Inguschetien/ Tschetschenien/ Dagestan

Die gut ausgebaute Straße zieht sich durch eine weite, von Landwirtschaft dominierte Ebene. Irgendwann werden die Felder von lichten Wäldchen abgelöst. Vermutlich sind wir in Tschetschenien angekommen.

Von weit her sind die Hochhäuser von „Grosny City“, dem modernen Hochhauszentrum der Stadt, zu sehen. Die Magistrale führt an ihr entlang und ist nach dem ersten Präsidenten Tschetscheniens Achmat Kadyrow und dem Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin benannt. Öffentliche Gebäude sind mit dem Konterfei der beiden und ab und an auch mit dem Bild des aktuellen Präsidenten Ramsan Kadyrow versehen.

An Laternenmasten hängen Plakate über den – morgigen – 16. April, den Tag des Friedens. In einem Touristenbüro erkundigen wir uns danach. Dem jungen Mann im Büro sagt der Tag nichts. Wir sind überrascht: Am 16. April 2009 war der Zweite Tschetschenienkrieg (1999-2009) offiziell beendet worden.

Wir lassen uns einen Stadtplan geben und ziehen los.

Die Sehenswürdigkeiten liegen fußläufig an der Magistrale. Am Straßenrand stehen kleine, zu fahrenden Kaffeemaschinen umgebaute Lieferwagen, die Apothekendichte ist hoch. Drei bis fünf Apotheken, jeweils in zwanzig Metern Entfernung, sind eine übliche Distanz.  

Ein goldener Obelisk ragt über die Baumwipfel. Er ist Teil eines Gedenkkomplexes, der im Park „Allee des Ruhmes“ liegt. Gewidmet ist der Komplex den Opfern des Zweiten Weltkriegs, sowie dem ersten tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow.

Soldaten patrouillieren auf dem Gelände. Misstrauisch blicken sie auf das Objektiv meiner Kamera. Ein roter Läufer liegt vor dem mit roten Nelken geschmückten Gedenkstein Kadyrows, der sich vom Terroristen, der zum Dschihad gegen Russland aufrief, zum Helden der Russischen Föderation wandelte.  

Am Eingang zum Museum spricht uns ein Soldat auf Deutsch an. Er hat in Düsseldorf gelebt und hinterfragt unser Interesse am Besuch des Museums. Wir fragen ihn, wie der 16. April (Tag des Friedens) begangen wird. Er fängt zu schwadronieren an. „Den Tag gibt es. Vielleicht wird hier auf dem Platz getanzt, vielleicht auch auf dem Platz vor der großen Moschee. Vielleicht gibt es auch gar nichts zu feiern.“ Aha, der Tag scheint auf nicht allzu viel Gegenliebe zu stoßen.

Der Magen fängt an zu knurren. Marc hat Appetit auf Schaschlik. Auf dem Berkat-Markt könnten wir fündig werden. Der Markt verteilt sich über mehrere Straßen, die Imbissbuden bieten alle nur Schawarma an. In der Fußgängerzone hoffen wir, mehr Glück zu haben. An einem Café steht als Angebot Schaschlik dran. Wir kehren ein, bekommen jedoch nur miserabel zubereiteten Borschtsch. 

Im Hotel checken wir Mails und sehen die Meldungen über den Brand von Notre Dame. Da die Nachrichten im Stream der deutschen Sender sehr mager sind, schalten wir den Fernseher an. Wir brauchen gar nicht zappen. Ein russischer Sender bringt bis in die Nacht hinein fortlaufend die neuesten Meldungen aus Paris.

Einen Tag gilt es noch in Grosny zuzubringen. Laut Internet hat Grosny einen Zoo, ganz in der Nähe des Delfinariums. Wir winken ein Taxi heran. Dass wir zum Zoo wollen, können wir dem Fahrer nicht verständlich machen, als wir Delfinarium sagen, weiß er Bescheid.

Einen Tag gilt es noch in Grosny zuzubringen. Laut Internet hat Grosny einen Zoo, ganz in der Nähe des Delfinariums. Wir winken ein Taxi heran. Dass wir zum Zoo wollen, können wir dem Fahrer nicht verständlich machen, als wir Delfinarium sagen, weiß er Bescheid.

