Ägypten/ Sudan

Unsere vergeudeten Tage sind die Tage, an denen wir nicht lachen.
(Aus Sudan)

Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.
(Aus Ägypten)

Sudan – Ägypten

Januar 2017

Khartoum – Kassala – Khartoum – Assuan – Luxor – Kairo

Karte

Eine Zusammenfassung:

Ohne Visum, nur mit einem Travel Permit des sudanesischen Tourismusministeriums ausgestattet, lande ich in Khartoum. Mein Gefährte und unsere Gastgeberin Sawsan warten bereits an der Passkontrolle. Während ich mich verschlafen – es ist 3 Uhr morgens – dazusetze, kümmert sich Sawsan um die Einreiseformalitäten.

Die Wohnung liegt unweit des Flughafens, und obwohl es mitten in der Nacht ist und alles schläft, erhalte ich eine Führung durch die hell erleuchteten Räume, bei der mir jeder Schlafende vorgestellt wird.

Während wir noch schlummern, ist Sawsan bereits auf Behördentour. Ich muss angemeldet werden und für eine Reise nach Kassala, einer Stadt an der Grenze zu Eritrea, braucht es, wie für jede Unternehmung außerhalb Khartoums, eine Reisegenehmigung.

Für Kassala haben wir uns kurzfristig entschieden. Unser eigentliches Reiseziel im Sudan sind die Nuba Berge im Bundesstaat Süd-Kordofan. Bis kurz vor unserer Abreise aus Deutschland wäre eine Fahrt dorthin kein Problem gewesen. Aktuell fliegt die sudanesische Armee jedoch wieder Luftangriffe auf das Gebirge, das geografisch im Süden des Sudan liegt und damit zum Hoheitsgebiet des Nordens gehört, dessen Bewohner sich jedoch kulturell dem seit dem Jahr 2011 vom Sudan unabhängigen Südsudan zugehörig fühlen.

Der Duft von Weihrauch und Kaffee strömt in unser Zimmer. Im Wohnraum findet die tägliche Kaffeezeremonie statt: Die Frauen rösten Kaffeebohnen in einer Pfanne, zermahlen sie zu Pulver, während in einem Öfchen ein kleines, offenes Holzkohlenfeuer entfacht wird. Später backen die über 90-jährige Großmutter, Tante und Cousinen noch Pfannkuchen, die, mit einer scharfen Soße serviert, ein leckeres Frühstück sind.

Nach vier Stunden Behördengang kommt Sawsan mit dem Travel Permit. Wir besorgen die Bustickets, dann ist es auch schon Zeit für das Abendessen. Die Entscheidung fällt auf eine Fleischerei, in der wir eine Auswahl aus verschiedenen Fleischsorten treffen, die im dazugehörigen Garten gegrillt werden.

Bustickets für Ausländer brauchen natürlich auch einen offiziellen Stempel. Den gibt es jedoch problemlos am Busbahnhof. Sawsans Mutter reist ebenfalls nach Kassala. Damit unser Geld nicht an den diversen Checkpoints schlecht gelaunten Polizisten in die Hand fällt, nimmt sie es vorsichtshalber an sich. 

Kassala liegt im Osten des Sudan, rund 400 Kilometer von Khartoum entfernt, nahe der Grenze zu Eritrea. Obwohl der Busfahrer die Tachonadel teilweise bis auf Tempo 140 treibt und es nur eine kurze Kaffeepause nach vier Stunden Fahrt gibt, sind wir acht Stunden unterwegs. Fast taub vom Entertainmentprogramm im Bus – zwei Stunden Predigt, eine tränenreiche Wiedersehensshow, ein Bollywoodfilm, sudanesische Musik – steigen wir in Kassala aus. Jamal, ein Bruder Sawsans erwartet uns bereits.

Wir verabreden uns für den nächsten Tag. Unsere einzige Aktivität für diesen Tag ist eine Runde durch das geschäftige Marktviertel, um uns an einem Imbiss für ein Abendessen – auf heißen Steinen gegrilltes Lammfleisch – niederzulassen und am Nachbarstand Tee und Kaffee zu trinken. Wir sind die Hingucker des Abends. Ein Mann spricht uns an: „Ich freue mich, hier hellhäutige Menschen zu sehen.“

Kassala liegt am Fuß der 1390 Meter hohen Taka-Berge, dem Wahrzeichen der Stadt. Nach einem Begrüßungstee mit Jamal fahren wir zu den weithin sichtbaren, runden Granitkuppen.

