Pakistan

Den Klugen erkennt man daran, dass er den Mund rechtzeitig schliesst.
(Aus Pakistan)

Juni 2019

Karachi – Lahore – Islamabad – Peshawar – im Hindukusch – Kumrat Valley – Mingora (Swat) – Chilas – Astore Valley – Märchenwiese – Karimabad – Passu – Sost – China KasachstanRussland (Sibirien und Ferner Osten)IslandAlaska und Kanadas YukonKanada

Der Flieger rollt über das riesige Flugfeld des neuen Flughafens im türkischen Istanbul. Rohbauten flankieren die Fläche. Viereinhalb Jahre Bauzeit reichten bis zur Eröffnung; der Berliner Flughafen BER wird mindestens 14 Jahre bis zur Fertigstellung brauchen. Im Flughafengebäude sieht es an manchen Ecken aus, als ob die Endreinigung noch nicht stattgefunden hätte, Toilettentüren schließen teilweise nicht, in allen Bereichen sind Bodenfliesen gerissen oder ausgebrochen, die Fugen zwischen Wand und Boden hat mit Sicherheit kein Fachmann gezogen, Steckdosen in den Wartebereichen sind ohne Strom.

Indes, ich bin in Istanbul nur zwischengelandet auf dem Weg nach Pakistan. In Karachi treffe ich um 5 Uhr morgens Marc im Hotel; wir werden gemeinsam die nächsten fünf Monate auf Reisen sein.

Die Hafenstadt Karachi ist das Finanzzentrum des Landes. Zu erkennen ist das auch auf den zweiten und dritten Blick nicht. Triste Hochhausfassaden, unverputzte Häuser in Zimmergröße, die bei Gelegenheit um ein weiteres Zimmer aufgestockt wurden, hier und da eine bunt angemalte Fassade als Farbtupfer im Betongrau.

Auf den normalerweise verstopften Straßen herrscht wenig Verkehr, die vielen Läden sind geschlossen: Es ist Ramadan. Einen Guide für eine Stadttour haben wir trotzdem gefunden.

Wir starten außerhalb Karachis bei den Chaukhandi-Gräbern, einem Gräberfeld aus vorislamischer Zeit mit filigranen Steingravuren in den je nach Reichtum des Besitzers groß ausgefallenen Gräbern.

Auch danach bleiben wir auf der Spur der Grabmäler und halten am Mausoleum von Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah: In einem weitläufigen Park steht auf einem Hügel die aus weißem Marmor errichtete Ruhestätte. Vor dem Betreten der Stufen, die zum Mausoleum führen, müssen die Schuhe abgegeben werden. Die von der Sonne aufgeheizten Stufen glühen unter unseren Fußsohlen. „Oh, das hätte ich euch sagen sollen, dass ihr Socken braucht“, meint Jamal und blickt auf seine besockten Füße. Er rät, nur auf den weißen Marmorfliesen zu laufen. Konzentriert hüpfen wir über die roten und schwarzen Fliesen hinweg.

 Im kuppelförmigen, aus weißem Marmor erbauten Mausoleum ist es angenehm kühl. Vier Marinesoldaten bewachen den Sarkophag, der hinter einem vom Iran gestifteten Gitter aus massivem Silber steht, während von der Decke ein kitschiger, goldfarben angemalter, chinesischer Leuchter hängt.

Ein paar Perlen aus der britischen Kolonialzeit, wie die St.-Patrick’s-Kathedrale, einen Uhrenturm mit Davidstern und den Empress Markt gibt es noch zwischen den verfallenen Fassaden Karachis. Wegen der Hitze zieht es uns jedoch zum Clifton Beach an der Arabischen See.

Heißer Wind weht über den grau-matschigen Sand am Meer. Frauen und Männer stehen bekleidet im aufgewühlten Wasser, bunt geschmückte Kamele und Pferde sollen zum Reiten einladen. Ein roter Strandbuggy mit gelbem Dach hält neben uns. Marc kann nicht widerstehen. Den aus dem Film „Zwei wie Pech und Schwefel“ bekannten Buggy muss er fahren.