Verlassen liegt das Gelände vor uns. Leben kehrt wohl erst ab dem Nachmittag ein. Auf der Übersichtskarte suchen wir den Zoo: nichts. Zwei junge Männer schlendern vorbei. Auf Nachfrage zeigen sie den Weg.

Leicht verwundert stehen wir vor einer kleinen Anlage. Gänse schauen – als einzige Tiere – durch ein Gatter. Das ist also der Zoo. Kein Wunder, dass der Taxifahrer nichts verstand.

An Taxis mangelt es nicht und so sind wir kurz darauf in der Innenstadt. Der Fahrer bedauert sehr, dass wir keine fließende Unterhaltung auf Russisch mit ihm führen können. Dafür zeigt er uns auf dem Handy eine Satire über Hitler, Goebbels und Göring.

Am Großen Park steigen wir aus. Militär steht dezent zwischen den Bäumen an der Straße. Die Goldkuppeln der orthodoxen Erzengel Michael Kirche leuchten in der Sonne. Vor ihrem Eingang kontrolliert ein Soldat meinen Rucksack. Wir dürfen die Kirche betreten.

Von den himmelblauen Wänden schauen im farbenfrohen orthodoxen Ikonenstil gemalte Heilige. Noch bevor wir uns in Ruhe umsehen können, stürmt der Herr der Kirche herein. Ein russischer, nicht enden wollender Wortschwall ergießt sich über uns. Wir treten den Rückzug an.

Am Blumenpark, der zu einer anderen Jahreszeit bestimmt eine Attraktion ist, wird fleißig gewerkelt. 40.000 Blumenbeete müssen bestückt werden. 150.000 Blumen sollen blühen.

Aus dem – noch nicht in Blüte stehenden – Blumenmeer wächst das neue „Grosny City“.

Die sechs Hochhäuser der „City“ – davon ein Hotel und ein Business Center – sind von einem hohen Zaun umgeben. Abends steht weithin sichtbar auf einem der Häuser „Ramsan, Danke für Grosny“. Das Business Center hat in der 29. Etage eine offene Plattform. Marc fährt alleine auf den Aussichtspunkt.

Neben der grandiosen Rundsicht über die Stadt bietet die Plattform die einzige Möglichkeit, einen Blick auf das von einem Wassergraben umgebene präsidiale Gelände Kadyrows zu werfen. Der Präsidentenpalast schimmert weiß, eine Kopie der Kaaba steht zwischen goldbekrönten Minaretten. Das Gelände ist engmaschig bewacht von Militär und Polizei.

Im Gegensatz zu Magas wird Grosny ohnehin sehr „beschützt“, wogegen es anders als in Inguschetien im Land kaum Kontrollposten gibt.

Durch einen kleinen Park gelangen wir zur Achmat Kadyrow Moschee „ Das Herz Tschetscheniens“. Die mit türkischer Unterstützung erdbebensicher gebaute Moschee ist die größte Moschee Russlands.

Kopftuch und langes Kleid, die ein Muss für Frauen zum Betreten der Moschee sind, kann ich mir am Eingang leihen. Die „Ausleihe“ wird auch von Tschetscheninnen genutzt, da viele keine islamische Kleidung tragen.

Das Innere der Moschee ist mit weißem Marmor verziert, die Kronleuchter bestehen aus Swarovski-Kristallen. In den Anblick vertieft, gehe ich durch die den Männern vorbehaltene große Halle: Frauen müssen auf die Empore. Erst als ich die verdutzten Blicke der Männer wahrnehme, bemerke ich den Fehler. Empört schauen sie nicht drein. Zu sehr ist mir anzusehen, dass ich keine Muslimin bin.

Vor der Moschee liegt der zentrale Platz der Stadt. Junge Männer mit Fahrrädern stehen in Gruppen beieinander. Einige tragen Nationalfahnen, andere Fahnen mit dem Porträt Achmat Kadyrows. Ist das eine Demonstration zum heutigen Tag des Friedens?  

