Russland – Sibirien und Ferner Osten

Es ist noch dunkel, als wir am nächsten Morgen zum Flughafen aufbrechen, um nach Kamtschatka zu fliegen. Die junge Frau an der Rezeption kocht Kaffee und Tee und stellt uns eine große Schale mit Süßigkeiten auf den Tresen. Wir sollen nehmen, was wir tragen können.

Am Ende der Reise durch Russlands Osten werden wir sagen, dass Wladiwostok die Sehenswerteste der bereisten Städte Sibiriens war.

Haben wir gestern die Uhr eine Stunde zurückstellen können, stellen wir sie auf Kamtschatka wieder zwei Stunden vor. Entgegen unseren Reisegewohnheiten haben wir uns einer Reisegruppe anschließen müssen. Es ist die einzige Möglichkeit, zu den Lachse fangenden Bären im Norden der Halbinsel zu gelangen. 19 Leute und ein – nach eigener Aussage – nervöser Guide Igor gehören zur Gruppe. Insgeheim hatten wir gehofft, dass die maximale Gruppenstärke nicht erreicht wird, nun gut.

Bereits am Nachmittag findet der erste gemeinsame Ausflug zu einer Thermalquelle statt. Wir verzichten auf das Gruppenplanschen, gehen Luftmatratzen einkaufen und decken uns an der Salatbar eines Supermarktes mit Abendessen ein.

Während Marc am nächsten Morgen zu einem Helikopterflug ins Tal der Geysire startet, erkunde ich die Stadt, bevor am Nachmittag die Reise im Tundrabus vom Typ Ural beginnt und vorerst für eine Unterbrechung von zwei Stunden Wartezeit auf die Tagesausflügler am Hubschrauberlandeplatz endet. Unkoordiniert und mit einem heillos überforderten Guide als Reiseleiter wird die Tour auch bis zu ihrem Ende bleiben.

Nach einem kurzen Zwischenstopp zu einem Gruppenausflug in den Supermarkt geht es durch die Taiga und an Vulkanen mit teilweise schneebedeckten Hängen vorbei nach Milkovo.

Das Auto hält abrupt. Eine Bärenmutter wechselt mit ihren drei Jungen die Straßenseite. Während die letzten beiden noch durch das Gras wuseln, klettert das erste Junge auf einen Baum. Die Bärenmutter wartet jedoch nur ab, bis ihre Familie zusammen ist und trollt sich mit ihren Kindern in den Wald.

Einen Stopp an den Imbissbuden mit dem üblichen Angebot, wie wir es vom Kolyma Highway kennen, gibt es noch, bevor wir kurz vor Mitternacht das Hotel in Milkovo erreichen. Erst auf Nachfragen hin verkündet Igor, dass es bereits um 5 Uhr Frühstück gibt und um 5.30 Uhr Abfahrt ist. Ich kann es kaum glauben.

Im strömenden Regen wird am Morgen das Gepäck auf das Auto verladen. Wir sind auf dem Weg zum See Dwuchjurtotschnoje, an dessen Zuflüssen sich Bären im Sommer zum Lachse fangen sammeln.

Der See ist nur per Helikopterflug zu erreichen. Drei Stunden Autofahrt und 40 Minuten Flugminuten später landen wir an der Lodge in Seenähe. Mit dröhnenden Ohren – es gab keine Ohrenschützer im Hubschrauber – beziehen wir ein Zimmer im Dachgeschoss einer einfachen Holzhütte. Überraschenderweise liegen Schlafsäcke mit frisch gewaschenem Inlett auf den Betten.

Mehrere Hütten verteilen sich über das sumpfige Gelände; Holzstege sorgen für trockene Schuhe; eine Thermalquelle in einem Holzhaus ohne Dach dient als Bad; mehrere, sehr gewöhnungsbedürftige Toilettenhäuschen stinken am Rand des Geländes vor sich hin; Mücken umschwärmen uns auf Schritt und Tritt.

Gegen die Mücken können wir uns Hüte mit integriertem Moskitonetz ausleihen, für die morastigen Wege stehen Gummistiefel bereit. Am Nachmittag stapfen wir mit Guide und bewaffnetem Ranger zum 700 Meter entfernten Flusslauf.

