Türkei/ Iran/ Türkei

Wer nichts weiss, der kann auch nichts vergessen.
Kurdisches Sprichwort

Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.
Aus Persien

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12.7.2014 – 17.8.2014

Malatya – Karadut – Van – Diyabarkir – Tabriz – Hamadan –- Khorramabad – Isfahan – Shiraz – Yazd – Teheran – Elburz-Gebirge – Mashhad – Teheran – Zugfahrt nach Sari – Rasht – Van – Malatya

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Eine Zusammenfassung:

Ankunft in Malatya um Mitternacht. Der Zubringerbus vom Flughafen in die Stadt hält extra vor meinem Hotel. „Du sollst sicher ankommen“, meint der Fahrer.

Mit dem ersten Bus am nächsten Morgen geht es gleich weiter in die Provinz Adıyaman, zum Berg Nemrut mit Halt an den sehenswertesten archäologischen Stätten der Provinz – der Nekropole von Perrhe, der antiken Chabinas-Brücke, dem Grabhügel Karakuş und der Grabstätte Arsameia.

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Unterwegs passieren wir zwei Checkpoints. Zu meinem Erstaunen erklärt der Fahrer: „Seit dem Friedensprozess zwischen Kurden und Türken ist Schluss mit dem Terror.“ „Ich bin zufrieden, es gibt jetzt mehr Arbeit und es wird in die Infrastruktur investiert.“

Am Nachmittag erreiche ich Karadut, mache eine Pause in einer Pension und fahre zum Sonnenuntergang zum Berg Nemrut, der die letzte Ruhestätte von Antiochos, Herrscher des Lokalreiches Kommange aus dem ersten Jahrhundert vor Christus ist. Vor dem Grabhügel stehen riesige Götterstatuen, die Köpfe neben dem Rumpf platziert. Die letzten Sonnenstrahlen lassen sie in spektakulären Farben leuchten.

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Früh am Morgen bringt mich der Sohn des Hausherrn mit dem Auto zum Dolmuş (Minibus) Richtung Diyarbakır. Er nutzt die Gelegenheit und kauft – es ist Ramadan – Zigaretten, Wasser und Süßes. An einer Tankstelle im Nirgendwo hält er. Warten.

Im Minibus ist die Sitzordnung getrennt nach Frauen und Männern. Von den Männern, die einsteigen, sammelt jeder als Erstes die Visitenkarte des Fahrers ein.

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Die Landschaft verändert sich. Nun gibt es nur noch das endlose Asphaltband in einer flachen trockenen Umgebung zu sehen. Ich schlafe ein. Ein festes Rütteln an der Schulter weckt mich. „Du wolltest doch an den Busbahnhof in Diyarbakır“, meint meine Sitznachbarin. „Wir sind da.“ „Ich habe dem Busfahrer gesagt, dass er halten soll.“

In Diyarbakır steige ich in einen anderen Minibus um, fahre sechs Stunden bis Van weiter, bleibe dort eine Nacht und reise am nächsten Morgen mit einem größeren Minibus nach Doğubeyazıt im äußersten Osten der Türkei. Die Besichtigung der Orte plane ich für den Rückweg.

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Die Plätze im Bus sind reserviert. Ich habe einen Fensterplatz neben einem Mann, der sofort aufgefordert wird, sich einen anderen Platz zu suchen.

Doğubeyazıt erinnert an eine öde Grenzstadt. In einem Laden fängt der Verkäufer ein Gespräch an. Schnell sind wir bei den üblichen Fragen – Mann, Kinder …. Auf die Frage, ob er Kinder hat, bekomme ich die Antwort: „Ich weiß nicht so genau, vielleicht 10, mit meiner Frau vier.“ Ich muss lächeln. Bisher hatte jeder Verkäufer in jedem Laden die Anzahl seiner Kinder auf 10 aufgestockt.

Die Bewohner der Stadt sind sehr konservativ. Junge und alte Frauen tragen Kopftuch und knöchellange Mäntel, manche den Tschador.

Für den Iran brauche ich noch einen Mantel. Nach ein wenig suchen finde ich einen Laden, in dem es neben den bodenlangen Mänteln auch knielange gibt. Der Besitzer fragt sofort: „Iran?“ Nach zehn Minuten habe ich mir den einzig erträglichen schön geguckt und kaufe ihn.

