Turkmenistan/ Tadschikistan/ Kirgistan

Tadschikistan gehört mit zu den ärmsten Ländern der Erde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versank das Land von 1992 bis 1997 in einen Bürgerkrieg, in dem Regionen und regionale Clans um die Macht kämpften:  Die Hauptroute für afghanische Drogen nach Europa verläuft durch das Land. Während des Bürgerkriegs wurde Emomali Rachmon 1992 vom Parlament zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets Tadschikistans gewählt, 1994 schließlich zum Präsidenten.  

Emomali Rachmon der sich „Gründer des Friedens und Einiger und Anführer der Nation“ nennen lässt, ließ bereits mehrmals die Verfassung ändern, um seine Verweildauer im Amt auf unbestimmte Zeit zu erhöhen, sowie rechtliche Immunität auf Lebenszeit zu erlangen.

Die Quecksilbersäule scheint bei 38-40 °C festzuklemmen. Am frühen Nachmittag wagen wir uns zum – bis 2014 – höchsten Fahnenmast der Welt. Die Stadt liegt im Dornröschenschlaf. Plakate mit Bildern und Zitaten von Emomali Rachmon grüßen an Straßenkreuzungen und von Hauswänden. Erst kurz vor Einbruch der Dämmerung kommt Leben in die Parks und Alleen. Am Hauptplatz winkt uns ein Polizist zu sich auf das 30 Meter hohe Ehrenmal mit dem Standbild des berühmtesten Samanidenherrschers Ismail I., Urvater der tadschikischen Nation. Der Name der Währung Tadschikistans, Somoni, ist von Samaniden abgeleitet. Wir sollen Fotos machen, gerne auch verbotene Fotos vom „Palast der Nationen“ (Parlament), der von oben gut zu sehen ist. Zurückhaltend fragt er nach Geld. Marc gibt ihm 3 Somoni (30 Cent). Ein freudiges Lächeln huscht über sein Gesicht.

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Vor dem Road Trip durch den Pamir wollen wir zu den Sieben Seen im Fangebirge wandern. Bus und Bahn, die quer durch das Land fahren, gibt es in Tadschikistan nicht. Die einzige Alternative sind Sammeltaxis. Am Haltepunkt werden wir schnell mit dem Fahrer eines Taxis einig. Neben dem in die Jahre gekommenen Opel stehen zwei Frauen, die restlichen Plätze scheinen noch frei zu sein – bis wir einsteigen. Für uns bleibt die zusätzlich im Kofferraum eingebaute, enge zweite Rückbank. Die bequemeren Plätze sind längst verkauft. Kaum haben wir uns in das Auto gepfercht, geht es los. Damit wir Luft bekommen, ordnet der Fahrer an, dass alle Fenster geöffnet bleiben müssen.

Im Ansob-Tunnel, der von den Einheimischen auch ‚Tunnel des Todes‘ genannt wird, hilft diese Maßnahme nicht weiter: 5 Kilometer Tunnel, ohne Entlüftungsanlage und Beleuchtung. Eingezwängt in einen klapprigen Wagen, Abgasluft unzähliger Autos in den Lungen, Scheinwerfer, die erst im letzten Moment zu sehen sind, keine Fluchträume – die Beklemmung wächst mit jedem Meter.

In Penjikent – die Stadt ist ein Zwischenstopp auf dem Weg zu den Sieben Seen – begrüßt mich mein Handy mit ‚Willkommen in Russland‘, obwohl es zu Russland weit und breit keine Grenze gibt. Lediglich das usbekische Samarkand liegt 60 Kilometer entfernt.

Für die Fahrt in das Gebirge haben wir uns gegen ein Sammeltaxi und für einen Privattransfer entschieden. Nur einmal am Tag fährt ein Taxi in das Fangebirge, vollgestopft mit Leuten, bis kein Blatt Papier mehr dazwischen passt.

An der Stadtgrenze werden unsere Pässe und Visa kontrolliert: „KGB“, meint der Fahrer. In Shing, einem Dorf in den Bergen, steigt die Großfamilie des Fahrers zu. Seine Tochter musste dringend zum Zahnarzt und natürlich wurde sie von Mutter, Großeltern und Geschwistern begleitet.

In Nofin, dem Dorf am Vierten der Sieben Seen werden wir abgesetzt. Nofin ist ein kleines Dorf mit Häusern aus Lehm, wilden Aprikosen- und Kirschbäumen in den Gärten und am Wegesrand. Auf jedem Grundstück stehen Taptschane – aus Holz gefertigte Gestelle – die zum Ausruhen, Teetrinken und Essen genutzt werden.

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Unser Gastgeber lädt uns zum Ruhen und Tee trinken ein. Wir lehnen ab. Es ist Vormittag und wir wollen die ersten vier Seen erwandern.

