Russland – Sibirien und Ferner Osten

In Barnaul werden wir von Alexander erwartet, einem Altai-Kenner, der uns zielgerichtet in eines der am schwersten zu erreichenden Gebiete Russlands bringen wird.

Wir starten gleich am folgenden Tag. Für die ersten 200 Kilometer ist die Landschaft eher eintönig: Buchweizenfelder und ab und an ein Sonnenblumenfeld. Mittag gibt es in einer der bei den Russen so beliebten Stolowajas: Kantinenflair, preiswert und gut.

Die Landschaft wird unkultivierter. Leute stehen gebückt im wuchernden Grün und sammeln etwas auf. „Da werden Kirschen gepflückt“, meint Alexander. „Wollt ihr auch welche pflücken?“ Er hält; kleine rote Beeren leuchten im kniehohen Gras; die Kirschen sind aromatische Walderdbeeren.

Die Häuser in den Dörfern, durch die wir fahren, sind zum Teil verlassen, die Orte verwildern immer mehr. Die Jungen ziehen in die Städte; es gibt hier kaum Arbeit, keine Kneipe und im Winter keinerlei Abwechslung. Schweine grasen zwischen den Häusern, große Satellitenschüsseln im Garten zeigen, welche Domizile bewohnt sind.

Eine positive Überraschung ist unser Nachtquartier in einer gemütlichen Holzhütte. Bevor Alexander das Grillfeuer entfacht, gibt es Wodka, Speck und Brot; nach dem Abendessen sitzen wir noch eine Weile am Feuer und genießen die Stille.

Unweit der Unterkunft ist eine heilige Quelle, zu erkennen an zwei Totempfählen und einer Menge bunter Bänder. Das silberhaltige Wasser gibt der Haut Geschmeidigkeit. So gepflegt, starten wir zur Denisova-Höhle, einer Grotte in den Bergen, in der der Denisova-Mensch – ein enger Verwandter des Neandertalers – siedelte, klettern zu ihr hinauf, sehen uns in den angenehm kühlen Höhlenabschnitten für Mensch und Tier um, und blicken von oben über den munter dahin sprudelnden Fluss Anoi.

Nach einigen Kilometern überfahren wir die Markierung zur Republik Altai; ab jetzt muss das Permit griffbereit liegen. Die Landschaft ändert sich stetig: Die Berge rücken näher, von Blumen blau und gelb gesprenkelte Wiesen wechseln in Weideland, in lichten Waldabschnitten grasen Kühe und Pferde zwischen den Bäumen.

In einem kleinen Dorf, umgeben von grünen Berghängen und oberhalb eines Flusses liegt unsere Unterkunft: ein geräumiges Einfamilienhaus. Bei Rippchen vom Grill besprechen wir die nächsten fünf Tage, die wir tief im Altai-Gebirge an den Multinskije-Seen verbringen wollen.

Obwohl am nächsten Morgen die Wolken tief hängen, beschließen wir die 15 Kilometer zum See zu laufen. Alexander muss wegen der schlechten Wegbeschaffenheit seinen Jeep stehen lassen und fährt mit dem Gepäck und den Vorräten mit einem Tundrabuggy vom Typ UAZ zum Camp am See.

Mit einem GPS ausgerüstet, ziehen wir frohgemut los. Bereits nach zwei zurückgelegten Kilometern ist klar, dass wir lange unterwegs sein werden. Einen Wanderweg gibt es nicht, die tiefen, schlammigen Fahrrinnen der UAZ weisen die Richtung. Regen setzt ein, wird stärker, schwächt ab und wird wieder stärker. Fahrzeuge mit Tagesausflüglern überholen uns. Zu diesem Zeitpunkt haben wir zwar schon die Nase voll von rutschigem Schlamm, Regen und wassergefüllten Löchern, ahnen jedoch nicht, was uns noch erwartet. Die Gelegenheit, mit einem der UAZ mitzufahren, hätten wir sonst sofort genutzt.

