Spanien

Bücher und Freunde, soll man wenige und gute haben.
Aus Spanien

Jakobsweg 2009

Spanien (Sevilla – Cordoba – Tarifa) – Marokko
Jahreswechsel 2012 / 2013

 

DSCF4319Eine Zusammenfassung:

Im weihnachtlichen Schmuck zeigt sich das Gassenlabyrinth der Altstadt von Sevilla. Pyramiden aus Weihnachtssternen stehen vor den hohen Mauern der drittgrößten Kirche der Welt, der Kathedrale Maria de la Sede. In der Kathedrale halten vier Träger das Grabmal für Christoph Kolumbus auf ihren Schultern, 37 Rampen führen hoch zur Turmplattform mit einem wunderschönen Blick über die Stadt und hinüber zum Alcázar (Königspalast).

Der Alcázar dient bis heute der spanischen Königsfamilie, während eines Aufenthalts in Sevilla, als offizielle Residenz. Die Warteschlange vor dem Palasteingang ist kurz, der Bummel durch die prächtigen Hallen und arabischen Gärten lohnt das Anstehen.  

Wohin wir blicken, Paläste mit ausladenden Fassaden, romantische Innenhöfe, kunstvoll geschmiedete schwarze Fenster- und Balkongitter. Die Plaza Mayor wird überragt vom 26 Meter hohen Metropol Parasol, eine Holzkonstruktion mit pilzähnlichen Strukturen, die im Sommer bestimmt einen guten Sonnenschutz ergeben.

Seville

Zahlreiche architektonische Meisterwerke hat auch Cordoba zu bieten. Am beeindruckendsten ist die über 20.000 m² große Kathedralmoschee mit einer riesigen Gebetshalle, in die eine Basilika hineingebaut wurde. Mit Vergnügen durchwandern wir den Säulenwald voller orientalischer Bögen und den Orangengarten der Kathedrale.

Wahrscheinlich hätten wir zuerst den Königspalast Alcázar besuchen und durch seine  imposanten Gartenanlagen mit ihren Wasserspielen, Springbrunnen und Hecken bummeln sollen. Der Eindruck den die Kathedrale hinterlassen hat, wirkt so nach, dass wir die Anlage nicht gebührend betrachten können.

29.12.2012-28

Wir reisen weiter nach Tarifa, die am südlichsten gelegene Stadt des europäischen Festlands. In einer Pension mieten wir ein Zimmer mit Blick auf den Hafen und die Festung. In der Stadt ist nichts los, die meisten Bars haben geschlossen und auch um Mitternacht – es ist Silvester – sind die Straßen der Stadt leer gefegt. Nur in wenigen Restaurants wird gefeiert. Dem Brauch, um Mitternacht zwölf Weintrauben zu essen – eine zu jedem Glockenschlag – um dem Glück auf die Sprünge zu helfen, können wir in Ermangelung von Weintrauben nicht frönen. Mit einer Flasche Wasser stoßen wir auf das neue Jahr an.

Neujahr. Rechts das Mittelmeer, links der Atlantik, Kitesurfer gleiten durch das Wasser – der einzige lebendige Platz der Stadt.

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Wir besteigen die Fähre nach Marokko.

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Jakobsweg

JakobswegNach diverser Lektüre über den Jakobsweg beschließe ich, eine Probewanderung zu unternehmen, um zu testen, ob eine Investition von Urlaubstagen für die lange Wanderung lohnt. Teststrecke ist das Teilstück von León nach Santiago de Compostela.

Die am wenigsten zeitaufwendige Anreise für mich ist  ein Flug nach Madrid und von dort eine vierstündige Busfahrt nach León.  

Seine Blütezeit erlebte León im 10. – 12. Jahrhundert als Hauptstadt des Königreiches León. Historische Gebäude gibt es viele in der Stadt. Am beeindruckendsten sind die Kathedrale Santa Maria de la Regla und die Kirche San Isidoro mit dem Pantheon der Könige.