Die Sieben Seen verteilen sich kaskadenartig über eine Höhe von 1598 bis 2400 Metern und werden, je höher man kommt, größer und heller. Wanderkarten braucht es nicht. Der einzige Weg ist die Schotterpiste, auf der wir hergekommen sind.

Die ersten vier Seen liegen nicht weit auseinander und so sind wir bereits nach zwei Stunden am Ersten, violette schimmerndem, See angekommen. Geschäftstüchtig bietet mir ein Zehnjähriger aus dem Dorf unterhalb des Sees an, meinen Rucksack mit Wasserflaschen und Kamera zurück nach Nofin zu tragen.

Der Rückweg zieht sich trotz der reizvollen Landschaft. Zu allem Überfluss wohnen wir am Ende des vierten Sees. Ein Auto hält. Ob wir mitfahren wollen. Wir wollen nicht und bekommen ein paar Tomaten in die Hand gedrückt. Eine willkommene Erfrischung.

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Im Homestay lassen wir uns müde auf einen Taptschan fallen, dösen ein wenig, trinken Tee und genießen später ein reichhaltiges Abendbrot.

Weckerklingeln im Urlaub: Die frühe Zeit ist unsere einzige Chance ohne Hitzeschaden See fünf bis sieben zu erwandern.

Der Weg ist beschwerlich. Kontinuierlich geht es bergauf, von einem Felsüberhang prasseln Steine auf uns herab.

Hinter dem sechsten See (Maguzor) folgen wir dem sprudelnd und tosend abwärts strömenden Fluss hinauf zum Türkis leuchtenden siebten See, der alle anderen Seen im Tal speist.

Ein Mann mit Esel, der zwei Zicklein in seinem Packsattel trägt, fordert mich auf ihn nach seinen Anweisungen zu fotografieren: Ein bestimmter Berg möge im Hintergrund zu sehen sein, der See eher nicht.

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Nach der anstrengenden Wanderung und mit den ersten Nebenwirkungen der Hitze beschäftigt, beschließen wir mit einem Privattransfer zurück nach Penjikent zu fahren. Ein junger Mann, der auf dem Markt in Penjikent Kirschen verkaufen will, nimmt uns in seinem äußerst klapprigen Auto mit.

Für den nächsten Tag haben wir uns mit Mohamed verabredet, dem Fahrer der uns über den Pamir Highway begleiten wird. Zuerst bringt er uns jedoch zum Iskanderkul, benannt nach Alexander dem Großen, dessen Pferd im See ertrunken sein soll.

Zwei Feriensiedlungen aus Sowjetzeiten, teilweise saniert, liegen direkt am Ufer des türkisfarbenen Sees. In der Idylle, der Ruhe und dem Schatten der Bäume erholen wir uns von den Wanderungen der letzten Tage.

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Klopfen an der Zimmertür: Die Zimmernachbarin, eine ältere Frau mit einem gutmütigen Lächeln, bringt uns Tomaten, Brot, Pfirsiche und Melone. Sie hätte bei uns nichts zum Essen gesehen und nun Sorge, dass wir hungern könnten. Das sieht der Platzwart und blafft die Frau an. Unfreundlich erklärt er uns, dass es ein Restaurant auf dem Gelände gibt.

Eine Nacht verbringen wir noch mal in Duschanbe, dann starten wir auf der gut – natürlich von Chinesen – ausgebauten Straße, in die autonome Provinz Berg Badachskhan, die etwa 45 Prozent des tadschikischen Territoriums einnimmt. Passkontrolle. Mohamed steckt 10 Somoni (1 Euro) in seine Papiere.

Nach einigen Kilometern wird das Asphaltband zu einer schmalen, staubigen Bergpiste, die dem Flussbett des reißend strömenden Pandsch folgt, der die natürliche Grenze zu Afghanistan bildet.

Für einen Mittagsimbiss halten wir an einem der Restaurants, die am Straßenrand stehen. Zur Auswahl stehen Plov (in Fett getränkter Reisberg mit Fleischbröckchen) oder Fleischbrühe. Bei der Auswahl müssen wir nicht lange überlegen – Fleischbrühe. Variierend in der Größe des in ihr schwimmenden Knochens wird sie das Mittagsmahl für die kommenden Tage sein.

Eine unbewachte Brücke führt über die reißenden Stromschnellen des Pandsch nach Afghanistan. Auch dort windet sich eine schmale Piste durch das enge, steile Tal, vor den imposanten Berggipfeln, in grünen Oasen, stehen Lehmhütten mit riesigen Satellitenschüsseln auf dem Dach. Kinder spielen Fußball, alte Männer sitzen im Schatten großer Bäume. Geruhsam geht es auf beiden Seiten des Flusses zu.

