Inguschetien/ Tschetschenien/ Dagestan

Wir sind in Dagestan, dem südlichsten Teil Russlands angekommen.

Machatschkala, die Hauptstadt, ist, im Gegensatz zum aufgeräumten Grosny, eine laute chaotische Stadt. Heruntergekommene Wohnblöcke aus Sowjetzeiten, ein Gebäude von dem das Konterfei Stalins mit der Unterschrift „Danke für den Sieg“ blickt, unzählige kleine Läden – über einem steht Tupperware – sind das erste was wir von der Stadt sehen. Kleine mit Methangas betriebene Stadtbusse fahren geräuschlos an uns vorbei, auf Plakaten wird dem 9. Mai gedacht.

Im Hotel ist selbst die Verständigung über Google Translator nicht so einfach. Dagestan ist ein Vielvölkerstaat. Jedes Volk hat seine eigene Sprache und spricht zur allgemeinen Verständigung Russisch.

Die Innenstadt liegt zwischen Kaspischen Meer und großer Moschee und ist fußläufig durchquerbar. Am Wasser weht eine steife Brise. Kiesartiger Sandstrand, Fabrikschlote und heruntergekommene Häuser bilden die Skyline. Die Kälte treibt uns bald in die Stadt.

Im Stadtpark stehen Boxautomaten. Für umgerechnet 15 Cent bis 14 Euro kann jeder seine Schlagkraft messen und Turniere simulieren. Dagestan ist neben dem islamistischen Terrorismus für seine fabelhaften Ringer bekannt.

Regierungsgebäude begrenzen einen großen Platz. Lenin weist von einem hohen Sockel den Weg. Vor einem Schaukasten mit etlichen Porträts bleiben wir stehen: die Abgeordneten.

Wir sehen genauer hin. Oberhalb des Schaukastens steht „Von der Polizei gesucht …“. Nur mit Mühe können wir uns das Lachen verkneifen: Die Polizei steht in Sichtweite. Aber bodenständig erscheinen die Gesuchten durchaus.

Viele Restaurants gibt es auch in Machatschkala. Nur die ewige Suche nach Schaschlik führt auch heute nicht zum Erfolg. Essen trotzdem sehr gut. Der Kellner spricht sogar etwas englisch. Als wir gehen, ruft ein junger Mann „Hallo“ herüber. „Ihr seid aus Deutschland? Ich liebe Bach, Kant und die deutsche Industrie.“

Der nächste Tag ist ganz der Stadt gewidmet. Einen Zoo haben wir natürlich auch wieder im Netz entdeckt. Auf dem Weg dorthin orientieren wir uns am Internet, besuchen nebenbei die große Moschee und laufen auf einem parkähnlichen Mittelstreifen die Magistrale entlang.

Der Park ist zu Ende, mehr und mehr Gewerbe umgibt uns. Längst müssten wir am Ziel sein. Mehrere Leute fragen wir nach dem Zoo, Schulterzucken ist jedes Mal die Antwort. Ein junger Mann sieht uns irritiert an: „Zoo? Die Stadt hat keinen Zoo!“

Trotz des Zooerlebnisses in Grosny – und weil es sonst nicht viel zu tun gibt in der Stadt – bleiben wir hartnäckig und setzen uns in ein Café mit Wi-Fi.

Neu orientiert laufen wir wieder los und finden das Objekt der Begierde auch – eine Halle mit einem Streichelzoo!

Gegen die Enttäuschung hilft nur noch Schaschlik. Am Meer sind viele Restaurants und eines davon muss doch ein passendes Angebot haben.

Ein Wegweiser zeigt zum Bahnhof. Wir wissen, dass er am Wasser steht und meist gibt es in Bahnhofsnähe viele Lokale.

Tatsächlich gibt es am Bahnhof etliche Lokale, fündig werden wir indes nicht. Entweder es ist geschlossen oder es wird nur Schawarma angeboten. An einem Lokal prangt eine Gedenktafel für Stalin, der im November 1920 in diesem Haus weilte. Ein Wachposten kommt lächelnd auf uns zu. „Vater Stalin“, meint er auf Deutsch.

