen. Aber auch sie schaffen es nicht, was ein Problem ist. Im Heiligtum darf kein Haar hervor gucken.

Die Fremdenführerin kommt. In einem großen Raum wird ausländischen Besuchern ein Video zur Geschichte des Schreins gezeigt. In einer Ecke des Raumes betet ein Mullah mit einer Gruppe aus der Türkei. Ich muss mich einer Gruppe von zehn Chinesen anschließen.

Da ich mich ständig in meinem Tschador verheddere und die Haare nicht zu bändigen sind, bekomme ich in der Touristeninformation einen Geeigneteren, einen Blümchentschador, der so gearbeitet ist, dass er nur über den Kopf gezogen werden muss und lediglich einen Gesichtsausschnitt freilässt. Die Haare sind gebändigt.

Sieben prachtvolle Höfe umgeben den Schrein. Gerade werden für das Mittagsgebet die Teppiche ausgerollt. Die goldene Kuppel des Schreins und der von innen vergoldete Eingang zum Heiligtum leuchten in der Sonne. Das Mittagsgebet beginnt. Frauen und Männer beten auf getrennten Höfen. Eine Weile dürfen wir zusehen. Dann werden wir aufgefordert zu gehen.

Am Abend gehe ich noch einmal zum Schrein. Bereits ein paar Meter davor werde ich angesprochen: „Wo ist dein Tschador.“ Eine Frau fragt, ob ich den Schrein sehen möchte. Ich nicke, sofort wird bei der Touristeninformation angerufen. Das brauche ich nicht noch einmal. Unter einem Vorwand gehe ich und hole meinen Tschador aus dem Hotel.

Zurück am Schrein mache ich Fotos. Eine Frau bedankt sich für mein Interesse an Imam Reza, eine weitere fragt, ob ich reingehen möchte. Sie arbeitet im Schrein. Leider benutzt sie den Eingang, an dem ich schon einmal war. Das erkennt auch der Wachmann: „Für Touristen nur von 7 bis 19 Uhr.“

Die junge Frau fragt, ob sie mich zum Hotel bringen darf. Den Tschador könne ich doch anbehalten, nur so wäre ich sicher: „Es ist deine Entscheidung“. Sie erzählt von ihrer tiefen Verehrung für Imam Reza und ihrem Auftrag mich in seinem Namen zu begleiten. Sie beschreibt die plötzliche Heilung von Krankheiten, sowie man am Schrein gebetet hat, betont immer wieder, wie sehr der Tschador ihr Sicherheit und Schutz im Alltag gibt. Für jede Antwort auf ihre Fragen bekomme ich als Antwort: „Dafür musst du Gott danken.“ Ich sage ihr, dass ich Atheistin bin. „Du glaubst nicht an ein Leben nach dem Tod?“

Wir kommen an einem Internetcafé vorbei. Ich muss unbedingt meine E-Mails lesen. Sie überwindet sich und kommt mit. Ihr Wille mich vor den Männern im Internetcafé zu beschützen, ist stärker als ihre Abneigung. Alle Plätze sind besetzt. Warten. Unter dem Tschador wird es heiß. Ich fange an, ihn auszuziehen. Sie öffnet ihren und zeigt, was sie alles darunter trägt: „Mir ist es auch zu heiß. Es ist deine Entscheidung.“

Ich ziehe ihn aus. Sofort hält sie ihren Tschador als Sichtschutz über mich, bis ich den Schal, der mir vom Kopf gerutscht ist, wieder umgebunden habe. Den steckt sie mir dicht unter dem Kinn mit einer Schmuckklammer fest und stopft meine Haare darunter. Ein Platz ist frei geworden. Ich lese schnell meine E-Mails. Beim Gehen sage ich ihr, dass alles in Ordnung sei: „Das hast du Imam Reza und Gott zu verdanken.“

Der Weg zum Hotel ist länger, als sie erwartet hat. Zweifelnd fragt sie, ob ich den Weg wirklich kenne. Daraufhin mache ich mir Gedanken, ob sie den Weg zurückfinden würde.

