Russland

Was ich will, kann ich auch.
Grigori Jefimowitsch Rasputin (russischer Wanderprediger)

12.07.2004 – 31.07.2004

Moskau – Irkutsk – Baikalsee – Irkutsk – Moskau

DSCF5475Eine Zusammenfassung:

7100 Kilometer von Berlin nach Irkutsk mit dem Zug, ein kurzer Zwischenstopp in Moskau, viel Lesestoff im Rucksack: der Urlaub wird ein ruhiger werden. Gegen 4 Uhr am Morgen erreichen wir die Grenze zwischen Polen und Weißrussland – das vorläufige Ende der Reise.

Nach der kompletten Änderung unseres Reiseweges erreichen wir das nachtdunkle Moskau. Ein Taxi soll uns zu unserem Hostel bringen. Der Chauffeur blickt grübelnd auf den Zettel mit der Adresse: „Die Adresse gibt es öfter, aber ich werde es finden.“

Nach einer Fahrt über die Autobahnen hält er in einem dunklen Hof, ein einzelnes Hochhaus steht dort. Der Fahrer gibt uns zu verstehen, dass wir im Auto bleiben und die Tür verriegeln sollen. „Die Ecke ist keine gute Gegend.“

Es ist nicht die richtige Adresse. Jedoch hat der Fahrer einen Tipp bekommen und so fahren wir weiter stadteinwärts. Der Bezirk, in den er nun abbiegt, ist nicht so düster, die Adresse die richtige.

Am nächsten Tag machen wir uns als Erstes auf den Weg zur weißrussischen Botschaft, ein Transitvisum für die Rückreise organisieren. Die Botschaft ist schnell gefunden, das Visum nur in Dollar zu bezahlen.

Wechselstuben gibt es an jeder Straßenecke. Wir gehen zur nächsten und klopften an die verschlossene Tür. Ein kleines Fenster neben der Tür öffnet sich, eine barsche Männerstimme fragt was wir wollen – Rubel in Dollar tauschen. Das Fenster geht zu, die Tür auf. Im Türrahmen steht ein gut durchtrainierter Typ. Stumm zeigt er auf eine, in einem dunklen lang gestreckten Raum stehende, zerschlissene Couch. Wir setzen uns. Im Flüsterton tauschen wir uns über die Gegebenheiten aus. Jedoch beenden wir das Gespräch schnell, zu misstrauisch ist die Beobachtung durch den Bodyguard.

Am Ende des Raumes öffnet sich eine Tür, ein Mann tritt ein. Ein kurzer fragender Blick unseres Aufpassers in das Zimmer am Ende des Ganges, dann darf der Mann gehen. Kein Wort wird gesprochen. Ein kurzes Nicken in meine Richtung. Alleine betrete ich das Zimmer.

Der Raum ist klein, überall stehen Kisten auf dem Boden. Vor mir sitzt ein Mann hinter seinem Schreibtisch. Seine Augen blicken mich lächelnd an. Er zeigt auf den Stuhl, der vor ihm steht. Hinsetzen. Wenige Worte sagend, schiebe ich Rubel über den Tisch und erhalte neue Dollarnoten.

Eine Kopfbewegung sagt mir, dass ich gehen kann. Wieder blickt der Aufpasser fragend in das Zimmer, wieder bekommt er ein Zeichen, das alles o.k. sei. Wir verlassen die Wechselstube.

In der Botschaft stehen die Menschen mittlerweile bis in das Treppenhaus. Warten. Nicht lange und ein Mitarbeiter erscheint, zeigt auf eine Frau, die vor uns in der Schlange steht und sagt, dass dort für heute Schluss sei. Der Mann neben mir erzählt, dass es jetzt schon sein dritter Versuch wäre, ein Visum zu beantragen.

Wir brauchen die Transitvisa sofort. Einem Mitarbeiter der Botschaft halte ich die Dollarscheine vor die Nase. Es hilft – wir werden zum Schalter vorgelassen und haben 15 Minuten später jeder ein Visum im Pass. Schnell laufen wir an den draußen Protestierenden vorbei.

An der nächsten Metrostation betreten wir die Metro und fahren alle sehenswerten Stationen ab, steigen am Roten Platz aus, besichtigen den Kreml und die Basiliuskathedrale, machen Pause auf dem Manegenplatz, laufen vorbei am Bolschoi Theater und zurück zum Roten Platz. An der Kremlmauer besichtigen wir das Grabmal des unbekannten Soldaten und fahren anschließend zum Arbat, der einzigen Fußgängerzone in Moskau.

filmstreifen 1

Da die Transsibirische Eisenbahn erst abends abfährt, haben wir am kommenden Tag Zeit um das Lenin-Mausoleum zu besuchen. Anschließend bummeln wir durch das Warenhaus GUM und fahren mit der Metro zur Lomonossow Universität, der größten Universität Russlands.

