Ukraine/ Rumänien

Für einen Job brauchen wir Zeit.
Für Spaß brauchen wir eine Stunde.
(Aus der Ukraine)

Unterschriften sind Handschellen aus Tinte.
(Aus Rumänien)

Ukraine – Rumänien

Mai 2016

Kiew – Lemberg – Czernowitz – Radauti – Sighetu Marmației – Vișeu de Sus – Cluj

DSC06129Eine Zusammenfassung:

Zu nachtschlafender Zeit landete ich in Kiew. Das aus Kostengründen, vorab im Internet bestellte, Taxi wartete bereits und so ging es auf dem schnellsten Weg in das, ganz in der Nähe des Maidan, gelegene Hostel. Als wir, an der angegeben Adresse ankamen, begann das Suchen. Es war mittlerweile 3 Uhr, dunkel und verlassen der Hof, in dem wir standen. Der Taxifahrer meinte, ich solle lieber im Auto bleiben, er würde sich umsehen. Im dritten Hinterhof fand er den gesuchten Eingang. Die Tür war mit einem Zahlencode gesichert, eine Klingel gab es nicht, dafür eine Telefonnummer. Der Fahrer telefonierte, erhielt den Zahlencode und kam sicherheitshalber noch mit bis zur Wohnungstür und klingelte. Es dauerte, bis eine ältere Frau verschlafen und im Morgenmantel, öffnete: „Das Zimmer ist vergeben, hier ist kein Platz mehr.“ Rums war die Tür wieder zu. Aha, meine Ankunftszeit außerhalb der Geschäftszeiten hatte ich angekündigt und keine abschlägige Antwort erhalten. Der Fahrer wählte wieder die Nummer. Die Dame am anderen Ende der Leitung telefonierte noch mal mit der Dame vom Hostel. Die Tür öffnete sich. Gekämmt und im Kleid, aber immer noch verärgert, stand die Dame von der Rezeption da und ließ mich ein. „Für den Rest der Nacht musst du auf der Couch im 10-Bett-Schlafsaal übernachten, morgen bekommst du dein Zimmer.“  Glücklich war ich nicht darüber, aber besser als nichts. Sie bezog das Bettzeug und wurde fürsorglich. „Du musst schnell schlafen, du willst doch in wenigen Stunden aufstehen.“: Ich hatte ihr gesagt, dass ich früh zu einer Tour nach Tschernobyl aufbrechen werde.

In dem Raum war es stickig und miefig, an Schlafen war nicht zu denken. Ich schlich mich zeitig raus und ging Kaffee trinken. Fast wäre ich zu spät zum Treffpunkt für die Tschernobyl-Tour gekommen. Die Gruppe – 7 Leute (Kanadier, Österreicher, Holländer) – wartete bereits.

Elf Stunden später waren wir zurück in Kiew. Im Hostel erwartete mich ein frisch bezogenes Bett im eigenen Zimmer.

Highlight des nächsten Tages sollte der Besuch der ehemaligen Residenz von Victor Janukowitsch in Meschigorje in der Nähe von Kiew sein. Aus Reiseberichten wusste ich, dass eine ukrainisch sprechende Begleitung von Vorteil ist, um in das Haus zu gelangen, da man vor Ort einen Anruf tätigen muss, bei dem einem die Uhrzeit, zu der das Haus besichtigt werden kann, mitgeteilt wird.

Ich hatte mich übers Internet mit Olga verabredet. Sie schlug vor, zuerst in das Höhlenkloster Heilige Mariä-Himmelfahrt zu fahren.

Das in die obere und die untere Lawra – ein Ehrentitel wichtiger Klöster der russisch-orthodoxen Kirche – eingeteilte Höhlenkloster liegt am hügeligen Westufer des Dnepr. Hinter dem Klostergelände streckt die 102 Meter hohe Mutter-Heimat-Statue ihr Schwert in die Höhe: Das Schwert der Statue musste auf Wunsch der Mönche des Klosters auf 16 Meter gekürzt werden, da es in seiner ursprünglichen Länge die Spitze des Glockenturms des Klosters überragt hätte.

Filmstreifen 1

Wir besichtigten einige der sehr schön gestalteten Gebäude auf dem Gelände, ehe wir in das Höhlensystem der fernen Höhlen eintauchten. Ich entschied mich für die fernen Höhlen, da sie sich, im Gegensatz zu den nahen Höhlen, mehr durch die Hügel winden. Am Eingang band ich mir Kopftuch und Schürze um – Röcke bis zum Knie sind erlaubt, jedoch keine langen Hosen – kaufte eine Kerze und betrat das Höhlensystem.

Filmstreifen 2

Rechts und links der Höhlengänge standen in Nischen die Särge vieler Mönche. An den Wänden hingen Bilder der Verstorbenen, Pilger gingen jedes Bild küssend die Gänge entlang und beteten in kleinen Kirchen, die sich in den größeren Nischen befanden. In Abständen gab es kleinste Mönchszellen, in denen sich die Mönche in früherer Zeit, wenn sie sich als geeignet erwiesen hatten, ohne Feuer und gekochte Nahrung in völliger Stille dem Gebet widmeten.

Mit einem Auto fuhren wir zur ehemaligen Residenz von Victor Janukowitsch in Meschigorje. Das Haus des Ex-Präsidenten der Ukraine steht in einem über 138 Hektar großen Areal mit Zoo, Hubschrauberlande- und Golfplatz, Schwimmbad, Jachthafen.