Jamal hat mein Interesse an den farbenfrohen, reich bemalten Stadtbussen bemerkt. „Das Bemalen der Busse ist die moderne Form des Kamelschmückens. Ich bringe euch zu einem Busbahnhof!“, bietet er uns an.

Zehn Busse, jeder kunstvoll bemalt und mit Ketten und allerlei Glücksbringern an Frontscheibe und Außenspiegeln behängt, warten am Haltepunkt auf ihre Abfahrt. Stolz laden uns die Busfahrer in ihre Gefährte ein. In vielen trennt ein Gitter mit kleiner Tür den hinteren Teil, der nur für Männer reserviert ist, vom vorderen für Frauen. Klarer Vorteil für die Frauen, die sich durch keinen übervollen Bus quetschen müssen und Beinfreiheit haben.

Das letzte Ziel ist die Defense-Moschee. 5000 Gläubige können unter der säulenlosen Kuppel beten. 7000 Leuchten scheinen durch das durchbrochene Dach und symbolisieren das Himmelszelt, in der Mitte der Moschee verstärkt ein Echo jedes gesprochene Wort.

Wieder gelangen wir nur von weißem Marmor zu weißem Marmor hüpfend in die Moschee. Im Innenraum liegen ein paar schlafende Männer, an der Wand ziehen sich Paravents entlang, dahinter liegen Gläubige, die die letzten zehn Tage des Ramadan ausschließlich in der Moschee verbringen, von dort ihre Geschäfte erledigen und sich das Essen von ihren Angehörigen bringen lassen.

Am nächsten Abend geht es weiter nach Lahore. Als Zeitvertreib bis zum Abflug haben wir uns den Zoo ausgesucht. Kaum haben wir ihn betreten, fährt der Baumeister der Anlage vorbei, stoppt und lädt uns in sein Büro ein. Begeistert erzählt er, wie der Zoo auf internationalen Standard gebracht werden soll.

So lange es die Hitze ermöglicht, schauen wir uns um. Das Aquarium ist ein kleiner Rundbau mit Aquarien, in denen hauptsächlich Bonsaihaie und Goldfische schwimmen. Die Großkatzen sehen sehr mager aus, die Bären lugen aus ihren Wasserbecken und im Reptilienhaus liegt in jedem Terrarium die gleiche Schlangenart.

Die Mittagshitze treibt uns zurück ins Gästehaus. Dort finden jedoch Sanierungsarbeiten statt. Damit wir in Ruhe die Kühle des Zimmers genießen können, lässt der Chef des Gästehauses die Arbeiten einstellen. Erst nach zwei Stunden klingelt das Zimmertelefon und wir werden gefragt, ob wir etwas dagegen hätten, wenn jetzt weitergearbeitet würde.

Nach einem sehr entspannten Flug mit PIA, der staatlichen pakistanischen Fluglinie, empfängt uns in Lahore eine Dunstglocke aus Staub und Dreck, die vom starken Wind durch die 43 Grad Celsius heiße Luft gewirbelt wird.

Die Temperatur steigt am nächsten Tag auf 47 Grad Celsius. Auf eine Stadttour wollen wir trotzdem nicht verzichten und haben uns Shahid, einen Guide, organisiert.

Von den 10 Millionen Einwohnern Lahores ist kaum jemand zu sehen, entsprechend leer sind die Straßen. Zügig fahren wir an sehr gut erhaltenen Gebäuden aus der Kolonialzeit, Kirchen und gepflegten Parks vorbei.

Je näher wir der Altstadt kommen, desto mehr Eselgespanne und Qinqi (TukTuk mit fünf Sitzen) sind unterwegs. Bevor wir jedoch in ihre schmalen, schattigen Gassen eintauchen, braten wir bei der Besichtigung von Fort und Badshahi Moschee im prallen Sonnenschein.

