Indien

Der Wissende weiß und erkundigt sich, aber der Unwissende weiß nicht einmal, wonach er sich erkundigen soll.
(Aus Indien)

 Dezember 2018 / Januar 2019

Mumbai – Aurangabad – Alleppey – Mysore – Bangalore – Madurai – Coimbatore – Ooty – Malediven

IndienDie Einreise nach Indien erfolgt, zumindest am Flughafen in Mumbai, mit einem E-Visum zügig und unkompliziert.

Marc ist bereits da und hat die Frage nach der Heiratsurkunde – damit wir im Hotel zusammen ein Zimmer bewohnen dürfen – glaubwürdig in unserem Sinn geklärt.

Um den Moloch Mumbai konstruktiv zu erkunden, haben wir einen professionellen Guide arrangiert. Start ist am Gateway of India. Gegenüber steht das Hotel Taj Mahal Palace. Dass dieses Hotel am 26. November 2008 zu den Angriffszielen eines Terroranschlags gehörte, der am 29. November 2008 mit 174 Toten beendet wurde, erzählt der Guide erst auf Nachfrage. Als er unser Interesse bemerkt, bringt er uns zu der Stelle, an der die Attentäter mit einem indischen Fischerboot, dessen Besatzung sie getötet hatten, anlandeten.

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Aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft gibt es einige interessante Gebäude: den Hauptbahnhof Victoria Terminus, den täglich 9 Millionen Reisende nutzen, das burgähnliche Gebäude des High Court, den Big Ben nachempfundenen Uhrenturm.

An einem jainistischen Tempel stoppt der Fahrer. Der bunt bemalte Tempel steht unter einem riesigen Dach. Den Gebetsraum dürfen wir nicht betreten, aber zumindest einen Blick hinein werfen.

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Über den Marine Drive, der die Insel Mumbai mit dem Festland verbindet und wegen seiner nächtlichen Beleuchtung auch „Halskette der Königin“ genannt wird, geht es weiter zum Mani Bhavan Haus. Zeitgleich mit uns kommen Gäste eines Kreuzfahrtschiffes an. Entsprechend voll ist es in dem winzigen Museum, in dem Mahatma Gandhi seine Philosophie des gewaltlosen Widerstandes formulierte.   

Im Gegensatz dazu geht es im Crawford Markt, einem sehr beliebten Ziel bei Touristen, ruhig zu. Dort schnuppern wir mit Erfolg – die Nase ist mal richtig frei – an diversen Currymischungen und schlendern wenig später durch den seit 140 Jahren bestehenden Mahalaxmi Dhobi Ghat, einen Waschplatz. In der aus vielen Becken bestehenden „Waschmaschine“ waschen Männer täglich Tausende Kilogramm an Kleidung und Bettwäsche von Hand.

Laken klatschen mit Wucht auf Steine, Wasser stiebt in feinen Tropfen durch die Luft. Überall hängt klammerlos – Klammern sind zu teuer – Wäsche in den Lücken der dicken, geflochtenen Leinen. Die Häuser der Arbeiter, die den Waschplatz einrahmen, sind vor trocknenden Textilien kaum zu sehen.

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An den Hauptverkehrsstraßen stehen Gruppen von Männern mit Fahrrädern, die behängt sind mit Behältern in verschiedenen Größen und Farben, beieinander. In den Behältern befinden sich warme Mahlzeiten, die Frauen und Mütter für ihre Männer und Söhne gekocht haben und die zur Mittagszeit in die Büros geliefert werden. Auf sechs Millionen Lieferungen kommt eine Fehllieferung.  

Gekonnt lenkt der Fahrer das Auto kreuz und quer durch den dicken Verkehr in das teuerste Viertel Mumbais Malabar Hill, in dem der Quadratfuß Wohnfläche (entspricht 0,09 Quadratmeter) 2000 USD kostet. Für den schönen Blick über die Stadt hat sich eine sechsköpfige Familie ein 27-Etagen-Haus gebaut. Bewohnt werden die obersten fünf Etagen, die ungenutzten 22 Etagen vermitteln den Eindruck eines halb fertigen Hauses.

