Hebron

Geschäftigkeit empfängt uns in einer der ältesten Städte der Welt. Wir tauchen ein in das Markttreiben der Altstadt. Nur 100 Meter, dann endet das bunte Treiben abrupt. Überwachungskameras an jeder Hausecke, Sandsäcke auf den Häusern, Stacheldraht, Betonsperren, Wachtürme. Soldaten registrieren mit schnellem Blick unsere Anwesenheit, dann verschwinden sie in eine nichteinsehbare Ecke ihres Postens.

Seit 1997, als sich Israel und die palästinensische Autonomiebehörde über einen Teilabzug aus Hebron einigten, ist die Stadt verwaltungstechnisch in die palästinensisch kontrollierte Zone H1 und die israelisch kontrollierte Zone H2 geteilt.

Im Zentrum der Altstadt leben ein paar Hundert radikale jüdische Siedler, hermetisch abgeschottet und geschützt von einigen Tausend israelischen Soldaten.

Eine Handvoll Palästinenser trotzt den Umständen und hat die Läden geöffnet – einzige Hoffnung auf ein wenig Einkommen. Not und Wut sind deutlich zu spüren.

Ein Blick nach oben. Stabile grüne Netze spannen sich über die Gassen. Joghurtbecher, kleine und größere Müllsäcke liegen verstreut auf den Gittern: Siedler pflegen ihren Abfall aus dem Fenster zu werfen.

An einem Kontrollpunkt begehrt ein älterer Mann lautstark Einlass in die jüdische Siedlung. Die Soldaten, die oberhalb des Drehkreuzes stehen, reagieren nicht. Der Mann wird lauter, keine Reaktion.

Die Seitengassen sind mit Stacheldraht und Betonplatten abgeriegelt. Eingetretene Türen, kaputte Fensterscheiben, bröckelnde Fassaden: Viele Bewohner hatten die Nase voll von überfallartigen Durchsuchungen durch die israelische Armee und verließen ihre Häuser.

Wer ein Haus am Sperrgebiet bewohnt, dem wurden die Fenster, aus denen der Blick auf die israelische Zone geht, zugemauert. Siedler beziehen obere Stockwerke arabischer Häuser und verdrängen so, die Bewohner aus ihren Wohnungen. Arabische Familien müssen über das Dach klettern, um ihr Haus durch den Hintereingang zu betreten, weil die Straße zur vorderen Haustür für sie verboten ist.

„Wer muss hier vor wem geschützt werden?“ Die Frage bekommen wir mehrmals gestellt auf unserem Weg zur Abraham-Moschee, in der sich das Grab der Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob und ihrer Frauen Sara, Rebekka und Lea befindet. Ein heiliger Ort für religiöse Juden sowie Christen und Muslime: Von zwei verschiedenen Eingängen her betreten Muslime und Juden die Moschee. Beim Gebet stehen sich die Gläubigen, durch eine Wand getrennt, gegenüber. Nur wenige Meter voneinander entfernt, hören und sehen sie sich nicht.

Eine Gruppe Palästinenser steht in einer Gasse und tauscht Nachrichten aus. Am Vortag wurden 17 Palästinenser beigesetzt, die bei dem Versuch, Israelis zu töten, selbst von israelischen Sicherheitskräften getötet worden waren. Vor wenigen Stunden wurde eine israelische Soldatin erschossen.

Ein Gerücht? Um uns herum ist es gespenstig ruhig.

Der Zugang zu dem mit Stacheldraht und Betonsperren eingezäunten Moscheegelände ist gesperrt. Eine Reaktion auf die erschossene Soldatin. Niemand weiß, wann die Moschee wieder zugänglich wird. – Morgen? In einer Woche?

Am Zugang zur Siedlung begehrt der Mann immer noch lautstark Einlass. Einer der Wachen hält sein Gewehr in die Richtung des Mannes und ruft etwas zu ihm herunter. Der Mann gibt auf und geht, leicht gestützt von drei jungen Männern.

Im Süden ist Hebron von Hügeln umgeben. Granatäpfel, Feigen, Oliven, Aprikosen wachsen dort in palästinensischen Gärten. Hier und da wehen israelische Fahnen auf Wohnhäusern, die Gärten sind unerreichbar für ihre arabischen Eigentümer. Geschützt werden die Siedler von Wachtürmen aus, die auf, von Palästinensern bewohnten Häusern errichtet wurden. – Absurdität und Unlösbarkeit des Nahost-Konflikts sind in Hebron greifbar.

 

zurück zur Zusammenfassung

Print Friendly, PDF & Email
Share this:Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePin on Pinterest