Kanada

Unter Pflicht verstehen wir meistens das, was andere tun sollen.
(Aus Kanada)

Pakistan China Kasachstan Russland (Sibirien und Ferner OstenIsland Alaska und Kanadas Yukon

September/ Oktober 2019

Vancouver Island – Vancouver – Jasper – Banff – Toronto – Huntsville – Ottawa – Mont-Tremblant – Trois-Rivières– Québec – Montréal – Churchill – Winnipeg – Toronto

Fünf Segel spannen sich wie zum Trocknen aufgespannte Bettlaken über das Kreuzschifffahrtsterminal mit der Aufschrift „Canada Place“. 1986 war „Canada Place“ der kanadische Pavillon auf der Expo in Vancouver, heute sind die Segel das Wahrzeichen der Stadt. Obwohl Tausende Reisende von zwei Kreuzfahrtschiffen durch den kanadischen Zoll strömen, stockt der Lauffluss erst an den Taxiständen. Dank Marc, der noch an einer Krücke läuft, werden wir nach vorn gewunken und sitzen zehn Minuten später im Taxi zum Flughafen, mieten ein Auto und fahren zum Fähranleger für die Überfahrt nach Vancouver Island.

Die Insel ist die größte Pazifikinsel Nordamerikas, der strenge kanadische Winter ist hier unbekannt, dafür regnet es oft und ausgiebig, auch bei unserer Ankunft in Nanaimo.

Der Regen lässt auch am nächsten Tag nicht nach, sodass wir an allen Wanderwegen vorbei direkt nach Tofino fahren. Tofino, an der Westküste gelegen, ist ein touristisch geprägtes Fischerdorf mit Cafés, Fischrestaurants, Kunstgalerien und Outdoor-Ausstattern.

Am nächsten Tag kämpft sich die Sonne durch die Wolken; wir gehen im Küstengebiet von Tofino und dem Nachbarort Ucluelet wandern. Auf verschiedenen Wegen streifen wir durch unterschiedliche Landschaften: Magischer Regenwald mit jahrhundertealten in den Himmel gewachsenen Bäumen, von der Natur blank polierte Wurzeln und Moose, die wie Hängematten an den Ästen baumeln, nehmen uns in ihren Bann. Küstenwald mit uralten Zedern gibt den Blick frei auf Klippen, an denen sich die Brandung des Pazifiks tosend bricht, von Salzwasser und Sonne ausgeblichenes Treibholz liegt zwischen den Felsen am Ufer. Auf Holzplanken durchqueren wir ein mit Küstenkiefern und sternenförmigem Sphagnum-Moos bewachsenes Hochmoor. Wir sind versöhnt mit Kanada, nachdem uns die Ankunft aus den weiten, mit buntem Herbstlaub geschmückten Landschaften Alaskas und des Yukon und der Einsamkeit der Ferne in den eng beieinander liegenden Orten mit dem regen Verkehr irritiert hat.

Das Wetter hält auch am nächsten Tag und so können wir auf dem Weg nach Victoria im Cathedral Gove wandern: Der Urwald mit 800 Jahre alten, bis zu 96 Meter hohen und mit dickem Moos bewachsenen Bäumen ist beeindruckend schön. Die wuchtigen Stämme der alten Zedern sind begehbar, zierliche Bäumchen wachsen auf den Stumpen uralter Bäume, Farne haben sich auf den Wurzelballen umgestürzter Waldriesen angesiedelt.

In Nanaimo machen wir einen Abstecher zur German Bakery. Dort gibt es nach viermonatiger Entbehrung anstelle der zeitweilig an Schaumgummi erinnernden Backwaren endlich richtiges Brot und Kuchen nach heimatlichen Rezepten gebacken; wir schlagen uns den Bauch voll.

Fast-Food-Buden, Billigläden und stockender Verkehr sind das untrügliche Zeichen dafür, dass Victoria erreicht ist. Im Hotel erhalten wir den Hinweis, nichts im Auto liegen zu lassen. „Auf dem Hotelparkplatz werden öfter Autos aufgebrochen“, erklärt uns die Rezeptionistin mit einem strahlenden Lächeln.