Einen schönen Blick auf die Häuser der Reichen gibt es von den hängenden Gärten. Unter dem kunstvoll angelegten Park befindet sich das Trinkwasserreservoir der Stadt. Gärtner geben Büschen und Sträuchern tierische Formen, dazwischen spielen Jugendliche Blinde Kuh.

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Zum Abschluss geht es in den größten Slum Südasiens, den Dharavi Slum, der Schauplatz für den mit acht Oscars gekrönten Film „Slumdog Millionär“ war.

Bis zu einer Million Menschen leben dort auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Stinkende Flüsse, die als Abwasserkanäle dienen, ziehen sich am Viertel entlang. Mitten in der Stadt gelegen hat der Slum eine eigene Infrastruktur und eine florierende Wirtschaft. Jeder fünfte Jugendliche erreicht einen Highschool Abschluss und findet später einen Job.

Dicht gedrängt umrahmen rußgeschwärzte Wohnhäuser quadratische, schwarz qualmende Brennöfen, in denen Lehmtöpfer ihre Produkte brennen. Die Wohnungen bestehen meist aus einem 15 Quadratmeter kleinen Raum, in die darüber liegende Wohnung kommt man nur über eine Anlegeleiter. Eine Katze hat es sich auf einem nicht benutzten Ofen und einigen Tonkrügen gemütlich gemacht, blinzelt in die Sonne.

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Die Viertel im Slum sind nach Wirtschaftseinheiten aufgeteilt. In den beiden erfolgreichsten Wirtschaftszweigen – Ledergerbereien und Müllrecycling – blicken wir uns um.

In den schlichten dunklen Hallen im „Müllviertel“ wird Plastikmüll nach Farben sortiert, geschreddert und zu Granulat verarbeitet. In manchen Hallen gibt es ein kleines Stück Zwischendecke für die Arbeiter, zum Wohnen, Schlafen, Essen.

An der Straße stapeln sich alte Haushaltsgeräte. Junge Männer waschen die Geräte, dann wird repariert, eingeschweißt und wieder verkauft. Vor allem junge Paare machen von dem Angebot Gebrauch.  

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Am nächsten Morgen wache ich mit einem völlig verspannten Rücken auf. Da hilft nur eine Massage. Auf Nachfrage wird an der Rezeption sofort herumtelefoniert, und bevor ich Geld aus dem Zimmer holen kann, finde ich mich bei einem Frauenfriseur wieder.

Der Salon ist geräumig und glänzt in Gold und Marmor. Massiert wird auf der zweiten Ebene in einem winzigen, leicht nach Urin riechenden Verschlag. Eine Klimaanlage nimmt fast den ganzen Raum ein und läuft auf Hochtouren. Mein Wunsch, sie zu drosseln, wird mit einem ungläubigen Blick quittiert, nach einigem Zögern wird sie kurz ausgeschaltet.

Die Massage tut gut, hinterlässt jedoch einen ordentlichen nach-der-Massage Muskelkater. Gut, dass wir die Stadt bereits besichtigt haben. So bummeln wir nur kurz durch das Gassengewirr des Crawford Marktes und packen für den Nachmittag-Flug nach Aurangabad.

Der Flug hat einige Stunden Verspätung. Um die wichtigste Sehenswürdigkeit von Aurangabad, einen Nachbau des Taj Mahal, noch bei Tageslicht besuchen zu können, fahren wir direkt vom Flughafen zum Grabmal. Der Zeitpunkt ist perfekt. Das Innere besichtigen wir bei Tageslicht, dann taucht die untergehende Sonne das weiße Gebäude auch schon in gelbes Licht.

Aurangabad ist der Ausgangspunkt für eine Tagestour zu den Höhlentempeln von Ajanta und Ellora. Unser Fahrer findet es sehr sportlich, beide Anlagen an einem Tag besichtigen zu wollen. Wir haben jedoch noch einiges vor in Indien und ein Tag Tempelanlagen muss reichen.