Um das herauszubekommen, fragen wir am nächsten Tag Raisa, eine Tschetschenien zu der wir über WhatsApp Kontakt aufgenommen haben und die uns hilft zum Bergsee Kezenoy Am zu kommen. Ihre Antwort auf unsere Frage: „Da wurde bestimmt die Fahrradsaison eröffnet.“ Wir bohren nach. Hat die Demo keinen Zusammenhang mit dem Tag des Friedens? Die Worte Tag des Friedens mag sie sichtbar nicht hören. „Nein, nein, das hatte mit der Fahrradsaison zu tun.“

Raisa hat einen Fahrer besorgt und ein Zimmer im Hotel am Kezenoy Am gemietet. Auf dem Weg dorthin liegt Argun. Wie in Grosny gibt es auch hier einen Hochhauskomplex „Argun City“: Vier Hochhäuser, die vor der hochmodernen, im Hightech-Stil erbauten Ajman Kadyrow Moschee „Mutterherz“ stehen.

Die Berge rücken näher. Allahu Akbar steht auf Schildern an der Straße. Dorfeinfahrten sind an einem Torbogen mit den Porträts der Kadyrows und Putin zu erkennen.

In Vedeno halten wir für einen Imbiss. Vedeno ist der Geburtsort von Schamil Bassajew, ein vom Wahhabismus beeinflusster Terrorist, der bis zu seinem Tod der meistgesuchte Mann Russlands war. Er gilt als Organisator des tödlichen Anschlags auf Achmat Kadyrow.

Wir fragen Ruslan, wie die Tschetschenen zu Bassajew stehen. Die Frau hinter dem Tresen nickt und sagt „gut.“ Ruslan wiegt den Kopf: „50 Prozent der Leute sehen sich in seiner Tradition.“ Sein persönlicher Nationalheld ist Zelimkhan, ein Robin Hood der Tschetschenen. Zu dessen Denkmal fährt er uns extra hin.

Ein Checkpoint, die Pässe werden kontrolliert, dann geht es die Serpentinen hinauf in die Berge und hinein in die Wolken. Leichter Schnee fällt, die Temperaturen sinken in den Minusbereich. Auf einer Höhe von 2000 Metern sind wir inmitten tief verschneiter Gipfel.

Die Straße geht abwärts zum Kezenoy Am. Dunst liegt über dem See, eine dünne Eisschicht bedeckt ihn. Über dem in Form einer Finnhütte gebauten Hotel thront auf einem Felsplateau die Sommerresidenz Kadyrows. Kadyrow und Putin grüßen auch vom Torbogen über der Einfahrt auf das Hotelgelände.

Das Hotel liegt abgeschieden am See, an dessen Ufer sich zu Zeiten der Sowjetunion der Olympiastützpunkt des Ruderteams befand.

Am nächsten Morgen liegt der See immer noch im Dunst. Es schneit. Viel mehr als Füße hochlegen und auf Wetterbesserung warten kann man hier nicht machen.  

Erst am frühen Nachmittag hört es auf, zu schneien. Der Nebel verzieht sich ein wenig. Wir machen uns auf den Weg in die drei Kilometer vom Hotel entfernte verfallene Siedlung Khoy.

Einer der Huskys, die zum Hotel gehören, begleitet uns. Umgeben von leicht verschneiten Bergen und tiefen, schneefreien Tälern wandern wir auf einer unbefestigten Straße los. Gelbe Gasleitungenziehen sich durch das Gebirge, die nächste Siedlung kann nicht weit sein.

Der Weg macht eine Kurve, der Wachturm von Khoy schaut hervor. Oberhalb von Khoy werden Feriendomizile gebaut. Direkt am Weg steht eine kleine Moschee.

Die Lage des Geisterdorfes am Hang entlang ist beeindruckend. Wir klettern die Holzleiter zum Wachturm hinauf. Er ist offen. Der Husky folgt getreu. Erst an den Leitern im Turm scheitert er und bleibt winselnd zurück. Wir stranden in der zweiten Etage. Die Stufen der steilen Leiter sind vereist, weiterklettern ist zu gefährlich.

Mit Raisa haben wir verabredet, dass uns ein Fahrer am See abholen und in den Süden Tschetscheniens, nach Itum Kale, bringen soll. Niemand kommt. Nach einer Stunde fragen wir nach. Der Fahrer sitzt im Hotelrestaurant – wir in der Rezeption. 