Victoria ist die Hauptstadt der Provinz British Columbia. Einige Häuser aus der Kolonialzeit sind noch erhalten, am Innenhafen befindet sich das Parlamentsgebäude. Die altehrwürdigen Räume des Parlaments können ohne Voranmeldung besichtigt werden; wir nutzen die Gelegenheit. Zum Abschluss reservieren wir einen Tisch im Dining-Room der Parlamentarier. An einem vornehm gedeckten Tisch speisen wir sehr gut zu subventionierten Preisen.

Von Victoria geht es mit der Fähre zurück nach Vancouver. Die folgenden zwei Tage verbringen wir im Stanley Park, gehen ins Aquarium, durchstreifen China Town und den historischen Stadtkern Gastown.

Zweimal wöchentlich gibt es eine Zugverbindung mit dem Canadian von Vancouver nach Toronto. Wir haben Tickets für die viertägige Fahrt, werden sie jedoch in Jasper für einen Besuch der Rocky Mountains unterbrechen. Mit Schrecken stellen wir am Abend vor der Abfahrt beim Blick auf die Seiten der Eisenbahngesellschaft VIA Rail fest, dass unsere Reservierung der oberen Liegen in einem Liegeabteil nicht den in Deutschland üblichen abgetrennten Abteilen entspricht, sondern dass es sich um gegenüberliegende Schlafplätze im Gang handelt. Am Morgen gehen wir als Erstes zum Bahnhof und versuchen die Buchung zu ändern. „Der Zug ist komplett belegt“, meint der Ticketverkäufer. „Die unteren Liegen sind aber für das Personal reserviert. Wenn es junges Personal ist, schickt es einfach nach oben.“

500 Meter Zug stehen im Bahnhof von Vancouver bereit. Das Gepäck wird vor der Abfahrt aufgegeben und darf nicht mehr als 23 Kilogramm wiegen; im Ticketpreis ist Vollpension enthalten; für den Besuch des Speisewagens werden die Zeiten für Lunch und Dinner beim Einchecken festgelegt. Zwei Musiker klampfen auf ihren Instrumenten; sie fahren im Zug als Teil des Bordprogramms mit.

Widerstrebend blicken wir auf unsere Gangplätze. Das Restaurant befindet sich im nächsten Wagen, reger Durchgangsverkehr ist garantiert. Danach folgt der Skyline mit Tischen und Stühlen; Kaffee, Tee, Obst und Gebäck stehen dort den ganzen Tag über zur Verfügung. Eine Treppe führt in die oberhalb des Bistros liegenden Sitzreihen mit dem Panoramablick; wir beeilen uns, um dort einen Platz zu bekommen.

Der Zug rollt aus dem Bahnhof, das Personal serviert Sekt und Häppchen zum Empfang. Eine junge Frau stellt das Animationsprogramm vor – Yoga, Filme, Weinverkostung – und beantwortet Fragen. Schon die erste Frage amüsiert uns: „Ist im Zug schon einmal jemand gestorben und was passiert dann?“, fragt ein älterer Herr. Eine durchaus berechtigte Frage, wenn man den Altersdurchschnitt an Bord betrachtet. Die Antwort, dass der Zug an der nächsten Gelegenheit hält, die von einem Auto angefahren werden kann, beruhigt den Frager

Essenszeit. Im Restaurantwagen sind die Tische vornehm eingedeckt. Aus vier Hauptgerichten kann gewählt werden, als Vorspeise gibt es Suppe oder Salat, zum Dessert eine Kuchenauswahl. Gespräche mit Mitreisenden, ob gewollt oder nicht, sind garantiert und oft authentische Berichte aus einer 70 Jahre zurückliegenden Zeit.