Ein junger Mann spricht uns mit dem üblichen „How are you?“, an. Ich antworte im Vorbeigehen. Sie ist entsetzt: „Nicht ansprechen lassen, das sind keine guten Menschen. Es ist zu deiner Sicherheit.“

Sie hat viele Fragen zur Bibel und zu Deutschland. Im Gegensatz zu einer Begegnung am Anfang der Reise, bei der ich erfuhr, dass im Iran 95 Prozent der Leute arm sind und 5 Prozent reich, meint sie, dass es dank Gott nur sehr wenige Arme und Reiche gibt.

Wir sind am Hotel angekommen. Zum Abschied möchte sie mir ein Geschenk machen. Schützend hält sie den Tschador über ihre Tasche und kramt darin herum, bis sie eine Nektarine findet: „Ich gebe sie dir im Auftrag von Imam Reza. Ich hatte sie mit in den Schrein genommen und sie wird für deine Gesundheit sorgen.“

Die Umgebung von Maschhad

50 Kilometer von Maschhad entfernt, liegt in den Bergen das Treppendorf Kang. Eigentlich fahren Sammeltaxis dorthin, ich finde jedoch keines und steige bei einem der vielen privaten Fahranbieter ein. Zu meiner Enttäuschung fährt er nicht ins Dorf, sondern hält an einem Aussichtspunkt. „Du darfst nicht nach Kang“, erzählt er. „Warum nicht?“ Er zuckt mit den Schultern. Zu allem Überfluss wird er auf dem Rückweg aufdringlich. Nach dem dritten „Nein“ gibt er endlich auf und entschuldigt sich.

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Kang
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Heilgtum von Khwaja Morad
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Frauen vor dem Heilitum von Khwaja Abasalt

Den Nachmittag verbringe ich außerhalb der Stadt, am Rand des Gebirges, an den kleinen Heiligtümern von Khwaja Morad und Khwaja Abasalt. Im Khwaja Morad Heiligtum vergesse ich mir einen Tschador, die immer am Eingang liegen, überzuziehen. Den Frauen im Heiligtum fällt es auch nicht auf. Erst als eine Gruppe afghanischer Frauen ein Foto machen will, bemerke ich es. Schnell ziehe ich einen Tschador über. Zu spät. Wir müssen die Fotos draußen machen.

Der letzte Tag in Maschhad. Ich habe beschlossen, zu einem Grabturm in der weiteren Umgebung zu fahren. Da dorthin weder Sammeltaxis noch Busse fahren, suche ich einen Taxifahrer. Keiner kennt den Ort. Ein Fahrer telefoniert herum und drückt mir sein Handy in die Hand. Am anderen Ende ist ein Mann, der englisch spricht. Ich sage ihm, wohin ich möchte und ein paar Telefonate später hat sich jemand gefunden.

Ein junger Mann kommt: „Ich bin Adnan. Entschuldige bitte, dass ich dir nicht die Hand gebe.“ Dabei hätte mich das Gegenteil überrascht. Im Auto erzählt er, dass seine Frau den Ort, an dem der Grabturm steht, gegoogelt hat. Er ist seit ein paar Monaten glücklicher Vater. Respektvoll erzählt er von der Entbindung und von dem Moment, als er sein Kind im Arm hielt. Wir unterhalten uns eine Weile über Geburten im Iran und in Deutschland.

An der Straße zum Grabturm befindet sich das Ferdowsi-Mausoleum. Wir halten an und besichtigen es. Nur wenige Kilometer weiter steht der Grabturm wie ein angespitzter Stift im Nichts. Beim Anblick des Turmes erzählt Adnan vom Radkan-Grabturm und sieht mich fragend an. Ich habe Zeit.

Auf dem Weg dorthin fahren wir durch malerische Dörfer. In einem liegt ein großer Teppich auf der Straße, der von zwei Frauen gewaschen wird.

