Marokko

Eine 35-minütige Zugfahrt von Fes entfernt liegt Meknes. Für die Fahrt vom Bahnhof zur Medina verlangt der Taxifahrer 30 Dirham. Vorsorglich habe ich mir auf einem Zettel den realistischen Preis von 15-20 Dirham notiert. Den halte ich ihm hin, er lacht und schon sind wir uns einig.

Nach Bauchgefühl laufen wir in die Medina und finden sofort unser Riad. Brautgesang erklingt vor der Zimmertür. Eine Braut mit ihren Begleiterinnen singt fröhlich, wir lachen herzlich zusammen, dann verschwindet sie und eine weitere Braut kommt.

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Meknes ist eine der vier marokkanischen Königsstädte. Zur Zeit der Regentschaft von Sultan Mulai Ismail war Meknes die Hauptstadt Marokkos. Durch das Bab er Rih gelangt man zum prachtvollen Grab von Mulai Ismail und zu seiner sehenswerten, Versailles nachempfundenen, „Königsstadt“.

Die Medina ist überschaubar, die Souks sind schön und ursprünglich. Zum Mittagessen gehen wir in einen kleinen Imbiss. Am einzigen Tisch sitzen drei Marokkaner vor einem großen Gemeinschaftsteller. Sofort schieben sie ihren Teller zu uns herüber, wir nehmen eine Kleinigkeit, und schieben später unser Essen den fünf Marokkanern, die mittlerweile am Tisch sitzen, zu.

Mit dem Zug-Komfort der dritten Klasse – Holzklasse, viel Lokalkolorit – erreichen wir Rabat.

Die Medina ist weniger pittoresk, die Gassen sind eher Straßen. Auf einem Felsen über der Medina thront die Kasbah, eine Wehrburg aus dem 12. Jahrhundert.

„Hier ist alles so verwinkelt, es ist schwierig such zurecht zu finden“, werden wir am Eingang zur Kasbah bestürmt. Unbeirrt von den Worten der selbsternannten Guides gehen wir weiter. Einer lässt sich jedoch nicht abschütteln. Ganz uneigennützig will er uns zur Terrasse mit Meerblick bringen. Kreuz und quer rennt er vor uns durch die Gassen. Auf der Terrasse stellt er sich grinsend vor uns: „Ihr findet von hier nicht wieder zurück.“ „Ihr braucht mich jetzt.“ Mitfühlend sehen wir ihn an. Wir wissen, dass wir nur geradeaus gehen brauchen.

Der 44 Meter hohe Hassanturm, der einst mit 80 Metern das höchste Minarett in Nordafrika werden sollte, gilt als Vorbild für die Form marokkanischer Minarette. Wir streifen durch die Moschee-Ruinen hinüber zum Mausoleum von Mohammed V. Vor den Eingängen stehen Soldaten mit Pluderhosen und Umhang, wir sollen uns mit der Besichtigung des prächtigen Grabmals beeilen.

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Am Stadtrand von Rabat steht die Nekropole Chellah. Lautes Klappern empfängt uns. Auf den Ruinen, in den Bäumen, jedes freie Plätzchen wird von einem Storchenpaar bewohnt. Ihre Unterhaltungen haben einen eigenen Rhythmus. Schnell schwillt das Klappern an, ebbt wieder ab, bis ein letztes Klak zu hören ist – Ruhe. Ruhe über den römischen und islamischen Ruinen. Ausgiebig lassen wir die Magie von Chellah auf uns wirken.

Eine direkte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Rabat nach Essaouira gibt es nicht. Wir müssen mit dem Zug nach Marrakesch und von dort mit dem Bus weiterreisen.

Der Bus hält direkt vor der Medina von Essaouira. In der Altstadt gibt es keine verwinkelten Gassen, die Straßen sind geradlinig angeordnet, das ganze Viertel ist ein Souk. Auch die Methoden der Händler, um Kundschaft in ihr Geschäft zu locken, sind ausgefeilter als in den anderen Städten.

„Kommt in meinen Laden, trinkt Tee und schreibt mir die Übersetzung von Happy New Year ins Deutsche auf.“ Noch vor dem Laden zücke ich Papier und Stift, schreibe das Gewünschte auf und gehe weiter. Ein verärgerter Händler bleibt zurück.