Der Innenhof der Badshahi Moschee, der Platz für 55 000 Gläubige bietet, liegt in der gleißenden Sonne. Auf einer Seite führen Arkaden um den Hof, auf der anderen Seite wehen schwarze Fahnen von Hausdächern. Die Bewohner dieser Häuser sind Schiiten – die meisten Pakistaner Sunniten – und zeigen das ganze Jahr über Flagge.

Die Arkaden sind ein Glücksfall für die Fußsohlen. Die Moschee ist voller Männer; die meisten liegen ruhend auf dem Teppich; wenige lesen im Koran; eine Gruppe Männer möchte fotografiert werden; die meisten blicken wohlwollend zu mir herüber.

Zurück rennen wir über die ausgerollten Läufer auf dem Innenhof. Auch sie glühen. Wir springen auf die aus weißem Marmor bestehende Einfassung des Brunnens, der mittig auf dem Platz steht, holen tief Luft und rennen weiter. Kurz vor dem Ausgang wird gerade der Läufer gewässert. Linderung verschafft das den Füßen jedoch nur wenig.  

Endlich sind die Sandalen wieder an den Füßen. Der Eingang zum Fort liegt direkt gegenüber, so konnte ein hochrangiger Gast auf seinem Elefanten vom Fort zur Moschee reiten. Wir müssen laufen.

Lahore war im 16. Jahrhundert die Hauptstadt der als unermesslich reich bekannten Moguln. An den Außenmauern des Forts zeigt sich der Wohlstand in ihrer Verzierung mit unzähligen Kunstwerken. Dahinter führen für Elefanten passierbare Stufen hinauf zu den Audienzgebäuden, Gärten und dem Spiegelpalast: Aus ihm nahmen einst die Briten den kostbaren Koh-I-Noor-Diamanten mit nach London.

Die Hitze wird unerträglich. Nur ein kurzer Abstecher in die Altstadt soll es noch sein: Die meisten Läden sind geöffnet, unzählige Mopeds verpesten die ohnehin schon stickige Luft, Jung und Alt wuseln durch die schmalen Gassen. Manche sind so schmal, dass nur eine Person hindurch laufen kann. Schatten spenden die hohen Häuser, viele schon Jahrhunderte alt.

Ein altertümlich aussehendes Minarett lockt uns in die wunderschön bemalte Wazir Khan-Moschee. Leider gibt es hier keine Arkaden und wir rennen über den glühend heißen Läufer bis zum weißen Marmorbrunnen in der Mitte des Innenhofes und nach einer kurzen Erholung für die Füße weiter in die Moschee.

Zehn Minuten später ertönt bereits der Ruf des Muezzins und wir müssen gehen. Der Läufer wird gerade mit Wasser getränkt. Ohne Pause am Brunnen renne ich dorthin und stehe in siedend heißem Wasser. Mehrere Tage werden meine Fußsohlen brauchen, ehe sie sich erholt haben.

Händler mit dicken Geldbündeln stehen am Straßenrand. Shahid kauft ein Bündel druckfrischer Geldscheine. Vorsichtshalber fragen wir ihn, ob das kursierende Geld demnächst ungültig wird. „Nein, es ist üblich, zum Fastenbrechen den Kindern neue Geldscheine zu schenken.“

Nachmittags brechen wir zum pakistanisch-indischen Grenzübergang Wagah auf. Täglich findet dort ein skurriles, lautes Spektakel – das Einholen der Flaggen – statt. Ein Bähnlein bringt die Schaulustigen vom Parkplatz zur Zuschauerarena. Während Pakistan den größeren Fahnenmast hat, ist das „Stadion“ auf indischer Seite mit mehreren Rängen und der Aufschrift „INDIAS FIRST LINE OF DEFENSE“ imposanter. Shahid gibt sich zuversichtlich: „Irgendwann werden wir auch die größere Tribüne haben.“

Farbenfroh und fröhlich zu einheimischer Pop-Musik tanzend, wärmen sich die Zuschauer auf der indischen Seite für die Zeremonie auf.

