Island

Wer nie beneidet wird, ist zu bemitleiden.
(Aus Island)

Pakistan China Kasachstan Russland

August 2019

Reykjavik – Kerlingarfjöll – Skogar – Fimmvördurhals-Wanderung – Reykjavik – Myvatn – Alaska und Kanadas Yukon Kanada

Faszinierend ist der Blick über Gletscher und die von Naturgewalten geformte Landschaft Islands schon beim Landeanflug auf den Hauptstadtflughafen in Keflavik. Gleich am nächsten Morgen holen wir den bestellten Mietwagen am Inlandsflughafen ab und starten auf der Ringstraße in den südlichen Teil der Insel. Mit dickem Moos bedeckte Hügel flankieren die Straße, Dampfwolken steigen in den blauen Himmel auf, nur wenige Kilometer Lavafelder liegen zwischen der Straße und dem Atlantik.

Nach 100 Kilometern Fahrt biegen wir ab auf eine Schotterpiste, die nur von Geländewagen befahren werden darf, begleitet vom Vulkan Hekla auf der einen Seite, auf der anderen zieht sich das blaue Band eines Flusses durch den mit grünen Grasbüscheln bedeckten Schotter. Nach fünf Kilometern ist Stöng erreicht, ein Wikingerhof, der im 12. Jahrhundert bei Ausbruch des Hekla verschüttet wurde und dessen Überreste heute als Museum dienen. Wir lassen den Wagen stehen und laufen auf einem schmalen Pfad ins Gjain-Tal.  

Der Weg endet an einer Felsenschlucht. Unter uns breitet sich das Panorama des Gjain-Tales aus. Zwei Wasserfälle stürzen die Felsen hinab, wild sprudelt der Fluss Rauðá durch das grüne Tal, Kaskaden umspülen einen Felsen in seiner Mitte, Blumen leuchten im Grün. Die Schönheit und Ruhe genießend wandeln wir durch die paradiesische Natur. Erst als die Zeit für die Fahrt nach Kerlingarfjöll, unserem Ziel im Hochland, knapp wird, verlassen wir den herrlichen Ort.

Die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, die auf dem Weg liegen, lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Wir halten am Hjálparfoss: Von einem Lavafeld stürzt der Fluss Fossá in zwei Kaskaden geteilt in die Tiefe und vereint sich wieder, bevor er ins Wasserbecken fällt. An den bekannten Zielen des „Goldenen Zirkel“ Geysir und Gullfoss unterbrechen wir die Fahrt ein weiteres Mal. Es ist bereits früher Abend als wir am Geysir ankommen. Auf dem Parkplatz gibt es trotzdem kaum einen freien Platz, unzählige Touristen wuseln über das Geothermalgebiet, fast alle sprechen deutsch. Schlamm brodelt in kleinen und großen Löchern, glasklares Wasser gibt den Blick frei auf tiefe Höhlen, Dampf steigt aus Erdspalten auf. Der Geysir dagegen – Namensgeber für die Geysire weltweit – ist seit Jahren inaktiv. Der wenige Meter entfernte Strokkur, der alle fünf bis zehn Minuten sein heißes Wasser in einer 25 Meter hohen Fontäne ausspeit, hat dem Geysir den Rang abgelaufen. Auch am Gullfoss herrscht reges touristisches Treiben. Der wohl bekannteste Wasserfall Islands stürzt über zwei 15 und zwölf Meter hohe Basaltklippen ins Tal, ein Regenbogen verbindet das Ufer mit der Mitte des Flusses. Wir lauschen ein wenig den tosenden Wassermassen und setzen die Fahrt in das Hochland fort.

Die anfangs noch asphaltierte Straße wechselt in eine Schotterpiste, teilweise kommen wir nur mit 10 Kilometern pro Stunde vorwärts. Die graue Ödnis, die uns umgibt, wird nur kurz durch das Blau eines Sees, seinem grün bewachsenen Ufer und einen breiten Fluss durchbrochen. Am Horizont sind Gletscher und Berge über der Hochebene zu sehen.  In Island ist es im August lange hell und so kommen wir zwar am Abend, jedoch bei Tageslicht in Kerlingarfjöll, einem Highland Resort mit Hüttenvermietung, Zeltplatz und Restaurant an. Vorab haben wir uns dort ein zehn Quadratmeter großes Zimmer mit WC in einer der wenigen Hütten zum sportlichen Preis von 200 Euro pro Nacht reserviert.