Jaroslavler Bahnhof – der Zug steht bereit. An jedem Waggon empfängt eine Zugbegleiterin in weiß-blauer Uniform die Gäste. Drinnen spannt sich ein roter Läufer von einem Wagenende zum anderen. Die Gardinen sind zugezogen, am Ende des Ganges blubbert leise ein Samowar.

In unserem Viererabteil liegen zur Begrüßung Instanttee und -Kaffee auf dem Tisch. Neugierig warten wir, wer das vierte Bett belegen würde. Eine junge Frau steigt ein. Sie ist auf dem Weg zu ihren Eltern und wir verbringen zwei Tage miteinander. Nach ihr, reist ein Mann für ein paar Stunden mit uns. Die noch verbleibende Zeit bis zu unserer Ankunft in Irkutsk sind wir unter uns.

Viel Zeit zum Entspannen im Rhythmus der Schienenstöße. Vor dem Zugfenster ziehen Tannen und große Flächen mit Birkenwäldern vorbei. Dazwischen sind die Plattenbauten von Nowosibirsk mit ihrem Chaos von Baukränen, Wiesen, Dörfer mit den typischen Holzhäusern, kleine Flüsse und weite Ebenen zu sehen.

Ab und an hält der Zug für 20 bis 40 Minuten an prachtvollen Bahnhöfen und kleinen Bahnstationen, die in Abständen von ein paar hundert Kilometern an der Strecke liegen. Zeit sich mit Essen zu versorgen.

Auf allen Bahnhöfen stehen meist ältere Frauen und verkaufen frisch frittierten Fisch, Piroggen mit verschiedenen Füllungen Eier, Süßes – genug um satt zu werden. Das Wasser für den Tee gibt es aus dem Samowar.

90 Stunden nach Abfahrt aus Moskau erreichen wir Irkutsk am frühen Morgen. Ein Taxi ohne Windschutzscheibe und einer Tür zum selber zuhalten, bringt uns zum Hostel, das gerade neu eröffnet worden ist.

Wir legen unser Gepäck ab und ziehen wieder los. Unser Ziel ist ein kleiner Kiosk, in dem Fahrkarten für die Schiffe, die auf dem Baikalsee verkehren, verkauft werden. Vor dem Kiosk herrscht großes Gedränge. Jede Fähre hat ihre bestimmten Verkehrstage. Wir erwischen Tickets für die Fähre nach Bolschie Koty, die am übernächsten Tag ablegen soll.

Am kommenden Tag bummeln wir durch Irkutsk: Die Hauptmagistrale, an der viele historische Gebäude stehen, entlang und biegen ab in Viertel, in denen die alten Holzhäuser dominieren. Viele der mit ausgesägten Ornamenten und geschnitzten Reliefs verzierten Häuser aus dem 19. Jahrhundert sind jedoch in einem schlechten Zustand.

Mit einem gemieteten Zelt starten wir am nächsten Tag zu unserer Baikalseetour. Die Fähre ist bis auf den letzten Platz besetzt. Wir sind die einzigen Touristen auf dem Schiff.

In der ehemaligen Goldgräbersiedlung Bolschie Koty gehen wir von Bord. Es ist bereits Nachmittag, das Dorf wirkt trostlos, die Häuser sind zum Teil verfallen, ein paar Kühe laufen durch den vom Regen aufgeweichten Boden, aus einem Haus klingt Musik des japanischen Liedermachers Gackt Camui.

Vorsichtig gehend, um nicht in Schlamm und Kuhfladen zu landen, gelangen wir zum nahen Dorfrand. Auf der Suche nach einem Platz für das Zelt durchqueren wir ein Waldstück, bis wir auf einem breiten Uferstreifen stehen.

Das Zelt ist aufgebaut. Irritiert schauen wir uns an – ein Einmannzelt für drei Personen. Das verspricht eine kuschlige Nacht zu werden.

Die Enge im Zelt ist nicht auszuhalten. Ich setze mich in das feuchte Gras und blicke über einen im Sternenlicht glänzenden Baikalsee. Unwillkürlich fasse ich nach meinen Haaren. Die Milchstraße, die wie ein breiter Streifen Zuckerwatte aussieht, scheint in meinen Haaren zu kleben. Der Himmel ist bedeckt mit Sternen, die, zum Greifen nah, taghell leuchteten. Ich nehme mein Buch und lese ein paar Seiten.