Die Sonne verglüht hinter den Bergen; wir warten darauf, dass die Schlafmöglichkeiten heruntergeklappt werden. Um 20 Uhr ist es endlich soweit. Die Liegen sind zwar nur 1,78 Meter lang, für Zugliegen jedoch komfortabel breit und mit flauschiger Bettwäsche bezogen. Auf dem Kopfkissen liegen ein Betthupferl, Ohrstöpsel und ein Handtuchpaket für die Dusche.

Am nächsten Morgen erreichen wir Jasper. Unausgeschlafen taumeln wir auf den Bahnsteig. In fünf Tagen werden wir die Fahrt mit dem nächsten Zug fortsetzen – im bequemeren Schlafwagen. Die merklich kühleren Temperaturen lassen uns munter werden. Den Mietwagen für die Tour durch die Rocky Mountains gibt es praktischerweise im Bahnhof. Bei der Fahrzeugübergabe erhalten wir von einer mit kurzen Hosen und Sandalen bekleideten Angestellten den Rat, wegen der Kälte warme Sachen zu tragen – vor ein paar Tagen hätten schon zehn Zentimeter Schnee gelegen. Wir fragen nach Schwarzbären. „Ja, sie sind verstärkt im Ort und ernten die Apfelbäume ab“, ist die Antwort.

Zwei Nächte bleiben wir in der Nähe von Jasper und erkunden den Jasper Nationalpark. Der Indian Summer ist bereits vorbei, frisch gefallener Schnee liegt auf den Berggipfeln und lässt die Konturen der Felsen deutlich hervortreten, Seen schimmern in verschiedenen Grüntönen und erinnern an Nordlichter. Auf dem Weg zum Edith-Cavell-Gletscher scheinen die rauen, sich hoch auftürmenden, verschneiten Berge die von Wald gesäumte Straße zu versperren. Zu Eis gefrorene Wasserfälle hängen an den Felswänden, weiße Schneereste liegen auf grünen Tannenzweigen. Einige Wanderwege sind bereits geschlossen, in zwei Wochen wird die Saison vollständig beendet sein. Trotzdem sind noch etliche Wohnmobile und Mietwagen unterwegs. Die erhoffte Nebensaison, um dem Massenandrang in den Rockies zu umgehen, gibt es nicht.

Der Weg zum Moose Lake ist noch nicht gesperrt, allerdings vom getauten Schnee tief zerfurcht und schlammig. Der See liegt idyllisch im Wald. Ein Elch, immerhin Namensgeber des Sees, steigt jedoch nicht aus dem Wasser. Dafür steht ein Elchbulle ein paar Kilometer weiter direkt an der Straße.

Hinter uns hat sich eine lange Autoschlange gebildet. Bewaffnet mit Kamera und Stativ gehen viele auf Elchjagd. Ein Chinese – sie machen zu dieser Jahreszeit 90 Prozent der Touristen aus – hupt. Was für ein Idiot. Elche reagieren sehr schnell aggressiv und greifen an. Dieser hier hat jedoch einen Wapiti entdeckt und jagt ihn in den Wald. Nur sein Jungtier grast seelenruhig weiter, ehe es langsam in den Wald verschwindet.

Den letzten Stopp legen wir am Maligne Canyon ein. Brücken überqueren die Schlucht, in die sich der Fluss 50 Meter tief geschnitten hat. Sie vibrieren unter der Wucht des Wassers, das tosend über Felskanten stürzt.

Auf dem Icefields Parkway fahren wir weiter nach Banff. In unserem Reiseführer steht geschrieben: „Wer hier kein Tier sieht, muss schon sehr viel Pech haben.“ Das lässt auf den Anblick von ein paar Schwarzbären hoffen. Letztendlich werden wir jedoch weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg, abgesehen von ein paar Raben und Streifenhörnchen, kein einziges Wildtier sehen.

Bekannt ist der Parkway für seine vielen Wanderwege zu herrlichen Naturschauspielen wie den Athabasca und Sunwapta Falls: Mit unbändiger Kraft stürzt das Wasser weiß schäumend über Felsklippen in einen schmalen, gewundenen Canyon, beruhigt sich türkis schimmernd auf ebenen Felsen, ehe es erneut dröhnend über das nächste Kliff stürzt.