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In der Kirche San Isidoro ruhen die Gebeine des Heiligen Isidor von Sevilla, dessen Leichnam jeder Jakobspilger besucht haben muss.   

Um mir die Wanderung durch Gewerbegebiete zu ersparen, starte ich erst in La Virgin des Camino. Am Ortsende teilt sich der Jakobsweg in zwei Möglichkeiten. Für die Entscheidung, auf dem etwas längeren, dafür nicht an der Nationalstraße entlang führenden Weg zu pilgern, muss ich nicht nachdenken.  

Die Sonne scheint, der Wind weht kräftig, zusammengenommen ist das Wetter ideal zum Wandern. Auf kaum befahrenen Landstraßen und Feldwegen, von kargem Ödland umgeben, laufe ich los.

Obwohl die Saison jetzt – Ende September – vorbei ist und das schwierige Übernachtungsangebot kein Problem sein sollte, wird auf dem Weg zügig gelaufen. Oberstes Ziel bleibt, als Erstes an der nächsten Unterkunft anzukommen. Wer es wagt, Wanderer zu überholen, wird argwöhnisch angesehen.

In Villar de Mazarif beende ich die Etappe. Am Ortseingang empfängt ein großes Mosaik mit der Darstellung von Pilgern und der Kirche des Dorfes die Gäste. In einer Pilgerherberge bekomme ich noch ein Bett in einer Vier-Bett-Kammer. Am frühen Nachmittag ist die Herberge ausgebucht.

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Die Kirche ist geöffnet. Der Hüter des Gotteshauses, ein älterer Herr, herzt und drückt mich und wünscht alles Gute.  

Im Zimmer schnarchen bei meiner Rückkehr weitere Gäste, Musik läuft in Endlosschleife, die Luft ähnelt der im Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark.  

Nachts sinken die Temperaturen auf den Gefrierpunkt. Die Ersten gehen bereits vor Sonnenaufgang los, das sichert den nächsten Herbergsplatz. Ich fühle mich ein wenig genötigt. Wenn ich zu spät losgehe, muss ich dann bei der Kälte draußen übernachten? Die Armeezelte, die zur Hauptsaison vor den Pilgerorten aufgestellt werden, sind längst abgebaut. Von der Existenz der Zeltlager zeugt nur der niedergetretene Rasen.

Eine 20-Bogen-Steinbrücke aus mittelalterlicher Zeit verändert das Bild der kargen Landschaft. Am Ende der Brücke liegt Hospital de Órbigo, ein kleiner Ort, in dem ich mich in einem Flusshaus aus dem 18. Jahrhundert einmiete.  

Der Tag hat noch viele Stunden übrig. Unweit von Hospital liegt Astorga, per Bus von Hospital aus gut zu erreichen. Im Ort ist eine Haltestelle, der Bus müsste in zehn Minuten kommen. Passt. Zwei Minuten vor der geplanten Abfahrt kommt eine Frau auf mich zu: „Der Bus hält hier nicht mehr, gehe zur Umgehungsstraße.“

Tief Luft geholt und losgerannt – der Bus hat 45 Minuten Verspätung.

In Astorga fallen mir sofort zwei Gebäude ins Auge: die Kathedrale Santa María und der Bischofspalast. Umgeben sind beide Gebäude von einer, aus römischer Zeit stammenden, Stadtmauer.

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Die Kathedrale, die als Baustil ein Nebeneinander von Spätgotik, Barock und Renaissance vereint, hat geschlossen. Der an ein Märchenschloss erinnernde, von Antoni Gaudi erbaute Bischofspalast, beherbergt ein Museum der Pilgerwege und hat geöffnet.

Zum Sonnenaufgang geht es von Hospital de Órbigo weiter nach Ponferrada, die stolze Tempelritterburg besichtigen. Unterwegs, am Cruz de Ferro, suche ich im Rucksack nach dem Stein aus der Heimat, der traditionell am Kreuz abgelegt wird. Vergeblich, er ist verschwunden.