Rötlich schimmert es durch die Wasseroberfläche; Bären versuchen die roten Lachse zu erhaschen. Sie springen und rennen oder durchpflügen mit offenem Maul das Wasser. Jeder hat seine eigene Fangmethode, ein Jungtier probiert mehrere Varianten aus. Obwohl das Wasser von Lachsen wimmelt, brauchen sie viele Anläufe, bis ein Fisch in ihren Mäulern endet. Etwas entfernt steht ein besonderes Prachtexemplar eines Bären im Wasser, startet unlustig ab und an einen Jagdversuch und brüllt Konkurrenten, die ihm zu nahe kommen, weg.

Die Gruppe hat mittlerweile auf einem Hochsitz Platz gefunden, immer vier Leute dürfen direkt am Wasser stehen. Plötzlich tappt lautlos ein Bär, der gerade noch im Wasser fischte, durch das Gras heran. Als er nur noch zehn Meter entfernt ist, müssen wir auf den Hochsitz. Von den Geräuschen des Rangers unbeeindruckt, kommt er zur Treppe, sieht herauf und trollt sich erst nach einem Schuss in die Luft langsam ein paar Meter weiter.

Am gegenüberliegenden Ufer taucht derweil eine Mutter mit drei Jungtieren auf. Während die Mutter sich beim Lachsfang versucht, bleiben die Jungtiere am Ufer stehen. Keiner hält auch nur eine Pfote ins Wasser. Plötzlich tapst in unmittelbarer Nähe ein kleiner Bär mit seiner Mutter in den Fluss und rennt schnell wieder hinaus. Zwei Stunden lang fotografieren wir, was die Speicherkarte aushält, dann geht es durch den Bären-Wald zurück zur Lodge.

Dreimal werden wir noch zu der Plattform wandern, um Bären zu beobachten und immer noch Spannenderes zu erleben: Ein junger Bär kommt beim Haschen nach den Fischen bis auf fünf Meter an das Ufer heran, hat aber nur Augen für die Lachse. Dass wir am Ufer stehen, ist ihm egal. Eine Bärenmutter hingegen sieht das anders. Während ihre zwei Jungen am gegenüberliegenden Ufer auf einen Baum klettern, geht sie fischen, nähert sich dabei unserem Ufer und nimmt uns wahr. Sie läuft direkt auf uns zu. Mit lauten Geräuschen verjagt sie der Ranger; sie geht zurück zu ihren Jungen. Als die Bärin noch mit ihren Kleinen beschäftigt ist, geht ein Bär mit seiner Beute im Maul genau vor ihrer Nase an das Ufer. Laut brummend verjagt sie den Störenfried. Wieder kommt ein Bär ein paar wenige Meter von uns entfernt an Land. Unbeeindruckt von den Geräuschen, die ihn vertreiben sollen, kratzt er sich hinter dem Ohr, schubbert sich an einem Ast, sieht zu uns herüber und schubbert sich weiter. Der Ranger gibt einen Schuss ab. Der Bär hält inne und läuft ein paar Meter weiter. Auf der anderen Uferseite streift gleichzeitig eine Mutter mit ihren Jungen durch den Wald. Als der Schuss ertönt, stellen sich die Kleinen neugierig auf die Hinterpfoten, während Mutter Bär unbeeindruckt weiterläuft.

Per Helikopter und Ural gelangen wir am nächsten Tag ins Gebiet der Tolbatschik-Vulkane. Auf dem grauen Sand des letzten Ausbruchs im Jahr 2012 schlagen wir die Zelte auf. Zwei Nächte verbringen wir auf dem Zeltplatz, klettern über den erkalteten Lavastrom und über Geröllbrocken, durchqueren ein Schneefeld, erklimmen einen Schlackekegel und legen eine Pause auf den warmen roten Steinen ein.

Einen Tag später besteigen wir einen weiteren Schlackekegel, der bereits bei einem Ausbruch 1975 entstanden war, rösten Marshmallows über zwei Holzscheiten, die, in eine Vertiefung im roten Gestein versenkt, sofort Feuer fangen und halten zur Mittagsmahlzeit in einem Wald aus abgestorbenen Bäumen. Wie Skelette ragen die Baumstämme aus der Lavaschlacke gen Himmel. Ein Helikopter, in dessen Motor beim Ausbruch des Vulkans Asche gelangt war, steckt bis zum Heck im schwarzen Sand.