Von Jasper kommend endet der Icefield Parkway am Lake Louise, dem romantisierten Höhepunkt in den Rockies. Je mehr wir uns dem See nähern, desto dichter wird der Verkehr. Auf dem Parkplatz in Ufernähe ist kein Platz mehr frei; wir weichen zum benachbarten Lake Moraine aus. Noch bevor wir dorthin abbiegen können, blinkt auf einer Anzeigetafel die Mitteilung, dass auch der dortige Parkplatz voll belegt ist, aber vom acht Kilometer entfernten Überlaufparkplatz ein Shuttle-Bus fährt.

Zähneknirschend fahren wir zum Ausweichparkplatz, auf dem vereinzelt ein paar Autos stehen. Am Ticketstand – die Shuttle-Tickets müssen gekauft werden, die Parkplätze an den Seen sind kostenlos – wird uns erklärt, dass kein Shuttle fährt. „Es ist schon Nachmittag, da lohnt es sich nicht, einen Bus fahren zu lassen“, meint die Verkäuferin.

Uns platzt der Kragen. Mit Tempo fahren wir zurück und haben Glück. Ein Auto verlässt gerade seinen Stellplatz; wir parken ein. Idyllisch liegt der türkisfarbene Lake Moraine inmitten der schneebedeckten Bergwelt. Von einer felsigen Erhebung aus ist er wunderbar zu überblicken. Gerne hätten wir den Anblick intensiver genossen, jedoch spucken ankommende Reisebusse immer mehr Chinesen aus. Auf der Suche nach dem perfekten Selfie stürmen sie alles niedertrampelnd die Idylle.  

Wohl oder übel ist der Wecker für den nächsten Morgen auf 7 Uhr gestellt. Müde quälen wir uns aus den Federn. Wer einen Parkplatz am Lake Louise haben möchte, muss auch kurz vor Saisonende früh aufstehen. Tatsächlich bekommen wir noch einen der letzten Stellplätze

Türkis schimmert der See zwischen den verschneiten Bergen, ein 3,2 Kilometer langer Wanderweg führt zum Teehaus Lake Agnes. So früh am Morgen sind wenige Teehaus-Gäste unterwegs. Stetig geht es bergauf, der Lake Louise taucht hier und da zwischen den Tannen auf, der Boden ist gefroren, aber nicht glatt. 500 Meter vor dem Ziel ist der Weg plötzlich mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Auf dem Hintern rutschend kommt uns ein junger Mann entgegen. „Bis zum Teehaus ist der Weg komplett vereist“, erklärt er. Wir müssen umkehren.

Am nächsten Morgen setzen wir die Fahrt mit dem Canadian von Jasper aus fort. Mit einer Stunde Verspätung erreicht der Zug Jasper, mit vier Stunden Verzögerung fährt er ab. Nichts Ungewöhnliches, da in Kanada der Güterverkehr Vorrang vor dem Personenverkehr hat, und ein Güterzug durchaus 150 Waggons haben kann.

Diesmal haben wir für die mehrere Tage dauernde Fahrt nach Toronto eine Zwei-Bett-Kabine gebucht. Jedoch ist der Wagen mit unseren reservierten Plätzen wegen defekter Toiletten nicht benutzbar. Wir bekommen eine gleichwertige Kabine im Personalwagen angeboten. Als wir den kleinen Raum mit den zwei fleckigen Polsterstühlen betreten, macht sich Beklemmung breit. Wir flüchten in den Barwagen.

Langsam rollt der Zug durch die Landschaft; wir nehmen Abschied von den Rockies, von senkrecht aufragenden Felswänden, wuchtigen Bergen und Gletschern.