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Grabturm
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Zwei Frauen waschen einen Teppich
Radkan-Grabturm
Radkan-Grabturm

Der Radkan-Turm steht idyllisch am Rand des Gebirges. Nach der Umrundung fragt Adnan, ob ich zum Wasserfall nach Achlamat möchte. Klar. Unterwegs unterhalten wir uns über Israel, über Deutschland im November 1989 und den Film „Good buy Lenin“, der ihm sehr gefallen habe. Dann fragt er, ob ich Christin sei. Nein. Das beschäftigt ihn die restlichen Stunden. Immer wieder fragt er nach, wo und warum ich Gott verloren habe – auf einer der Reisen?

Achlamat liegt in den Bergen. Bis zur Dämmerung wandern wir über steinige Wege, kühlen uns am Wasserfall ab und trinken noch einen Tee an einem der Picknickplätze.

Achlamat
Achlamat-im-Iran
Achlamat
Achlamat-im-Iran
Picknickplätze in Achlamat

Zurück in Maschhad verabreden wir uns für den nächsten Tag. Er möchte mich unbedingt zum Flughafen bringen. Mit einer Tüte Safran – die Gegend um Maschhad ist Hauptanbaugebiet im Iran – steht er am nächsten Tag vor dem Hotel. Im Auto erhalte ich noch viele Tipps zu seiner Verwendung.

Small Talk in Teheran

Wieder in Teheran: Den Nachmittag verbringe ich im Norden Teherans am Fuß des Elburs-Gebirges, besuche einen Schrein, bummele über einen kleinen Basar, trinke Kaffee und fahre in einem Stadtbus durch die Gegend.

Für das Abendbrot brauche ich Wasser und frisches Fladenbrot. Bei der Suche nach einem Bäcker sprechen mich zwei Männer an: „Woher kommst du, wohin gehst du?“ Aus dem Small Talk wird ein langer Abend. Über die üblichen Iraner-sind-Terroristen-Witze kommen wir schnell auf die Regierung zu sprechen. Einer der beiden hatte 2009 – im Juni 2009 demonstrierten Tausende in Teheran gegen die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen – friedlich demonstriert, als er festgenommen wurde: „12 Tage in der Hölle, warum?“ Er zeigt mir seine Narben. „Das sind keine Menschen!“

Sie erzählen, wie sehr die strikten Verhaltensregeln ein normales Leben unmöglich machen. Eine Verabredung mit einer Frau zu einem Kaffee – unerhört. „Das sind die Schlimmsten“, er zeigt auf eine Frau im Tschador. Einen Job finden beide nicht: „Ohne Lügen keine Arbeit, ohne Arbeit, keine Hochzeit. Wir sind gezwungen zu lügen, den ganzen Tag lang. Das ist doch furchtbar. Deshalb bringen wir uns so durch.“

Mir knurrt der Magen. Ich frage die beiden nach einem Bäcker. Sie sind begeistert von der Idee auf frisches Brot. Schon sitze ich auf dem Motorrad. Der Bäcker, zu dem wir fahren, hat jedoch gerade sein letztes Brot verkauft. Über Haupt- und Nebenstraßen fahren wir zum nächsten und mit zwei Broten unter dem Arm wieder zurück. Seltsamerweise fliegt mir der Schal trotz des Fahrtwindes nicht vom Kopf.

Zum Essen bekomme ich den bequemen Platz auf dem Motorrad. Der Käse fehlt. Der Jüngere rennt los und kommt mit einer Tüte Käse wieder. Nun finden die beiden, dass es zu dunkel ist. Wenige Meter entfernt ist ein hell erleuchteter Platz. Unter einem Denkmal sitzend essen und reden wir noch lange über ihre Wut auf das Regierungssystem.

Die Läden haben bereits geschlossen, auf den Straßen ist kaum noch jemand unterwegs. „Ich fahre dich mit dem Moped zum Hotel.“ Das Angebot lehne ich ab. Nach den vielen Informationen brauche ich etwas Bewegung.

Am nächsten Tag fahre ich mit dem Zug nach Sari, bleibe jedoch nicht in dem Ort und reise mit dem Bus Richtung Küste weiter.