Im kleinen Restaurant eines alten Hotels gibt es endlich Schaschlik. Die Kellnerin hat Google Translator zur Hand. Auf Russisch bestellen wir schwarzen Tee. Sie glaubt nicht, was sie hört und lässt Google übersetzen. Du wirst schwarz sein, tönt es aus dem Handy.

Drei Viertel Dagestans bestehen aus Hochgebirge. In den Bergen und den tief darin liegenden Tälern ist das Land am schönsten. Wir fahren hin.

Im Dorf Tschoch haben wir uns einquartiert. Die Anfahrt ist mangels Busverbindung etwas schwieriger. WhatsApp funktioniert jedoch immer und wir verabreden mit unserem Gastgeber Saur, dass er uns in Machatschkala abholt. Gleichzeitig fragt er an, ob er uns noch landschaftliche Sehenswürdigkeiten, die am Weg liegen, zeigen darf. Wir sind begeistert von dem Vorschlag.

Saur spricht nur russisch und seine Stammessprache awarisch. Damit wir uns besser verständigen können, nimmt er eine Freundin – Mila – mit, die englisch spricht.

Der erste Halt ist an der Düne Sarykum, der längsten Sanddüne Eurasiens. Am Fuße der Düne steht ein verfallenes Bahnhofsgebäude. Ein Holzweg macht das Erklimmen der Düne zu einem Kinderspiel. Weit reicht der Blick über die Ebene bis nach Machatschkala.  

Die Straße ist gut ausgebaut, Frauen verkaufen aromatisch schmeckende Erdbeeren am Wegesrand, Dörfer und Felder allerorts.

Unterhalb der Straße leuchtet, eingefasst von Bergen, der Stausee der Tschirkai-Talsperre. Eine von Ferne verlassen aussehende städtische Siedlung liegt in der Nähe: Dubki.

Dubki zeigt sich beim Hindurchfahren als bewohnte Stadt. Verfallener Sowjetchick rahmt die kaputten Straßen. Ein Spielplatz ist der einzige belebte Ort in dieser Tristheit.    

Der Fluss Sulak, der das Wasser der Talsperre speist, hat sich einen tiefen Canyon in die Berge gegraben. Türkisfarben und ruhig fließend schlängelt er sich 1000 Meter unter uns durch die Felsen. 

 Die Luft wird kälter. Mila geht uns mit ihrem unentwegten Geplapper – russisch und kein Wort englisch – auf die Nerven.

Immer tiefer gelangen wir ins Gebirge. Die hoch in den Himmel ragenden Felsen sind von wie mit dem Lineal gezogenen Schräglinien gezeichnet. Breit und lehmfarben begleitet uns der Fluss Aktasch.

Saur biegt auf eine unbefestigte Straße ab und hält am Eingang zur Kharadakh-Schlucht. Durch ein breites Tal, das schon Zar Alexander II. für eine Rast zu schätzen wusste, folgen wir dem Rinnsal eines Flusses – die Schneeschmelze hat noch nicht eingesetzt – zum Eingang der Schlucht.

400 Meter Naturwunder verbergen sich hinter dem schmalen, von hoch aufragenden Felsen begrenzten Eingang zur Klamm. Hier und da versperren Felsbrocken den Blick in den Himmel, Wasser sprudelt die glatt gewaschenen Steine hinab und hat im Lauf der Zeit ausgefallene Felsformationen geschaffen.

Lange können wir uns nicht aufhalten. Es dunkelt bereits. Himmel und Berge geben die perfekte Kulisse für die im Kaukasus spielende Prometheussage.

Saur bleibt auf der unbefestigten Straße. Quer durch den Kaukasus und durch winzige Dörfer geht die Fahrt. Ab und an blinken Lichter in der Dunkelheit.

In Tschoch gibt es zuallererst Abendessen. Saur ist Aware und serviert wird awarische Kost: Tschudu (Teigfladen) mit Käse und Erdnussbutter, Brühe und Tee.

Der Tag war lang und wir sind müde. Saur bringt uns zum Gästehaus, oberhalb des Dorfes. Er hat ein mehr als 100 Jahre altes awarisches Haus originalgetreu rekonstruiert.