Hinter unserem Waggon befinden sich nur noch die zwei Premium Class-Wagen mit Hotelzimmerausstattung und der dazugehörige Barwagen mit Panoramasitzen im Oberdeck und bequemen Ledersofas. Abends erfahren wir, dass wir als Kompensation für den Abteiltausch dort kostenlos Getränke bekommen. Unsere Neugier haben die kanadischen Weine geweckt und wir probieren den erstaunlich mundenden Rebensaft.

Sind die Betten heruntergeklappt, ist es gemütlich in der Kabine. Vor dem Fenster ziehen die Prärie und die abgeernteten Felder der Provinz Saskatchewan vorbei, in Manitoba weiden Bisonherden auf weitläufigen Flächen, in Ontario wechselt die Landschaft aus Birkenwäldchen und Wasserflächen in herbstlich gefärbte, tiefe Wälder und große Seen, manche vom knapp über der Wasseroberfläche liegenden Schienenstrang in zwei Hälften geteilt.

In Winnipeg wird die Mannschaft ausgetauscht. Wir spüren es sofort. Während das Kabinenpersonal sehr aufmerksam und zuvorkommend ist, wird der Ton im Restaurantwagen rauer, das Personal wirkt unbeholfen, das Mittagsmahl ist ein kulinarischer Einbruch. Ab dem Abendessen läuft der Koch jedoch zur gewohnten Höchstform auf. Das Kabinenpersonal kompensiert derweil den Abteilwechsel mit dem Service aus der 1. Klasse und serviert Häppchenplatten am Nachmittag und eine Flasche Sekt.

Der letzte Morgen im Zug bricht an. Nebel steigen über den Seen auf, das blutrot gefärbte Laub der Ahornbäume und der silbern glänzende Zug leuchten in der Morgensonne. Obwohl die Bahn mit vierstündiger Verspätung in Jasper abgefahren ist, erreicht sie Toronto anderthalb Stunden vor der offiziellen Ankunftszeit. Schade, wir hätten es noch länger ausgehalten.

4466 Zugkilometer liegen hinter uns, 3000 Autokilometer an der Ostküste vor uns. Mit einem Nissan Micra starten wir nach Huntsville, halten unterwegs an der Georgian Bay und schippern mit einem Ausflugsboot an einigen der 30.000 Felseninseln vorbei, die der Legende nach ein wütender, von seiner Liebe verschmähter Riese in die Bucht warf.

Die Kleinstadt Huntsville ist Ausgangspunkt für Wanderungen im Algonquin Provincial Park. Die Wanderwege im Park sind viel frequentiert; nur weil der Nissan Micra so klein ist, passt er auf den Parkplätzen noch in die letzte unscheinbare Lücke. Auf dem mit seiner unberührten Natur beworbenen Lookout Trail sind wir die einzigen Nicht-Chinesen, erst auf den längeren Wegen entlang der Centennial Ridges – herrliche Panoramablicke, Seen umgeben von bunten Bäumen – und zum Booth‘s Rock – aufgegebene Bahnstrecke, Seen und Wälder – ist es ruhiger.

In den kommenden Tagen tauschen wir die Wanderwege in den Nationalparks gegen Pflastertreten in den Städten Ottawa, Québec und Montréal ein.

In der Nähe von Ottawa besichtigen wir noch den im Kalten Krieg zum Schutz der kanadischen Regierung erbauten Diefenbunker, in der Stadt den Parlamentshügel. Eine Führung durch das House of Commons und den Senat, der sich wegen voraussichtlich zehnjähriger Restaurierungszeit im alten Bahnhof befindet, konnten wir kurzfristig buchen.

Durch Ottawa verläuft die Grenze zwischen den Provinzen Ontario und dem unübersehbar frankophonen Québec. Jegliche Zweisprachigkeit verschwindet aus dem öffentlichen Raum, selbst auf Stoppschildern steht nun Arrêt.