Zum Frühstück sitzen bereits 30 Touristen einer deutschen Reisegruppe im Restaurant. Den Eindruck, dass die Insel fest in deutscher Hand ist, werden wir bis zum Ende der Reise oft bestätigt bekommen.

Kerlingarfjöll umfasst das größte Geothermalgebiet Islands. Fünf Kilometer vom Resort entfernt liegt Hveradalir, das Herzstück des Gebietes. Hveradalir bedeutet „Tal der heißen Quellen“. Mitten in der Kargheit des Hochlandes liegen Berge, die in verschiedenen Ockerfarben leuchtend dem Tal etwas Unwirkliches verleihen. Auf einem zwei Kilometer langen Weg wandern wir die Berge hinauf und wieder hinab, laufen vorbei an blubbernden Schlammlöchern, Mini-Geysiren und giftgrünen Vegetationsflecken, entlang an einem schmalen, klaren, wohltemperierten Fluss, an dessen Ufer das Wasser jedoch kocht und erfahren hautnah, wie eine Landschaft entsteht, wenn ein Gletscher weicht, der Boden taut und die erste Vegetation zu sprießen beginnt.   

Drei Kilometer von diesem farbenfrohen Naturschauspiel entfernt liegt der Snaekollur, der mit 1.482 Metern höchste Berg der Kerlingarfjöll. Um ihn zu besteigen, muss erst der Mount Keis erklommen werden. Steil geht es das erste Drittel des Weges bergauf. Das lockere Gestein rutscht unter den Füßen abwärts, die Hände greifen haltsuchend nach den großen Felsbrocken, konzentriert überqueren wir ein schmales Schneefeld, klettern an seinem Rand entlang, schlagen für ein paar Meter einen Rundweg ein und erklimmen den Gipfel des Keis. Von hier ist der Snaekollur nur noch eine Kammwanderung entfernt.

Belohnt wird die Anstrengung mit einem Blick auf die bunten Berge von Hrevadalir, weitläufige Gletscher, mit Schneefeldern gefleckte Bergrücken, grüne Vegetation inmitten unendlicher Lavalandschaft.

Eng mit dem Hochland verwoben sind Geschichten von Geächteten der Gesellschaft, die in das lebensfeindliche Ödland flohen, um zu überleben. Viele Erzählungen ranken sich um den Kleptomanen Eyvindur, dessen Verstecke im gesamten Hochland zu finden sind. Eines davon ist das Geothermalfeld Hveravellir, mittig im Hochland gelegen zwischen dem Gullfoss im Süden und der Ringstraße im Norden.

Hveravellir ist mit einem Campingplatz, Wanderhütte, Café und einem kleinen Badebecken ausgestattet. Ein Holzweg führt durch das Geothermalfeld, zwischen Fumarolen (Felsspalten aus denen heiße, vulkanische Gase austreten) und Springquellen laufen, unbeeindruckt von Dampf und Schwefelgeruch, Schafe über das Gebiet. Auf ein Bad in dem viel beworbenen Pool verzichten wir, als wir sehen, wie die vielen Tagestouristen trotz Platzmangels noch einen Fuß in das Wasser zu setzen versuchen. Wir fahren zurück nach Reykjavik.

Bevor wir das Auto am nächsten Morgen zurückgeben und nach Skogar, dem Ausgangspunkt für eine eintägige Hochland-Wanderung auf dem Fimmvördurhals-Pass nach Thorsmörk, aufbrechen, laden wir die großen Rucksäcke bei Gudmundur ab, der in drei Tagen unser Gastgeber sein wird.

Bevor der Bus nach Skogar abfährt, versuchen wir noch eine Wanderkarte aufzutreiben. Während es jedoch in jeder Touristeninformation 90-seitige Broschüren über Island kostenlos gibt, werden wir lediglich in einer Buchhandlung fündig. Das 10-seitige Blättchen über den Fimmvördurhals ist für 15 Euro zu haben und weniger informativ als der Reiseführer, dessen Seiten schon auf dem Handy gespeichert sind.

