Russland – Sibirien und Ferner Osten

Als Gott die Schätze der Welt verteilte, froren ihm über Sibirien die Hände und er ließ sehr viel fallen.
(Sprichwort aus Sibirien)

Juli 2019

Pakistan China Kasachstan

olyma Highway: (Jakutsk – Magadan) – Wladiwostok – Kamtschatka: (See Dwuchjurtotschnoje – Vulkan Tolbatschik – Petropawlowsk) – Nowosibirsk – Barnaul – Republik Altai: (Multinskije-Seen) – Moskau – Island Alaska und Kanadas Yukon

Aus der Steppe Kasachstans fliegen wir in die kälteste bewohnte Großstadt der Welt – Jakutsk in Sibirien -, steigen in das Auto unseres Fahrers Alexander um, und starten nach einer Fährüberfahrt auf dem mächtigsten Strom Sibiriens, der Lena, zu einer sechstägigen Fahrt auf dem Kolyma Highway in das 2000 Kilometer entfernte Magadan.

„Straße der Knochen“ wird der Kolyma Highway auch genannt: Hunderttausende Gefangene, die unter Stalin in den Gulag-Lagerkomplex Dalstroi verbannt wurden, erbauten die Straße von den 1930er bis zu den 1950er Jahren: Dalstroi ist ein 1931 als staatlicher Zusammenschluss von Unternehmen des Straßen- und Industriebaus gegründeter Konzern. Tausende Häftlinge wurden erschossen, weil sie die Arbeitsnorm nicht erfüllten, andere starben am mörderischen Klima – im Winter fällt die Temperatur bis auf 73 Grad und im Sommer steigt sie auf 40 Grad -, oder an den menschenunwürdigen Bedingungen, die in den Gulags herrschten. Viele der Toten wurden kurzerhand unter der Straßendecke begraben.

In Nizhny Bestyakh, einer Satellitenstadt Jakutsks am anderen Ufer der Lena beginnt die Fahrt. Grüne Wiesen, grasende Pferde, größere und kleinere Seen prägen die Landschaft. Dörfer mit kleinen Holzhäusern, die sich im Grün verstecken, liegen über weite Distanzen verstreut in der Ebene. Einige der alten Häuser, die im glockenartigen Stil errichtet wurden, sind noch bewohnt.

In den Imbissstuben, von den Einheimischen Cafés genannt, werden wir uns bis zum Ende des Trips mit allen Mahlzeiten versorgen. Zu unserem Leidwesen bleibt das Angebot weitgehend identisch: Frittiertes, Krautsalat, Hühnchen, Suppe. Dafür stehen sie an den abgelegensten Flecken, haben bis 24 Uhr geöffnet und das morgens vorbereitete Essen wird sofort serviert.

Ein wenig abseits der Route befindet sich in einer Taiga-Siedlung ein Museumsdorf, in dem das Leben der Jakuten, die seit dem 12. Jahrhundert im Gebiet der Lena siedeln, sehr anschaulich gezeigt wird. Inmitten feuchter Wiesen stehen eine alte Mühle – Kühe bewegten seinerzeit das Mühlrad -, Häuser und eine Kirche. Auf einem Friedhof ist noch das Grab eines Neunjährigen, der seine Ruhestätte nach schamanischem Ritus in einem Baumstamm fand, zu sehen.

„So grün ist es nur drei Monate im Jahr“, erklärt eine Museumsführerin. Für uns schließt sie die Tür zur Kirche auf. „Gottesdienste finden nur im Sommer statt. Im Winter ist es zu kalt.“ In dem aus Holzbalken, die über Tausende Kilometer hierher transportiert wurden, erbauten Kirchlein klettern wir über eine Holzleiter auf den Glockenturm, läuten jede der in alle Himmelsrichtungen hängenden vier Glocken und blicken an den goldenen Zwiebeltürmen vorbei auf die ehemalige Kirche.

Alle Gebäude im Museumsdorf sind begehbar, auch das alte Kirchlein. Diesmal klettern wir alleine die wacklige Leiter auf den Kirchturm hinauf und läuten die Glocken.