Je weiter wir in die Provinz Québec vordringen, desto intensiver werden wieder die Farben der Laubbäume. Wir bleiben für ein paar Erholungstage in Mont Tremblant, übersehen jedoch, dass übermorgen der Feiertag Thanksgiving ist. Entsprechend wuselig geht es in dem im Playmobil-Stil erbauten Ort zu. Wir weichen aus nach Trois-Rivières und gehen im La Mauricie Nationalpark ein letztes Mal auf Wanderschaft. Der Weg Mecinak ist noch nicht gesperrt und eine erholsame Herausforderung zwischen den Stadtaufenthalten. Auf schmalen Pfaden und über leiterartige Treppen geht es steil aufwärts, schwankenden Schrittes überqueren wir auf Pontons liegende Holzplanken, die die Ufer eines Sees verbinden.

Stürmisch empfängt uns Québec City. Schaumkronen tanzen auf den Wellen im Sankt-Lorenz-Strom. Sturmflutwarnung.

Am nächsten Tag hat sich das Wetter beruhigt. Auf der Stadtmauer laufend, umrunden wir soweit es geht die Altstadt. Der Hunger treibt uns in einen Schawarma-Imbiss mit angeschlossener Konditorei. An der Kasse klebt ein Zettel „Trinkgeld ist eine Frage des Respekts“. Für einen Schawarma to go sind wir jedoch nicht bereit, ein Trinkgeld, das gerne in der Höhe von 20-25 Prozent des Kaufpreises sein darf, zu geben. Daraufhin plärrt die Dame an der Kasse durch den Laden: „Sie haben kein Trinkgeld gegeben.“

Die Straßen an der Ostküste sind in einem schlechten Zustand. In Montréal erreichen die miserablen Fahrbahnverhältnisse einen Höhepunkt. Mitten auf den Hauptstraßen gibt es metertiefe Schlaglöcher, scharfkantige Risse durchziehen den Belag.

Wolkenkratzer ragen im Zentrum der Stadt in den Himmel, englisch geprägte Viertel mit kleinen Reihenhäusern und irischen Pubs sowie verwinkelte Kopfsteinpflastergassen in den französischen Vierteln umgeben den Namensgeber der Stadt, den Mont Royal. Vom Hausberg schweift der Blick über die Skyline im Zentrum und den Sankt-Lorenz-Strom.

Wir starten in das letzte Abenteuer unserer Reise und fliegen nach Churchill, die „Eisbären-Hauptstadt der Welt“ an der Hudson Bay. Zu erreichen ist der Ort lediglich per Flugzeug oder seit Kurzem auch wieder mit der Bahn. 60 Kilogramm Gepäck dürfen pro Person in der Kombination aus Fracht- und Passagiermaschine mitgenommen werden.

Churchill liegt mitten in einer von Wasserflächen durchzogenen Tundra. Eisiger Wind weht durch die Siedlung mit den ein- bis zweigeschossigen Holzhäusern. Der Supermarkt beherbergt neben einem überschaubaren Sortiment an Lebensmitteln und Haushaltswaren eine sehr gut sortierte Spirituosenabteilung. Drei Kirchen gibt es; die katholische Kirche, die an eine umgebaute Lagerhalle erinnert, ist Bischofssitz. In Flughafennähe steht der Eisbären-Knast für Bären, die aufdringlich werden und sich in den Straßen Churchills umsehen. Für diese Tat erhalten sie 30 Tage Haft bei täglich Wasser, jedoch ohne Futter. Bären, die daraus nichts lernen und wieder im Ort auftauchen, werden als Wiederholungstäter nach dem Gefängnisaufenthalt ausgeflogen. Von Ende Oktober bis Ende November zieht es das größte an Land lebende Raubtier vom Landesinneren an die Hudson Bay, sehnsüchtig auf die ersten Eisschollen wartend, um endlich zu ihrer Lieblingsspeise, den Robben, zu gelangen.

Beim Bummel durch das Dorf blicken wir uns immer wieder um und behalten die geparkten Fahrzeuge der Einwohner im Blick. Sie werden unverschlossen abgestellt, sodass sie schnellen Schutz vor einem plötzlich nahenden Eisbären geben können.