Am nächsten Morgen stehen wir bereits um 6 Uhr auf. Am Skogafoss, an dem die Tour beginnt, ist es noch ruhig. 60 Meter stürzt der Wasserfall in die Tiefe, mehr als 400 Stufen führen hinauf zur Klippe, über die das Wasser hinabfällt. Dort beginnt die Fimmvördurhals-Tour. Der Weg ist mit Holzstäben gut markiert. Vom Wind zerzauste Büsche und bemooste Felsen flankieren den Pfad, der an der Skoga entlangführt. Kontinuierlich tiefer hat sich dieser Fluss in die Felsenlandschaft geschnitten, die Wasserfälle werden immer spektakulärer, mit größer werdender Wucht stürzt das Wasser hinab. Je höher wir kommen, desto nebliger wird es; die Wasserfälle sind zeitweise nur noch zu hören. So plötzlich, wie uns der Nebel umgibt, so schnell verzieht er sich und kehrt wieder zurück.  

An der einzigen Brücke, die über die Skoga führt, begegnen wir einer kleinen Gruppe von Wanderern, die in die entgegengesetzte Richtung laufen. Als wir im Hotel in Skogar nach einem Tourguide, der für diese Wanderung empfohlen wird, nachgefragt hatten, war die Antwort, dass wir nur der Masse hinterherlaufen müssten. Der Weg sei stark frequentiert. Davon haben wir bisher nichts gemerkt. Niemand läuft in unsere Richtung und auch entgegen kommt uns stundenlang kein einziger Wanderer.

Der anschließende Weg über den sogenannten Aschenbecher ist gut durch Holzpflöcke gekennzeichnet, der Nebel bleibt oberhalb der Markierungen, später verzieht er sich vollständig. Wir passieren den 22. Wasserfall, wandern über weite, mit lockerem Geröll übersäte Lava-Ebenen, überqueren mit Lavasand überzogene, rutschfeste Schneefelder und gelangen zum höchsten Punkt der Tour, dem Fimmvördurhals-Pass. 15 Kilometer und 1000 Höhenmeter liegen hinter uns.

Wir sind umgeben von den Gletschern des Eyjafjallajökull und des Myrdalsjökull. Weiß leuchten sie unter dem blauen Himmel, vor uns schimmern die jüngsten Berge der Welt, Magni und Modi, rötlich in der Sonne. Sie markieren die Eruptionsstätte des 2010 ausgebrochenen Eyjafjallajökull. Ein Schneefeld gilt es noch zu überqueren, dann erklimmen wir Magni. Weit schweift der Blick vom Kraterrand über Gletscher und Berge. Die ersten Wanderer seit dem Passieren der Brücke kommen uns entgegen.

Von unserem Ziel Thorsmörk trennt uns nur noch der Abstieg. Marc gerät an dem felsigen Hang ins Rutschen, stürzt und bleibt einige Meter tiefer auf dem Gefälle liegen. Sein Oberschenkel ist gebrochen. Über die im Vorfeld installierte Notruf-App fordern wir Hilfe an, eine vorbeikommende Krankenschwester leistet Erste Hilfe und bleibt, bis die Rettungskräfte nach drei nervenzehrenden Stunden des Wartens eintreffen. Nebel zieht auf und hüllt uns vollständig ein. Ein Rettungshubschrauber ist zu hören, aber nicht zu sehen. Nach der Bergung dauert es weitere zwei Stunden, bis der Hubschrauber erreicht ist. Er steht in Skogar, dem Ausgangspunkt der Wanderung. 20 Leute tragen die zum Transport von Marc genutzte Kunststoffwanne den Berg hoch, auf einem 6×6-Quad geht es über Felsen zu einem Jeep, der in anderthalbstündiger Fahrt über Schneefelder und Lavabrocken zum Hubschrauber nach Skogar fährt.

Schneller als geplant sind wir zurück in Reykjavik. Marc wird operiert und kann bereits am zweiten Tag an Krücken laufen; zur Reha beziehen wir gemeinsam ein Zimmer im Krankenhaus-Hotel; in den folgenden 17 Tagen habe ich mehr als genug Zeit Reykjavik zu erkunden.   

Reykjavik ist nicht mehr die heimelige Stadt, die ich in den 1990er Jahren kennen gelernt habe. Beton und Glasfassaden lassen das alte Reykjavik immer unsichtbarer werden. Dafür wird kräftig in den Tourismus investiert. Im alten Hafen haben sich Bars, Restaurants und Tourenanbieter einquartiert. Einen schönen Blick über die Anlegestellen der Segelboote bietet das im Jahr 2011 eröffnete Konzerthaus Harpa. Durch seine ausgefallene Architektur ist es neben der Hallgrimskirche zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Neben Konferenz- und Konzertsälen befindet sich auch der für die Expo 2010 in Shanghai konzipierte Pavillon Islands in dem Gebäude. Gezeigt wird ein 15-minütiger, 360°-Film über die isländische Natur. Zu sehen gibt es allerdings nur die überlaufenen Touristen-Hotspots; ich bin enttäuscht von dem Film.