Als Erstes gingen wir zu jenem Haus, an dessen Tür die Telefonnummer klebte. Olga wählte sie wieder und wieder – nichts. „Wir sollten erstmal durch das Gelände bummeln.“ Wir nahmen den Weg Richtung Kiewer See. Ruhe umgab uns, die Luft war erfrischend klar und wir atmeten tief durch. Rechts tauchte eine Villa in einem extra umzäunten Garten auf –  die Villa für den Empfang von Staatsgästen. Auf dem 922 km² großen Kiewer See, der entstand, nachdem Nikita Chruschtschow die Flutung von 16 Dörfern angeordnet hatte, schaukelte das Piratenschiff „Galeon“ am Steg. Auch hier empfing Janukowitsch Gäste.

Filmstreifen 3

Wir bogen ab Richtung Residenz, vorbei an Garagen mit Oldtimersammlung und privater Tankstelle. Fontänen sprudelten in künstlich angelegten Seen, am Wegesrand standen grasbewachsene Keller für Wein und Lebensmittel, die an Bunker erinnerten. Idyllisch an einem See lag Putin‘s Haus – ein Herrenhaus in dem Putin eine Woche lang wohnte.

Die Türen der Residenz standen offen, rein kamen wir nicht. Eine Gruppe Ultraorthodoxer, die natürlich niemanden in ihrer Nähe duldeten, hatte das Haus für ein paar Stunden gebucht. Wir waren nicht die Einzigen, die mit langen Gesichtern vor der Tür standen.

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Den Tag beendete ich mit Sightseeing in Kiew: Goldenes Tor – befestigtes Stadttor aus dem 11. Jahrhundert, das in den 1970er Jahren rekonstruiert wurde, Bummel über den Maidan und Besichtigung des UNESCO-Weltkulturerbes Sophienkathedrale.

Filmstreifen 5

Der letzte Prachtbau, den ich mir ansah, war der Kiewer Hauptbahnhof. Ich hatte ein Ticket für den Nachtzug nach Lemberg.

In Lemberg kam ich pünktlich um 6 Uhr an. Das Zimmer im Hostel konnte ich schon beziehen, hielt mich jedoch nicht weiter auf. Munter geworden durch die kühle Morgenluft, zog ich sofort wieder los.

Die Straßenbahnlinie 1, die durch das alte Lemberg fährt, hielt nur 5 Minuten Fußweg entfernt. Nur, wo gab es Fahrkarten? Die Straßenbahn einer anderen Linie hielt. Einsteigende warfen Geld in eine Klappe an der Fahrertür und entnahmen dieser dann einen Fahrschein.

Nach der bequemen Besichtigungstour erlief ich mir die Stadt: Rynok-Platz, Dominikanerkloster, Peter und Paul Kathedrale, die Wand der zerstörten Goldene-Rosen-Synagoge, die gerade eine Baustelle war, den Lytschakiwski-Friedhof – ein sehr sehenswertes Architekturdenkmal, Sankt Georg Kirche, wanderte hinauf zum Hohen Schlossberg mit herrlichem Blick über die Stadt, hinunter zum Pulverturm, zur Sankt-Georg-Kathedrale, die mit ihrer Schlichtheit im Gegensatz zu den anderen Kirchen bestach und ins Opernhaus mit seinem beeindruckenden Foyer.

Filmstreifen 6

Wieder einmal klingelte der Wecker um 4 Uhr. Ich wollte von Lemberg über Czernovitz nach Radauti in Rumänien reisen – 350 km und eine Grenze.

So früh am Morgen fuhr nur ein Nachtzug nach Czernovitz. Da Nachtzüge keine Wagons mit Sitzplätzen führen, hatte ich einen Platz im Liegewagen gebucht. Das Abteil war voll belegt und ich nicht in der Stimmung mir den Redefluss der Mitreisenden anzuhören. Im Gang war es ruhiger. Der Schaffner kam auf mich zu und fragte, ob ich umziehen wolle. Im Nachbarabteil sei nur eine Liege belegt. Ich nickte und schon waren meine Sachen im Abteil nebenan und ich genoss fünf Stunden Ruhe.

Um in Czernovitz vom Hauptbahnhof zum Busbahnhof zu gelangen, muss man mit dem Trolleybus quer durch die Innenstadt fahren. Ich beschloss, da ich nun schon mal vor Ort war, mir das Stadtzentrum anzusehen.

Czernovitz war von 1775 bis 1918 Hauptstadt des ehemaligen österreichischen Herzogtums Bukowina, des kleinsten Kronlandes der k. k. Monarchie. Ich schlenderte die einstige Flaniermeile „Herrengasse“, die heute Olga-Kobyljanska-Straße heißt und wieder eine Flaniermeile ist, hinunter. Eine kleine Zeitreise – bis heute blieb das geschlossene Straßenbild der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewahrt.

Filmstreifen 7

Am Busbahnhof suchte ich den Bus Richtung Porubne. Um nach Rumänien zu gelangen, sollte ich mit diesem Bus bis zu einer Kreuzung fahren und von dort zwei Kilometer bis zur Grenze laufen. Eine Snackverkäuferin brachte mich zum Bus. Polizisten, die davor warteten, wiesen mich ebenfalls darauf hin, dass ich zur Grenze laufen müsse. Ich nickte. In der Zwischenzeit war die Snackverkäuferin durch den Bus gelaufen, und als ich einstieg, kannten alle um mich herum mein Vorhaben. Ungläubig schüttelten sie ihre Köpfe.

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