Atlantikwellen schlagen an die Mauern der Festung. Kleine Fischerboote liegen in ihrem Schutz. Pünktlich um 11 Uhr kommen die Fischer zurück in den neben der Festung liegenden Hafen. Der Fang wird ausgeladen, Käufer kommen direkt zum Anleger, der größte Teil der Ausbeute wird auf Lkw verladen. Netze liegen zum Trocknen auf der Mole, Fischer sitzen davor und flicken sie.

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Ein Teil des Fanges wird in Garküchen, die in einem kleinen Park am Hafen stehen, angeboten. Zum Mittag wählen wir aus den verschiedenen Fischen einige aus, lassen sie zubereiten und haben ein fantastisches Essen.

<Vom kühlen, winddurchwehten Essaouira fahren wir ins sonnig-warme Marrakesch zurück.

Vom lauten, überfüllten Marrakesch wollen wir weiter in die Sahara reisen. Ein Mietwagen ist die zeitsparendste Variante. Wir mieten einen Kleinwagen ohne Klimaanlage, erhalten jedoch einen geräumigen Wagen mit Klimaanlage.

Aid-Ben-Haddou ist das erste Ziel auf dem Weg in den Süden. Die Straße führt die Berge hinauf und quert den höchsten Pass. In der Ferne leuchten die weißen Gipfel des Atlas. Die Berberdörfer, an denen wir vorbeifahren, unterscheiden sich farblich kaum von ihrer Umgebung. Als es bergab geht, verändert sich die karge Landschaft. Fruchtbare Täler bestimmen die Szenerie.

Unbehelligt die Landschaft zu fotografieren ist selbst in der meist menschenleer wirkenden Gegend schwierig. Kaum berühren die Füße beim Aussteigen aus dem Auto den Boden, ist jemand da und verkauft Steine, bittet um Aspirin oder einen Kugelschreiber. Als Dank würde es eine Kette geben, natürlich in einem Laden in der Nähe.

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Je näher wir unserem Ziel kommen, desto wüstenhafter wird die Landschaft. Starker eisiger Wind, der den Sand in der Luft herumwirbelt, macht es unmöglich, auf das sonst schon von Ferne zu sehende Aid-Ben-Haddou zu blicken.

Das alte Aid-Ben-Haddou liegt an einem Berghang, in 1300 Meter Höhe. Im Fluss, der das alte Dorf umgibt, liegen Sandsäcke. Wir balancieren darüber und tauchen ein in eine andere Zeit.

In den verwinkelten Gassen, die sich den Berghang hinauf ziehen, ist es windstill. Die dreigeschossigen aus Lehm gebauten Häuser sehen durch ihre Ecktürme wie wehrhafte Burgen aus. Auf dem Berggipfel stehen die Ruinen der Kasbah, von der wir weit ins Land und auf einen Palmengarten vor dem alten Dorf blicken.

2013-01-13 - 22

Das Dorf ist weitgehend unbewohnt. Ein Café, ein paar Läden, eine Pension sind die einzigen belebten Ecken. Die Zahl der Händler am Rand des alten Dorfes und im neuen Dorf ist um ein Vielfaches höher, als die der Besucher, was wir deutlich zu spüren bekommen.

Bergauf, bergab, durch Steinwüste und fruchtbare Täler über ein Asphaltband mit tiefen Schlaglöchern und scharfkantigen Rändern fahren wir nach Ouled Driss, tauschen dort Mietwagen gegen Kamel und schaukeln mit einer Fünf-Kamele-Karawane zwei Stunden weit in die Sahara.

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Zwischen den Dünen taucht das Camp auf. Absteigen. Mustafa, der Guide, schickt die Kamele in die Wüste, wir legen unsere Sachen in das mit Teppichen und Betten ausgestatte Zelt, Brahim der Koch serviert Pfefferminztee. Beim Tee erzählt er über das Leben der Tuareg und seine Familie, die aus Algerien nach Marokko gezogen ist.

Sonnenuntergang. Wir klettern auf einen Dünenkamm, blicken weit in die Sahara, beobachten wie Mustafa die Kamele lockt und  Brahim Holz hackt, ehe alles im Dunkel verschwindet. Lagerfeuer, Tee und der wunderschöne afrikanische Sternenhimmel – wir sitzen noch lange draußen und hören Brahims Erzählungen zu.