An meinem letzten Tag in der Türkei unternehme ich mit drei Belgiern eine Tour in die Umgebung: Ishak-Pascha-Palast, Dörfer in den Bergen, Arche Noah, Meteoritenkrater an der Grenze zum Iran – den Ararat immer im Blick.

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In den Iran: Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg. Ich bin die Erste am Minibus, der zum Grenzübergang fährt. Der Fahrer holt einen Hocker aus dem Bus und die nächste Stunde beobachte ich das Treiben auf der Straße. Dann ist der Bus voll – 17 Männer, die versuchen, den Sitzplatz neben mir so lange wie möglich frei zu halten. Erst als kein Platz mehr zum Stehen ist, setzt sich einer neben mich.

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Der Grenzübergang sieht von Weitem wie eine Mautstation aus. Der Bus hält davor. Ich folge den Mitfahrern aus dem Bus bis zu einem Gebäude mit dem Schild Supermarkt. Waren werden ausgepackt. Verdutzt bleibe ich stehen. Es gibt keine weiteren Gebäude, in denen Ausreiseschalter sein könnten, zu sehen.

Ich betrete das Supermarktgebäude. Drinnen gibt es tatsächlich Schalter mit Beamten dahinter. Ich erhalte meinen Ausreisestempel. Ein paar Meter weiter, unter dem Schild Iran, binde ich mir meinen Schal um den Kopf und ziehe den Mantel über.

Am Einreiseschalter stehen fünf Leute, zwei unterhalten sich und ich verstehe Tabris – mein Tagesziel. Nachdem ich völlig unkompliziert meinen Einreisestempel erhalten habe, reisen wir zu dritt weiter.

Auf iranischer Seite warten bereits die Geldwechsler. Ihre Wunschreihenfolge für Fremdwährungen ist Lira – Dollar – Euro. Um bis Tabris zu kommen, tausche ich etwas Geld zu einem viel zu niedrigen Kurs. Meine Begleiter, ein Iraner und ein Afghane, sind bereits auf der Suche nach einem Auto.

Ein Taxi bringt uns nach Bazargan, ein weiteres nach Maku. In Bazargan gibt es heftigen Streit um den Fahrpreis. Die Rucksäcke, die bereits in einem Taxi liegen, fliegen auf die Straße.

In Maku müssen wir zwei Stunden auf den Bus warten. Als ich eine Fahrkarte kaufen will, wehrt der Iraner ab: „Du bist Gast in meinem Land.“

In Tabris besteht er darauf, mich zum Hotel zu bringen. Nach den Tagen in Ost Anatolien bin ich überrascht von der Stadt – kein Tschador ist zu sehen, die Straßen sind auch zur Gebetszeit bevölkert, einen Muezzin höre ich nicht rufen.

Für den kommenden Tag habe ich mir einen Ausflug in Richtung Norden organisiert. Die Tagestour beginnt mit der Fahrt zum Babak Castle, einer Festungsruine, die auf einer Bergspitze steht.

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Für den Aufstieg sind zwei Stunden eingeplant, für den Abstieg eine Stunde. Bei der Hitze und auf den steilen Ziegenpfaden und Treppen benötige ich jedoch mehr als vier Stunden.

Das ist zu langsam. „Du wolltest noch zum Kloster Sankt Stephanos“, der Fahrer rast mit dem Auto auf drei Spuren gleichzeitig die Straße am Fluss Aras entlang. Auf der anderen Flussseite liegen Armenien und Aserbaidschan. Die Wachtürme, die auf beiden Seiten des Flusses stehen, sind nicht besetzt. Nur die Grenzen zwischen Armenien und Aserbaidschan sowie Iran und Aserbaidschan werden bewacht.

Die gebirgige Uferlandschaft des Flusses ist faszinierend. Kurz vor dem Kloster, einer armenischen Kirche, die in den Bergen steht,  taucht ein Grenzposten auf. Der Fahrer zeigt mir, dass ich das Kopftuch umbinden soll. Nach dem Grenzposten sagt er nur „finish“, das Tuch liegt wieder auf den Schultern.

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Vor meiner Weiterfahrt nach Hamadan machte ich noch einen Abstecher in das Höhlendorf Kandovan. Es ist früh am Morgen und für die Bewohner beginnt der Tag gerade. Die Tiere werden aus den Ställen, die unterhalb der Wohnungen liegen, gelassen, die Läden sind jedoch noch geschlossen und so kann ich ungestört über steile Treppen und Wege durch das Dorf bummeln.