Zwei Stunden dauert die Fahrt durch Ödnis nach Ajanta. Von einem Aussichtspunkt oberhalb eines Talkessels schweift der Blick über die in einem Halbrund liegenden 30 Höhlentempeleingänge. Wir steigen hinab, besichtigen die sechs am besten erhaltenen Höhlen mit teilweise wirklich schönen Steinarbeiten und kunstvollen Malereien.  

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Ellora ist drei Stunden von Ajanta entfernt. Während die Tempel in Ajanta buddhistischen Ursprungs sind, sind die Höhlentempel in Ellora buddhistischer, jainistischer und hinduistischer Herkunft. Höhepunkt ist der aus einem Felsen gehauene Kailasa Tempel.

Über 150 Jahre wurden mit Hammer und Meißel 200.000 Tonnen Gestein von der Felswand entfernt. Beeindruckt von den kunstvollen Wandreliefs, gewaltigen Säulen und filigranen Mustern brauchen wir für seine Besichtigung zwei Stunden.

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Am Ende des Tages müssen wir zugeben, dass die Besichtigung beider Tempelanlagen an einem Tag recht ambitioniert war.

Erholen werden wir uns in den kommenden zwei Tagen auf einem Hausboot in den Backwaters – einem verzweigten Netz von Wasserwegen – im Bundesstaat Kerala.

Am Nachmittag erreichen wir Alleppey und das Hausboot. Sofort lichtet die zwei Mann – John und Balu – starke Crew den Anker.

Vor einigen Jahren waren ein Teil der Hausboote noch 20 Meter lange Lastkähne, mit denen die Bewohner der Backwaters Lebensmittel heranschafften. Umgestaltet, mit hölzernen Aufbauten, teilweise mit Sonnenoberdeck und Palmblattdächern sind sie ein erfolgreicher Touristenmagnet.  

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Fernab vom Chaos und Lärm der indischen Städte, gleitet das Boot über einen breiten Wasserarm. Bei einem kühlen Glas Saft lümmeln wir gemütlich in bequemen Sesseln auf dem überdachten Vorschiff.

Dämmerung zieht herauf. Die Boote steuern ihre Liegeplätze für die Nacht an. Bevor wir an einem schmalen Streifen Land zwischen zwei breiten Kanälen anlegen, kaufen wir bei einem Fischhändler zwei rote Schnapper, die zum Abendessen zusätzlich zu Reis und Huhn serviert werden.

Am gegenüberliegenden Ufer ist eine Party im Gange. Entschuldigend meint John, dass die Jugend den heutigen Silvesterabend feiern würde und dass es sonst ganz sicher immer ruhig sei. Dabei sind wir ganz froh über die laute Musik. Ohne sie würden wir vor Mitternacht einschlafen.

Schon um 8:30 Uhr klopft es an die Tür. Balu hat in der Küche im hinteren Teil des Bootes das Frühstück zubereitet. Nun stehen warme Fladen, Brot, Butter und Marmelade auf dem Tisch.

Gemächlich ziehen Dörfer und einzeln stehende Häuser vorbei. Eine Brücke über einen schmaleren Kanal scheint im Nichts zu beginnen und im Nichts aufzuhören. Frauen und Männer stehen im Wasser, waschen Geschirr ab oder schlagen Wäsche auf die Steine am Ufer.

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Rote Fahnen mit Hammer und Sichel wehen im Wind: In Kerala gewann 1957 erstmals die Kommunistische Partei die Regionalwahlen. Seitdem gibt es einen steten Regierungswechsel zwischen der Partei „Indischer Nationalkongress“ und dem Bündnis „Demokratische Linksfront“ unter Führung der Kommunistischen Partei. 

Auf der Stelle haben wir uns an das entspannte Nichtstun gewöhnt. Unser Tag besteht im Wesentlichen aus dem Gang zwischen den Sesseln auf dem Vorschiff und dem Esstisch in der Mitte des Bootes. Als wir in der Nähe einer Baptistenkirche anlegen, um sie besichtigen zu können, mühen wir uns unlustig aus den Sesseln hoch. Die Bewohner ganzer Dörfer pendeln am heutigen Neujahrsmorgen mit den Fähren in die Kirchen. Wir schauen dem Trubel kurz zu, dann zieht es uns zurück aufs Boot.   

