Schweiz

Die Schweiz hat mehr Ausland als die größeren Länder.
(Walter Ludin, Schweizer Journalist)

„Bergsteigen“

Glacier Express – steilste Zahnradbahn der WeltBernina ExpressGolden Pass

Im Panoramazug auf bequeme Art „Bergsteigen“ und dabei durch verschiedene Sprachregionen reisen – das war mein Ziel.

Am Flughafen in Zürich kaufe ich ein Halbtax-Abo der Schweizerischen Bundesbahnen. Damit habe ich die Möglichkeit ein Jahr lang in der ersten oder zweiten Klasse zu einem um 50 Prozent reduzierten Preis durchs Land zu reisen.

Es ist Februar und ich entscheide mich als Erstes für den Glacier Express, den „langsamsten Schnellzug der Welt“. Der Glacier Express fährt in rund acht Stunden von Sankt Moritz im Engadin durch die Urschweiz, in der die Quellen von Rhone und Rhein liegen, nach Zermatt im Kanton Wallis. Acht Stunden Fahrt über 291 Brücken, durch 91 Tunnel, vorbei an geschichtsträchtigen Burgen und idyllisch liegenden Dörfern.

Glacier

In der ältesten Stadt der Schweiz, Chur, dem Hauptort des Kanton Graubünden, steige ich in den mit Panoramafenstern und verglasten Dachschrägen ausgestatteten Zug.

Tief verschneite Landschaften und Alpengipfel ziehen vorbei. In Disentis wechselt der Zug von der Strecke der Rhätischen Bahn auf das Netz der Matterhorn-Gotthard-Bahn: Die Lok wird getauscht, denn ab Disentis benötigt der Zug Unterstützung durch Zahnstangen und Zahnräder beim „Bergsteigen“ hinauf zum höchsten Punkt der Bahnlinie, auf den 2.033 Meter hohen Oberalppass.

Auf dem Pass taucht der Gegenzug leuchtend rot aus der tief verschneiten Landschaft auf. Vom Pass geht es über eine faszinierende Strecke aus Kehrtunneln und Serpentinen 600 Meter hinab nach Andermatt und Realp im Kanton Uri.

In Realp befindet sich die Einfahrt in den 15,6 Kilometer langen Furka-Tunnel: Mit dem Bau des Tunnels 1982 wurde ein ganzjähriger Bahnbetrieb ermöglicht. Vor dem Tunnelbau wurden die Oberleitungen auf diesem Streckenabschnitt vor Wintereinbruch abmontiert, um sie vor Lawinen zu schützen.

Filmstreifen 1

In Oberwald verlassen wir den Tunnel und kommen in das Hochtal von Goms: tief verschneite Dörfer mit den typischen Walliser Holzhäusern, die einzeln und unregelmäßig verstreut beieinander stehen. Hier wurde 1850 der Hotelier César Ritz geboren.

Endstation Zermatt: 4000-Meter-Gipfel, darunter das Matterhorn, thronen rund um das Bergdorf. Im Ortskern stehen noch die dunklen Walliser Holzhäuser. Ich rutsche auf den schmalen Wegen durch den autofreien Ort und lasse mich von der märchenhaften Umgebung einfangen.

Abends fahre ich nach Sankt Gallen, besichtige am nächsten Tag die barocke Stiftskirche aus dem 18. Jahrhundert und die Altstadt mit ihren auffallenden Erkern. Motiviert von der Fahrt mit dem Glacier Express, beschließe ich noch auf den 30 Kilometer von Sankt Gallen entfernten Säntis zu fahren.

Zug und Postbus bringen mich auf die Schwägalp. Von dort geht es per Luftseilbahn auf den Gipfel. Trübes Wetter begrenzt die Aussicht von der Plattform. Ich fahre zurück zur Schwägalp und mache mich auf den, von unzähligen Petroleumlampen beleuchteten, Laternliweg. Das sanfte Licht der Petroleumlampen und der verschneite Wald verströmen Romantik pur.