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Ich habe mir sagen lassen, dass ich mit dem Bus nach Zanjan fahren muss, um dort in einen Bus nach Hamadan umzusteigen. Die Außentemperaturanzeige im Bus steigt kontinuierlich. Bei 39 °C werde ich an einer Mautstation abgesetzt.

Meine erste Lektion in Sachen Busreise: Busse fahren nur an den Endstationen den Busbahnhof an. Zwischendurch halten sie an den Mautstationen außerhalb der Ortschaften. Dort steigt man um, oder fährt mit einem der Taxis, die dort warten, in den Ort.

Da es meine erste Busfahrt mit umsteigen ist, nehme ich ein Taxi um mich zum Busbahnhof bringen zu lassen. Der Fahrer fragt immer wieder, in welches Hotel ich möchte. Mir fällt ein, dass Türkisch und Farsi Ähnlichkeit miteinander haben sollen. Tatsächlich, als ich auf Türkisch Busbahnhof sage, versteht er mich.

Am Terminal erfahre ich, dass von dort kein Bus nach Hamadan abfährt. Ich solle bis Korestan fahren und dort umsteigen. Sicherheitshalber wird bei einem Busfahrer nachgefragt. Der schüttelt den Kopf – ich solle mit dem Bus Richtung Teheran bis Qazvin fahren und dort den Bus wechseln.

Kurz darauf sitze ich im Bus Richtung Teheran. An der Mautstation in Qazvin werde ich abgesetzt. Der Fahrer zeigt mir, dass der Bus nach Hamadan von der anderen Straßenseite abfährt – sechs viel befahrene Fahrspuren liegen dazwischen.

An jeder Mautstation steht als Mahnmal ein Auto mit Totalschaden: Iran hat weltweit die meisten Verkehrstoten. Ich komme lebend auf der anderen Straßenseite an.

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Nach einer halben Stunde sind wir schon fünf, die auf den Bus nach Hamadan warten. Dann muss er ja bald kommen, denke ich.

Ein Bus nach dem anderen hält, nach Hamadan fährt keiner. Endlich, drei Stunden später kommt ein Bus, der über Hamadan fährt.

Pause. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ein junger Mann spricht mich an – woher, wohin, hast du keine Angst alleine zu reisen, warum fliegst du nicht lieber? Die Straßen sind gefährlich. Wir werden erst mitten in der Nacht ankommen.

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Wir reden eine Weile. Er ist Ingenieur und verdient gut, jedoch zu wenig um in das Ausland zu gehen. Wir unterhalten uns über die ökonomischen Probleme des Landes. „An der Spitze stehen Leute ohne Bildung, deshalb geht es uns nicht gut.“ Als ich ihm seine Frage beantworte, wie lange man in Deutschland arbeiten muss, um Rente zu bekommen, ist die Antwort: „Dann ist man im Iran schon gestorben. Wir müssen bei leichter Tätigkeit 25 Jahre arbeiten, bei schwerer Arbeit 20 Jahre. Dann erhalten wir 70 Prozent Rente.“

Hamadan: Den Vormittag möchte ich in der Ali Sadr Höhle, der weltweit größten Wasserhöhle in der Nähe von Hamadan, verbringen. Auf der Karte habe ich gesehen, dass es bis zum Minibus-Haltepunkt nicht so weit ist, und mache mich auf den Weg.

Die Karte muss wohl älteren Datums sein. Der Haltepunkt ist jedenfalls nicht dort, wo er eingezeichnet ist.  Als ich mich ein letztes Mal nach dem Terminal erkundige, steige ich in das angebotene Auto ein. Bei der Hitze habe ich keine Lust mehr zu laufen. Der Typ fährt eine Schleife und hält schräg gegenüber – ich gebe ihm die 10.000 Rial.

Der Minibus fährt gerade ab. Der Typ aus dem Auto stoppt ihn. Außer zwei Frauen sitzen nur Männer darin. Überraschte Blicke. Ein Platz zwischen den Männern auf der Rückbank ist noch frei. Um die Männer nicht in Verlegenheit zu bringen, setze ich mich auf den Hocker im Gang. Sofort springen zwei Männer auf und bieten mir ihren Platz an.

An der Endhaltestelle winkt ein junger Mann, der in dieselbe Richtung will, ein Auto heran. Wir steigen ein, und ehe ich nachdenken kann, habe ich seinen Anteil an den Fahrtkosten mit bezahlt. Er bietet mir Datteln an und gibt mir zu verstehen, dass ich mein Gepäck immer schön festhalten soll.