Alexander drängt zur Weiterfahrt. Der Fluss Aldan muss noch überquert werden; die letzte Fähre legt um 20 Uhr ab.

Trotz kurzer Nieselregenschauer bleibt die Piste gut passierbar und wir erreichen die 18-Uhr-Fähre, genießen auf der einstündigen Überfahrt die Ruhe und das sanfte Dahingleiten des Schiffes, erblicken bei der Weiterfahrt am anderen Ufer mit Freude unseren ersten Braunbären, der mit erhobenen Vordertatzen mitten auf der Straße steht und erreichen am taghellen Abend unser Ziel Khandyga.

Vor einem zweistöckigen, mit Brettern verkleideten Wohnhaus hält Alexander. Einige Bretter lösen sich bereits von der Fassade mit den maroden Fenstern, die Erde vor dem Haus ist schwarz. Kohlenstaub, meint Alexander.

Zum Glück täuscht der erste Blick auf unser Nachtquartier. Drei Zimmer mit Küche und Bad geben uns ein angenehmes Zuhause. Nur daran, dass es nicht dunkel wird, müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Wie ein schwarzes Band zieht sich die Straße durch das frische Grün: Aktive und stillgelegte Kohleminen haben ihre Spuren hinterlassen. Obwohl die Straße kaum befahren ist, gibt es in bewohnten Ortschaften an jedem Zebrastreifen eine Radarfalle.

Über Hunderte von Kilometern liegt ein schwarzes Kabel am Straßenrand: das Internetkabel. Wi-Fi gibt es in jedem abgelegenen Café. Wir halten an einem, das inmitten einer Industriebrache liegt. Die umliegenden Dörfer sind zum größten Teil verwahrlost; die Natur holt sich die Bretterbuden zurück.

Eisschollen treiben im Fluss; Schneefelder leuchten weiß im Grün; die Straße windet sich in die Berge und wieder in die weite Ebene. Der Boden ist sumpfig; Stechmücken haben hier ihr Paradies auf Erden und uns als willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan.

Ein Stein bohrt sich in den Reifen eines der Hinterräder. Während Alexander den Reifen wechselt, erwehren wir uns der gefräßigen Blutsauger. Sieben auf einen Streich, zehn auf einen Streich; ein neues Handspiel ist geboren.

Spät erreichen wir die in der Nähe von Goldminen erbaute Kleinstadt Ust-Nera: Häftlinge aus den umliegenden Gulags waren, wie überall im Kolyma-Gebiet, auch hier die Erbauer der Stadt. Nach der Auflösung der Arbeitslager blieben viele vor Ort; sie hatten hier Arbeit; die Regierung in Moskau hatte Interesse am Abbau der Bodenschätze, baute Schulen und Kindergärten, zahlte hohe Löhne und gewährte überdurchschnittliche Sozialleistungen.

Ein Kohlekraftwerk steht neben verfallenen Häuschen am Ortsrand von Ust-Nera. Rostige Schornsteine ragen aus kaputten Gewächshäusern, in denen früher Tomaten, Gurken, Erdbeeren und Weintrauben gezüchtet wurden. Von den Hausfassaden der noch bewohnten Betonklötze aus der Sowjetzeit bröckelt die letzte verbliebene Farbe, schwarzer Kohlenschlamm klebt an den Schuhen, die Tristheit der Stadt wird nur durch die goldfarbenen Zwiebeltürmchen der neuen Kirche unterbrochen.

In einem ehemals rosa angestrichenen Wohnblock befindet sich in der dritten Etage unser Hotelzimmer. Seit der Einrichtung des Hotels vor einigen Jahrzehnten hat sich nichts verändert: Ein Fliegenfänger samt daran klebender Fliegen hängt von der Zimmerdecke, die altersschwachen Betten wackeln bei jeder Berührung. Aber es ist sauber und aus dem verrotteten Duschkopf fließt warmes Wasser.