Die alte Eingangstür klemmt ein wenig. Werkzeuge und Haushaltsgeräte aus vergangener Zeit stehen in jeder Ecke des Hauses. In einem offenen Rundbogen liegt eine alte Steintrommel. Mit ihr wurde lehmige Erde so lange gewalzt, bis sie für ein wasserundurchlässiges Dach geeignet war.

Durch die offenen Bögen in den Mauern strömt die eisige Nachtluft in das Haus. Wir fragen uns, wie wir bei der Kälte schlafen sollen. Saur zeigt uns den einzigen modernen Raum – ein Bad mit Dusche und WC im Erdgeschoss. Daneben liegt die Küche. Das Inventar ist bis auf Mikrowelle, Wasserkocher und Zwei-Platten-Herd so alt wie das Haus.

Die Türen sind nur 1,60 Meter hoch. Lediglich gebückt können die Räume betreten werden. Eine Holztreppe führt in die obere Etage. Die Schuhe werden nach alter Tradition vor der Treppe abgelegt und gegen Hauslatschen eingetauscht.

Drei Schlafräume befinden sich in der ersten Etage. Wärme umhüllt uns, als wir unser Gästezimmer betreten. Eine Elektroheizung läuft auf Hochtouren, wir sind erleichtert. Am Kleiderhaken hängen ein schwerer Mantel aus Schaffell und ein traditioneller Mantel (Tschocha) mit Gürtel und Hemd.     

Vor dem Zimmer liegt die Veranda: zwei Bänke, ein traditioneller Tisch mit sehr kurzen Beinen, dazu zwei Hocker, auf der einen Seite ein Bärenfell an der Wand, auf der anderen das Fell einer Wildziege.

Der Morgen beginnt mit Sonnenschein, einem fantastischen Blick von der Veranda auf Schneegipfel und unser heutiges Wanderziel Gamsutl.

Zur Stärkung vor der Wanderung gehen wir hinab zu Saurs Haus. Das mittelalterliche Tschoch liegt an einem Berghang. In der Ortsmitte grüßt über dem Eingang zum Gemeindehaus eine golden angemalte, steinerne Büste Stalins.

1940 ließ der Bürgermeister die Büste dort platzieren. Obwohl Stalin 70 Leute aus dem kleinen Tschoch deportieren oder erschießen ließ, bleibt die Büste – wie viele andere Stalinbüsten in Dagestan – an diesem Platz. Das ist Zeitgeschichte und keine Verehrung wird uns erklärt. Die Anhänger Stalins, die es durchaus gibt, sind eine kleine Minderheit.

Saurs Frau serviert awarisches Frühstück: Milchtee, in den Butter, Käse und Brot gekrümelt wird. Für meinen Geschmack ist er etwas gewöhnungsbedürftig.   

Saur kommt. Wir fragen ihn nach dem Weg ins verlassene Bergdorf Gamsutl. „Wartet, ich frühstücke schnell, dann fahre ich euch zum Ausgangspunkt. Von dort könnt ihr losgehen“, antwortet er.

Vergeblich versuchen wir, ihm begreiflich zu machen, dass wir von hier bis zum Dorf wandern wollen. „Ist umsonst. Ihr müsst dann trotzdem noch eine Stunde den Berg hochlaufen.“

Wir wollen ihn nicht an seiner Gastfreundschaft zweifeln lassen und steigen in sein Auto. Auf dem Dorfplatz von Tschoch hält er. Ein englischsprachiger Kaukasier ist gerade angekommen und soll übersetzen. Auch er rät uns, die Wanderung erst unterhalb Gamsutls zu beginnen.

Überzeugt ist am Ende Saur und wir wandern los. Abwärts, die Straße hinab ins Tal. Ein Auto hält: „Soll ich euch mitnehmen?“ Wir schütteln den Kopf.

Ein Wegweiser – Gamsutl 1 Kilometer. Ein wenig verwundert sehen wir uns an. Für diese kurze Wanderung wurde so auf uns eingeredet?