Ali Sadr Höhle: endlos lang scheinende Gänge, die erlaufen und mit Boot befahren werden. Hunderte von Sitzen für Wartende – allesamt leer – ziehen sich den Gang zum Anleger entlang.

An der Anlegestelle sitzen zwei Familien. Auf drei Boote verteilt, die von einem Tretboot gezogen werden, geht die Fahrt durch das Höhlensystem. Der Kontakt zu einer der Familien ist schnell hergestellt. Ihre Begeisterung von dem Höhlensystem ist ansteckend – eine Höhlendecke, die an Adlerkrallen erinnert, später an Blumenkohl, Steine an der Wand, die ein Krokodil bilden. Über Pontons laufen wir zu einem riesigen Stalagmiten. Wegen seiner phallischen Form macht außer mir keiner ein Foto von ihm.

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Für den Rückweg suche ich nach einem Taxi.  Eine Familie aus dem Boot kommt auf mich zu und spricht mich auf Englisch an. „Komm, wir würden uns sehr freuen, wenn wir dich zum Essen einladen dürfen.“ Etwas zögere ich. Bevor eine Einladung nicht dreimal ausgesprochen wird, ist sie nur eine Höflichkeitsfloskel.

Im Restaurant gibt es Reis und Kebab. Während des Essens bekomme ich eine Einladung in ihr Haus. „Nur eine Nacht, bitte.“ Ich möchte schon, aber sie wohnen weiter weg, von Hamadan habe ich noch nichts gesehen und am nächsten Tag will ich nach Isfahan weiter reisen.

Das Auto wird geholt, ich steige mit ein. Am Hausberg von Hamadan halten wir an und kühlen uns als Erstes an einem Wasserfall ab. Ein Junge kommt auf mich zu und stellt die obligatorische Frage: „What is your idea about Iran?“

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Eine Seilbahn bringt uns auf die Bergspitze. Wieder werde ich gebeten, mit zu kommen. Ja, aber mit meinem Rucksack, um nicht hin und her fahren zu müssen. Als die Entscheidung gefallen ist, freuen wir uns gemeinsam.

Das Gepäck ist schnell aus dem Hotel geholt. Noch auf der Ausfallstraße von Hamadan halten wir an, die Kinder schlafen, eine Decke wird auf dem schmalen Stück Rasen am Straßenrand ausgebreitet, Tee, Melone und Gebäck darauf verteilt

In Khorramabad erwartet uns ein Teil der Großfamilie im Haus der Eltern. Der Empfang ist sehr herzlich, das Abendessen schon vorbereitet. Eine Tischdecke aus Kunststoff wird auf dem Boden ausgebreitet und gedeckt. Nur die Frauen essen, die Männer sitzen an der Wand, beten oder unterhalten sich.

Nach dem Essen machen wir es uns ebenfalls gemütlich. Süßes und Tee wird herumgereicht. Nach einem Plausch verschwinden die jungen Frauen, um einige Zeit später neu geschminkt zur Citytour zu starten.

Mit mehreren Autos und der Familie samt Mutter aber ohne Vater fahren wir zum Dach von Khorramabad. In den Straßen ist viel los, das Abendgebet beginnt. Vor der Moschee steht Polizei.

Der Gesang der Gläubigen ist bis auf den Hausberg zu hören. Meine Gastgeberin zeigt auf den Fluss: „Unser Rhein“ sagt sie auf Englisch. Lachen.

Aus dem Auto wird ein alter Teppich, für alle, die nicht mehr stehen wollen, geholt. Die Oma der Familie zeigt auf ihren Tschador – nein ich habe keinen.

Ich frage die Enkelin, ob sie einen Tschador hat. Sie lacht und sagt Nein, das ist für alte Leute. Wer einen Tschador trägt, hat sich dafür entschieden. Nur ihre Schwester hat einen, weil sie als Lehrerin in der Schule einen tragen muss.

Wir fahren zu meiner Gastgeberin. Die Häuser und Wohnungen scheinen alle gleich aufgeteilt zu sein – ein großer Wohnraum, den man sofort betritt, amerikanische Küche, Toilette, Bad und noch zwei weitere Räume. Im großen Raum liegen die berühmten Teppiche. Wir reden noch kurz miteinander, Matten werden auf den Teppichen im Wohnraum ausgerollt, dazu gibt es eine dicke Decke. Bis auf Kopftuch und Mantel behalten alle ihre Sachen an und so gehen wir schlafen.