Der Bus kommt erst zwei Stunden nach Abfahrt in Fahrt. Bis dahin hält der Fahrer ständig an – shoppen, essen, shoppen. Die Städte an der Küste sind zu einem einzigen Ort zusammen gewachsen und es gibt reichlich Gelegenheit zum Anhalten.

Mein Ziel ist ein Dorf südlich des Kaspischen Meeres, in dem ich erwartet werde. Gegen 23 Uhr erreicht mich eine Nachricht: Wo bleibst du? Mit Gesten bitte ich den Beifahrer, für mich zu telefonieren. Der Fahrer telefoniert, der Beifahrer gibt mir das Handy und ich erfahre von meinem Gastgeber Arsam, dass der Bus ordentlich Verspätung hat.

Am Kaspischen Meer

Es ist bereits nach 1 Uhr, als der Bus ankommt. Busse müssen an Polizeistationen anhalten, sodass es kein Problem ist, mitten in der Nacht im Nirgendwo, ohne dass ein größerer Ort in der Nähe ist, auszusteigen. Arsam erwartet mich, wir fahren nach Ebrahimsara, trinken noch einen Tee und gehen schlafen.

Endlich einmal keine Straße vor dem Fenster und keine geräuschvolle Klimaanlage, die sich nicht abstellen lässt. So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.

Am Morgen wartet schon ein leckeres Frühstück auf mich. Arsam nimmt mich mit dem Auto mit bis Rasht. Von dort gehts mit dem Minibus weiter nach Fuman, dem Ausgangspunkt für Ausflüge nach Masuleh und zur Rodkham-Festung.

In Fuman – ich stehe mitten auf der Straße – werde ich auch schon zum Lunch eingeladen: „Was willst du bei der Festung, komm zu mir nach Hause zum Essen.“

Mich interessiert aber viel mehr, von wo die Sammeltaxis zur Rodkham-Festung abfahren. Schweigen. Ich suche mir ein Taxi. Da an der Festung ebenfalls keine Sammeltaxis stehen, verabrede ich mit dem Fahrer, dass er warten und mich direkt nach Masuleh bringen soll.

Die Rodkham-Festung ist erstaunlich gut erhalten. Unterwegs sammele ich einige Telefonnummern ein: „Falls du Hilfe brauchst.“ Aber der Fahrer hat gewartet und weiter geht es nach Masuleh.

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Rodkham-Festung
Iran-Rodkham-Festung
Rodkham-Festung
Iran-Rodkham-Festung
Rodkham-Festung

Masuleh zieht sich einen Berghang hoch, die Häuser haben Flachdächer, die zugleich die Fußwege sind. Touristen drängeln überall. So überlaufen habe ich mir das Dorf nicht vorgestellt. Ich bin froh, als ich im Minibus zurück nach Fuman sitze.

Iran-Masuleh
Masuleh
Iran-Masuleh
Dächer als Fußwege
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Alte Moschee in Masuleh

In Fuman ist Markttag. An unzähligen Ständen gibt es alles in Hülle und Fülle zu kaufen. Um den Haltepunkt des Busses zu finden, muss ich an vielen angebotenen Köstlichkeiten vorbei schlendern. Widerstand ist zwecklos. Irgendwann bin ich so satt, dass ich kaum noch laufen kann.

Ich frage nach dem Weg. „Kannst du laufen?“, ist die Antwort. Natürlich nicke ich. „Gut, es ist ein weiter Weg immer geradeaus.“ Ich verlasse mich darauf, dass für Iraner ein kurzer Weg bereits weit ist. Zehn Minuten brauche ich bis zum Bus.

In Rasht ist an irgendeiner Kreuzung Endstation. Es ist 21.30 Uhr, die Straßen sind belebt, ich schicke Arsam eine SMS. Vielleicht ist er ja noch in der Stadt. Er ist es. Die Antwort erreicht mich jedoch erst 36 Stunden später.