Mittlerweile ist es Mai geworden. Diesmal soll es die steilste Zahnradbahn der Welt sein, mit der ich fahren möchte. Ich mache mich auf den Weg nach Luzern am Vierwaldstätter See. Südlich von Luzern erhebt sich der 2128 Meter hohe Pilatus, der Hausberg der Stadt.

In Alpnachstad, wo die Zahnradbahn zur Bergstation Pilatus Kulm startet, starte auch ich zur Wanderung auf den Pilatus: Die Alpenwiesen leuchten grün, der Blick auf den Vierwaldstätter See ist fantastisch, ab und an kreuzen sich die Schienen der Bahn und mein Wanderweg. Unterhalb des Gipfels sind Grün und Wegmarkierungen plötzlich verschwunden – ein Schneefeld zieht sich bis zur Bergspitze. Vorsichtig den unsichtbaren Weg erspürend, laufe ich weiter. Auf der anderen Seite des Tales verschwindet die Zahnradbahn hinter bizarren Felsenklippen.

Filmstreifen 2

Oben angekommen erkunde ich den Berg, ehe es mit der steilsten Zahnradbahn der Welt bergab geht.

Der Herbst ist gekommen und ich kaufe ein Ticket für den Bernina Express: im Panoramazug von Chur nach Tirano in vier Stunden und vier Minuten. Auf der 144 Kilometer langen Strecke, die zu den steilsten Bahnstrecken der Welt zählt, geht es durch 55 Tunnel, über 196 Brücken, Viadukte, Galerien und Kehrtunnel. Trotz sieben Prozent Steigung benötigt der Zug weder Zahnräder noch Seile.

BerninaWeiße Wolkenschleier hängen über den Bergseen, jenseits der Baumgrenze strahlen Gletscher und Gipfel in der Sonne. Der Zug durchquert das burgenreiche Domleschg, fährt kurz vor Filisur auf dem 65 Meter hohen und 136 Meter langen, weltberühmten Landwasser-Viadukt und verschwindet plötzlich in einer senkrecht abfallenden Felswand.

Die Montebellokurve bei Morteratsch mit einem grandiosen Blick auf den Morteratschgletscher und den 4.050 Meter hohen Piz Bernina, sind das nächste Highlight. Auf 2.253 Meter passiert der Zug den höchstgelegenen Durchgangsbahnhof Europas, der auch gleichzeitig Sprachgrenze zwischen italienisch und rätoromanisch beziehungsweise deutsch  ist: Ospizio Bernina. Entlang des 4 Kilometer langen Lago Bianco und einem Fotostopp an der Station Alp Grüm schlängelt sich der Bernina-Express durch 9 enge Serpentinen ins rund 1000 Meter tiefere Puschlav.

Am idyllischen Lago di Poschiavo vorbei und bei Brusio auf dem berühmten Kreisviadukt abwärts – nur so ist der große Höhenunterschied zu bewältigen – gelangt der Zug ins Tal nach Tirano im italienischen Veltlin.

An der Endstation in Tirano steht  der Bernina Express Bus ins schweizerische Lugano. Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt und ich nutze sie, um ein paar Schritte durch Tirano zu laufen.

Auf dem Weg nach Lugano geht es vorbei an den Weinbergen des Veltlins und durch verträumte Dörfer entlang des Comersees.

Östlich von Lugano liegt einer der sonnigsten Punkte der Schweiz, der Aussichtsberg Monte Brè. Der Blick vom Gipfel auf die Bucht von Lugano, die Walliser und Berner Alpen ist fantastisch.

Filmstreifen 3

An den Hang des Monte Brè ist Gandria gebaut, ein Dorf, das früher von Fischern und Grenzwächtern bewohnt wurde und sich seit über hundert Jahren kaum verändert hat. Den hohen spätmittelalterlichen Glockenturm der Kirche von Gandria im Blick steige ich hinab in das Dorf mit seinen malerischen Winkeln, schmalen Gässchen und Treppen, Ruhe und der Kirche San Viglio aus dem 16. Jahrhundert zu der der Glockenturm gehört.