Stetig geht es nun bergauf. Die Zeit vergeht, wir laufen und laufen. Gamsutl ist nicht mal zu sehen. Unterhalb des Weges, auf einem Bergplateau, stehen die Ruinen eines Bergdorfes. Gamsutl? Haben wir uns verlaufen? Aber wie hätte man dorthin kommen sollen?

Nein. Gamsutl sieht auf Bildern anders aus und an zwei Häusern sind Satellitenschüsseln. Wie wir später erfahren, ist das Dorf ein typisches Bergdorf, in dem noch die Alten leben, die partout nicht wegziehen wollen. 

Trotz Zweifeln laufen wir den schmalen Pfad weiter aufwärts. Die Vegetation wird baumlos, der Wind weht eisig. Ein Blick nach oben. Auf dem Bergkamm stehen die Ruinen von Gamsutl.

Jetzt verstehen wir, warum wir gedrängt wurden, mit dem Auto bis zum Ausgangspunkt der Wanderung zu fahren. Es ist noch genug Aufstieg übrig geblieben.

Gamsutl ist eine der ältesten Siedlungen Dagestans. Das Dorf liegt auf einer Bergspitze, umgeben von Klippen und steilen Hängen. 70 der ehemals 300 Häuser sind noch zu erkennen. Schmale Wege verbinden sie miteinander. Wer an einer Klippenkante sein Haus stehen hatte, hatte einen weiten Blick in das Tal und auf das gegenüberliegende Tschoch.    

Die rauen, steilen Felsen wurden als Bausubstanz in den Hausbau integriert. In einigen Häusern hängen intakte Holztüren in den Angeln. Es gab Schule, Geschäfte und ein Krankenhaus. Ergangen ist es dem Dorf wie vielen in der Region. Die Jungen zogen fort in die Stadt oder in größere Dörfer, um ein komfortableres Leben zu beginnen.

In einer der Ruinen entdecken wir eine Schlafstatt. Die Decke, die das Lager abdeckt, ist neu, ein verrosteter Herd mit einem Teekessel steht vor den Überresten des Hauses.  

Der weite Blick in die Tiefe und die Ferne ist den etwas mühseligen Aufstieg allemal wert gewesen. Auch den Rückweg wollen wir bis zum Gästehaus per pedes zurücklegen. Trampen kommt, obwohl hier kein Problem, nicht infrage.

Fünf Stunden nach dem Aufbruch zur Wanderung klopfen wir hungrig bei Saur an die Tür. Er bittet uns herein. Auf dem Tisch stehen Kekse und Konfekt. Verstohlen langen wir zu. „Hungrig?“ Wir nicken. Saur holt Bananen und Cola, fragt, ob wir Suppe wollen. Und wie wir wollen.

Unbeholfen schöpft er Brühe mit Nudeln in die Schüsseln. „Meine Frau ist im Gästehaus putzen und kochen ist in Dagestan Frauensache. Deshalb weiß ich nicht so richtig, wie ich das machen soll“, entschuldigt sich Saur.

Wir fragen, ob er uns morgen nach Derbent bringen würde. Mit der Marschrutka ist das eine sehr umständliche, zeitraubende Fahrerei. Wir müssten in den nächsten Ort, von dort zurück nach Machatschkala, um dann den halben Weg wieder zurück zufahren, ehe es nach Derbent weiter geht. 

Gerne wird er uns fahren und hat auch gleich wieder einen Vorschlag, wohin er einen Abstecher machen würde. Alle sind zufrieden.

Bis zum Abendessen wollen wir die müden Beine auf der Veranda des Gästehauses ausstrecken und den Blick genießen.

Ein Vorhängeschloss versperrt den Eintritt in die Herberge. Das ist ärgerlich. Ich laufe zurück: Leichten Fußes den Berg abwärts – erfahre, dass der Schlüssel unter einem Putzhobel liegt – und schweren Fußes den Berg wieder hinauf.

Endlich kann ich die Füße auf der Veranda-Bank lang machen.

Zum Abend wird awarische Kost serviert: Mini-Dampfnudeln mit hausgemachten Wurststückchen, Brühe zum Trinken, süßer Mais-Porridge mit selbst gemachter Schokoladencreme.