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Die Unterkunft in Ponferrada ist voll belegt, der Weg nach Villafranca del Birzo verläuft oft auf der Straße, ich fahre mit dem Bus weiter.

Villafranca del Birzo ist umgeben von Gebirgszügen, Kastanienhainen und Obstbäumen. In der Santiago-Kirche mit dem Tor der Vergebung erhielten kranke Pilger, die ihre Reise nicht mehr fortführen konnten, bereits dort den Sündenerlass, der sonst nur am Apostelgrab zugestanden wurde.

Für die Besichtigung der Stadt nehme ich mir (zu viel) Zeit, ehe ich mich auf den Weg durch das Valcarce-Tal mache. Mit wenigen Unterbrechungen auf der Nationalstraße laufend, die Autobahn im Blick erreiche ich am Abend La Portela de Valcarce. Passend zum Weg bietet ein Motel Unterkunft für die Nacht.

Ab jetzt kann das Pilgern nur noch angenehmer werden, denke ich. Schaue aber noch mal auf die Karte. Der Jakobsweg verläuft bis Trabadelo weiter entlang der Nationalstraße. Als Alternative gibt es den „Camino Duro“, den harten Weg. Hart, weil steile Passagen auf einen Höhenrücken hinauf und wieder abwärts führen.

Die ersten Kilometer ziehen sich entlang einer alten Landstraße. In einem kleinen Ort ist es Zeit für eine Einkehr in eine Bäckerei, um sich für den folgenden steilen Anstieg zu rüsten.

Zehn Kilometer bei (zu) herrlichem Sonnenschein über Stock und Stein, durch Weiler und Dörfer – es ist die bisher landschaftlich reizvollste Etappe. Die Landschaft wird grüner, der Jakobsweg verlässt Kastilien und erreicht Galicien.

In O’Cebreio, einem bewohnten Museumsdorf mit typischen Rundbauten aus der Zeit der Kelten, beende ich den Gang auf dem Jakobsweg. Ich habe die Nase voll von Kommerz, den hektisch dahin eilenden „Pilgern“ und dem Konkurrenzkampf um ein Bett.

Von Piedrafita gibt es eine Busverbindung nach Santiago de Compostela. Beim Abstieg in den Ort blicke ich in misstrauische Wanderer-Augen. Verräter scheinen die Blicke zu sagen.

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Die Kirchenglocken in Santiago de Compostela läuten mit mittelalterlichem Klang, Böllerschüsse heißen Pilger willkommen. In der Kathedrale von Santiago de Compostela findet mittags ein Pilger Gottesdienst statt.

Die Kathedrale ist restlos überfüllt. Ich erwische einen Platz auf dem letzten Meter des Innenraumes. Als Höhepunkt der Messe entzünden Priester in einem Weihrauchtopf ein Feuer. Fünf Kirchendiener ziehen an einer speziellen Seilvorrichtung, an der der Topf hängt und bringen ihn in Schwung, bis er fast die Decke berührt. Ich bin froh, keinen Platz auf einer der Kirchenbänke gefunden zu haben.  

Das Ende des Jakobsweges ist in Finisterre (Ende der Welt). Von der Bushaltestelle im Ort sind es noch drei Kilometer Fußweg bis zum Ende der Welt und westlichsten Punkt der Iberischen Halbinsel.

Je mehr ich mich dem Kap mit den schroff ins Meer abfallenden Felsen nähere, desto eisiger bläst mir der Wind entgegen. Die Erzählung früherer Pilger, dass man das unendliche Meer sehe und dann höre das Wasser plötzlich auf, und die Erde stürze ins Bodenlose, im Ohr, umrunde ich den Leuchtturm und wärme mich bei einer typischen Pilgermahlzeit – Salat, Schnitzel, Kartoffeln und ein Glas Wein – im sonnenbeschienenen Finisterre auf.

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