Guinea/ Liberia/ Sierra Leone

Zwar hat der Mensch zwei Beine, doch kann er nur einen Weg gehen.
Sprichwort der Peulh / Fulbe

Die Furcht vor der Gefahr ist schrecklicher als die Gefahr selbst.
Sprichwort der Malinke

Wer etwas durcheinander bringt, muss wissen, wie er wieder Ordnung schafft.
Sprichwort der Temne

April 2014

Guinea – Liberia Sierra Leone

Conakry – Mamou – Dalaba – Kissidougou – Nzérékoré – Liberia: Gbarnga – Monrovia – Sierra Leone: Kenema – Freetown

Während die ersten Zugvögel bereits auf dem Weg von Westafrika nach Deutschland sind, lande ich für zwei Wochen in Westafrika in Conakry.

Am Flughafen werde ich von Boureima und Amadou erwartet. Durch die dunkel werdende Stadt fahren wir zum Hotel, das ein wenig außerhalb liegt.

Zwei Millionen Einwohner hat Conakry. Einen Nahverkehr gibt es nicht. „Alles, was nicht vom Staat kommt, findet hier nicht statt“, meint ein Hotelgast. „Die Schmiergeldzahlungen, um ein Unternehmen zu gründen, sind so hoch, dass es sich nicht lohnt.“

Bevor wir Conakry am nächsten Tag verlassen, sammeln wir einen weiteren Reisenden ein, besichtigen die Faysal-Moschee und den alten Fischerhafen.

Die Faysal-Moschee

Um das Gelände der größten Moschee in Westafrika betreten zu dürfen, ziehe ich eine Jeans über die kurzen Hosen. Am Eingang gibt es noch ein Tuch für den Kopf – ich bin startklar für den Besuch.

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Nach einer Umrundung der Moschee betreten wir die riesige, in Grün und weiß gehaltene Gebetshalle. Ein Mann, in eine Schrift vertieft, sitzt vor einer der zahlreichen Säulen, ein weiterer schläft auf dem einzigen Sofa, das verloren im hinteren Teil steht. Wir sehen uns in Ruhe um und bekommen erklärt, wie der Ablauf des Gebetes in dem viel Platz bietenden Raum ist.

Der alte Fischerhafen

Berge von Fisch liegen auf Planen ausgebreitet, auf dem Kai. Am Ufer wird an neuen Fischerbooten aus Holz gezimmert und alte Boote repariert. Im Wasser schaukeln bereits entladene Kähne. In der Mitte der Boote steht eine große Truhe für das Eis, das die Fischer mitnehmen, wenn sie für mehrere Tage auf das Meer fahren. Ihre Netze liegen zum Trocknen und Flicken am Boden ausgebreitet.

 

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Hammerhaie, Barrakudas … – die Auswahl an Fischen ist groß. In zwei Räuchereien wird ein Teil der Fische haltbar gemacht. Ich frage eine der Frauen, die dort arbeiten, ob ich ein Foto machen dürfe, eine andere antwortet sofort mit „Ja“ und schon bin ich umringt von fröhlich lachenden Frauen und Kindern.

In einer der Straßenküchen am Rand des Hafens essen wir zum Frühstück Reis, Blattsoße und Fisch. Zum Abschluss gibt es in der Kaffeebar nebenan einen Mokka. Ausschließlich Männer sitzen an den Tischen. Als ich die Bar betrete, springen zwei Männer auf und bieten mir einen Platz an. 

Fahrt nach Mamou

Anfangs führt die Straße am Rand des Küstengebirges entlang, später tauchen die ersten Tafelberge auf. Frauen verkaufen am Straßenrand Haushaltswaren, Obst und Gemüse. 

Amadou stoppt an einer Straßenküche. Im Lokal gibt es Kaffee to go: Der aufgebrühte Kaffee wird in eine Plastiktüte gekippt und mit nach Hause genommen.

 

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Unterwegs passieren wir drei Polizeikontrollen, ohne Schmiergeld zahlen zu müssen. Boureima ist erstaunt: „Das ist selten so wenig Kontrollen und alles läuft so glatt.“

Mamou

Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichen wir Mamou. Im Hotel ist es dunkel. Strom ist rationiert und das Hotel liegt in einem Viertel, das heute nicht mit Elektrizität versorgt wird. Ein Generator sorgt jedoch bis zur Schlafenszeit für Abhilfe.

Das Zimmer ist sehr schlicht, im Bad steht ein großer Bottich voll Wasser, das gleichzeitig Toilettenspülwasser und Duschwasser ist. Die „Eimerdusche“ wird uns auf der ganzen Reise begleiten.

Über Land nach Dalaba

Nach einer ruhigen Nacht geht es weiter nach Dalaba, in das Bergland von Fouta Djalon, dem „Wasserschloss Westafrikas“.

Unmittelbar hinter Mamou lauern drei Polizisten. Sie kontrollieren die Papiere, lassen uns indes anstandslos weiterfahren. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Dalaba.

