Indien (Norden)/ Bangladesch

Alle sitzen wieder im Zug und die Fahrt geht weiter. Über Lautsprecher bedankt sich eine Frauenstimme für Ruhe und Gelassenheit, beruhigende Musik ist zu hören: Der Krach beginnt. Alle reden lautstark durcheinander, Wasserflaschen, Verpackungen und weiterer Müll fliegen aus den Fenstern – Willkommen in

Bangladesch.

Überpünktlich, mit einer Stunde Verspätung, erreiche ich nach 13 Stunden Dhaka. Holger erwartet mich am Bahnhof, ich beziehe ein sehr schönes Gästezimmer, wir gehen noch etwas essen, erobern die Dachterrasse mit Blick auf startende und landende Flugzeuge und fallen müde ins Bett.

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Die für den Vormittag geplante Tour durch Old Dhaka muss ich ausfallen lassen – mein Verdauungstrakt randaliert. Um 15 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Hafen, um mit dem Rocket „Tern“ nach Hularhat zu fahren. Die Rocketflotte (4 Schiffe) sind Raddampfer, die zwischen 1912 und 1938 gebaut wurden und die ihren Namen ihrer Form wegen und der Geschwindigkeit, die zumindest in der Vergangenheit nichts Vergleichbares kannte, erhielten.

Wir haben 1. Klasse Tickets, also AC in der Kabine. Dieser Komfort und die Antriebsart sind die einzigen Veränderungen seit dem Bau des Schiffes: Das Schaufelrad wird nicht mehr mit Dampf angetrieben – ein Dieselmotor, in Form, Größe und Lautstärke einer Lokomotive, hat die Aufgabe übernommen. Das Ruder wird nach wie vor von Ketten gezogen, die Einrichtung ist original. Auf dem untersten Deck liegen die Passagiere dicht gedrängt auf dem Holzfußboden.

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Tiefste Dunkelheit umgibt uns. Die Schiffe sind zwar mit einem Scheinwerfer ausgestattet, der wird aber nur sporadisch genutzt. Etwas unheimlich ist es schon – schließlich verlassen alle Schiffe ihre Häfen abends. Das einzig Sichtbare sind die Windlichter an den Netzen der Fischer, die romantisch in der Dunkelheit leuchten.

Gegen 23 Uhr legt das Schiff in Chandpur an. Die Bretter, die die Gangway werden sollen, sind noch nicht richtig gelegt, da drängeln die ersten bereits auf das Schiff. Die sehr gedämpfte Beleuchtung im Hafen gibt der Umgebung eine mittelalterliche Nuance.

Um 7 Uhr stehe ich auf. Das Wasser ist mittlerweile nicht mehr die schwarze, faulig riechende Brühe von Dhaka. Am Ufer stehen Fischerdörfer, Fischerboote kreuzen unser Fahrwasser. Früher als erwartet erreichen wir Hularhat. Ein Auto erwartet uns bereits und bringt uns via vier Fährpassagen und über die Dörfer nach Kuakata.

Kuakata liegt an der Bengalischen Bucht und soll zu einem zweiten Cox’s Bazar (Touristenbadeort) ausgebaut werden. Der Bau einer Schnellstraße ist schon weit fortgeschritten, die Brücken über die Flüsse sind fast fertig gestellt.

Wir genießen noch das Kuakata mit seinen 1,50 Meter hohen Fischerhütten, die inmitten der Dünen stehen, die im Hafen liegenden Fischerkähne, die mit ihrem Aufbau an Piratenboote erinnern, und nehmen ein Bad im badewannenwarmen Meer an einem menschenleeren Strand.

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Das Strandleben spielt sich ein paar Hundert Meter weiter ab. Dort trifft man sich am Abend, Autos und Mopeds kurven durch den Sand. Während Holger und Al-Amin etwas essen, laufe ich ein Stück den Strand entlang. Sofort habe ich einen Typen an meiner Seite, der eine Freundin sucht und mir mehrfach versichert, dass er ein ausgezeichneter Liebhaber sei.

