Libanon

Es ist leicht, einen leeren Kopf hoch zu tragen.
(Aus dem Libanon)

April 2018

Beirut – Anjar – Baalbek – Byblos – Bcharre – Sidon – Mleeta 
und weiter nach Katar

LibanonEine Zusammenfassung:

Zügig und komfortabel verläuft die Einreise in den Libanon. Das Visa on Arrival gibt es, ohne Anstehen, an der Passkontrolle, der Beamte füllt das Visaformular aus, kontrolliert meinen Pass auf Hinweise nach einem Aufenthalt in Israel, blickt etwas länger auf das Iran-Visum und drückt den Einreisestempel in den Pass. Der Rucksack dreht bereits auf dem Gepäckband seine Runden. Zwanzig Minuten nach der Landung stehe ich bereits vor dem Flughafengelände, fahre mit einem Taxi in das nahe gelegene Beirut und reiße meinen Gefährten ungeahnt früh aus dem Schlaf.

Nach ein paar Stunden Erholung wollen wir uns am Frühstücks-Büfett die Fitness für einen Bummel durch die Stadt holen. Obwohl die Frühstückszeit noch längst nicht vorbei ist, finden wir nur ein paar Oliven, Käse und etwas Weißbrot vor. Der viel gepriesene libanesische Kaffee entpuppt sich als überdosierter löslicher Kaffee.

Das Beiruter Stadtzentrum ist nahezu komplett neu wiederaufgebaut: Von 1975 bis 1990 tobte ein heftiger Bürgerkrieg zwischen verschiedenen religiösen Kräften mit wechselnden Koalitionen im Land. Heute hat der Libanon die einzige Verfassung in der arabischen Welt, die keine Staatsreligion vorschreibt und Religionsfreiheit garantiert. Stabilität soll dem Land eine Regierung der nationalen Einheit geben, in der das Staatsoberhaupt maronitischer Christ, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim und der Regierungschef sunnitischer Muslim sein muss.

Die Gehwege abseits der Hauptstraßen starren vor Schmutz. Gut getarnte Panzer stehen am Straßenrand, Mauersegmente bilden einen Schutzwall vor einem schmucken Gebäude, Soldaten patrouillieren davor. Auf Nachfragen erfahren wir, dass es die Botschaft Saudi-Arabiens ist. Ob die Botschaft erst seit November 2017 so bewacht wird, als der libanesische Regierungschef Saad Hariri unter ungeklärten Umständen von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt erklärt hat, erfahren wir nicht.

Wohnviertel, manche mit interessanter Architektur, wachsen auf jedem freien Fleckchen in den Himmel. Dazwischen werden kleine Moscheen und Kirchen fast zerquetscht. Vor den größeren frei stehenden Kirchen und Moscheen wachen Soldaten in Betonhäuschen. Betonsperren stehen großzügig verteilt in allen Straßen der Innenstadt.

Film 1

Ungewollt finden wir beim Streifzug durch die Stadt sämtliche Ruinen aus der Römerzeit. Eine großflächige Ausgrabung befindet sich zwischen den wichtigsten, in friedlicher Nachbarschaft stehenden, sakralen Gebäuden Beiruts, der Mohammed-al-Amin-Moschee, der maronitischen St.-Georgs-Kathedrale und der griechisch-orthodoxen St.-Georgs-Kathedrale.

Film 2

Beirut nutzen wir als Ausgangspunkt für verschiedene Tagestouren in das Umland. Kulturbeflissen beginnen wir mit einer UNESCO-Welterbestätten-Tour zu den Ruinen der Umayyaden-Stadt Anjar und den Ruinen in Baalbek mit abschließender Weinprobe auf dem Weingut Château Ksara.

Anjar liegt zwischen den Gebirgszügen des Libanongebirges und dem Anti-Libanon rund zehn Kilometer vor der Grenze zu Syrien. Bewohnt wird die Stadt hauptsächlich von Armeniern, die den Völkermord durch die Türken im Osmanischen Reich überlebt haben. Einige von ihnen sind als Archäologen an der Restaurierung der Ruinen von Anjar beteiligt. Hilfsarbeiten, wie das Reinigen der Mauern, erledigen syrische Flüchtlinge.

Film 3

Einer der Archäologen ist unser Guide. Nach einer etwas langatmigen Einführung, die uns Langeweile-Kopfschmerz bereitet, wird die Führung jedoch so interessant, dass selbst bei uns Altertümer-Muffeln die Aufmerksamkeit geweckt ist. Abends werden wir feststellen, dass Anjar – ursprünglich wollten wir nicht dorthin – der Höhepunkt des Tages war.

