Bei den Mbuti-Pygmäen

Ein Glühwürmchen schwirrt durch die pechschwarze Nacht. An drei kleinen Feuern werden Bananen in der Glut geröstet, frisch gefangener Fisch gegrillt, Sachen getrocknet.

Am Morgen waren wir von Epulu aus aufgebrochen. Drei Ranger, vier Träger mit Wasser, Zelt und Kochbananen beladen, begleiten uns. Nach einer Stunde Wanderung erreichen wir den Primärwald. Nur Waldbewohner dürfen sich dort aufhalten. Jeder andere gilt potenziell als Wilderer und darf von den Rangern erschossen werden.

Unter den Blättern der Pflanzen sind die Pfade kaum sichtbar, Straßen der fleischfressenden roten Ameisen kreuzen unsere Wege. Einige zeigen sich sehr anhänglich und beißen sich durch die Hose hindurch fest.

Das Zeitgefühl schwindet. Wir treten auf eine Lichtung und stehen an den Überresten eines Lagerfeuers, das von aus Ästen und Laub gebauten Hütten, die an Iglus erinnern, umgeben ist: Ein Pygmäendorf, das von seinen Bewohnern, die als Jäger und Sammler durch den Urwald ziehen, verlassen wurde.

Über einem schnell strömenden Fluss liegt ein Baumstamm, Lianen geben uns Halt beim Balancieren ans andere Ufer.

Hunger. Träger legen Blätter zu Sitzkissen zusammen, ein paar Kekse machen die Runde. Zu kurz ist die Rast, aber die Sonne geht bald unter.

Ein Pygmäendorf – wieder verlassen.

An einem Baum ist eine Markierung, die den Honig sammelnden Pygmäen als Erntehinweis dient. Die Hoffnung sie zu finden steigt.

Die Sonne sinkt. Mit ihren Macheten schlagen die Träger einen Platz für eine Schlafstelle in den dichten Dschungel. Erschöpft von der 8-stündigen Wanderung durch Bäche, über morastige Pfade bei hoher Luftfeuchtigkeit, kriechen wir in ein kleines Zelt. Die Ranger halten am Feuer Wache – Mai-Mai-Milizen sind in diesem Gebiet aktiv.

In der Morgendämmerung stehen Kaffee und Tee bereit. Eilig wird alles zusammengepackt, die Feuer werden gelöscht. Nach einem kurzen Marsch erreichen wir ein Pygmäendorf – verlassen.

Leichter Regen dringt durch das dichte Blätterdach. Die Wege werden zu Schlamm in dem wir knöcheltief einsinken.

Jagdlärm! Das Pygmäendorf kann nicht weit sein. Wenige Schritte und wir stehen auf einer Lichtung, inmitten von Hütten und Freudenrufen. Aus Ästen gefertigte Stühle werden herbeigeholt, viele Hände gilt es zu schütteln. Die Freude, dass wir sie gefunden haben, ist auf beiden Seiten groß: Das Dorf hatte gestern einen zehn Mann starken Suchtrupp losgeschickt, der uns jedoch verfehlt hat.

Ein Tropengewitter bricht los. Die Planen werden gespannt. Unter einer wird das Zelt aufgebaut, unter der anderen sitzen Ranger, Träger und die Männer des Dorfes und ziehen an einer großen Marihuanapfeife.

Im Gegensatz zu vielen anderen Gebieten im Kongo ist der Genuss von Marihuana in dieser Gegend erlaubt.

Im Kreis der Rauchenden wird es laut. Ein ehemaliger Kämpfer Mobutus erzählt. Wie in der breiten Bevölkerung genießt der ehemalige Präsident auch hier im Rückblick großes Ansehen.

Das Gewitter hört auf, wir gehen auf die Jagd. Männer, Frauen und Kinder entfachen ein kleines Feuer, bemalen Gesicht und Körper mit Asche, rauchen Marihuana und rufen die Ahnen an.

Gejagt wird mit Speeren, Pfeil und Bogen. Männer sperren mit meterlangen Netzen ein Gebiet ab, Frauen und Kinder treiben lautstark Tiere in die Falle, die dort von den Männern erlegt werden.

Mit Anbruch der Dunkelheit kehren wir erfolglos zurück ins Dorf. Vor den Hütten brennen Feuer, es wird gekocht, die Marihuanahöhle ist immer noch gut besucht.

An der zentralen Feuerstelle sitzen, laut die Ahnen anrufend, Männer im Kreis. Frauen und Kinder halten singend und tanzend gebührenden Abstand zu ihnen.

Der Laut einer weiblichen Stimme erklingt aus dem Wald: Die Ahnen antworten. Unter den Rufen nach den Vorfahren und umgeben von Marihuana geschwängerter Luft schlafen wir ein.

Früh am Morgen wecken uns Jagdrufe. Obwohl Epulu nur 6 km Luftlinie entfernt ist, liegt eine 6 bis 7-stündige Wanderung vor uns.

Im Wald treffen wir Waldbewohner, die auf dem Weg zum Markt nach Epulu sind. Sie wollen mit uns gehen, aber unser Tempo hält sie zu lange auf. Als wir noch immer Stunden von Epulu entfernt sind, kommen sie uns bepackt mit Waren entgegen.

Nur schleichend und schleppend kommen wir voran. Das Tropengewitter hat kleine Bäche zu Flüssen anschwellen lassen, auf den Wegen versinken wir teilweise knietief im Schlamm.

Der Baumstamm über den Fluss, der vor zwei Tagen die Ufer miteinander verband, ist weggerissen, die Strömung zu stark um durch den Fluss zu waten.

Wir machen uns auf die Suche nach einer Möglichkeit das Gewässer zu überqueren. Flussaufwärts schimmert ein Baumstamm durch das Wasser, Lianen sind als Halt von Ufer zu Ufer gespannt. Wir hangeln uns, mit den Füßen nach dem Baumstamm tastend, hinüber.

Stimmung und Motivation sinken mit jedem Schritt. Sieben Stunden sind wir nun schon unterwegs und wollen endlich ankommen. Eines der verlassenen Pygmäendörfer taucht auf: Ein langer Weg liegt noch vor uns.

Wir rasten. Die Stärkung mit Keksen, Mangos, gebratenen Bananen und gesalzenem Fisch hebt kurzzeitig die Stimmung.

Die Sonne nähert sich dem Blätterdach des Regenwaldes. Wir sind seit zehn Stunden unterwegs: Das Dorf kann einfach nicht mehr weit sein. Endlich – Kochfeuer leuchten in der Dämmerung. Epulu!

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