Susuman, ein weiteres Zentrum der Goldförderung, ist unser nächstes Ziel. Auf einer Strecke von 400 Kilometern wird es keine Einkehrmöglichkeit geben und wir versorgen uns in einem Café in Ust-Nera mit Schnitzeln für die Mittagszeit.

Weiter geht es auf dem endlosen schwarzen Band über weite Ebenen und hohe Pässe. Wir sind allein mit Bär, Hase und Murmeltier.

In der Bergbau-Geisterstadt Kadyktschan – nach einer Explosion in der Mine 1996 mussten die Bewohner die Stadt verlassen – legen wir den Mittagsstopp ein. Während Alexander wegen des Regens im Auto sitzen bleibt, durchwaten wir Pfützen und sumpfige Wege auf dem Weg zur Schule. Sie scheint als einziges Gebäude zugänglich zu sein. Schulbücher liegen in den leeren Klassenzimmern zwischen geborstenen Fensterscheiben; in der Bibliothek stehen Bücher in den Regalen; in den unteren Räumen liegen die Trümmer von Stühlen, Tischen und Schränken.

Neben Blättern mit sorgfältig aufgeklebten, getrockneten Pflanzen leeren wir die Lunchpakete, warten auf das Ende des Regens und stapfen anschließend hinüber ins Restaurant, sehen uns in der Küche und im Gastraum um und beenden die Stadtbesichtigung.

Noch bevor wir Susuman erreichen, verlassen wir die autonome Republik Sacha (Jakutien), stellen die Uhr ein zweites Mal seit der Abfahrt in Jakutsk um eine Stunde vor und reisen weiter in der Oblast (Verwaltungsbezirk) Magadan.

Die Temperaturen sinken, der Regen wird stärker. Strommasten liegen umgestürzt im Wasser oder hängen in den Bäumen; von Häftlingen erbaute Holzbrücken überqueren Flüsse; ab und an liegt ein von der Straße gefallenes Auto am Flusshang.

Susuman ist eine größere Stadt. Straßenlaternen beleuchten die unbefestigten Straßen; Stalin, Lenin und das Gedenken an den 9. Mai grüßen von den Hauswänden; aus der ehemaligen Pilotenschule schaut das Cockpit einer IL 18 heraus.

Die Wolkendecke reißt auch am nächsten Tag nicht auf. Höher hinauf geht es in die kahlen Berge. Die Holzhütten ehemaliger Goldsucher verschwinden in der Taiga, verlassene Kohleminen und Berge von Abraum zieren die Landschaft.

Wir erreichen Ust-Omchug. Wohnblocks mit leuchtend bunt angestrichenen Fassaden stehen neben bröselnden, fünfgeschossigen Häusern. Wir sind uns sicher, dass Alexander vor einem der aufgehübschten Blöcke halten wird und wir dort ein Zimmer beziehen werden.

Er hält vor dem schäbigsten Block der Stadt. „Steigt aus. Das ist Euer Hotel“, meint er. Wie angewurzelt bleiben wir sitzen und schütteln die Köpfe. „Kommt, aussteigen!“

Durch eine Blechtür betreten wir ein frisch renoviertes Treppenhaus. Während alle Etagen mit einer Ausnahme unbewohnbar sind, stehen in der zweiten Etage sechs rundumerneuerte Zimmer für Gäste bereit. Wir fragen die Hoteldame nach einer Wi-Fi Verbindung. Sie lacht: „So viel Zivilisation haben wir hier nicht.“

Der Regen hat aufgehört; wir durchstreifen den Ort. Die Ketten einer Kinderschaukel quietschen im Wind; unzählige Mücken umschwärmen uns; Lenin weist im Stadtpark den Weg; an der anderen Flussseite steigt Rauch aus den rostigen Schornsteinen der Bretterhütten; der nachgebaute Wachturm eines Gulags erinnert an die Vergangenheit der Region.

Auf die Spuren der Vergangenheit begeben wir uns am nächsten Tag bei einer Wanderung zum Gulag Butugychag. Quer durch die Taiga fahren wir mit dem Jeep zu einer ehemaligen Uranmine. Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter.