Sonnenaufgang. Nach einer kleinen Wanderung über die Dünen und der Entscheidung, welche denn nun am geeignetsten für die Sicht auf den Sonnenaufgang ist, erleben wir ein atemberaubendes Licht- und Schattenspiel.

Am späten Vormittag tauschen wir die Kamele wieder gegen das Auto ein. Wir werden es erst in Agadir zurückgeben. Aber das hat noch Zeit.  

Zuerst wollen wir Zagora erreichen. Auf unserem Weg dorthin, legen wir einen Stopp in Tamegroute ein, um uns die Bibliothek mit den 4189 handgeschriebenen Büchern und Schriften anzusehen. Sofort haben wir einen Guide, der uns das Dorf zeigen möchte, an unserer Seite. In dem Dorf sind Touristen nicht gern gesehen und so freuen wir uns über das Angebot.

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Die Bibliothek hat geschlossen, der Bibliothekar ist in der Moschee. Die überdachten Wege zwischen den Häusern sind niedrig und dunkel. Die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. Wir betreten ein Haus. Tiefschwarzes Nichts umgibt uns. Mohammed, der Guide, drückt den Lichtschalter. Eine Glühbirne wirft ein schwaches Licht auf eine 80-jährige Frau, die in einer Ecke sitzt und betet. Wegen ihres Alters braucht sie nicht zum Beten in die Moschee gehen. Eine Treppe höher, sind Schlitze in der Wand, die etwas Licht hereinlassen. In einem Raum ist ein Loch im Boden, Lehm liegt griffbereit daneben – die Toilette. Ist der Raum unter dem Loch voll, wird das Loch verschlossen, das Gemisch ruht fünf Jahre und wird anschließend als Mist verwendet. Als wir gehen, knipst Mohammed das Licht wieder aus. Die alte Frau bleibt in der absoluten Dunkelheit zurück.

Vorbei an einer Waschmaschine, die für mehrere Familien wäscht, betreten wir einen Innenhof. Ein kleiner, mit Holz befeuerter, Backofen steht in der Ecke. Frauen sitzen auf einer Bank und warten, dass ihre Fladen gebacken werden. Wir kaufen ihnen ein Brot ab. Es schmeckt hervorragend.

In der Zwischenzeit ist der Bibliothekar aus der Moschee zurückgekehrt und wir sehen uns die kleine Bibliothek an.

Zagora ist eine Oasenstadt und günstig gelegen für einen Übernachtungshalt auf dem Weg nach Tafraoute.

Die Straße nach Tafraoute ist reich an Serpentinen, die sich durch den Antiatlas ziehen. Sechs Kilometer vor Tafraoute biegen wir von der Landstraße ab und parken das Auto auf einem Dorfplatz. Vor uns zieht sich ein altes verlassenes Dorf mit dreigeschossigen Wohnburgen aus Lehm den Berghang hoch. Zwei der Häuser sind restauriert. In einem ist ein Museum untergebracht, in dem anderen ein kleines Hotel, unser Quartier. Ein Esel, der an einen Baum gebunden ist, meldet – oder begrüßt – jeden Besucher.

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Rötlich leuchten von Wind und Regen rundgeschliffene Granitfelsen in der Sonne. Die Dörfer an den Hängen heben sich kaum von den Felsen ab. Viele Häuser sind verfallen, die Jungen in die Städte abgewandert.

Im bewohnten Museum von nebenan tauchen wir ein in das frühere Dorfleben. Der Hausherr, der gerade mit einem Freund im Gästezimmer sitzt, lädt uns zum Tee ein. Trommel, Banjo und Berberbass werden hervorgeholt und Volkslieder gesungen.

Als wir uns verabschieden, dämmert es bereits. Von der im nächsten Dorf liegenden Moschee, schallt das Abendgebet durch das Tal – Gesang, der noch lange zu hören ist.

Letztes Ziel, Agadir: Steile Serpentinen, atemberaubende Ausblicke, Arganien in der Felslandschaft, auf Hügeln thronende Speicherburgen geben ein tolles Bild.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Agadir, das 1960 durch ein Erdbeben zerstört wurde und daher, außer der Kasbah, wenig Sehenswertes besitzt, fliegen wir zurück nach Deutschland.

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