Für einen Kontakt mit den Eisbären gewappnet, brechen wir mit Truck und einem mit Schrotflinte bewaffneten Bewohner Churchills zu einer Tour auf.

Das berstende Eis der überfrorenen Tümpel knirscht unter den Autoreifen. Eisbären laufen lautlos über die Tundra und stehen plötzlich neben dem Auto, schauen kurz und laufen weiter, eine Bärenmutter mit Jungtier wandert Richtung Ufer, ein sehr entspanntes Exemplar rekelt sich ab und zu im Schlick, setzt sich auf die Hinterpfoten, um sofort in die andere Richtung zu fallen und weiter zu entspannen, zwei Bären knurren und ziehen an einem Stück Futter. Wir vermuten einen beginnenden Kampf, aber sie teilen nur die Beute.

Langsam heißt es zurückkehren nach Deutschland. In Winnipeg besuchen wir ein letztes Mal ein Regionalparlament und gewöhnen uns in Toronto wieder an das Leben in der Großstadt. Für eine gelingende Stadteingewöhnung mieten wir ein Appartement in einem 47-geschossigen Wohnhaus, das zu einem Ensemble an Wolkenkratzern gehört, die den Blick auf den Ontariosee versperren. Bevor wir die Wohnung betreten können, erhalten wir eine Lehrstunde zum Thema vernetzte Welt. Das Haus ist nur über einen Zahlencode zu betreten – den haben wir vom Gastgeber erhalten –, damit gekoppelt ist die Erlaubnis im Fahrstuhl die Etage 22 zu wählen – dort liegt das Appartement –, um dann mit einer App – auch die hat der Gastgeber geschickt – die Tür via W-LAN und Bluetooth zu öffnen. Nur, ich habe kein W-LAN. Wir fahren wieder in die Lobby hinab. Der Concierge telefoniert mit dem Wohnungsbesitzer, der schaltet die Tür von irgendwoher frei und tatsächlich lässt sie sich bei unserer erneuten Ankunft in der 22. Etage öffnen. Bevor wir das Appartement verlassen, testen wir das Öffnen der Tür mit dem nun vorhandenen W-LAN. Es funktioniert und ich erhalte eine Nachricht vom Gastgeber, in der er mich zu dem Erfolg beglückwünscht. Er sieht es am Bewegungsprofil der Türöffner-App. Mich gruselt es. Davon abgesehen heißt es ab jetzt auch, immer ein aufgeladenes Handy dabei zu haben.

Den unverbauten Blick über den See gibt es in 342 Meter Höhe vom CN Tower. Unterirdisch dagegen ist das Fußgängersystem PATH. In 30 Kilometern Tunnel kann man unabhängig vom Wetter shoppen, essen, zwischen U-Bahn-Stationen wandeln und an Sehenswürdigkeiten aus dem Untergrund auftauchen.  

Zu einem Besuch in Toronto gehört ein Ausflug zu den Niagarafällen wie Poutine (Pommes frites, die in einer nach Soßenbinder schmeckenden Bratensoße ertränkt und mit Käsewürfeln überdeckt sind) zur Provinz Québec. Nebel legt sich auf die Brillengläser, tosend stürzt das Wasser den hufeisenförmigen Abgrund 57 Meter in die Tiefe. Das Ufer präsentiert sich als Disneyland mit Hochhäusern, Casinos, Wachsfigurenkabinett und vielen Fahrgeschäften. Einige Kilometer entfernt führt die Straße durch grüne Landschaft mit Weinreben und Apfelbaumplantagen. Auf einem Weingut testen wir Eiswein (entsetzlich süß), Weißwein (fruchtig) und Rotwein (undefinierbar).

Fünf Monate weltenbummeln sind vergangen. Obwohl die Tage erfüllt waren mit viel Spannung und Abenteuer, freuen wir uns auf die Rückkehr nach Hause und auf die kommenden Reisen in touristisch eher unerschlossene Länder wie die DR Kongo und die Zentralafrikanische Republik.

Print Friendly, PDF & Email