Am Fuß der Berge liegt das religiöse Zentrum des Khatmiyya-Ordens, eines islamischen Ordens innerhalb des Sufismus. Die Moschee beherbergt das Mausoleum Sidi Hasans, dem Sohn des Ordengründers, der den Ruf eines Wundertäters hatte. Zusammen mit der heiligen Quelle, die er mit einem Stock in den Felsen geschlagen haben soll und die heute noch als gesundheitsfördernd geschätzt wird, gilt sie als beliebtes Pilgerziel.

Filmstreifen 2

Ich nehme einen Schluck aus der heiligen Quelle und versuche mich anschließend beim Besteigen des Berges Totil. Mein Gefährte beschließt, gleich im kühlen Schatten der in den Stein gebauten Cafés zu rasten. Lange muss er nicht auf mich warten. Die Hitze zwingt mich schnell zur Umkehr.

Für den Abend haben wir uns mit Tarek, einem Taxifahrer, verabredet. Wir sind uns sicher, dass er uns – wie abgesprochen – für die viel gelobte Aussicht auf den Sonnenuntergang in die Taka-Berge bringen wird.

Die Berge rauschen vorbei, die Sonne ist bereits am Untergehen. Wohin fahren wir? Ein Riesenrad taucht in der Dämmerung auf, ahnungsvoll blicken wir uns an. Tatsächlich hält Tarek vor dem Bustan Family Park. Verdutzt und amüsiert steigen wir aus.

„Ich hole euch in zwei Stunden wieder ab.“ Zwei Stunden in einem Vergnügungspark, oh je.

Im Park sind kaum Leute unterwegs. Die Fahrgeschäfte stammen aus chinesischer Produktion und sind nicht höher und schneller, sondern eher gemütlich. Das stillstehende Riesenrad zieht uns an. Mein Gefährte fragt nach einer Fahrt. „Sieben Personen müssen mitfahren“, ist die Antwort. Drei junge Männer kommen hinzu. Mein Gefährte will für sieben Personen bezahlen (15 Cent/Person). Da kommen noch vier hinzu und er wird zur Fahrt eingeladen. In der Zwischenzeit schüttele ich viele Hände.  

Filmstreifen 3

Das einzige Fahrgeschäft, an dem es eine kurze Warteschlange gibt, ist der Autoscooter, aus der wir sofort herausgewunken werden. Wir sollen uns ungestört jeder ein Auto aussuchen, bevor alle anderen einsteigen. Als beliebte Rammziele bekommen wir gleich noch eine zweite Runde gratis dazu. Ein Heidenspaß.

Langsam füllt sich das Areal und die Fahrgeschäfte nehmen ihren Betrieb auf. Nach zwei Stunden haben wir annähernd auf jedem Karussell gesessen, mal mit, mal ohne Ticket. Vergnügt und glücklich über den gelungenen Abend verlassen wir den Park.

In Kassala soll es das preiswerteste Silber Afrikas geben, verkauft nach Gewicht, ohne Feilschen und Touristen-Aufpreis. Wir sind gespannt und einmal mehr überrascht von der Ehrlichkeit der Leute, der wir allerorts begegnen. Selbst liegengelassenes Wechselgeld wird uns von Kindern hinterhergetragen.

Nachmittags treffen wir Jamal, der uns Bustickets für die Rückfahrt nach Khartoum besorgt hat. Gemeinsam fahren wir zum Fluss Gasch, von dem zwischen Oktober und Juni nur das breite, sandige Flussbett zu sehen ist, in dem Fußball gespielt oder gepicknickt wird. Trotzdem gehört das Gebiet um Kassala zu den fruchtbarsten Regionen des Sudan.

Filmstreifen 4

Der Bus, mit dem wir nach Kassala fuhren, bringt uns auch wieder zurück nach Khartoum. Also wieder acht Stunden ohrenbetäubendes Entertainment, bestehend aus dem uns bereits bekannten Programm.

In Khartoum sollen wir von einem Bruder Sawsans abgeholt werden. Wir kommen jedoch früher als erwartet an und irren auf der Suche nach dem Bruder über das Gelände. Mehrere Leute fragen uns nach Adresse oder Telefonnummer. Wir haben nichts, nur eine vage Richtung: „Irgendwo hinter der Afra Shopping Mall.“

Der Ehrgeiz eines Taxifahrers ist geweckt. Er fährt zur Mall, in einem Hotel in der Nähe fragen wir nach einem weiteren Gebäude, das unweit der Wohnung liegt, und bekommen dort tatsächlich dessen Adresse. Wobei Adressen in Khartoum nur Anhaltspunkte sind. Nach einer kurzen Geisterfahrt durch den fließenden Verkehr – der Fahrer will nicht auf die andere Fahrbahnseite wenden und bleibt, wo er ist – finden wir tatsächlich die Wohnung.