Durch die fruchtbare Bekaaebene fahren wir weiter nach Baalbek. Am Rand von grünen Feldern stehen kleine Camps, in denen Flüchtlinge aus Syrien leben. Einige Zelte stehen vereinzelt in der Ebene. Um die innere Sicherheit zu gewährleisten, zeigt die Regierung Militärpräsenz auf den Straßen und hat Checkpoints eingerichtet.

Wir kommen ins Gespräch mit unserem Fahrer. Mit Verwunderung erfahren wir, dass die Wehrpflicht im Libanon bereits 2008 abgeschafft wurde. In zwei Monaten sind Wahlen und „natürlich versuchen Saudi-Arabien, der Iran und der Westen Einfluss zu nehmen.“ Zu den Waffenverkäufen des Westens an Saudi-Arabien hat er eine eigene Meinung: „Das ganze Kriegsgerät dient den Saudis nur als Statussymbol.“ „Die Armee kann nicht damit umgehen.“

Durch die Ruinen von Baalbek begleitet uns wieder ein Guide, der viel erzählt und nervt, da er immer genau zu wissen glaubt, wo wir wie gemeinsam fotografiert werden wollen. Dem Kaffee, den er ganz unverbindlich mit uns im Laden eines Freundes trinken möchte, können wir gerade so entkommen.

Dafür probieren wir ein paar Kilometer weiter im Château Ksara libanesischen Wein. Château Ksara ist das älteste und größte Weingut des Landes. In kilometerlangen natürlichen unterirdischen Kalksteintunneln und –höhlen lagern Weinfässer und Flaschen. Die Weine haben einen Alkoholgrad zwischen 13 und 18 Volumenprozent. Gut, dass wir einen Fahrer haben. Leicht beschwingt verlassen wir den Weinkeller.

Bevor wir uns in den Nachmittags-Trubel Beiruts stürzen, legen wir eine kurze Pause im Hotel ein. Als wir gehen, funktioniert das Türschloss des Hotelzimmers nicht mehr. „Keine Sorge.“ „Wir haben Kameras auf allen Fluren“, versichert uns ein Hotelangestellter. Die Tür bleibt bis zur Abreise am nächsten Tag unverschließbar.

Ein Bummel auf der Corniche (Uferpromenade) soll den Tag abrunden. Auf einer Landzunge mit Blick auf die Taubenfelsen – zwei dicht beieinander im Meer stehende Felsen und Wahrzeichen Beiruts – wehen Fahnen mit dem Konterfei von Abdullah Öcalan, junge Leute in Kurdistan-T-Shirts feiern ausgelassen.

Film 5

Libanon hat eine 225 Kilometer lange Küstenlinie, ruhige Strand-Ressorts in Byblos und eine regelmäßige Busverbindung in die älteste Stadt des Libanon.

Der Busfahrer setzt uns fußläufig zu den Ruinen von Byblos ab: „Nehmt kein Taxi.“ „Es sind nur drei Minuten.“ Wir wollen zwar nicht zu den Ruinen, aber sie stehen am Wasser und das Ressort kann nicht weit entfernt sein.

Die Ruinen besichtigen wir auch später nicht, bummeln nur durch die überschaubare Altstadt, organisieren ein Auto mit Fahrer für unsere morgigen Pläne und relaxen am Hotelpool und am Mittelmeerstrand.

Film 6

Im klapprigen Toyota geht es in das lange als Rückzugsort gläubiger Christen genutzte Qadischa-Tal. Die Moscheendichte in den Dörfern nimmt ab, neben alten Kirchen stehen neu erbaute Gotteshäuser mit schmucken hellen Sandsteinfassaden. Auch im Innern sind die Kirchen in ihrer Schlichtheit sehr schön, die etwas kitschigen Heiligenbilder sind wohldosiert an den Kirchenwänden verteilt angebracht.

Die tiefe Schlucht des Qadischa-Tales ist von Terrassenfeldern umrahmt, zwischen denen maronitische Klöster, Höhlen und Dörfer verstreut liegen. Zwei Klöster erwandern wir uns auf einem fünf Kilometer langen Weg.

Film 7

Die Ruhe, der in den Felsen gebauten Klöster, genießen wir für uns alleine. Erst auf dem Rückweg kommen uns Wanderer entgegen.