Dreck klebt an den Schuhen und erschwert das Laufen; Flüsse gilt es zu passieren, die mit jedem Mal breiter und reißender werden. Als auch noch ein Gewitter aufzieht, versagt das GPS seinen Dienst. Wir orientieren uns an den Fahrrinnen, rutschen durch den aufgewühlten Schlamm und stehen vor Flüssen, über die es keine Brücken gibt. Lediglich glitschige Baumstämme verbinden die Ufer miteinander. Anfangs können wir noch auf ihnen über das Wasser balancieren. Kurz vor dem Ziel tut sich jedoch eine unüberwindbare Flusslandschaft vor uns auf. Wir sind restlos bedient. Wasser von oben und soweit man sehen kann. Auf der Suche nach einem Baumstamm durchstreifen wir das nasse, hüfthohe Gras, finden einen Stamm, balancieren hinüber und stehen vor dem nächsten, breiteren Flussarm. Ein vor Nässe triefender Baumstamm verbindet die Ufer; darüber zu gehen, ist zu gefährlich. Kurzerhand ziehen wir Hosen, Socken und Schuhe aus und hangeln uns am Stamm festhaltend durch das Gewässer.

Zehn Meter zieht sich ein kaum sichtbarerer Pfad durch nasses, brusthohes Gras, bis er vor einem weiteren Fluss endet. Die UAZ, die uns morgens überholten, kommen uns entgegen. Ein Fahrer ruft „Gleich geschafft“ herüber. Unsere Laune ist auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Wieder heißt es ausziehen und an einen Baumstamm geklammert durch den Fluss, in dessen Mitte zwei Stromschnellen einem die Beine wegziehen, zu waten.

Frierend erreichen wir nach acht Stunden endlich das Camp am See. Im gemieteten Ail (Holzhütte in Form einer Jurte) hat Alexander bereits den Ofen geheizt und Essen gekocht; erschöpft erholen wir uns auf den Matratzen, die sich auf Brettern an der Hüttenwand entlangziehen.

Da Alexander auch nachts das Feuer im Ofen wachgehalten hat, ist es morgens angenehm warm im Ail. Nach dem Frühstück und einem Blick zum wolkenverhangenen Himmel nehmen wir vorerst von allen Aktivitäten Abstand. Es ist die richtige Entscheidung. Der Regen lässt nicht lange auf sich warten und beschert uns im Laufe des Tages des Öfteren Gäste, die sich und ihre Sachen am Ofen trocknen.

Für den Nachmittag hat Alexander die Camp-Banja für eine Stunde Saunawärme und Heißwasserdusche gemietet. Nach einer Erklärung seinerseits, wie sie zu nutzen ist – Schüsseln mit Wasser in beliebiger Temperatur füllen und sich damit übergießen – haben wir viel Duschspaß und fühlen uns danach erfrischt und entspannt.

Am nächsten Tag hält es Alexander und mich nicht mehr im Ail. Der Regen hat nachgelassen; eine kurze Wanderung muss sein. Ein Fischer setzt uns mit seinem Schlauchboot über einen Zufluss des Sees. Aufgeweichte Wege und nasses Gras erwarten uns am anderen Ufer.

Durch Taiga und Matsch, über schmierige Wurzeln stetig bergauf wandernd, treten wir aus dem Wald. Vor uns öffnet sich ein herrliches Panorama: Reißend sprudelt das klare Wasser des Flusses über eine Wildblumenwiese, Berge und Gletscher schimmern durch den Nebel, der aus dem satten Grün aufsteigt, die Sonne wagt sich mit ein paar kurzen Strahlen aus der Wolkendecke.

Beeindruckt von dem Anblick beschließen wir weiterzugehen: Aus dem angedachten Ausflug wird eine Acht-Stunden-Wanderung. Über Bäche, glitschige Felsen und durch viel Schlamm hindurch gelangen wir zu einem Wasserfall. Wild stürzt der Fluss, umgeben von Bergen und Gletschern, in einer Kaskade die Felsen hinab. Genießen können wir den Anblick jedoch nur kurz: Schuhe und Socken sind klitschnass; wir frieren und können wegen fehlenden Proviants – wir wollten nur kurz wandern gehen – keine neue Energie tanken.