Für den Abend – es ist Silvester – haben unsere Gastgeber einen Tisch in einem Klub reserviert, in dem ein bekannter sudanesischer Sänger, der ein Cousin Sawsans ist, auftreten soll. Noch lautstärkegeschädigt von der Busfahrt bleiben wir nur kurz, zu sehr sind die Verstärker aufgedreht. Zu unserer Überraschung sehen wir auf dem Rückweg noch ein kleines Feuerwerk am Himmel. Das neue Jahr hat begonnen.

Der 1. Januar ist der Unabhängigkeitstag des Sudan, gefeiert mit Militärparade und Aufmärschen in den Stadtteilen. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Nur, in diesem Jahr finden die Feierlichkeiten hinter den Mauern des Präsidentenpalastes statt. Nun ja, wir müssen uns ohnehin noch Gedanken über unsere geplante Weiterreise nach Eritrea machen. Wie sich herausgestellt hat, sind unsere Informationen zum Erhalt eines Visums falsch. Wir wollen es trotzdem in der Botschaft Eritreas versuchen, planen aber schon mal auf eine Reise nach Ägypten um.

In der Botschaft bekommen wir sofort ein „Geht nicht!“ zu hören. Ein kurzer Wortwechsel folgt und unserem Verlangen, den Botschafter zu sprechen, wird nachgegeben. Geduldig nehmen wir Platz. Als nichts passiert, fragt mein Gefährte nach, die Sekretärin telefoniert und wir werden zur deutschen Botschaft geschickt, um uns ein wichtiges Unterstützungsschreiben zu holen.

Die deutsche Botschaft ist auch für einen Ortskundigen nicht einfach zu finden. Nichts deutet von außen darauf hin, dass sich auf dem Gelände die Botschaft befindet: Seitdem im Jahr 2012 aufgebrachte Männer das Botschaftsgelände gestürmt und das Gebäude in Brand gesteckt hatten – Auslöser waren das Zeigen von Mohammed-Karikaturen deutscher Islamgegner sowie die von Angela Merkel gehaltene Laudatio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard den Potsdamer Medienpreis erhielt – ist die Botschaft für den Publikumsverkehr geschlossen.

Unser Gastgeber hat das richtige Gespür. Ein Sicherheitsmann begrüßt ihn, verschwindet mit unseren Pässen, wenig später öffnen sich die Türen und wir erhalten das gewünschte Schreiben.
 
 Zurück in der eritreischen Botschaft heißt es wieder warten. Es ist 12 Uhr und die zuständige Konsulin gerade beim Frühstück. Die Sekretärin versucht wieder uns abzuwimmeln. Wir hätten sie falsch verstanden, das Schreiben wäre nutzlos.

Wir lassen nicht locker und schaffen es ins Büro der Konsulin. Auch sie erwidert unsere Bitte nach Ausstellung eines Visums mit „Nein.“ Mein Gefährte erläutert das Problem, die Konsulin telefoniert, wir können die Visa beantragen und erhalten die Telefonnummer der Botschaft, um uns eine Woche später nach dem Stand der Dinge erkundigen zu können.

Zu spät für uns. Die Reise nach Eritrea hat sich erledigt.

Mittlerweile ist es 16.00 Uhr und wir sind entschlossen Plan B – Reise nach Ägypten – sofort umzusetzen. Sawsan beauftragt ihren Bruder, der in der Nähe eines Reisebüros wohnt, mit dem Kauf von Tickets für den nächstmöglichen Flug nach Kairo. In der Zwischenzeit essen wir eine Kleinigkeit, dann kommt auch schon der Anruf: 18.30 Uhr fliegt ihr.

Zwischen Rucksack packen und Abfahrt zum Flughafen liegen wenige Minuten. Sawsan begleitet uns – für eine schnellere Abfertigung – durch die Sicherheitskontrollen. Mehr oder weniger fluchtartig verlassen wir das Land.

Stark frequentiert ist die Strecke nach Kairo nicht. Der Flieger von Badr Airlines, der die sudanesische Luftfahrtbehörde 2004 kurzzeitig die Fluglizenz entzog, ist fast leer, der Service gut, der Flug ruhig.

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