Serpentinen winden sich vom Qadisha-Tal hoch nach Bcharre im Libanongebirge. Schnee liegt an den Berghängen. Mitten in der kahlen Landschaft steht der „Wald Gottes“, eine Baumgruppe aus zum Teil 50 Meter hohen und über 1.000 Jahre alten Zedern, dem Nationalsymbol des Libanon.

Nach Zahlung einer Pflichtspende dürfen wir den Wald betreten, drehen eine kurze Runde zwischen den wenigen Bäumen, besuchen die kleine Kirche mit einem Altar aus Zedernholz und kehren zu Pool und Mittelmeerstrand zurück.

Film 8

Auf dem Rückweg von Byblos nach Beirut legen wir einen Abstecher zur Jeita-Grotte ein, einem der weltweit schönsten Höhlensysteme. Gebilde wie Säulen, Pilze, Vorhänge und der längste Stalaktit der Welt – er hängt 8,20 Meter von der Decke herab – machen den Spaziergang durch die bis zu 118 Meter hohen Kammern der oberen Grotte zu einem wahren Augenschmaus.

In der kleineren unteren Grotte, in der im libanesischen Bürgerkrieg Munition gelagert wurde, fließt der Nahr al-Kalb, auf dem kleine Boote zu einem unterirdischen See fahren.

In einem metallic roten „Ponton-Mercedes“ Typ 180 (W 120) aus dem Jahr 1953 chauffiert uns ein ebenso betagter Fahrer nach Beirut.

An unserem letzten Tag im Libanon mieten wir für eine Fahrt Richtung Süden und ins Landesinnere ein Auto mit Fahrer.

Grün und Landwirtschaft durchbrechen die sonst komplette Wohnbebauung der Küstenlinie. Hinter Sidon biegt die Straße nach Mleeta im Landesinneren ab. In den von kahler Berglandschaft umgebenen Dörfern, wehen Fahnen der Hisbollah. Plakate und Wände mit Bildern von Märtyrern flankieren die Straße. Beim Fotografieren soll ich vorsichtig sein und aufpassen keine Leute aufs Bild zu bekommen. Aus dem Nebel, der immer dichter wird, je mehr sich die Straße den Berggipfeln nähert, taucht Mleeta auf – von 1986-2000 Stützpunkt im Kampf der zur politischen Partei gewordenen libanesischen Hisbollah und dem Staat Israel.

Film 9

Heute ist Mleeta ein Mix aus Gedenkstätte, Museum und Themenpark. Zu Schrott geschossenes Kriegsgerät liegt in einem „Abgrund“ genanntem Rondell. Auf einem durch Tarnnetze abgeschirmten Pfad – teilweise markiert er die ehemalige Feuerlinie – durchstreifen wir den niedrigen Wald, in dem verstreut Waffen, Ausrüstung und medizinische Versorgungsplätze, Tunnel, Bunker und Gebetsräume zu besichtigen sind.

Von der schiitischen Gedenkstätte Mleeta fahren wir zum Marien-Wallfahrtsort Magdouche. Dort wartete der Legende nach Maria in einer Grotte auf die Rückkehr ihres Sohnes von seinen apostolischen Wanderungen.  

Die heilige Grotte ist eine Kapelle. Russischsprachige Pilger beten in der Grotte. Es riecht nach Bohnerwachs.

Film 10

Unterhalb des christlichen Heiligtums liegt am Meer die konservativ sunnitisch geprägte Stadt Sidon: An Kleidung und Verhalten der Bewohner unschwer erkennbar. In der mittelalterlich schönen Altstadt schlendern wir, im geheimnisvollen Halbdunkel des überwölbten Marktes, an Handwerkern die nach uralter Handwerkertradition Waren anfertigen vorbei, bedauern, dass es auch hier keine Lokalitäten die Mezze (orientalische Vorspeisen) anbieten gibt, besichtigen die am Meeresufer liegende alte Seefestung mit weitem Ausblick auf den Hafen, die Altstadt und die Berge.

Film 11

Die Ausreise aus dem Libanon ist ungleich zeitaufwendiger als die Einreise. Lange Warteschlangen, um zum Check-in zu gelangen, lange Warteschlangen am Sicherheitscheck, Taschenkontrolle unmittelbar vor dem Einstieg in das Flugzeug und für Frauen eine Abtastkontrolle im Flieger: Verspätet startet der Flug auf die Arabische Halbinsel.

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