Bula kommt herüber. Er ist mit zwei russischen Touristen hier, soll uns einsammeln und über Itum Kale nach Grosny bringen. Die Verabredung mit Raisa war, dass er uns alleine abholt und wir in der Nähe von Itum Kale übernachten werden. Entsprechend sauer reagieren wir. Bula handelt pragmatisch, ruft bei Raisa an, sagt ihr Bescheid, dass sie ein Auto schicken soll, das die russischen Touristen abholt und fährt mit uns los.

Dicker Nebel hängt über den verschneiten Bergen. Kleinere Steinschläge müssen umfahren werden. Die Serpentinen schlagen mir heute ordentlich auf den Magen.

Zwischen dem See und Itum Kale liegen unpassierbare Berge, sodass wir einen ganz Teil des Weges, den wir gekommen sind, zurückfahren müssen. Vedeno ist der erste Ort, den wir wieder passieren. Bula schwärmt, wie vorher Ruslan, von Zelimkhan, dem großen Nationalhelden der Tschetschenen, der nur beste Charaktereigenschaften hatte. Warum er dann kein Denkmal in Grosny hat, fragt Marc. „Er ist nicht aus Zenteroi – die Heimat des Familienclans des Präsidenten – gehört also einem anderen Stamm an. Wäre er es, hätte er auch ein Denkmal“, antwortet Bula.

In Vedeno lenkt Marc das Gespräch auf den Terroristenführer Schamil Bassajew. „Ein hervorragender Stratege und exzellenter Militär, aber ein erbärmlicher Politiker“, ist die Antwort. Auch er bestätigt den guten Ruf bei einem Teil der Bevölkerung, den er wegen des Kampfes gegen die Russen genießt. 

„Tschetschenien kennt weder Könige noch Fürsten oder Steuern. Wir waren freie Menschen auf eigenem Boden. Das Adat  (ungeschriebenes Recht) verpflichtet jeden Mann seine Familie und sein Land zu verteidigen, das ist ein Bestandteil unserer Würde.“

Bula hält in Shali, ein Dorf wie alle Städte. Im Zentrum einer großen Siedlung von kleinen Häusern hinter hohen Mauern stehen vier Hochhäuser und eine im Bau befindliche Moschee. Sie soll die größte Moschee Europas werden.

Die Straße nach Itum Kale ist in Kalksteinfelsen eingeschnitten. An mehreren Checkpoints werden Autos kontrolliert. Wir nähern uns dem Grenzgebiet zu Georgien.  

Wilde, unberührte Natur umgibt uns. Der Fluss Chanti-Argun hat sich tief in die Bergwelt geschnitten. Die Straße folgt dem reißenden Fluss. An einer der engsten Stellen der Schlucht (37 Meter) stehen am Ufer der anderen Flussseite die in einer Felsnische erbauten Zwillingstürme von Ushkaloye. Einst standen die Wachtürme an einem Weg. Wachen kontrollierten die Straße und die nicht weit entfernte ehemalige Brücke über den Fluss.

Bula hat es eilig. Unser Hotel liegt in den Bergen, der Nebel wird dichter und er will vor der Dunkelheit ankommen.

Das Ski-Ressort Veduchi in der Nähe von Itum Kale liegt im dicksten Nebel. Am Zimmer ist eine Terrasse, von der man wahrscheinlich einen tollen Blick über die Berge hat. Für uns reicht der Blick bis zur Straße unterhalb des Hauses.

Wir sind die einzigen Gäste. Das Skigebiet wird für viel Geld ausgebaut. Den Bau von zwölf Skigebieten hatte Russland in seinen Weiten geplant. Wegen der Folgen der Wirtschaftssanktionen werden nur drei realisiert. Eines davon ist Veduchi.

Am Morgen liegt eine Schneedecke auf der Terrasse. Die Sicht ist so trüb wie am Vortag.

In Itum Kale haben wir den Nebel über uns gelassen. Bula schlägt vor, ein wenig Frühsport zu machen. Ideal dafür wäre die Besteigung eines mittelalterlichen, noch original erhaltenen Wachturmes.  