Der Abbau von Uran und dessen Aufbereitung für den Transport zu den nuklearen Testfeldern war in diesem Gulag Schwerpunkt der Arbeit. Im Gegensatz zu der Arbeit in den Kohleminen galt die Tätigkeit im Uranbergbau als verhältnismäßig erträglich. Die Temperaturen waren zu jeder Jahreszeit akzeptabel, während selbst Häftlinge mit bester physischer Kondition, die im Kohlebergbau schuften mussten, nach zwei bis drei Monaten Invaliden waren.

Von der Straße und den Schienenwegen, die hier einst den Transport ermöglichten, sind nur noch andeutungsweise Reste zu sehen: ein Stück Schiene, dass aus einer Mine herausführt und im Dickicht verschwindet, ein verrostetes Verkehrsschild, das an einem Baum inmitten dichter Taiga hängt.

Aufwärts klettern wir über Geröll, wechseln beständig das Flussufer, schlagen eine Schneise durch den nach Kiefern duftenden Wald. Vom Gulag ist nicht mehr viel zu sehen: Eine Holzhütte, Bretter und Fenstergitter, die Grundmauern der Häuser für die Bewacher, die fest im Griff der Taiga sind. Schuhsohlen von Häftlingen liegen inmitten aus dem Boden ragender Stacheldrahtschlingen. Nur das Gefängnis wehrt sich gegen die Eroberung durch die Natur und ist begehbar: In den schmalen, niedrigen Zellen wurden die Häftlinge auf zwei Ebenen untergebracht, ein Ofen zwischen den Zellen diente dem Wachpersonal als Heizquelle.

Vom Gulag geht es direkt nach Magadan, der Hafenstadt, in der ab 1932 die Häftlinge anlandeten. Gedacht wird ihrer in Form des Gedenksteines „Maske der Trauer“ und in steinernen Schriftzügen, die die Namen der Gulags und die Zeichen der verschiedenen Religionen, denen die Häftlinge angehörten, tragen.

Malerisch liegt die Bucht von Magadan vor uns. Im Hafen drehen sich die Entladekräne; ein aus Metallschrott gefertigtes Mammut steht am Ufer; Holzhäuser ziehen sich einen grünen Berghang hinauf; in der Mitte der Stadt leuchten golden die Zwiebeltürme der Kathedrale inmitten gepflegter und heruntergekommener Wohnblocks.

Am folgenden Nachmittag fliegen wir nach Wladiwostok. Die zwischen Pazifik und der Bucht „Goldenes Horn“ gelegene Stadt durfte aufgrund ihrer strategisch wichtigen Lage bis 1991 weder von Sowjetbürgern, die hier nicht lebten, noch von Ausländern besucht werden. Die Transsibirische Eisenbahn hat im sehenswerten Bahnhof – Kronleuchter und Gemälde an der Decke, altes Interieur – ihre Endstation; imposante Gebäude mit teilweise restaurierten Jugendstilfassaden säumen die Straßen; eine Standseilbahn bringt Touristen und Bewohner auf einen Hügel mit einer Aussichtsplattform, von dem sich die Stadt und die Bucht wunderbar überblicken lassen.

Bei einer Hafenrundfahrt wollen wir in Ruhe die Stadt vom Wasser aus erkunden. Kurz bevor das Boot ablegt, stürmt eine Gruppe Chinesen – jeder mit zwei dicken Scheiben trockenem Brot in der Hand – das Boot. Ein kärglicher Proviant, denken wir noch.

Das Boot legt ab, das Oberdeck wird geöffnet und nun wird auch klar, wozu die Brotscheiben dienen sollen. Mit lautstarker Begeisterung werden Brotkrumen in die Luft geworfen, um Schwärme von Möwen anzulocken. Entschieden bahne ich mir einen Weg an die Reling durch die laute Menge, die sich für die Rundfahrt überhaupt nicht interessiert.

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