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Erst im Gästehaus in Kalai Khumb treffen wir unerwartet auf Reisegruppen. Die Gastfamilie hat mehrere Zimmer zu vermieten, für uns ist ein fensterloser Abstellraum als Quartier vorgesehen. Nach einer temperamentvollen Diskussion bekommen wir ein Zimmer mit Fenster. Nur den Teller mit Plov zum Abendessen können wir nicht verhindern.

Auch zum Frühstück wirken die Gastgeber überfordert. Tee und Brot lassen lange auf sich warten, während uns die Wanderzeit für eine Tour ins Bartang Tal davon läuft.

Acht Stunden fahren wir entlang der afghanischen Grenze. Auf der anderen Flussseite sind Arbeiter dabei zwei Teile der Piste zu verbinden: Lässig auf einen Presslufthammer gestützt, bohrt ein Mann Löcher in den Berg und sieht zu uns herüber. Ein anderer hockt daneben. Meterlange Zündschnüre liegen bereit. Am anderen Ende der Lunte steht ein Kochtopf auf einem Lagerfeuer. 

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Drei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Hängebrücke über den Fluss Bartang, einem Nebenfluss des Pandsch. Sie ist der Zugang zum Bartang Tal und ins Dorf Jizeu, in dem wir übernachten wollen.

Der stetig bergauf führende Pfad folgt dem Fluss im Tal. Die Sonne sinkt immer tiefer. Unser Optimismus vor Anbruch der Dunkelheit das Dorf zu erreichen, weicht mit jedem Schritt der Überlegung, wo ein Übernachten auf den Felsen und dem Geröll schmerzfrei möglich wäre.

Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, vor uns liegt ein Kornfeld. Wo ein Feld ist, kann ein Dorf nicht weit sein, hoffen wir.

Erleichterung. Hinter dem Feld erstreckt sich Jizeu, dessen wenige Häuser tiefer liegen und deshalb nicht zu sehen waren. Zu unserer Überraschung wird in der Gastfamilie sehr gut englisch gesprochen. Tee, Suppe und Süßes wird kurzerhand serviert. Der Gastgeber entschuldigt sich, dass es nur Strom aus Solarzellen gibt. Legt aber großen Wert darauf zu betonen, dass seine Solarpaneele aus Deutschland kommen und kein Schrott aus China sind.

In einem typischen Pamirhaus hat die Gastgeberin ein Matratzenlager für uns bereitet. Wie fast alle Bewohner der Pamirregion sind unsere Gastgeber Ismailiten, eine liberale Minderheit des Islam. Fünf Holzpfeiler hat der Raum, die eine Referenz zu den fünf Säulen des Islam und den fünf heiligen Imamen sind. Die Pfeiler stehen vor hölzernen Erhöhungen, auf denen man tagsüber sitzt und in der Nacht schläft. Ein Foto des geistigen Oberhauptes Aga Khan hängt an einer der Stützen.

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Das Lager ist so bequem, dass wir lange schlafen. Ohne Zeitdruck haben wir auf dem Rückweg zur Hängebrücke nun auch die Muße die eindrucksvolle Landschaft zu genießen.

Mohamed erwartet uns bereits. Drei Stunden später sind wir in Chorog, dem lauten, von Autos verstopften Hauptort Berg Badachskhans. In einem, mit Sprelacartwänden (Sprelacart – mit Kunstharz gebundene Schichtstoffplatten) versehenen Schnellimbiss, würgen wir uns frittiertes Huhn und Brot herunter. Als nicht alltägliche Gäste wird das Brot im Brotkorb von der Kellnerin gegen Frisches ausgetauscht.

In Chorog beginnt der eigentliche Pamir Highway. Entlang des Highways gibt es nur wenige Orte, sodass die Stadt die letzte Möglichkeit ist, um sich für die kommenden Tage mit Trinkwasser zu versorgen. Die Suche nach einem Markt, in dem es Wasser gibt, wird zu einem sportlichen Stadtmarathon. Fanta, Cola, Sprite sind überall zu bekommen. In einem unscheinbaren Laden werde ich fündig.  Die letzten drei Wasserflaschen wandern aus dem Regal in meinen Rucksack und ich ins angenehm kühle Hotelzimmer.

Bevor wir Chorog am Morgen verlassen, fährt Mohamed an einen abseits liegenden Supermarkt ran, dessen Regale mit verschiedenen Sorten Wasser bestens befüllt sind. Leichter Unmut steigt in mir auf. Warum hat er mir gestern nichts von dem Supermarkt gesagt?

Mit einem Wasservorrat im Kofferraum, der für mindestens eine Woche reicht, beginnen wir die Fahrt auf dem Pamir Highway.

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