Das Hotel liegt außerhalb der Stadt, am Rand eines Tales. Die Temperaturen sind angenehm, die Luft ist frisch, von der Terrasse schweift das Auge weit über die grüne Landschaft.

Das Haus der Sängerin Miriam Makeba

Einen kurzen Spaziergang von Hotel entfernt steht auf einem großen verwilderten Grundstück das Haus der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba (1932-2008), die wegen ihrer Nähe zur Black Panther Bewegung nach Guinea ins Exil gegangen war. Der ehemalige Präsident Guineas Sékou Touré hatte ihr daraufhin dieses herrschaftliche Anwesen gebaut.

Ein staatlich bestellter Wächter, der für diesen Job kein Geld bekommt, öffnet uns die Tür zu dem immer mehr verfallenden Haus.

 

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Durch die Küche betreten wir einen großen Raum mit Verzierungen in den Lehmwänden, einer Decke aus geflochtenen Palmblättern und einem fantastischen Blick über das Tal. Einige persönliche Gegenstände der Sängerin stehen vor sich hingammelnd in den Räumen, denen der Luxus durchaus noch anzusehen ist.  

Der Sommersitz des Generalgouverneurs

Obwohl Mittagszeit ist, ist die Hitze auszuhalten. Das milde Klima wusste auch der Generalgouverneur von Französisch-Westafrika zu schätzen. Durch ein Dorf führt der Weg zu seinem Sommersitz. Auf dem eingezäunten Gelände stehen Gästehäuser und das Palaverhaus. In dem Lehmhaus mit seinen eindrucksvollen Wandverzierungen wurden in der Kolonialzeit die Provinzfürsten vom Gouverneur auf den Kurs Frankreichs eingeschworen. Sékou Touré nutzte das Gelände später als Tagungs- und Erholungsort.

Die Wasserfälle im Fouta Djalon 

Über Asphalt und Piste fahrend, machen wir einen Abstecher zum Ditinn Wasserfall, dem höchsten Wasserfall Guineas. Fensterlose Hütten mit massiven Mauern ducken sich am Straßenrand in die Schatten hoher Mangobäume. In den Dörfern stehen kleine Moscheen mit vier Ecktürmen, auf den Märkten und am Straßenrand werden zahllose Mangos verkauft.

Die Weber von Pita

Nach einer kurzen Wanderung zu einem Wasserfall und einem Bad im Wasserfallauffangbecken fahren wir in die Stadt Pita. Leises Klappern ist aus einem mit hohen Bäumen bestandenen Park zu hören. Männer sitzen im Schatten der Bäume in Holzgestellen – den Webstühlen. Aus meterlangen, vor ihnen liegenden Fäden weben sie Stoffe im traditionellen Streifenmuster, die von den Frauen auf dem Markt verkauft werden.

 

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Beim Bummel über den Markt versuche ich ein paar Fotos zu machen. Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm erlaubt es. Sofort werde ich von allen Seiten lautstark beschimpft. Als ich der Frau das Foto zeige, umringen uns die eben noch zeternden Frauen und lachen mich freundlich an.

Ein Bad an den Kambadaga Wasserfällen

In der Nähe von Pita befinden sich die Kambadaga Wasserfälle – während der Regenzeit in drei Stufen in die Tiefe stürzende Wassermassen. Oberhalb der Wasserfälle inmitten pittoresker Felslandschaft, gehen wir baden.

In den Dörfern der Peulh

In einem Dorf der Peulh halten wir an. Sofort werden wir von Kindern umringt und durch das Dorf begleitet. Eine Frau sitzt vor ihrer Hütte und knüpft aus getrockneten Gräsern ein Brotkörbchen. Andere Frauen flechten Tischsets und Bonbonnieren, die mit orangefarbenen und schwarzen Mustern verziert werden. Ein paar Hütten weiter zerstößt eine Frau in einem Holzmörser Mais, Wurzeln und kleine Fische zu Pulver. Ich bekomme den Stößel angeboten und zermahle noch mehr klein, was schon Pulver ist.

 

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270 Kilometer liegen vor uns. An einem Peulh-Dorf halten wir. Boureima fragt den Dorfältesten, ob wir das Dorf besichtigen dürfen. Nach kurzem Zögern – es waren noch nie Weiße in dem Dorf – erlaubt er es.  Das Dorf besteht aus wenigen Rundhütten, deren Palmdächer bis knapp über die Erde reichen. Stabile Äste stützen die Dächer, sodass sich ein schattiger Streifen um die Hütten zieht. Die Männer sind zum größten Teil auf dem Feld, die Frauen kochen. Ich werde wieder zum Mörsern eingeladen, schließlich ist Kochen Frauensache.

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Über Faranah nach Kissidougou 

Die Landschaft verändert sich. Termitenbauten in Pilzform, Baobab-Bäume, weite Ebenen und blühende Feuerbäume prägen die Natur. Die Dörfer werden größer, die Hütten stehen dichter beieinander. In jedem Dorf wird an einer neuen Hütte gebaut.