Die in den Nationalfarben Weiß und Grün gehaltenen Sitze im Halbrund der pakistanischen Seite bleiben heute weitestgehend leer. Morgen beginnt Eid al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens, und alle sind mit den Vorbereitungen beschäftigt. Dafür schreit ein Soldat wie ein Muezzin den immer gleichen, lang anhaltenden Ton ins Mikro – bis die Ohren schmerzen.

Trommelwirbel, Stechschritt, Drohgebärden, ein Anheizer versucht, aus den Kehlen der Pakistaner alles herauszuholen. Soldaten in schwarzer Uniform und mit rotem Kopfputz marschieren, die Beine auf maximale Höhe werfend, auf die Grenze zu. Auf der indischen Seite sind die Abläufe der sandfarben Uniformierten identisch.

Bevor die Zeremonie beginnt, geben sich die Befehlshaber die Hand. Für eine halbe Stunde werden anschließend nonverbale Manöver und martialische Gesten ausgetauscht; im letzten Akt werden die Flaggen eingeholt; die Tore werden geschlossen; die Grenzsoldaten beziehen wieder ihre Posten.

Die Temperaturen streben auch am nächsten Tag Richtung 50 Grad. Eid al-Fitr wollen wir uns nicht entgehen lassen und fahren zur Badshahi-Moschee. Der Tuk Tuk-Fahrer setzt uns an den Mauern des Forts ab. Sofort stürzen junge und ältere Frauen auf Marc zu, winken und versuchen ihn mitzunehmen: Wir sind im Rotlichtviertel gelandet.

Ein Pakistaner redet auf den Tuk Tuk-Fahrer ein, wir sollen wieder einsteigen, er fährt uns zum Haupteingang. Militär und Polizei kontrollieren am Eingang zum Park. Mein Rucksack wird als zu schwer empfunden. Wasserflasche und Fotoapparat wandern in meine Hände. Nun ist er leicht genug zum Mitführen.

Das Gebet in der Badshahi-Moschee ist vorbei, vor allem Männer strömen uns entgegen. „Selfie?“, werden wir auf Schritt und Tritt gefragt. Mit langem Atem kämpfen wir uns durch den Selfie-Marathon zur Moschee vor, geben die Schuhe ab und kommen doch nur bis zum Eingang.

Selfies über Selfies. Als in uns auch noch You Tube-Stars gesehen werden, fliehen wir an eine Imbissbude, kaufen Eis und Cola und verzehren es unter Beobachtung an einem der Tische. Die Cola ist getrunken, das Eis gelutscht, schon sind wir wieder von Selfie-Jägern umringt. Es reicht. Zumal die jungen Männer ab und an auch aufdringlicher werden.

Am Parkausgang stehen Qinqi, eines fährt in den Zoo. Liegt es an uns oder will tatsächlich niemand in den Zoo? Der Fahrer findet keine weiteren Fahrgäste. Wenn wir alle fünf Sitze bezahlen, würde er losfahren. Kein Problem, den Preis von umgerechnet 1,50 Euro übernehmen wir.

Die Ticketschalter am Zoo sind getrennt für Frauen und Männer. Während sich an den vier Schaltern für Männer lange Schlangen bilden, erhalte ich die Tickets am einzigen Schalter für Frauen sofort.

Festlich gekleidete Pakistaner sind auf den vermüllten Wegen zwischen den Gehegen unterwegs. Einem Braunbären wird eine leere Wasserflasche auf den Kopf geworfen. Er trollt sich ins Wasserbecken und lugt über den Beckenrand. Genervt verlassen wir den Zoo wieder.

Am nächsten Tag brechen wir auf nach Islamabad. Mein Vorhaben, mit dem Bus dorthin zu fahren, muss ich aufgeben – es ist kaum möglich, an einem Feiertag einen Bus zu finden – und so schließe ich mich der von Marc bevorzugten Variante eines Privattransfers an.