Über schmale Holzleitern und Taubendreck klettern wir ins oberste Geschoss des Turmes. Eingehüllt in mittelalterlichen Zauber blicken wir auf eine im Dunst nur schemenhaft zu erkennende Silhouette eines weiter entfernt stehenden Wachturmes. Ein anderer Turm steht am Berghang schräg gegenüber.

„Gibt es einen Unterschied zu den Türmen in Inguschetien?“, fragen wir. „Die Inguschen haben neben Wachtürmen auch Wohntürme. Das haben wir nicht. Aber sie sind ein Brudervolk, haben die gleichen Sozialstrukturen (Clanverbindungen). Nur, in Tschetschenien hat der Ältestenrat im Gegensatz zu Inguschetien keine Bedeutung mehr.

Brudervolk? Wir fragen ihn nach dem aktuellen Grenzkonflikt mit Inguschetien. Er winkt ab. „Wir haben doch die gleiche Kultur. Territorialkonflikte gibt es nur mit Dagestan.“

Einen gemeinsamen Feind haben Inguschen und Tschetschenen – die Nordosseten. Als Zöglinge Russlands werden sie von den umgebenden Republiken als regionale Imperialmacht gesehen: Annexion Süd-Ossetiens (Missbrauch eines 360-jährigen Gastrechts der Georgier), Übergriffe auf Karbadino-Balkarien, Vereinnahmung von Gebieten Inguschetiens.

In den Bergen gab es kein Frühstück und so langsam knurrt der Magen. Bula hält an einem neu erbauten Restaurant. Der Gastraum ist leer. Tschetschenen aus der Umgebung würden hier nie essen gehen. Das würde den Eindruck eines Familienstreits erwecken, erfahren wir.

Auf der ganzen Tour durch das Land ist uns aufgefallen, dass es keinerlei Kriegsschäden zu sehen gibt. „Es gab ein Wiederaufbauprogramm von russischer Seite, um Kriegsverbrechen ungesehen zu machen“, erläutert Bula.

Russland hat noch drei Divisionen (30.000 Mann) und Hilfskräfte (insgesamt 50.000 Mann) im Land stationiert, verschanzt in Militärstützpunkten. Bula erzählt eine Anekdote: Vor 4 Jahren kam es in einem Gasthaus zu einem Zwischenfall. Angetrunkene russische Soldaten verprügelten zwei Tschetschenen. In der Folge stürmten Hunderte Tschetschenen den Militärstützpunkt, verwüsteten diesen und verprügelten die Russen. Seither sind russische Soldaten aus der Öffentlichkeit verschwunden.

In der Tat gibt es, außer an Grenzkontrollen, kein russisches Militär in der Bevölkerung zu sehen. Ohnehin hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Moskau und Grosny verschoben.

Für Putin ist Tschetschenien ein Brückenkopf zur islamischen Welt. Dabei war das Land vor den zwei Tschetschenienkriegen ein weitgehend säkularisiertes Land. Erst durch die Kriege konnte ein islamistisches Weltbild an Einfluss gewinnen.

Um die instabile Ruhe im Nordkaukasus nicht zu gefährden, lässt Moskau Tschetschenien ein Stück weit Unabhängigkeit. So gilt zwar offiziell das staatliche Recht, gerichtet wird jedoch nach dem Adat (Gewohnheitsrecht, das auch die Blutrache regelt). Trotzdem, betont Bula, lassen sich Tschetschenen nicht auf Dauer unterwerfen.

Am Morgen geht es weiter nach Dagestan. Marc hat noch etwas zu erledigen und geht ein paar Minuten vor mir los. Als ich die Straße betrete, steht er zwischen zwei Polizisten. Sein Pass ist in meinem Gepäck und ich befürchte, dass sie ihn festhalten, da er sich nicht ausweisen kann. Ein Irrtum. Sie hatten dem wartenden Touristen Hilfe angeboten.  

Am Busbahnhof steht abfahrbereit eine Marschrutka nach Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans.

Über die riesige, landwirtschaftlich genutzt Ebene und durch gepflegte Dörfer fahrend, mit Blicken auf die schneebedeckten Kaukasusgipfel am Horizont und einem letzten Gruß Kadyrows, verabschiedet uns Tschetschenien.

Print Friendly, PDF & Email