Ich ziehe es vor, zu Holger und Al-Amin zurückzukehren. Gemeinsam laufen wir dem Sonnenuntergang entgegen und beenden den Tag auf der Hotelterrasse mit Blick aufs Meer.

Ein Tag mit dem Moped: Um 6 Uhr treffen wir uns auf der Terrasse, trinken einen Tee, dann stehen auch schon die georderten Mopeds bereit. Menschenleer zeigt sich der kilometerlange Strand, hier und da sortieren Fischer aus einer Schüssel Fischbabys zum Verkauf an Fischfarmen aus, andere ziehen in Ufernähe ihre blauen Netze durch das Wasser, hier und da wird ein Fischerboot an Land geholt, rote Krabben flitzen über den hellen Sand.

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Eine Wasserader versperrt den Weg. Mit einem der Fischerboote werden die Mopeds und wir übergesetzt und fahren weiter durch Felder in ein Dorf zum Frühstücken. Die Häuser im Dorf sind nicht im Bengali Style gebaut. Sie haben zwei Etagen mit Balkon, teilweise sind sie aus Holz und mit Schnitzereien verziert. Eine alte Pagode steht, unter dem dicken Pflanzenteppich, der sie überzieht, kaum sichtbar, an der Dorfstraße. Bei der Brücke über den Dorffluss ist der Kommune wohl das Geld ausgegangen – ohne Ab- und Aufgang überspannt sie den Wasserweg. Zusammengenagelte Bretter, die steil an der Brücke lehnen, ersetzen die fehlenden Treppen.

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Für den Rückweg nutzen wir die Straße. An einem Fluss liegen mittelalterlich wirkende Fischerboote, Fisch trocknet am Ufer, von einem Kleinlaster wird Eis zum Kühlen des Fanges herunter geschippt.

Wir klettern auf eines der Boote. Der Fang wird gerade aus dem Schiffsbauch nach oben gereicht, über der Feuerstelle im vorderen Teil des Bootes wird ein Huhn zum Kochen vorbereitet, der Rumpf des Bootes gereinigt, ein Fischer kommt, ein Bündel Holz vor sich herschiebend, auf das Boot zu geschwommen.

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Ein Regenschauer. Zeit für eine Mittagspause. Als wir aufgegessen haben, scheint auch die Sonne wieder. An einer Baustelle mit „Reihenhäusern“ aus Wellblech, die auf Pfählen stehen, halten wir an. Die Wohnanlage ist ein Projekt für Rohingya – eine vom Staat Myanmar verfolgte muslimische Volksgruppe. Einer der Ältesten zeigt und erklärt uns das alte Dorf und die neue Anlage.

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Weiter düsen wir über die Dörfer zum Meer und den Strand entlang in Richtung des Sonnenunterganges. An einer Garküche am Strand, in der Fischer den Tagesfang zubereiten, wählen wir unter verschiedenen Fischen zwei aus, lassen sie zubereiten und genießen ein herrliches Abendessen.

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Der Bus nach Khulna erinnert ein wenig an Omas gute Stube. An der Frontscheibe hängen rote Gardinen mit Quasten, der Motorblock ist mit weichem Stoff im Fischmusterdesign bedeckt, wie auch die Decke und die Sitze des Busses, einzig die Sitzreihen sind sehr eng. Holger kauft für jeden von uns zwei Sitze in der ersten Reihe. So haben wir ausreichend Beinfreiheit.

In Barisal steigen wir um. Der Bus ist weit weniger komfortabel, die Deckenventilatoren arbeiten nur, solange der Bus fährt. An einer Fährpassage müssen wir längere Zeit warten, sofort wird es unerträglich heiß im Bus.

Am frühen Abend erreichen wir Khulna, eine Motorrikscha mit E-Motor – außer in Dhaka fahren sie überall im Land – bringt uns ins Hotel. Im warmen Wasser des Pools – auf dem Dach des Hotels – gibt es endlich Abkühlung.