Über den alten Handelsweg, der einst von Kabul nach Dhaka führte, reisen wir nach Islamabad. Viel außer ein paar Ziegeleien ist von der Handelsstraße nicht übriggeblieben, neu sind ein pakistanisch-chinesisches Handelszentrum und McDonalds. Felder und kleine Dörfer ziehen vorbei.

Irgendwo in der Pampa halten wir an einem Restaurant. Gerne würden wir draußen sitzen, aber das ist den Männern vorbehalten, wir müssen drinnen im Familienraum essen. Wieder ziehen wir alle Blicke auf uns. Als die Familie vom Nachbartisch geht, warten die Mädchen ab, bis die Eltern das Lokal verlassen haben, kommen zu uns und fragen nach Selfies. Schon steht die Mutter am Tisch. Die Mädchen ignorieren ihre wilden Gesten und gezischelten Worte.

Für ein Foto werden wir umringt. Die Alte drängt die Mädchen von Marc weg. Eines bleibt indes an ihn gelehnt. Die Mutter gibt verzweifelt gestikulierend auf.

Drei Hochhäuser zeigen, dass wir in Islamabad angekommen sind. Die Straßen sind wie mit dem Lineal gezogen, Parks und Grünflächen durchziehen die am Reißbrett entworfene Stadt.

Der Fahrer hat Mühe, die Adresse unserer Unterkunft zu finden. Straßennamen gibt es nicht, Adressen lauten Sector F-7/2 street 17 oder Sector G 9/3.

Wir sind verabredet mit Ameer, einem Guide, der uns über den Abstecher Hindukusch auf dem Karakorum Highway zur chinesischen Grenze bringen wird.

Nach einem kurzen Abstecher durch das Regierungsviertel – Präsidentenpalast, Oberstes Scharia-Gericht und Oberster Gerichtshof – werden wir zum Abendessen in ein Restaurant in den die Stadt umgebenden Margalla Hills, einem Ausläufer des Himalaya, eingeladen.

Noch wird Eid gefeiert, festlich gekleidete Leute in mit Fahnen geschmückten Autos strömen in die Berge, statt der üblichen 30 Minuten brauchen wir knapp zwei Stunden bis zum Restaurant.

Bevor wir Islamabad am nächsten Tag verlassen, statten wir der Schah-Faisal-Moschee einen Besuch ab. Auf einem kleinen Hügel in Form eines Beduinenzeltes erbaut, hat sie vor den Margalla Hills die perfekte Lage. 300.000 Gläubige können hier beten, Ex-Premier Zia ul-Haq hat ein kleines Mausoleum auf dem Areal.

Müll liegt zuhauf auf dem Moscheegelände, die Moschee wird gerade gereinigt und wir können nur einen Blick durch die völlig verdreckten Scheiben in das Innere werfen. Zu sehen gibt es nur einen überdimensionalen Koran, von der edlen Innenausstattung ist nichts zu erkennen.

Der Fahrer unseres Autos, „alter Mann“ genannt, lenkt den Toyota gemächlich durch grünes, dünn besiedeltes Land nach Peshawar, dem Hauptort der Provinz Khyber Pakhtunkhwa.

Das Freitagsgebet hallt durch die Straßen Peshawars. Durch das Kabul-Tor gelangen wir in die Altstadt: heruntergekommene, mehrstöckige Häuser, geschlossene Läden, ein paar fliegende Händler, wenige Tuk Tuks. An den Grillständen beginnt das Hacken und Schnipseln von Fleisch, Gemüse wird gekocht, Brot gebacken.

Bei einem Händler versorgen wir uns mit etwas Obst. Sofort bildet sich eine Männertraube am Stand und beobachtet jede Bewegung von mir.

Von der Straße aus nicht sichtbar, liegen im Hof hinter den Imbissbuden Teppiche, Nackenrollen und Kissen unter Baldachinen.