Zum Frühstück gibt es ein letztes Mal awarische Hausmannskost. Saurs Frau und eine Freundin servieren Aprikosenpüree mit hausgemachter Schokoladencreme. Gemeinsam mit uns sitzen die Frauen am Tisch, plaudern und essen.

Saur kommt herein. Augenblicklich springen die Frauen auf, seine Frau serviert ihm Frühstück, dann sitzen sie abseits an einem kleinen Tisch.

Damit er Gesellschaft auf der Fahrt nach Derbent hat, wartet Saur noch auf einen Freund.

Viel zu kurz war der Aufenthalt in der spektakulären Bergwelt. Noch einmal fahren wir vorbei an Orten, die an Berghängen kleben, schauen auf tief liegende, trockene Flussbetten und die hohen Gipfel des Kaukasus.  

Hinter einer Serpentine lauert Polizei. Saur wird herausgewunken, hupt kräftig und fährt weiter. „Ist ein Freund.“

Das Braun der rauen Berge weicht dem Grün der hügelig werdenden Landschaft. Für ein letztes Highlight in den Bergen halten wir an den Salta-Höhlen.

Saur’s Idee hierher zu fahren, hat sich gelohnt. Durch grandios vom Wasser geformte Felsen laufen wir bis zu einem – momentan nur – plätschernden kleinen Wasserfall. Wir genießen noch mal die stimmungsvolle Bergwelt Dagestans.

Derbent, die südlichste Stadt Russlands, überzeugt beim Ankommen noch weniger als Machatschkala. Die Straßen sind kaum belebt, in einem schmalen Grünstreifen steht eine golden angemalte Büste von Lenin, auf dem Platz vor der Stadtverwaltung ein Denkmal von ihm. Von den Hügeln der Stadt grüßt weithin sichtbar die Festung Naryn-Kala.

Wir entdecken das Marktviertel. An den Fischständen kommen wir ohne Kauf von geräuchertem Fisch nicht vorbei. Dazu gibt es noch eingelegte Pilze und frische Erdbeeren.

Zufrieden mit unserem Kauf ziehen wir uns in das Hotelzimmer zurück. Laute Musik dröhnt uns beim Betreten des Gebäudes entgegen. Die Hoteletage ist im obersten Stockwerk, darunter befindet sich ein Bankettsaal. Der Boden unseres Zimmers bebt. Die Dame von der Rezeption versichert, dass ab 22 Uhr ganz sicher Ruhe sein wird. Wir verlassen uns darauf und suchen kein anderes Hotel. Tatsächlich kehrt ab 21 Uhr Ruhe ein.

Vom Kaspischen Meer bis hoch zur Festungsanlage Naryn-Kala sind es fünf Kilometer. Für den Hinweg nehmen wir ein Taxi. Der Fahrer ist redselig und legt großen Wert darauf, dass wir erfahren, dass er in der Slowakei gedient hat. Zur Untermalung seiner Worte salutiert er mehrmals. Fehlt nur, dass er aus dem fahrenden Auto springt.

Von den Gebäuden, die sich einst auf dem Festungsgelände befanden, stehen nur die Ruinen des Badehauses und ein renoviertes Adelshaus. Ein Spaziergang auf der Festungsmauer lässt den Blick weit über Derbent und das Meer schweifen.

Unterhalb der Zitadelle liegt das alte Derbent. Niedrige Häuser stehen an schmalen, kurvigen Gassen, beschützt von zwei – drei Meter breiten – Stadtmauern, zwischen denen der Abstand 300 Meter beträgt. Mittendrin steht die 1300 Jahre alte Dschuma-Moschee. Von hier verbreitete sich der Islam in Russland.

Das Freitagsgebet ist beendet. Fast nur Männer verlassen das Moscheegelände. Wir betreten den Komplex aus Moschee, islamischer Religionsschule und Wohnungen für Geistliche. Unter den Bäumen sitzen Frauen und plauschen miteinander. 