Vom sonnigen Lugano reise ich, mit Zwischenhalt in Bellinzona und Besichtigung von Castelgrande und Castello di Montebello, ins Appenzell weiter.

Ich habe noch etwas Zeit bis zur Heimreise und so wandere ich auf den Hohen Kasten, der an der Grenze der Kantone Sankt Gallen und Appenzell Innerrhoden liegt. Ein Wanderweg und eine Seilbahn führen von Brülisau aus auf die Bergspitze. Nach 4 Stunden und wunderschönen Blicken auf kleine Seen und tiefe Täler komme ich auf dem Gipfel an. Zurück schwebe ich mit der Bahn.

Es ist wieder Februar, mein Halbtax-Abo noch zwei Wochen gültig und so beschließe ich, mit dem Panoramazug Golden Pass, der die Zentralschweiz mit dem Genfer See auf der Strecke Luzern – Interlaken Ost – Zweisimmen – Montreux verbindet, zu fahren.

Golden Pass

Der Golden Pass startet in Luzern. Schon der Bahnhof von Luzern ist eine Sehenswürdigkeit und um die Stadt in Ruhe zu besichtigen, beziehe ich in der Altstadt eine Zelle im ehemaligen Knast. Die nächsten zwei Tage bin ich in der sehr sehenswerten Stadt unterwegs: Altstadt, Kapellbrücke mit Wasserturm, dem Wahrzeichen Luzerns, die Nadelwehranlage aus dem 19. Jahrhundert mit der bis heute der Wasserstand des Vierwaldstättersees durch Herausnehmen oder Einsetzen der Nadeln (Holzbohlen) reguliert wird, die älteste Holzbrücke der Schweiz, die Spreuerbrücke, die ihren Namen erhalten hat, weil die von den nahen Stadtmühlen anfallende Spreu über den Brückenrand in die Reuss geschüttet wurde, „Der Löwe von Luzern“, eines der bekanntesten Denkmäler der Welt, das zum Andenken an den Heldentod der 1792 in den Tuilerien gefallenen Schweizer in den Felsen gehauen wurde.

Die erste Etappe mit dem Golden Pass führt von Luzern und dem Vierwaldstätter See, vorbei am Lungern-, Sarner- und Alpnachersee über den Brünig-Pass, nach Interlaken Ost. Eiger, Mönch und Jungfrau tauchen bei Interlaken auf. In Interlaken ist Zeit für einen kurzen Bummel zum Brienzer See. Weiter geht es entlang des Thunersees und durch das Simmental nach Zweisimmen, vorbei an reich beschnitzten und bemalten Holzhäusern in urigen Dörfern.

Filmstreifen 4

In Zweisimmen endet die normalspurige Eisenbahnlinie und die meterspurigen Bahnlinien nach Montreux an den Genfer See beginnen. Da es keine Umspuranlage gibt, heißt es wieder umsteigen. Diesmal in den GoldenPass Classic mit „Belle Epoque“-Pullman-Wagen aus dem Jahre 1915, gezogen von der Lok des Chocolate Train.

Tannen, wilde Bergbäche, malerische Dörfer ziehen am Fenster vorbei, der Zug fährt in einen Tunnel und anschließend durch Weinberge steil hinab nach Montreux.

Ich reise nach Genf weiter und in den nächsten zwei Tagen wandere ich am Genfer See entlang, in dem die Wasserfontäne Jet d‘ Eau ihren Wasserstrahl bis zu 140 Meter hoch sprüht, sehe die Skulptur Gebrochener Stuhl vor dem Gebäude der Vereinten Nationen, das Reformationsdenkmal, die Cathédrale St-Pierre sowie das älteste Haus von Genf, das Maison Tavel.

Ein Jahr Halbtax ist vorbei und so mache ich mich mit dem Flieger auf den Weg nach Hause.

 

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