Wir steigen auf ein Auto als Transportmittel um. Ziel ist ein Dorf in Faridpur mit einem Besuch bei Otterfischern. Beide Orte sind nur sehr schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Die Otterfischer erwarten uns bereits auf einem Fischerboot, die Otter werden aus ihrem, auf dem Boot befindlichen, Holzkäfig ins Wasser gelassen. Angeleint treiben sie – nach einer kurzen Spielphase – kleine Fische in das Netz, welches immer wieder aus dem Wasser gezogen und abgesammelt wird. Die großen Fische haben sie bereits am frühen Morgen in die Netze getrieben und so wird der Fang zu ihrer großen Freude an sie verfüttert.

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Auf dem Weg zum Homestay in Faridpur kaufen wir Obst und ein lebendes Huhn zum Abendessen und besichtigen eine Ziegelei, deren Schornstein trotz Regenzeit unter Dampf steht – in der Monsunzeit wird die Arbeit normalerweise eingestellt. Die Brennkammer ist gut gefüllt, Arbeiter schleppen Holz zur Feuerstelle, der Vorarbeiter erklärt uns bereitwillig die Maschinen und ihre Funktion.

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Zwischen „Parkplatz“ und „unserem“ Haus liegen nur wenige Meter Weg. Sofort begleitet uns eine Schar von Kindern. Unsere Gastgeber empfangen uns mit Mango, Litschis und Bananen.

Das massiv gebaute Haus besteht aus einer Dreizimmerflucht. Zum Schlafen bekomme ich das letzte der Zimmer, direkt vor der Toilette, die aber noch einen zweiten Zugang hat. Da ich gesundheitlich etwas ramponiert bin, lege ich mich beizeiten hin. Für die Nacht versuche ich, mein Shirt gegen ein dünnes Hemd zu tauschen. Nach dem vierten Versuch habe ich es endlich geschafft. Bis dahin ist immer wieder jemand aus der Familie im Raum, der an den Kühlschrank geht, einen Teller holt…

Als ich morgens aufwache, stehen die Frauen neben meinem Bett, kämmen sich die Haare, cremen sich ein. Im ersten Moment bin ich perplex. Dabei leben sie ihren ganz normalen Alltag und ich freue mich, mittendrin zu sein.

Das Dorf liegt inmitten von Bambuswäldern. Im Schatten ist das Klima gut auszuhalten, in der Sonne wird es sofort unerträglich heiß. Die Gastfreundschaft ist enorm – Einladung folgt Einladung. Kaum lassen wir uns als Gast nieder, ist augenblicklich jemand zur Stelle und wedelt mit einem runden Fächer gegen die Hitze an.

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Mit meinem Wohlbefinden geht es stetig bergab. Nachmittags steht fest, dass wir zurück nach Dhaka fahren müssen. Eine E-Motorrikscha bringt uns nach Faridpur. Am Busbahnhof erfahren wir, dass die Gewerkschaft der Überlandbusfahrer zum Streik aufgerufen hat: Eine Busbesatzung soll überfallen worden sein, die Polizei verdächtigt sie jedoch gemeinsame Sache mit den Tätern gemacht zu haben und hat die Busbesatzung vorerst in Gewahrsam genommen.

Die klapprigen lokalen Busse, die ebenfalls über Land fahren, sind davon nicht betroffen und wir bekommen wieder zwei Sitze für jeden im Bus nach Dhaka. Auch die, auf dem Weg liegende, Fährpassage über den Padma geschieht ohne jegliche Wartezeit und zügig. In Dhaka bringt uns eine Motorrikscha in das richtige Viertel, wir steigen in eine Rikscha um, da die Zufahrtstraßen zu den Wohngebieten, mit Ausnahme der Hauptstraße, um 22 Uhr geschlossen werden.

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Die letzten zwei Tage verlasse ich die Wohnung nicht mehr, Holger versorgt mich ausgezeichnet und am Abflugtag bin ich wieder so weit fit, dass ich nach Hause fliegen kann.

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