Kälte und Feuchtigkeit kriechen langsam an den Beinen hoch. Geräusche, die ich nicht einordnen kann, sind zu hören. Frierend gehe ich zurück in das Zelt. Der Mangel an Platz gibt wenigstens reichlich Wärme.

Am Morgen erkunden wir die Gegend. Langsam streifen wir durch den Wald und zurück in das Dorf zum Bootsanleger. Auch am hellen Tag wirkt das Dorf düster. Das hell leuchtende Holz der neu gebauten Häuser, die am Dorfrand stehen, lassen das Bild nicht freundlicher werden.

Zurück in Irkutsk bekommen wir einen Schreck. Wir sind bereits länger als drei Tage vor Ort und haben vergessen, uns behördlich registrieren zu lassen. Nach der Zahlung einer ordentlichen Strafgebühr sind wir legale Gäste.

filmstreifen 2

Abends studieren wir noch die Fahrpläne am Bahnhof für unseren nächsten Ausflug.

Der findet am folgenden Tag statt. Mit der Baikalbahn fahren wir durch Wald und am See entlang. Bei einem Stopp, irgendwo auf der Strecke, steigen wir aus. Zwischen Gleisen und Baikal gibt es ein Stück Strand – Gelegenheit für ein Bad im eiskalten See.

Lange bleiben wir nicht. Wir brechen auf ins nächste Dorf, in der Hoffnung dort einen Bahnhof zu finden.

Neben uns der Baikalsee, vor uns Trommelklänge, auf der Erde hockende Menschen, Schamanen in festlich blauer Tracht – auf einem der Hügel, über die unser Weg führt, findet gerade ein Schamanenritual statt.

Ein Schamane trommelt, drei Leute hocken im Kreis auf den Boden, der Schamane hält seine Trommel über ihre Köpfe, ein Vierter kommt hinzu und hockt sich ebenfalls unter die Trommel. Für eine kurze Zeit werden wir zu Zuschauern der ältesten Form menschlicher Spiritualität.

Da wir nicht wissen, ob wir einen Bahnhof finden würden, jedoch vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein wollen, verlassen wir den Platz nach kurzer Zeit wieder. Hinter den Hügeln balancieren wir auf den Schienen Richtung Irkutsk.

Die Gleise kreuzen eine Straße. Der Weg nach Irkutsk ist weit, wir versuchen zu trampen. Gleich das zweite Auto hält und wir werden bis Irkutsk mitgenommen.

Listvjanka heißt unser nächstes Tagesziel. Mit einer Marschrutka (Minibus) fahren wir in den 70 Kilometer von Irkutsk entfernten, direkt am Baikalsee liegenden Ort.

Empfangen werden wir vom Duft nach geräuchertem Fisch. Auf dem Fischmarkt verkaufen Händler Omul, ein Fettfisch, den es nur im Baikal gibt. Nach einem ausgiebigen Fischessen besichtigen wir das Dorf. Wo man hinsieht, werden gerade mehr oder weniger schöne Gebäude errichtet.

Wir verlassen Listvjanka und wandern durch Lärchenwälder am Ufer des Baikal entlang.

An unserem letzten Tag in Irkutsk bummeln wir durch die Viertel mit alten Holzhäusern, in denen wir noch nicht waren und besichtigen ein paar alte Bauwerke.

Abreise: Ein Taxi ist nicht zu bekommen. Mit den Rucksäcken quetschen wir uns in eine der vollen Marschrutkas. Obwohl jeder Fahrgast etwas von uns auf dem Schoss hat, beschwert sich niemand.

Um rechtzeitig auf dem Bahnhof zu sein, haben wir zwei Uhren dabei. Eine zeigt die Ortszeit an, die andere Moskauer Zeit. Die Uhren der Transsibirischen Eisenbahn gehen nach Moskauer Zeit und so ist auch die Zeitangabe auf den Fahrkarten, während sich die Ankunfts- und Abfahrtszeiten auf den Fahrplänen auf die Ortszeit beziehen.

In Moskau verbringen wir noch einen Tag mit Einkaufsbummel im GUM und spazieren durch die Stadt, ehe wir in den Zug nach Deutschland steigen. An der Grenze zu Weißrussland will diesmal niemand unser Visum sehen.

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