Nach der kurzen Erholung vor den Heerscharen von Mücken, die uns der Aufenthalt im Vulkangebiet bescherte, erreichen wir wieder die Taiga und damit auch den Lebensraum der Blutsauger. Der Ural schwankt, als würde er auf den Wellen des Ozeans reiten. Mehrere Fahrzeuge kommen uns entgegen: Das Reisen trägt auch hier bereits Züge von Massentourismus.

Der letzte Gruppentag ist angebrochen. Zwölf Stunden soll die Fahrt bis Petropawlowsk dauern. Bevor es losgeht, wird schnell noch der Müll auf einer Waldlichtung, die als Müllkippe dient, abgeladen.

In Milkovo halten wir zu einer Mittagspause in einer Cafeteria mit typischem Kantinenflair, stoppen später ein letztes Mal für ein Bad in einer Thermalquelle und erreichen am frühen Abend Petropawlowsk.

Morgens brechen wir auf nach Nowosibirsk. Die drittgrößte Stadt Russlands ist nur ein Übernachtungshalt auf unserem Weg nach Barnaul. Am Flughafen warnen Schilder davor, in private Taxis zu steigen. Unbedingt solle man eine Fahrt mit einem offiziellen Taxi im Flughafengebäude kaufen. Wir befolgen den Rat. Allerdings gibt es nur einen Anbieter und dort werden 2000 (30 Euro) Rubel für eine Fahrt verlangt. Die Summe ist auf der Preistafel nicht zu finden. Wir haken nach, bis die Fahrt nur noch den höchsten verzeichneten Preis kostet: 1200 Rubel (18 Euro).

Das am Fluss Ob gelegene Nowosibirsk – die drittgrößte Stadt in Russland – wurde ursprünglich als Siedlung von Bauarbeitern, die eine Eisenbahnbrücke über den Ob bauten, gegründet.

Am Stadtrand stehen noch die alten Holzhäuser mit ihren blau bemalten Fensterrahmen. Neu gebaute Hochhäuser kommen ihnen immer näher. Das Betongrau der Fassaden aus der Sowjetzeit ist Pastelltönen gewichen, die Stirnseiten der neugebauten Wohnblöcke zieren statt Mosaiken mit sozialistischen Motiven nunmehr Gemälde mit Sehenswürdigkeiten europäischer Städte.

Im historischen Zentrum weist eine rote Linie den Weg zu den wichtigsten Gebäuden. Wir folgen ihr entlang an Operngebäude, Leninplatz und Auferstehungskirche.

Unser Zug nach Barnaul fährt erst am folgenden Abend. Zeit für den Besuch des Tierparks, der immerhin einen Liger – eine Kreuzung eines männlichen Löwen mit einem weiblichen Tiger – beherbergt. An der Hauptstraße wollen wir uns ein Taxi, das uns zum Zoo bringen soll, heranwinken. Nur, wir bekommen keines. Lediglich vorbestellte Uber- und Yandex-Taxis brausen an uns vorbei. Irgendwann geben wir auf, besichtigen noch die Newski-Kathedrale und machen es uns in einem Restaurant gemütlich.

Der Hauptbahnhof von Nowosibirsk ist schon von weitem an seiner mintgrünen Fassade zu erkennen. Drinnen hängen Gardinen vor den Fenstern im großen Wartebereich, Marmor veredelt die Wände, im VIP-Bereich stehen schwere Ledermöbel und Palmen.

Pünktlich fährt der Zug ab und pünktlich kommt er in Barnaul an. Zum Glück haben wir uns für den Abendzug entschieden: Wir haben Plätze im Großraumwagen – offene Abteile mit vier Liegen und zwei Liegen im Gang – und ohne Klimaanlage. Sobald der Zug steht, verwandelt sich der Wagen in eine Sauna; erst mit dem Untergang der Sonne wird die Temperatur im Zug erträglich.

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