Auf einem Zettel habe ich seine Adresse auf Persisch stehen. Ein Sammeltaxi, das nur im Stadtverkehr fahren darf, bringt mich zu einem Platz für Sammeltaxis, die auch ins Umland fahren. Ich steige um. Zu meinem Bedauern nimmt der Fahrer keine weiteren Fahrgäste mit. Angeblich möchte niemand in diese Richtung. Das wird eine teure Fahrt.

Mein letzter Tag im Iran. Der Bus nach Orumiyeh, dem Umsteigepunkt in einen Bus nach Van (Türkei), fährt erst abends. Mit Arsam bummele ich durch Ebrahimsara. Im Dorfladen gibt es Safraneis, vor der Moschee hängen Plakate mit den Gesichtern junger Leute. Es sind Unfallopfer, die ihre Organe gespendet haben.

Eine Teestube, Männer und viel Schatten. Ich genieße die Atmosphäre. Nach einem Glas Tee steige ich auf Wasser um. Über die Mengen, die ich trinke, müssen wir alle lachen. Der Teestubenbesitzer erzählt von seinen acht Töchtern und das als neuntes Kind endlich der ersehnte Sohn kam, mit dem er bereits in Mekka war. Ich sehe die Frau aus den Bergen vor mir, die ihre fünf Söhne im Ersten Golfkrieg verloren hat.

Nach dem Mittagessen setzen wir uns in den Garten und rauchen Shisha. Arsam hat eine Wassermelone besorgt. Reden, relaxen und keine Lust abzureisen. Die Zeit vergeht viel zu schnell. Arsam begleitet mich zur Hauptstraße, stoppt ein Sammeltaxi und ohne eine Minute zu verlieren, steige ich in Rasht in ein anderes Taxi um, das mich zum Busbahnhof bringt.

Busreise nach Ostanatolien

Am Busbahnhof ist noch Zeit und sofort bin ich im Gespräch. Eigentlich will ich mir noch etwas zu essen kaufen für die Busfahrt, aber das Gespräch ist interessanter und im Bus gibt es immer einen Snack.

Der Bus ist schon eine Weile unterwegs, mein Hunger wird größer, es gibt keinen Snack. Mitten in der Nacht hält er zu einer Essenspause an einem Restaurant, mein Geld reicht nicht mehr. Von meinen allerletzten Rial kaufe ich eine Großfamilienpackung trockenes Fladenbrot.

Der Busfahrer hupt – das Signal zum Einsteigen. Auf den Sitzen liegen die vermissten Snacks. Ein Gefühl von Glückseligkeit durchströmt mich.

Um 5.30 Uhr erreichen wir Orumiyeh, um 9 Uhr fährt der Bus nach Van ab. Ein Türke aus Malatya setzt sich zu mir. Ob ich etwas brauche, er will es besorgen. Er redet unentwegt und hält mir seine Kamera vor das Gesicht. Ich soll seine Fotos ansehen. Er muss sämtliche Museen im Iran besucht haben. Nach einer Stunde kümmert er sich endlich um sein Ticket und geht.

Ich lasse die Gedanken fliegen, denke an die Überraschung an meinem ersten Tag im Iran, als ich feststellte, dass die Türken in der säkularen Türkei viel religiöser sind als die Iraner im islamischen Gottesstaat, an die herzliche Gastfreundschaft, die ich in dieser Intensität bisher in keinem anderen Land kennengelernt habe, an die vielen Gespräche zu den unterschiedlichsten Themen, die ich als sehr offen und fühlbar erlebte, an die gewöhnungsbedürftige Feststellung, dass wir vom selben Stamm, nämlich dem der Arier sind. An die vielen Telefonnummern – falls ich Hilfe brauche, den Wein aus der Plastemilchflasche dessen Alkoholgehalt deutlich zu spüren war.

Die Ausreise verläuft entspannt. Der iranische Grenzer scherzt und sieht sich vergnügt meine Visa an. Auf türkischer Seite wird nicht gescherzt und das Gepäck gründlich kontrolliert.

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