Mein Gastgeber steht früh auf. Leise schleicht er zur Arbeit. Zwei Stunden später wird meine Gastgeberin wach, sagt „Hallo“ und schläft weiter. Dann werden die Kinder munter, Frühstück wird zubereitet und ich versuche heraus zu finden, wann ein Bus nach Isfahan fährt. Es soll nur einen Nachtbus geben.

Nach mehreren Telefonaten findet sich ein Bus, der um 13 Uhr abfährt. Bis dahin ist Zeit zum Sitzen und reden: Facebook ist verboten, aber jeder hat es, in der Schule wird nur selten englisch unterrichtet – es fehlt an Lehrern, einen Pass zu bekommen ist schwierig und teuer, für junge Leute ist das Leben hart, aber sie umgehen die Regeln, wo sie können. Meine Gesprächspartnerin möchte gerne nach Italien gehen: „Ich hoffe, dort nicht als Iranerin erkannt zu werden.“ „Bestimmt halten die Leute mich sonst für eine Terroristin.“

Mittags kommt mein Gastgeber von der Arbeit. Er wünscht sich, dass ich noch eine Nacht lang bleibe. Ich bin hin und her gerissen. Gerne würde ich noch bleiben, bin aber in Teheran mit einem Guide zu einer dreitägigen Tour durch das Elburz Gebirge verabredet.

12.30 Uhr. Ich will aufbrechen – nicht ohne Mittag zu essen. Es wird 12.54 Uhr, ein Taxi kommt und um 13.10 Uhr bin ich am Busbahnhof.  Der Bus hätte vor 10 Minuten abfahren sollen. Zum Glück sind Busse im Iran zuverlässig unpünktlich.

Gegen Abend erreiche ich Isfahan. Der Imam-Platz, einer der größten Plätze der Welt, ist nur 5 Minuten vom Hotel entfernt: Theoretisch – praktisch muss ich, um dorthin zu gelangen, eine Straße überqueren. Mir fehlte noch die Übung für den dafür notwendigen Slalomlauf zwischen schnell fahrenden Autos und plötzlich überholenden Motorrädern. Das ist nur im Windschatten eines Geübten möglich.

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Der Imam-Platz ist ein geschlossenes Ensemble. An den Seiten hat er als Mittelpunkte Königspalast, Moschee und Basar, in der Mitte eine parkartige Grünanlage mit einem großen Wasserbecken und Springbrunnen.

Es ist bereits dunkel, auf den Rasenflächen sitzen Familien und Freunde zusammen, essen und trinken. Ich laufe um den Platz herum. Kurz bevor ich ihn wieder verlasse, stoppt mich eine junge Frau, die auf ihren Inlinern unterwegs ist: woher, wohin … Ihre Familie picknickt hier und sie lädt mich ein.

Mit einem fröhlichen „Hallo“ werde ich begrüßt – Oma, Onkel, Tanten, Geschwister, Eltern, …. Noch bevor ich sitze, weiß ich bereits, dass sie das Kopftuch leid sind.

Kaum sitze ich, steht schon ein Tee da. Schnell sind wir im Gespräch – die Arbeitslosigkeit ist hoch, in jeder Familie gibt es jemanden, der im Ausland lebt, meist in den USA, der Alltag wird von einer ideologischen Aggressivität bestimmt – man muss vorsichtig sein. Nebenbei scherzen und lachen wir.

Jemand fragt, ob ich schon was gegessen hätte– nein. Schon steht Ash, eine persische dicke Suppe, in drei Variationen vor mir. Ich probiere und küre Ash zu meinem Lieblingsessen.

Mitternacht. Der Platz leert sich langsam. Die Familie will sich am kommenden Abend wieder zum Dinner treffen und wir verabredeten uns zu 21 Uhr am selben Ort.

Am Morgen gehe ich nochmal zum Imam Platz. Ein junger Mann spricht mich an: „Ich möchte dir die Stadt zeigen.“

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Anfangs erzählt er über die Sehenswürdigkeiten, die wir besichtigen. Dann nimmt unser Gespräch einen unerwarteten Verlauf. Wir unterhalten uns über Homosexualität in Iran und über die harten Strafen. Er meint, solange alles hinter verschlossenen Türen geschieht. Was ihn viel mehr beschäftigt: „Männer können ja auch Sex miteinander haben.“ „Aber bei Frauen ist das unmöglich.“ Auf meine Antwort folgt Schweigen.