Eine völlig überschminkte junge Frau spricht mich an. Als sie hört, dass ich aus Deutschland bin, greift sie meine Hand und es gibt Küsschen auf die Wangen. „Du hast blaue Augen!“ Noch mal gibt es Küsschen.

Ein wenig frische Meeresluft wollen wir noch schnuppern, erwischen jedoch die dafür nicht so ideale Stelle am Strand. Müll liegt herum, es riecht nach Abwasser, ein heruntergekommener Wohnblock steht am Ufer.

Unschlüssig darüber, was wir jetzt noch besichtigen könnten, trödeln wir Richtung Altstadtzentrum. Uns fällt nur noch die Stalinbüste ein, die es in Derbent geben soll.

Zwei Männer laufen philosophierend eine Straße auf und ab. Wir fragen nach der Büste. Ein kurzer Erklärungsversuch, dann verabschieden sich die beiden voneinander und wir werden in ein Auto gebeten.

Der Fahrer spricht zu unserer Überraschung ein wenig Deutsch. In der Schule kann man Deutsch als Fremdsprache wählen, erklärt er.

Im Innenhof eines Wohngebietes hält er. Neben einem Kinderspielplatz, hinter einem kleinen Gitter, steht die Büste auf einem Sockel. Zwei Mütterchen sitzen auf einer Bank. Niemand scheint sie wahrzunehmen. Vergangenheit eben.

An einem Imbiss kommen wir ein letztes Mal in den Genuss dagestanischer Gastfreundschaft. Zum bestellten Schawarma stellt der Imbissbesitzer Tee mit Bonbons und süß eingelegte Kirschen auf den Tisch. Bezahlen dürfen wir den Tee jedoch nicht.

Der letzte Urlaubstag beginnt mit der Rückfahrt nach Machatschkala. Mehrere Marschrutkas stehen am Busbahnhof bereit. Wie es üblich ist, steigen wir in die erste bereitstehende Marschrutka. Ein älteres Modell, nun ja. Dahinter steht ein neuer Sprinter bereit. Aber da die Autos erst losfahren, wenn alle Plätze besetzt sind – natürlich immer im ersten Auto der Reihe – entscheiden wir uns für das ältere Modell.

Der Sprinter füllt sich, in unserem Auto sind zwei Plätze unbesetzt. Der Ton des Fahrkoordinators wird ruppiger. Die Leute sollen in den ersten Bus einsteigen. Aber in Dagestan hat man Zeit und wenn ein neues, bequemeres Auto zur Verfügung steht …. Endlich finden sich zwei Frauen und wir können losfahren.    

Die gut ausgebaute Straße geht größtenteils an der Küste entlang. Landwirtschaftliche Flächen, Einfamilienhäuser und ab und an ein Wohnblock stehen zwischen Straße und Meer.

Anders als auf unserer ersten Fahrt nach Machatschkala steigen wir diesmal mit allen anderen aus. Taxis in reicher Anzahl warten auf Kundschaft. Einem Taxifahrer drücken wir die Visitenkarte des Hotels – es ist dasselbe wie zuvor – in die Hand. Vier schauen darauf und fangen an zu diskutieren. Am Bordstein hält ein weiteres Taxi. Da wir Diskussionen aus Erfahrung für Unwissenheit halten, greift Marc die Visitenkarte und gibt sie dem Fahrer diesen Taxis. Der Fahrer nickt sofort wissend. In dem Moment stürzt einer aus der Vierergruppe wutentbrannt auf ihn zu. Sie schreien sich an. Eine Prügelei liegt in der Luft.

Schnell legen wir die Rucksäcke in das am nächsten stehende Taxi, und machen, dass wir wegkommen. Verschmitzt lächelnd dreht sich der Fahrer – ein älterer Mann – um und redet in einem sehr guten Englisch. Sein Lächeln wird breiter, als er unsere verdutzten Gesichter sieht. „Damit habt ihr nicht gerechnet, dass ich Englisch kann?“ Wir schütteln die Köpfe. Er wäre im Ausland gewesen, verrät aber nicht wo, wann und warum. Nur so viel lässt er uns noch wissen „Die Sowjetzeit, war die beste Zeit.“

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