Der wieder einsetzende Regen und die Hufe der Pferde, die Reiter zum Wasserfall bringen, haben den Weg noch rutschiger werden lassen. Schwarzer Schlamm klebt überall an Schuhen und Hosen, als wir am frühen Abend zurück im Camp sind.

Am Morgen hat der Regen endlich aufgehört; wir können zu unserem eigentlichen Ziel – dem dritten der Multinskije-Seen – wandern. Über den ersten und den zweiten See bringt uns ein Motorboot; der dritte See ist nur zu Fuß erreichbar. Nach einer kostenpflichtigen Registrierung am zweiten See machen wir uns auf den sieben Kilometer langen Weg. Vier Stunden wandern wir durch Matsch, klettern über Geröllfelder, durchlaufen das hohe Gras weiter Blumenwiesen, atmen den Duft Schwarzer-Johannisbeer-Sträucher, überqueren auf zusammengenagelten Baumstämmen den munter sprudelnden Fluss Multan und über Steine hüpfend seine schmalen Zuläufe. Sonnenstrahlen versuchen, die Wolkendecke zu durchdringen; Wasserfälle donnern grollend die Berge hinab; türkisfarben liegt der dritte der Multinskije Seen vor uns. An seinem Ufer machen wir es uns auf einem Baumstamm gemütlich und vertilgen den mitgebrachten Proviant: eine Büchse Fisch, Brot und Müsliriegel.

Ein Blick auf die Uhr lässt uns jäh aufbrechen. Für den frühen Abend haben wir die Banja gemietet und es bleiben nur drei Stunden für den Rückweg. So schnell wie möglich rutschen wir den Weg entlang zum zweiten See. Das Motorboot für die Seeüberquerung ist gerade am anderen Ufer; die Zeit, bis es ankommt, scheint nicht zu vergehen. Über Funk ordert Alexander das Boot, das uns vom zweiten See zu unserem Seeufer bringen soll; gerade noch rechtzeitig für eine halbe Stunde Banja-Nutzung erreichen wir das Camp.

Der kommende Tag ist der Abreisetag. Noch einmal werden wir die 16 Kilometer zum Quartier nicht laufen; wir nutzen die Fahrt mit einem UAZ. Die Fahrspur ist durch den vielen Regen noch tiefer und schlammiger geworden. Die Sitzbänke im Auto sind mit einer glänzenden Folie bezogen; wir rutschen hin und her, klammern uns an jeder sich bietenden Möglichkeit fest und können uns durch das starke Schaukeln trotzdem kaum halten. Wie ein Schiff bei hohem Wellengang schwankt der Wagen zweieinhalb Stunden durch Flüsse, Wasserlöcher und Schlamm. Die Abgase wabern durch den Innenraum und verstärken meine Übelkeit. An einer leicht abschüssigen Stelle müssen alle aussteigen – die Gefahr, dass der Wagen umkippen könnte, ist zu hoch.

Nach einer Nacht in einem Ferienhaus verlassen wir die regenreiche Landschaft der mit Moos überzogenen Bäume und fahren der Sonne entgegen. Der Verkehr wird zunehmend stärker, Hanfpflanzen wachsen überall, unzählige Ferienhausanlagen stehen am Ufer des Flusses Katun, der Königin des Altai. In einer der Anlagen beziehen wir unser Quartier, besichtigen das auf einem steilen Felsen im Katun gelegene Frauenkloster Patmos, wandern über einen Ziegenpfad zum ersten Wasserkraftwerk Sibiriens, das Stalin für seine unweit gelegene Residenz erbauen ließ und genießen am letzten Abend im Altai noch einmal Alexanders vorzügliches Lamm-Barbecue.

Zwei Tage sind unsere Visa für Russland noch gültig. Wir fahren für eine Übernachtung zurück nach Barnaul und fliegen weiter nach Moskau, besichtigen dort Lenin-Mausoleum und Basilius-Kathedrale, gehen im Warenhaus GUM Eis essen, kämpfen uns im Kreml durch Heerscharen chinesischer Reisegruppen und fliegen am nächsten Morgen nach Island.

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