Aus der Piste wird eine asphaltierte Straße, Sendemasten sind immer häufiger zu sehen. Neben der Straße verläuft eine Start- und Landebahn. Wir nähern uns Faranah, der Geburtsstadt von Sékou Touré.

Am Fluss vor Faranah ist Schluss. Brückenarbeiten. Die Metallplatten der Fahrspur sind an mehreren Stellen aufgeworfen und haben scharfkantige Löcher. Ein Arbeiter schweißt, beobachtet von sechs Kollegen und der Polizei, neue Platten an den Übergang von der Straße zur Brücke. Nach einer dreiviertel Stunde geht die Fahrt weiter, die Löcher in der Fahrspur sind geblieben. Wahrscheinlich hat das Geld nicht für mehr gereicht.

 

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Nach zehn Stunden ist Kissidougou endlich erreicht. Für einen Stadtbummel sind wir zu müde und bleiben wir im Hotel.

Nächstes Ziel Nzérékoré

Am nächsten Tag geht es über eine Piste nach Nzérékoré. Dörfer und Vegetation nehmen neue Formen an. Aus runden Hütten werden eckige Häuschen, lichter Regenwald und Reisfelder bestimmen das Landschaftsbild, statt Mangos gibt es Kochbananen. In einem Dorf sehen wir zu, wie in Handarbeit aus Palmöl Speiseöl hergestellt wird.

 

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Hinter Guéckédou wird aus der lehmigen Piste eine asphaltierte Straße mit Fußgängerüberwegen, Verkehrsschilderwald, Leitplanken und Stoppschildern an jedem Pfad, der auf die Straße zuläuft. Ein EU-Projekt im Nichts. Der Verkehr fehlt zwar, aber wir haben kurz das Gefühl, in Europa unterwegs zu.

In Nzérékoré lädt mich die Hotelmanagerin in ihr Waisenheim ein. Von den 23 Kindern, die sie betreut, leben zehn Mädchen in einem Haus neben dem Hotel. Zurückhaltend blicken sie mich an.

Die Managerin ist die Erste, der wir begegnen, die vom im Land grassierenden Ebolavirus erzählt. Aufgebracht schimpft sie über die ihrer Meinung nach überzogenen Falschinformationen in der Weltpresse: „Seht ihr hier irgendwo etwas davon? Ihr könnt in das Krankenhaus gehen. Dort werdet ihr nicht einen Kranken finden. Alles Lüge, um uns zu schaden.“

Im Ort ist wie bisher auf der ganzen Reise, nichts von der Krankheit zu spüren oder zu sehen. Junge Frauen sitzen vor den Hütten und legen sich ihre Haare zu auffallenden Frisuren, Kinder reden lebhaft auf mich ein. In einem Hof sitzen in rosa gekleidete Frauen und feiern eine Hochzeit, obwohl Braut und Bräutigam abwesend sind.

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Mit der Gartenschere in den Dschungel

Am nächsten Tag geht es mit der Gartenschere in den Dschungel. Im unweit von Nzérékoré gelegenen Bossou Park machen wir uns, begleitet von vier lokalen Führern, auf die Suche nach einer geschützten Schimpansen-Kolonie.

Die Pfade sind schmal und rutschig. Mit einer Gartenschere schneidet ein Tierhüter Zweige, die auf Gesichtshöhe hängen, ab. Nach einer knappen Stunde Wanderung hören wir Schimpansen, kurz darauf sehen wir sie. Munter turnen sie durch die Bäume, einer bewirft uns mit Zweigen.

 

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Staub wirbelt durch die Luft. Auf dem Dorfplatz findet ein Fußballspiel zwischen zwei Vierteln statt. Eine Mannschaft besteht aus fünf Spielern, das Tor hat die Größe eines Eishockeytores.

Wir setzen uns an den Rand des Spielfeldes. Nicht lange und wir werden gebeten, uns zu den Offiziellen am gegenüberliegenden Spielfeldrand zu setzen.

Tor! Zünftig wird der Torschütze umjubelt. Kurze Zeit später ist das Spiel vorbei und der Platz leer.

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Ein letztes Mal vor der Weiterreise nach Liberia gehen wir in Guinea in ein Restaurant. Die Köchin ist Senegalesin und das Essen ausgezeichnet. „Senegalesen sind sehr gute Köche. Einheimische, die ein Restaurant eröffnen, schummeln gern und behaupten, es sei ein senegalesisches Restaurant“, erfahren wir. 

Gummibäume dominieren die Landschaft auf der Fahrt zur Grenze. In einem Dorf halten wir das letzte Mal in Guinea. Die Bewohner stellen Palmwein her: „Probiert ihn einmal“, fordern sie uns auf. Wir nehmen einen Schluck von dem erfrischenden Getränk.

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