Während Marc sich auf einem der Teppiche lang macht, werde ich von Imbissbude zu Imbissbude weitergereicht. Jeder will bei der Arbeit fotografiert werden, posiert, einer dreht ein Video, in dem er mir auf Urdu Zutaten und Rezept einer Mahlzeit erklärt. Natürlich komme ich um Selfies nicht herum. Gerne wird dabei versucht, die Arme locker um meine Hüften zu legen. Später wird Marc erzählen, dass ein Typ sich beschwert habe, dass ich das Essen fotografieren würde, aber nicht ihn.

Es ist Freitag und Eid. Von den Attraktionen der Stadt bekommen wir nichts zu sehen. Die Mahabat-Khan-Moschee ist verschlossen, vom Hissar Fort, das sich in den Händen der Armee befindet und erst morgen wieder öffnet, sehen wir nur Flak-Geschütze, gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten mit Maschinengewehren, die es sichern: Die Grenze zu Afghanistan ist nur 50 Kilometer entfernt.

Vorerst bleiben wir auf dem Highway, passieren Dörfer und Kleinstädte, in denen das Auffälligste die allenthalben in hellgrün bemalten Grundstücks- und Hausmauern mit der Werbung eines Mobilfunkanbieters sind. Frauen verschwinden aus dem Straßenbild, die wenigen sichtbaren tragen eine hellbraune Burka.

Passkontrolle. Mitglieder der Antiterroreinheit (ATS) kontrollieren alles und jeden. Nur wenige Kilometer weiter die nächste Kontrolle von ATS und Militär. Eine Eskorte für uns wird angefordert: „Es ist Eid und der Verkehr so dicht. Dann kommt ihr besser durch.“ Blödsinn, denken wir.

Bevor die Eskorte eintrifft, reicht die Zeit für gemeinsame Fotos mit den Uniformierten und einen Small Talk, der mit dem ironischen Satz endet „Wir sind die Friedensarmee.“ Vor allem ist das Militär der eigentliche Machthaber im Land.

Die Polizeieskorte – zwei Mann mit Sonnenbrille, Schutzweste und MG – ist da. Los geht es Richtung Hindukusch. Die Landschaft wird felsig, in den Ortschaften sind Rollläden und Grundstücksmauern mit der Nationalfahne bemalt, nur wenige Autos sind auf den Straßen unterwegs.

Die Eskorte wechselt mehrfach, von Polizei über Militär zum ATS. Die Wechsel sind fließend, Fotos jederzeit gestattet. In der Kleinstadt Upper Dir tauschen wir vor einem Hotel die Limousine gegen einen Jeep. Der ATS wacht vor dem Hotel, in dem wir noch schnell einen Tee trinken.  

Häuser aus Brettern haben in den Orten die gemauerten Bauten weitgehend abgelöst. Oft ist die obere Etage nur über eine Leiter zu erreichen. Ameer kauft Wasser und Obst, das es in den Bergen nicht gibt.

Ich nutze die Gelegenheit zum Fotografieren. Sofort ist die Eskorte nebst Dorfpolizei an meiner Seite. Die Männer des Dorfes, deren Blicke von neugierig über argwöhnisch bis feindselig variieren, bleiben auf Distanz. Das wird in den Tagen, in denen wir uns zwischen den Orten der Provinz Khyber Pakhtunkhwa bewegen, auch so bleiben.

Erbsengroße Hagelkörner prasseln herab, ein kurzer Regenschauer folgt, schlammiges Wasser stürzt über die Felswände abwärts und flutet die unbefestigte zweispurige Piste. Nur im Schritttempo können sich die Autos durch den Schlamm aneinander vorbei schieben. Immer wieder bleibt eines stecken und muss geschoben werden. Aus beiden Richtungen werden Überholmanöver versucht, bis der Verkehr schließlich ganz stockt.

Es ist Nacht. Die Eskorte bleibt zurück. Eine anderthalbspurige Bergpiste bis zum Ziel, dem Bergdorf Jandarei, liegt vor uns. Das Auto holpert am Abgrund entlang, trotz tiefster Dunkelheit gibt es Gegenverkehr.

Print Friendly, PDF & Email