Zurück am Imam Platz setzen wir uns, zum Füßekühlen, an das Wasserbecken. Mein Begleiter sprüht mir Wasser über die Beine. Wir unterhalten uns darüber, wie viel Nähe erlaubt ist – keine. Nach 10 Minuten wird er plötzlich hektisch: „Lass uns gehen, ich habe das Gefühl, dass die Polizei kommt.“

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Es ist ohnehin Zeit für das Gebet. Ich begleite ihn zu einer Koranschule und wir verabreden uns für den Nachmittag. Er ist der Erste, den ich treffe, der sich an den Ramadan hält und regelmäßig in die Moschee geht. Aus seiner Sympathie für die Regierung macht er kein Geheimnis.

1,5 Stunden später treffen wir uns wieder. Auf seinen Mittagsschlaf den er normalerweise, wie so viele andere in den kühlen Räumen einer Moschee hält, hat er verzichtet.

Wir besuchen den Āli Qāpu Palast, eines der Gebäude am Imam Platz. Nach einer kurzen Erklärung zum Palast und den Räumen sind wir beim Thema Nudismus angekommen. Er hat von Nacktbadestränden in Deutschland gehört. Da er meinen Antworten nicht so recht glaubt, fragt er immer wieder nach. Dass die FKK-Strände nicht getrennt nach Männern und Frauen sind, ist für ihn unfassbar: „Da würde ich nicht hingehen, eine nackte Frau würde mir reichen.“ „Und das wäre die Frau, die ich zu Hause hätte.“

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In der Zwischenzeit ist mir der Schal unbemerkt auf die Schultern gerutscht. Vorsichtig zieht er ihn über meinen Kopf: „Gott hat es gesagt.“

Auf dem Weg vom Imam Platz zur Kaju Brücke kommen wir an einem Café vorbei: „Möchtest du einen Kaffee trinken?“ Und wie ich möchte. Vor lauter Freude frage ich nicht nach dem Preis, dafür werde ich gefragt, wie viel ein Kaffee in Deutschland kostet. Zufällig ist dann der Preis für diesen Kaffee identisch mit dem genannten.

Das breite Flussbett, über das sich die Brücke spannt, ist trocken. Das Wasser wird von der Verwaltung in die Wüstenstadt Yazd verkauft. Erschöpft legt sich mein Begleiter auf den Boden und schläft sofort ein. Ramadan und der fehlende Nachmittagsschlaf zehren an seinen Kräften.

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Lange schläft er nicht, die Sonne brennt zu heiß. Wir setzen uns unter die Brückenbögen und sehen den alten Männern zu, die dort sitzen, Tee trinken und sich über Neuigkeiten austauschen.

Ich frage, ob er nicht lieber nach Hause gehen wolle. Erleichtert nickt er – ja, ein wenig schlafen. Wir verabreden uns für den übernächsten Tag. Für den übernächsten Abend bekomme ich eine Einladung zum Dinner.

Abends treffe ich mich mit einer Familie auf dem Imam Platz. Es gibt viel und sehr gutes Essen. Die Gespräche wechseln zwischen Politik –„Wir brauchen Zeit, noch eine Revolution wird es so schnell  nicht geben“ – und Spaß – „Guck mal nach drei Männern für uns“ – hin und her. Nach dem Essen erhalte ich eine Einladung zum Übernachten in einer ihrer Wohnungen.

Ungern lehne ich ab. Ich bin am nächsten Morgen zu einer Tour zu Nomaden verabredet. „Okay, dann aber zum Dinner in drei Tagen.“

Ausflug zu den Nomaden: 200 Kilometer hinter Isfahan biegen wir von der Hauptstraße ab, fahren durch staubige Dörfer in die Berge. „Are you happy?“, werde ich immer wieder gefragt. Im Gegensatz zu mir ist es der Fahrer nicht. Er hat Sorge um sein Auto, das für die Pisten nicht geeignet ist.

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Bunte Bienenkästen tauchen mitten in der trockenen Gebirgswelt auf. Vor einem Zelt stehen Vater und Sohn, die mit ihren Bienenvölkern im Sommer in den Bergen leben, im Winter am Persischen Golf. Sie laden uns zum Lunch ein.

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