Die meiste Zeit verbummle ich auf den Straßen Reykjaviks, gehe zum historisch bedeutenden Höfdi-Haus – u.a. fand dort 1986 ein Treffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow statt, das einen Beitrag zum Ende des Kalten Krieges leistete – und gehe in das gut besuchte Penismuseum, eine Ausstellung von Phalli der meisten Säugetiere, die es auf der Insel und um sie herum im Meer gibt. 

Von unserem ursprünglichen Reiseplan müssen wir die bereits organisierten zwei Wochen Grönland stornieren. Die nach Grönland geplante viertägige Island-Tour an den Myvatn können wir jedoch dank Marcs schnellen Genesungsfortschritten realisieren. Wir reduzieren das Gepäck auf einen Rucksack, senden die aussortierten Sachen zurück nach Deutschland, fliegen nach Akureyri, mieten ein Auto und fahren nach Reykjahlid.

Bevor wir unser Ziel erreichen, halten wir noch am Godafoss. Schon von weitem sind die feinen, durch die Luft wirbelnden Wassertropfen des „Wasserfalls der Götter“ zu sehen. Da er zu den touristischen Höhepunkten an der Ringstraße gehört, ist er sehr gut besucht. Uns zieht es jedoch ohnehin auf dem schnellsten Weg in das Dorf Reykjahlid am Ufer des Myvatn.

Myvatn bedeutet übersetzt Mückensee. Da es bei unserer Ankunft jedoch sehr windig ist, hat es die Plagegeister weggeblasen. Zwei Tage lang erkunden wir die Umgebung des Sees. Marc läuft auf ausgebauten Wegen so manchen Kilometer, seine Ruhepausen nutze ich zum Erwandern des unwegsameren Geländes.

Sehr verschieden präsentiert sich die Landschaft am See. Ein herrlicher Panoramablick eröffnet sich bei der Wanderung auf einer felsigen Halbinsel. Auf einem privaten, für Besucher frei zugänglichen Gelände führt ein Pfad durch eines der wenigen bewaldeten Gebiete Islands: Der Höfdi-Pfad schlängelt sich durch den Wald mit Birken- und Akazienbäumen, Blumen blühen entlang des Weges. Am Ufer gibt er den Blick frei auf bizarre Felsformationen im Wasser, Geschwader von Namensgebern des Sees umschwärmen uns. Dunkel zeigt sich dagegen Dimmuborgir, der schwarze Wald, Heimat von Elfen und Trollen: Ungewöhnliche Lavaformationen ragen als gezackte Felsen und Säulen in den Himmel, bilden Bögen und Höhlen. Stürmisch ist es auf dem Weg hinauf zum Vindbelgjarfjall: Steil windet sich der Pfad den Berg hinauf. Je höher ich komme, desto windiger wird es. Kurz überlege ich umzukehren. Andererseits ist der Gipfel das Ziel und ich laufe weiter. Der Wind schiebt; ich hoffe, dass er sich beim Abstieg nicht dreht. Das wäre fatal bei dem Gefälle. Von dem eigentlich fantastischen Blick über die Pseudokrater vom Gipfel aus habe ich allerdings kaum etwas. Der Wind ist so stark, dass ich mich an den Felsbrocken, die in der Mitte des kleinen Plateaus aufgeschichtet sind, festhalten muss. Aber die imposanteren Pseudokrater gibt es ohnehin in Skútusstaðir: Pseudokrater haben keine Verbindung zu einer Magmakammer, sondern entstehen, wenn heiße Lava über feuchtes Gebiet strömt.

Spalten in Lavafeldern, aus denen es dampft, und Schwefelgeruch für die Nase gibt es auf den Geothermalfeldern inmitten des Krafla-Vulkansystems, ebenso den Stora Viti, einen graubraunen Krater, gefüllt mit türkisfarbenem Wasser. Wir erwandern uns das Gebiet und testen auf dem Rückweg eine Dusche to go: Aus einer Freiluftdusche am Wegesrand fließt permanent ein ordentlicher Wasserstrahl, daneben steht ein Waschbecken für die Katzenwäsche.

Die letzte Nacht auf Island verbringen wir noch einmal in Reykjavik und starten am nächsten Tag zur Weiterreise nach Alaska.

Print Friendly, PDF & Email