Auch die Crew ist entspannt. John, der Steuermann, beachtet das Geschehen auf dem Wasser nur nebenher. Aufmerksamkeit zeigt er für die Filme, die er auf seinem Handy schaut. Für einen besseren Handyempfang geht er öfter in den hinteren Teil des Bootes, schafft es aber jedes Mal rechtzeitig vor einer Kollision wieder aufzutauchen.

Am Abend legt John an der Stelle von gestern an. „Wir dürfen nur diesen einen Ankerplatz nutzen.“ Er versichert uns jedoch, dass wir am nächsten Tag auf jeden Fall eine andere Route fahren werden.

Als Ergänzung zum Abendessen kaufen wir Thunfisch. Balu bitten wir, ihn nur mit Salz und Pfeffer zuzubereiten. Uns hängt der tägliche Zimt-Curry langsam zum Hals heraus. Zu unserer Überraschung gibt es Rindfleisch zum Thunfisch.

Bevor am nächsten Morgen die Tour über die Kanäle beginnt, fahren wir nach Alleppey, damit Balu auf dem Markt frisches Gemüse kaufen kann. Eine Armada von Hausbooten, die gerade den Hafen verlässt, kommt uns entgegen. Erst auf dem größten See Südindiens geraten sie außer Sichtweite.

Nach dem abendlichen Anlegen zeigen John und Balu Handyfotos mit Aufnahmen aus den schmalen Kanälen, durch die das Hausboot nicht fahren kann. Zufällig liegt ein kleiner Kahn direkt vor uns am Ufer, der Bootsbesitzer steht im frisch gebügelten rosa Hemd daneben. Wir sind jedoch von einer Kanalfahrt nicht zu überzeugen und warten lieber auf das Abendessen.

Das letzte Frühstück an Bord. Beim Essen erfahren wir, dass in ganz Kerala gestreikt wird. Nichts fährt, die Straßen sind blockiert. Ab 18 Uhr soll die Blockade aufgehoben werden.

Da wir nur bis in das 50 Kilometer entfernte Cochin wollen, sehen wir die Lage entspannt. John und Balu versuchen ein Taxi mit Aufkleber „Airport“ zu finden, das nach Cochin fahren darf. Wir beobachten so lange kämpfende Tauben und Weißkopfseeadler beim Fischen. 

Vom Boot müssen wir trotzdem herunter und werden beim Hausbootbesitzer einquartiert. Dort erfahren wir den Grund für den Streik: Zwei Frauen im menstruationsfähigen Alter hatten in der Nacht – trotz des jahrhundertealten Verbots, das Frauen zwischen 10 und 50 Jahren den Zutritt verbietet – unter Polizeischutz den Sabarimala-Tempel, einen der heiligsten Hindutempel, betreten. Das Verbot war vom obersten Gericht Ende vergangenen Jahres aufgehoben worden, konservative Hindugruppierungen laufen dagegen Sturm. Am Ende des Protests gibt es einen Toten und über 100 Verletzte.

Am frühen Nachmittag ist endlich ein Taxi aufgetrieben. Eine aus einem Schulheft gerissene Seite mit der Aufschrift Airport klebt schief an der Heckscheibe. Außer einigen wenigen Taxis mit Airportaufkleber ist niemand unterwegs. Schulen und Läden sind geschlossen. Straßenblockaden oder Personen, die die Einhaltung des Streiks überwachen, sehen wir auf der gesamten Fahrt nach Cochin nicht.  

Cochin ist nur ein Übernachtungsstopp auf dem Weg nach Mysore. Da Mysore keinen Flughafen hat, fliegen wir nach Bangalore und reisen von dort sofort weiter.

Der Flug nach Bangalore hat Verspätung. Auch wenn der Flughafen Cochin ein schöner, sauberer Flughafen ist – im Wartebereich wird noch auf richtigen Sesseln geruht – können wir das Ambiente nicht genießen.

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